E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Commissaria Degresse
Nagele Grado im Nebel
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96041-343-1
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Adria Krimi
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Commissaria Degresse
ISBN: 978-3-96041-343-1
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Andrea Nagele, die mit Krimi-Literatur aufgewachsen ist, leitete über ein Jahrzehnt ein psychotherapeutisches Ambulatorium. Sie betreibt auch heute noch in Klagenfurt eine psychotherapeutische Praxis. Mit ihrem Mann lebt sie in Klagenfurt am Wörthersee und in Grado an der Adria. Die ersten beiden Thriller der 'Grado'-Reihe sind ins Italienische übersetzt worden. www.andreanagele.at
Autoren/Hrsg.
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Teil 1
1
Der Mann saß regungslos auf dem einzigen Stuhl und starrte ins Leere. Das wenige Licht, das durch das schmale, hoch an der Wand angebrachte vergitterte Fenster fiel, ließ seine Gesichtsfarbe unnatürlich blass wirken. Vor ihm, in der Mitte des Raumes, stand ein massiver Holztisch. Zwei schwere Rollkästen an der einen Seite der Wand und ein einfaches Waschbecken auf der anderen vervollständigten die karge Einrichtung.
Er hatte die Ellbogen auf die Tischplatte gestemmt und seinen Kopf in die Hände gestützt. Vor ihm aufgeschlagen lag eine alte Ausgabe des »Il Piccolo«. »Körperlich und geistig Beeinträchtigter gesteht Mord und Vergewaltigungen«, lautete die Schlagzeile auf der zerknitterten Seite. Darunter, auf dem grobkörnigen Foto, war der mutmaßliche Täter zu sehen. Ein schwarzer Balken über den Augen ließ sein kaum zu erkennendes Gesicht seltsam anonym erscheinen, nur die massige, unförmige Gestalt gab ihm so etwas wie eine persönliche Note.
Der Mann kannte den Artikel auswendig. Wort für Wort könnte er ihn zitieren, ohne dazu einen Blick in die Zeitung werfen zu müssen. Auch das Foto hatte er immer und immer wieder studiert, hatte mittels einer starken Lupe – halb aus Jux und halb ernsthaft – versucht, hinter die Stirn des Beschuldigten zu schauen. Dessen Gedanken zu lesen, das war ihm freilich nicht gelungen.
Unvorstellbar, dachte er, was sich dort abspielen muss.
Und wie ist es mit meinem eigenen Denken?
In letzter Zeit fiel es ihm immer schwerer, sich zur Ordnung zu rufen, sich zu beruhigen. Dabei stand er längst nicht mehr so unter Druck wie noch vor wenigen Monaten. Trotzdem hatte er auch da funktioniert, fast genauso wie früher, als er die Grenze noch nicht permanent überschritten hatte. Er war seiner Arbeit nachgegangen, hatte hin und wieder am öffentlichen Leben der Stadt teilgenommen, sich wie alle anderen verhalten – und doch die ganze Zeit gewusst, dass sie hinter ihm her waren. Es hatte ihm wenig ausgemacht, er war sicher gewesen, dass sie ihm nichts anhaben konnten.
Und jetzt? Jetzt, da sie einen Geständigen hatten? Seit jeder mögliche, selbst jeder eingebildete Verdacht von ihm genommen war, begannen seine Nerven zu reißen.
Wieder versuchte er, sich zur Ordnung zu rufen. Ihm war klar gewesen, dass mit der Verhaftung des vermeintlich Schuldigen der Zeitpunkt gekommen war, aufzuhören. Es war seine Chance, hinter die Linie zurückzukehren.
Nur, war es dafür nicht schon zu spät?
War er dazu überhaupt noch in der Lage, hatte er sich nicht schon zu weit von jenem Punkt entfernt, den eine moderne, rechtsstaatlich geprägte Gesellschaft tolerieren konnte?
Was aber scherte ihn die Gesellschaft! Auf ihn kam es an, nur auf ihn.
Immer schon hatte er sich als einen empfunden, der außerhalb stand, als einen, für den die allgemeinen Regeln und Normen nicht galten.
Zwar war ihm schon früh bewusst geworden, dass er sich zum Schein anpassen musste, um nicht als Freak zu gelten, aber damit konnte er leben. Bisher war es keinem außer ihm selbst gelungen, in seine Abgründe zu blicken.
Es hätte für Außenstehende auch lange Zeit wenig zu sehen gegeben, gestand er sich ein. Selbst wenn sie hingeschaut hätten. Selbst dann wäre er den Menschen, die ihm tagtäglich begegneten, nicht aufgefallen.
Jetzt, mit Anfang dreißig, war er in seinem Umfeld gut integriert. Er hatte Bekannte, von denen einige ihn irrtümlich als Freund bezeichneten, kam in seinem Job mit Menschen zusammen, die seine Arbeit schätzten, und könnte sein konsequentes Singledasein, sollten diesbezüglich jemals Fragen gestellt werden, leicht mit ebenjener ihn vollkommen ausfüllenden Berufstätigkeit erklären.
Tatsächlich aber war er beziehungsunfähig.
Früher hatte er diesen Fakt nicht anerkannt, war Liebschaften eingegangen, die nie lange hielten, hatte ihr Scheitern mit seinem ausgeprägten Individualismus erklärt. Erst spät war ihm aufgefallen, dass er keine Liebe, keine Zuneigung empfinden konnte. Für niemanden auf der Welt. Nicht einmal für sich selbst.
Kein Problem, er kam damit klar.
Immer weniger aber kam er in letzter Zeit mit dem klar, was er für sich als »den Drang« bezeichnete.
Das erste Mal verspürte er ihn mit siebzehn.
Ein langer Sonnentag in den Ferien war zu Ende gegangen. Andere Jugendliche seines Alters, die er aus der Schule kannte, hatten am Strand Fußball und Boccia gespielt, waren ein ums andere Mal ins Meer gesprungen und lagen nun müde im Sand. Er selbst saß wie so oft etwas abseits auf einer Matte und las.
In Italo Svevos »Senilità« hatte er sich vertieft, das wusste er noch, und auch die Seelenverwandtschaft, die er damals mit dem doppelt so alten Protagonisten des Romans zu verspüren meinte, war ihm heute noch bewusst.
Dann sah er das Mädchen.
Schwarze Haare, das Gesicht einer Fee, elfenbeinfarbene Haut, ein roter Bikini.
Er beobachtete, wie sie ging, nahm in sich auf, wie sich ihr Körper bewegte, verfolgte sie mit Blicken, bis sie nicht mehr zu sehen war. Er versuchte weiterzulesen und schaffte es nicht. Keine einzige Zeile schaffte er mehr. Er schloss die Augen, hörte sein Herz heftig gegen die Rippen schlagen und spürte, wie ihm am ganzen Körper der Schweiß ausbrach.
In seiner Phantasie vergewaltigte er das Mädchen gleich hier am Strand.
Als er in die Wirklichkeit zurückfand, merkte er entsetzt, dass er ejakuliert hatte. Erschrocken sprang er ins Wasser und hörte hinter sich das dumme Lachen der Mitschüler.
Hatten sie mitbekommen, was eben geschehen war? Nein, keiner hatte etwas bemerkt, nur der plötzliche Sprint des als Eigenbrötler bekannten Schulkameraden bot ihnen Grund zur Heiterkeit.
Ihm selbst war an jenem Tag klar geworden, dass er anders war als andere. Und dass er dieses Anderssein verbergen musste. Das lag auf der Hand.
Er begann, Kontakte zu knüpfen. Aus dem Außenseiter, der in der Klassengemeinschaft bestenfalls geduldet war, wurde bald ein beliebter Mitschüler, später, als Student, ein gern gesehener Kumpel.
Seine Gewaltphantasien lebte er nur in seiner Vorstellung aus. So hielt er seinen Drang lange Zeit unter Kontrolle.
Einige Male ging er zu Prostituierten, hatte mit ihnen aber nie Geschlechtsverkehr. Er war dazu nicht imstande. Als eine der Huren seine Bemühungen hämisch kommentierte, schlug er sie und floh aus dem schäbigen Zimmer. Die Erinnerung an den Faustschlag in ihr Gesicht verschaffte ihm später daheim die erhoffte Befriedigung.
Es war das erste Mal gewesen, dass er die Grenze überschritten, dass er Gewalt angewandt hatte. Was aber hatte ihn Jahre später endgültig die Seite jenseits der Sperrlinie betreten lassen? Er wusste es nicht. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern.
Was ihm allerdings immer wieder in den Sinn kam, waren die Bilder aus der Zeit danach.
Nicht die beiden ersten Frauen, bei denen er sich erleichtern wollte, aber gestört worden war, trieben seine Erinnerung an. Nein. In Gedanken kehrte er immer wieder zu jener schicksalsträchtigen Nacht zurück, als er auf dem Weg nach Grado gewesen war. Der Wagen rollte gleichmäßig mit ihm am Steuer dahin, und er hatte sich gut gefühlt.
Nicht besonders müde, entspannt.
Gleich nach der Tunnelausfahrt hatte er die junge Frau am Rande der Autobahn stehen gesehen. Verdammt gut hatte sie ausgesehen. Aufreizend gut. Kurz nur hatte er die Augen geschlossen – und als er sie wieder öffnete, lag sie vor ihm im Gras.
Er erinnerte sich nicht daran, angehalten, die Frau betäubt und sie bis zur einige Kilometer entfernten Raststätte gefahren zu haben. Auch nicht daran, dass er sie über die Abgrenzung und von da in die nahe Wiese geschleppt, sich ein Präservativ übergestreift und sie vergewaltigt hatte. Er hatte schwer atmend auf ihr gelegen und hinter sich das Geräusch des Motors im Leerlauf gehört. Das waren seine ersten klaren Wahrnehmungen gewesen, danach.
Wie damals ins Meer war er diesmal zu seinem Wagen geflohen und hatte Gas gegeben. Angst hatte er gehabt, panische Angst.
Er fürchtete, die Kontrolle über sich selbst zu verlieren, einen Fehler gemacht zu haben. Nicht wegen der Tat selbst, er stand ja außerhalb der Regeln und Normen, sondern während der Tat. Er versuchte, sich zu erinnern, aber es gelang ihm nur bruchstückhaft. Irgendetwas hatte minutenlang die Kontrolle in seinem Kopf übernommen.
Die Jacke musste er sich zu einem bestimmten Zeitpunkt an- und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen haben, er wusste bis heute nicht, wann. Aber er beruhigte sich damit, dass er anscheinend funktioniert hatte. Unbewusst hatte er dafür gesorgt, nicht erkannt zu werden. Und die Lust, die er empfunden hatte, als er auf diesem warmen, weichen Körper wieder zu sich fand, die wollte er wieder erleben. Er wollte in schmerz- und schockgeweitete Augen starren und aufs Neue diese Macht spüren, die mit nichts zu vergleichen war.
Die lustvolle Macht über Leben und Tod.
Also hatte er begonnen, bewusst zu planen. Und er lernte dazu, mit jedem Mal mehr. Es wurde ihm aber auch mit jeder Wiederholung klarer, in welche Gefahr er sich begab. Er war intelligent genug zu wissen, dass er irgendwann damit aufhören musste. Bald sogar, denn er entfernte sich jedes Mal weiter von sich selbst. Die Sorge, irgendwann nicht mehr zurückfinden zu können, sich endgültig in zwei eigenständige Persönlichkeiten zu spalten, beherrschte zunehmend sein Denken.
Dann war der richtige Zeitpunkt gekommen. Der Moment, Ruhe zu finden und seine Obsessionen wieder allein in seinem Kopf stattfinden zu lassen. Er hatte es sich nicht ausgesucht. Die Verhaftung dieses Narren, der alles auf sich genommen hatte, war ein Geschenk des Himmels an...




