E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Reihe: Commissaria Degresse
Nagele Grado im Mondschein
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96041-635-7
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Adria Krimi
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Reihe: Commissaria Degresse
ISBN: 978-3-96041-635-7
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Andrea Nagele, die mit Krimi-Literatur aufgewachsen ist, leitete über ein Jahrzehnt ein psychotherapeutisches Ambulatorium. Sie betreibt auch heute noch in Klagenfurt eine psychotherapeutische Praxis. Mit ihrem Mann lebt sie in Klagenfurt am Wörthersee und in Grado an der Adria. Die ersten beiden Thriller der 'Grado'-Reihe sind ins Italienische übersetzt worden.
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2
Maria hatte Angst.
Und das lag nicht an den Toten. Der, der ihr Schrecken einflößte, war durch und durch lebendig.
Trotzdem würde sie es durchziehen. Heute war der Tag, an dem sie den Schlussstrich setzen musste.
Ihr Handy schnatterte. Erleichtert nahm Maria das Gespräch entgegen.
»Hallo, dumme Gans«, begrüßte sie ihre Cousine.
»Hallo, blöde Ziege«, antwortete Floriana keineswegs beleidigt.
Seit ihrer Kindheit waren sie füreinander jene Gestalten aus dem Tierreich, die oft als Schimpfwörter herhalten mussten. Und als die Handyhersteller begannen, individuelle Klingeltöne zu entwerfen, hatten Maria und Floriana ihre Freude daran, sich einander mit Ziegenmeckern und Gänseschnattern bemerkbar zu machen.
»Hast du es endlich hinter dich gebracht? Wenn nicht und wenn du das nicht mehr willst, steh ich dir trotzdem bei.«
Floriana konnte Maria beruhigen, wie kein anderer es vermochte. Sie waren im selben Jahr geboren, und ihre Mütter waren Schwestern, die Brüder geheiratet hatten. Ihre enge Verbindung, so meinten sie, ging darauf zurück, dass sie von Rechts wegen Zwillinge hätten sein müssen. Oft standen sie zusammen vor dem Spiegel und musterten sich.
»Wie ist es möglich, so unterschiedlich auszusehen und so gleich zu ticken?«, fragte Floriana dann und zerzauste ihr kurz geschnittenes hellblondes Haar, das kreuz und quer vom Kopf abstand. Maria lachte dazu und schüttelte ihre braunen langen Locken.
»Nein, Gans, lieb von dir. Doch diesmal ziehe ich es wirklich durch. Ich bin es meinem Stolz schuldig.«
»Vielleicht aber auch deiner Verliebtheit in den Mann aus dem Norden, Ziege?«
Vor einiger Zeit hatte sie bei einem Kurzurlaub mit ihrer Cousine auf dem italienischen Festland, weit weg von Sizilien, ihre große Liebe kennengelernt. Maria war vom ersten Moment an hin und weg gewesen von ihrem sanften »Mann aus dem Norden«, wie sie ihn seither nannten. Er passte so gar nicht in ihr Beuteschema, befand Floriana. Damit meinte sie wohl, dass er ihrem Dauerfreund, mit dem sie seit Jahren zusammen war und von dem sie sich nicht lösen konnte, nicht unähnlicher sein könnte. Und es stimmte. Der Mann aus dem Norden unterschied sich in jeglicher Hinsicht von Salvatore.
Floriana hatte ihre Zuneigung zu ihm eine Weile salopp als Schwärmerei abgetan, erkannte dann aber die tiefen Gefühle, die Maria für ihn hegte. Dabei war Maria in den ersten Monaten selbst nicht ganz sicher gewesen, ob diese Liebe eine Zukunft hatte. Natürlich gab es die Befürchtung, dass es ein Fehler wäre, ihr gewohntes Leben kurzerhand nach Norden zu verlegen, um es mit einem Mann zu teilen, den sie nur wenige Tage kannte. Doch nach unzähligen Telefonaten und zwei heimlichen Wiedersehen hegte Maria keinerlei Zweifel mehr. Sie würde ihren Freund verlassen und damit wohl auch Sizilien für immer den Rücken kehren.
Selbstverständlich hatte sie Angst gehabt, denn sie wusste um den archaischen Zorn ihres Dauerfreundes, wenn er sich verraten fühlte.
Doch dann hatte das Schicksal Salvatore in die Hände gespielt. Marias Vater war schwer erkrankt. Salvatore, der sich selbst gern als Familienmenschen bezeichnete, setzte alles daran, seinem zukünftigen Schwiegervater, wie er ihn stolz nannte, die bestmögliche Pflege zukommen zu lassen. Er hatte die Mittel dazu. Maria nicht. Natürlich nahm sie sein Angebot dankbar an. Ihr Vater sollte nicht leiden müssen. Ihre Abreise verschob sie auf später. Auf ein Später, an das sie nicht denken mochte, war es doch an den Tod ihres geliebten Vaters gebunden.
Tag für Tag saß sie an seinem Krankenbett. Salvatore, von dem sie sich zu diesem Zeitpunkt wieder einmal getrennt hatte, bedrängte sie, zu ihm zurückzukommen, bezahlte das Heim, danach das Hospiz, ersparte ihrem Vater dadurch große Qualen und starke Schmerzen, weswegen sie ihn nicht abweisen konnte.
Nachdem ihr Vater im letzten August verstorben war, hatte sie unter Tränen ihre Sachen gepackt und war in den Zug nach Norden gestiegen. Doch ein schlimmer Sturm hatte schon nach wenigen hundert Kilometern die Weiterfahrt verhindert, und Salvatore bekam Wind davon. Er ließ sie von einem seiner Freunde abholen und stellte sie danach monatelang unter Beobachtung. Eine furchtbare Zeit, in der sie seine Aggressionen ungefiltert hatte ertragen müssen, um ihn nicht vollends gegen sich aufzubringen. Außerdem kannte sie die Gerüchte, wie er mit Frauen verfuhr, die ihn verlassen hatten. Doch sie würde nicht aufgeben, denn seit jenem Sommertag, an dem sie ihn getroffen hatte, war ihr klar, was sie wirklich wollte.
Nun bot Floriana ihre Unterstützung an, weil sie wusste, wie schwierig sich die Trennung von Marias langjährigem Freund gestaltete.
»Ich habe das Leben im goldenen Käfig satt, das weißt du. Ich wähle bewusst zwischen einem Luxusgefängnis und einem ruhigen Dasein an der Seite meines Seelenverwandten. Diesmal wird es klappen. Es muss. Und Papa kann ich damit auch nicht mehr schaden.«
»Beruhige dich, ich will dir nur Mut machen. Wir alle stehen hinter dir. Niemand möchte, dass du Teil seiner Familie wirst. Du wusstest von Anfang an, wie ich darüber denke.«
»Ja. Ich war blind, ich wollte das damals nicht wahrhaben.«
Salvatore arbeitete, wie er es nannte, im Export-Import-Geschäft. Über die Jahre hatte Maria sich an den damit verbundenen Reichtum gewöhnt und Stück für Stück ihr Leben für seines aufgegeben. Einzig ihre kleine Wohnung mitten in Trapanis Altstadt hatte sie sich als ihr persönliches Refugium bewahren können und die Herausgabe eines Zweitschlüssels beharrlich verweigert.
Forscher, als sie sich fühlte, verabschiedete sie sich von ihrer Cousine. »Wir sehen uns dann nach der Prozession.«
»In Ordnung. Der Karfreitag ist ein würdiger Tag für dein Vorhaben. Bis später, kleine Ziege. Kopf hoch. Du schaffst es.«
Maria atmete tief durch und ließ das Handy in die Tasche ihrer Jeans gleiten.
Als es klingelte, öffnete sie mit klopfendem Herzen.
Salvatore stand, bereits für die Prozession gekleidet, in einem schwarzen Anzug vor ihr. Er gehörte zu den »Massari«, war also einer jener zwölf Männer, welche die »Misteri« trugen. Und er führte den Umzug an.
Seine Familie gehörte zu den maßgebenden Katholiken der Stadt. Das hieß, jeweils einer von ihnen marschierte mit der ersten der etwa zwanzig Statuengruppen voran. Die Massari gaben mit ihrer »l’annaccata« genannten typischen Gangart Takt und Rhythmus der Prozession vor. Salvatore bestand hartnäckig darauf, dass seine Familie von den Borgia abstammte. Warum er darauf stolz war, entzog sich Marias Verständnis von Ethik. Aber wer war sie, über Moral zu richten? Mit zwei Männern an ihrer Seite.
»Ciao, bella mia«, begrüßte er sie salopp.
»Hallo«, antwortete sie und schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. »Setz dich bitte einen Moment zu mir in die Küche.«
»Warum so förmlich?« Salvatore schlang seinen Arm um sie, und ein Schwall »Gentleman« von Givenchy stieg in ihre Nase.
Vorsichtig machte sie sich los. »Bitte mach es mir nicht so schwer. Lass uns reden.«
Salvatore war das Abbild eines schönen, feurigen Sizilianers. Charmant mit dunkel glühenden Augen und einem durchtrainierten Körper, dem anscheinend weder die reichlich genossene Pizza noch ein stetes Übermaß an Rotwein etwas anhaben konnten. Als sie sich kennenlernten, war Maria glücklich gewesen, von all den ihn umschwärmenden Mädchen das große Los gezogen zu haben. Sie hatte sich blenden lassen und nicht einen Moment lang darüber nachgedacht, einen Blick hinter die glänzende Fassade zu werfen. Die Zärtlichkeit, die sie in seinen Augen zu sehen glaubte, war lediglich das Abbild ihrer eigenen Sehnsüchte.
»Salvatore«, sie holte Luft und räusperte sich. Wie sollte sie es ihm beibringen? »Ich… also… Unsere Beziehung ist beendet«, stieß sie schließlich hervor.
»Mein Liebling«, Salvatore wirkte verletzt, aber auch gelangweilt, »unser Leben verspricht Glück, nichts als reines Glück. Wie kannst du so leichtfertig damit umgehen? Wir wollen heiraten und eine Familie gründen, mit mindestens vier Kindern.«
Maria, die nicht einmal wusste, ob sie überhaupt für ein einziges Kind bereit war, schnappte nach Luft. »Das war dein Plan. Meiner weicht davon ab.«
»Was, Liebste, hast du gegen einen prachtvollen Sportflitzer, eine schmucke Villa am Meer mit Swimmingpool und eine Armee von Bediensteten einzuwenden? Nenne mir einen einzigen vernünftigen und stichhaltigen Grund. Und bitte keine Ausflüchte. Klartext. Mehr will ich nicht.«
Maria zögerte, denn entgegen ihrer Erwartung fiel es ihr nun doch nicht so leicht, auszusprechen, was sie bewegte. »Ich möchte nicht mehr Teil deines Lebens sein. Unsere gemeinsame Zeit sehe ich als beendet.«
»Klartext.«
»Ich liebe dich nicht.« Das hatte sie noch nie zu ihm gesagt. Innerlich duckte sie sich.
Salvatore sah sie lange an. In seinen dunklen Augen lag etwas Unergründliches. Etwas, das Maria anfangs verzaubert hatte. Jetzt verunsicherte es sie.
Dann lächelte er. Es war kein freundliches, kein gewährendes Lächeln. Es hatte etwas Böses.
»Gut. Nur dass ich dir das nicht glaube. Mach kein Drama daraus, Maria. In zwei Wochen hast du deine Meinung, so wie sonst auch, geändert. So seid ihr Frauen nun mal. Wankelmütig und unberechenbar.« Er stand auf. »Vereinbaren wir eine kurze Auszeit.«
Maria spürte, wie die Erleichterung sie schwindlig machte. Auszeit? Das hörte sich gut an. Es gab ihr den Spielraum, den sie benötigte. Sie würde ihm jetzt sicher nicht widersprechen. Da fiel ihr Blick auf den...




