Nagele | Grado im Dunkeln | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Reihe: Commissaria Degrassi

Nagele Grado im Dunkeln

Ein Adria Krimi
3. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96041-190-1
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Ein Adria Krimi

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Reihe: Commissaria Degrassi

ISBN: 978-3-96041-190-1
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Eine junge Frau wird nach einer Autopanne verschleppt und vergewaltigt. Sie ist nicht das erste Opfer. Commissaria Maddalena Degrassi steht unter Druck. Bisher wurde der Täter immer gestört, doch was, wenn ihm beim nächsten Mal mehr Zeit bleibt? Als wenig später eine Sechzehnjährige tot am Strrand von Grado gefunden wird, werden Maddalenas schlimmsten Befürchtungen war. Dabei war der Mord erst der Anfang....

Andrea Nagele, die mit Krimi-Literatur aufgewachsen ist, leitete über ein Jahrzehnt ein psychotherapeutisches Ambulatorium. Sie betreibt auch heute noch in Klagenfurt eine psychotherapeutische Praxis. Mit ihrem Mann lebt sie in Klagenfurt am Wörthersee und in Grado an der Adria. Die ersten beiden Thriller der 'Grado'-Reihe sind ins Italienische übersetzt worden. www.andreanagele.at
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1

»Ich habe kaum noch Benzin!« In Violettas Stimme schwang Sorge. »Ich fürchte, so schaffen wir es nicht mehr auf die Autobahn.«

»Dann lass uns gleich tanken. Hier ist es ohnehin günstiger.« Olivia bemühte sich, den oberlehrerhaften Ton aus ihrer Stimme zu nehmen. Leicht fiel es ihr nicht.

Was dachte diese dumme Kuh sich dabei, mit halb leerem Tank loszufahren? Immerhin wusste Violetta, dass sie nicht bloß ein paar lächerliche Kilometer in die Pineta unterwegs waren, sondern nach Tarvis und nun von da auch wieder zurück nach Grado mussten.

»Schau, da!«, rief Olivia so schrill, dass Violetta fast das Lenkrad verriss. »Eine Tankstelle. Halt an.«

Mit quietschenden Reifen schafften sie gerade noch die Einfahrt.

»Die ist ja zum Selbertanken.«

Wieder war Olivia über Violetta erstaunt. In der Nacht war das üblich. Kaum eine Tankstelle war in der Nacht besetzt, außer jenen neben den Raststätten auf der Autobahn. Sie verzog spöttisch ihren Mund. »Was hast du denn erwartet?«

Den ganzen Abend hatte sie sich über ihre Kollegin geärgert, die, kaum dass sie Grado verlassen hatten, zum durchgedrehten Teenager mutiert war. Violetta hatte kreischend ein flackerndes Feuerzeug geschwenkt, lauthals die Songs mitgegrölt und dazu Alkohol getrunken, obwohl sie beide noch einen langen Rückweg vor sich hatten. Okay. Es war ein einziges Bier gewesen. Dennoch.

»Ich kenne mich damit nicht aus. Wie funktioniert das bescheuerte Ding?« Violetta warf ihr einen hilfesuchenden Blick zu, so als wäre Olivia die Erfinderin des automatischen Tankens. Nervös blies sie ihr dunkles Haar aus der Stirn und drückte dabei hektisch auf die verschiedenen Schaltflächen. »Ich brauche Diesel. Verdammt.«

Wiederholt presste sie den Hebel des Zapfhahns. Kein Tropfen Sprit war zu sehen.

»So wird das nichts. Lass mich mal.« Olivia schob die Kollegin unsanft zur Seite. Nach einem leichten Antippen des BuchstabensD für den gewünschten Treibstoff begann der Hahn zu tropfen. »Na, siehst du.«

Ihre Stimme klang sogar in ihren eigenen Ohren selbstgefällig. »Manchmal spinnen diese Apparate. Ich hatte einfach Glück«, schwächte sie ab.

»Danke, ich dachte schon, wir müssten die Nacht im Freien verbringen. Dabei war ich felsenfest davon überzeugt, noch genug im Tank zu haben. Ich verstehe das nicht.«

Das ganze Abenteuer war Violettas Idee gewesen.

»Hey, wollen wir nicht morgen Abend zum No-Borders-Festival nach Tarvis fahren? Ist nur ein Katzensprung. Stellt euch vor, Muse, die Muse, spielen dort. Einzigartig.« Zwischen zwei Bissen der obligatorischen Jause war ihre Frage laut im Konferenzzimmer verhallt.

Verwundert hatte Olivia um sich geblickt, unsicher, an wen der Vorschlag gerichtet war. Ausgerechnet an sie, an die trockene Chemielehrerin, deren Experimente von den Schülern teilweise geliebt und vom anderen Teil gehasst wurden? Doch auch einige der anderen Lehrkräfte hatten die Köpfe gehoben.

»Tarvis ist gut hundertvierzig Kilometer von Grado entfernt. Das kann man wohl kaum einen Katzensprung nennen.«

Anders als sonst reizte der pedantische Kommentar des Geografielehrers Paolo diesmal keinen der Kollegen zum Widerspruch.

»Na, sagt schon was!«

Fabrizios Entgegnung bereitete Olivias Verwirrung ein Ende. »Ich würde gern hinfahren. Mit euch beiden. Aber es wäre unfair meiner Frau gegenüber. Unsere Kleine kräht die Nacht durch, und Bibiana findet seit Wochen keinen Schlaf. Da sollte ich sie wohl besser unterstützen, statt einen auf Berufsjugendlicher zu machen.«

Violetta kicherte in ihre Serviette.

Fabrizio war Olivias liebster Lehrerkollege, auf ihn hielt sie große Stücke. Im Unterschied zu den anderen ließ er sich gern auf ein Schwätzchen mit ihr ein, war interessiert an ihren politischen Ansichten und den fachlichen Beurteilungen derjenigen Schüler, die sie beide unterrichteten. Außerdem lud er sie und Toto, ihren Bruder, hin und wieder zum Abendessen ein und kam manchmal sonntags bei ihnen zum Kaffee vorbei. Erst vor Kurzem hatte seine Frau ein Baby bekommen; die freudige Neuigkeit hatte sich eingestellt, als sie gerade aufgehört hatten, auf Nachwuchs zu hoffen. Wochenlang war das Strahlen nicht aus seinem blassen, rundlichen Gesicht gewichen.

»Dann eben zu zweit. Abgemacht?« Violettas Gesicht war Olivia zugewandt, sie sah sie direkt an.

Da erst hatte Olivia begriffen, dass tatsächlich sie gemeint war.

Um sie ging es also, um die farblose, ziemlich langweilige Olivia. Verlegen hatte sie sich der aufsteigenden Röte ihrer Wangen geschämt und wie ferngesteuert Violettas ihr entgegengestreckte Handfläche abgeklatscht.

»Abgemacht, Violetta. Aber du fährst.«

»Das versteht sich von selbst.«

Einen Moment lang hatte Olivia sich jung gefühlt. Um einiges jünger zumindest, als sie es mit ihren achtunddreißig Jahren war.

Ein Popkonzert. Und noch dazu eines von Muse. Zu solchen Events gingen üblicherweise ihre Schüler.

Aufgeregt hatte sie einen Espresso und ein Wasser aus dem Automaten gezogen. Violetta, die neue Kollegin an der Schule, brachte eindeutig Schwung in das verstaubte Gemäuer. Sie war witzig, unbeschwert und hatte vom ersten Tag an einen guten Draht zu den Jugendlichen und den Lehrerkollegen gehabt. Ihr Kunst- und Musikunterricht galt als originell, sie konnte ihre Schüler mit Hintergrundgeschichten berühmter Maler und Komponisten in Begeisterung versetzen. Gerade mal ein halbes Jahr hier, hatte die junge Frau mit dem wachen Blick unter dem dunklen Pagenkopf, der ihr feines, beinahe porzellanartiges Gesicht mit dem hellen Teint umrahmte, hinsichtlich der Leistungen ihrer Schüler mehr Veränderung bewirkt als die meisten ihrer alteingesessenen Kollegen in all den Jahren zuvor.

Und diese quirlige Violetta hatte sich an sie gewandt.

Ausgerechnet an sie. An Olivia, die graue Maus.

Das hatte sie nun davon: einen anstrengenden Abend mit einer viel zu lauten Popgruppe, jaulenden Betrunkenen und einer überdrehten Violetta, die sich schlimmer aufführte als ihre pubertierenden Schüler. Und die zudem nicht imstande war, selbstständig zu tanken. Olivias verklärtes Bild von der jüngeren Kollegin hatte sich innerhalb weniger Stunden komplett gewandelt.

Es war kühl geworden. Wolkenfetzen jagten über einen blassen Mond hinweg. Fröstelnd zog Olivia die dünne Strickjacke enger um ihre Schultern.

»Soll ich fahren?«, bot sie halbherzig an.

»Wieso das denn? Jetzt ist doch alles wieder in Ordnung.«

Träum weiter, dachte Olivia und beschloss, ihre Kollegin von nun an mit anhaltendem Schweigen zu strafen. Eine Methode, die bei ihrem Bruder Toto gut funktionierte.

Violetta startete ihren Fiat und plapperte unbekümmert auf Olivia ein. Dass ihre Beifahrerin stumm blieb, schien sie nicht zu bemerken.

Die mühsame Fahrt durch die unendlich scheinende Tunnellandschaft auf der Autobahn begann. Eine schwarze Höhle ging fast übergangslos in die nächste über.

Olivia trat kalter Schweiß auf die Stirn. Tunnel, Aufzüge und enge Räume bereiteten ihr Unbehagen.

Wieder wurden sie von einem weit aufgerissenen Tunnelmaul verschluckt.

Und Violetta stieß neben ihr einen Schrei aus.

»Das Auto reagiert nicht mehr! Es bleibt stehen. Was soll ich tun?« Hektisch schnappte sie nach Luft. Ihre Finger krampften sich um das Lenkrad, bis die Knöchel weiß hervortraten.

»Gib doch Gas!«, herrschte Olivia sie an.

Violetta drückte das Gaspedal durch, doch der Wagen wurde langsamer.

»Starte noch mal.«

Es gab ein knirschendes Geräusch, als Violetta den Zündschlüssel drehte. Jedoch keine Reaktion. Unerbittlich rollte das Fahrzeug mitten im Tunnel aus.

Sie blieben stehen. Auf der rechten Fahrspur. Neben ihnen donnerten in unregelmäßigen Abständen blinkende und hupende Autos vorbei. Einen Pannenstreifen gab es nicht.

Olivia blies die Wangen auf und ließ zischend die Luft entweichen. Sie spürte, wie ihr Herz zu hämmern begann. Sekundenlang hielt Furcht sie umklammert, trieb alle Farbe aus ihrem Gesicht, verhinderte jeden vernünftigen Gedanken.

Neben ihr zitterte und weinte Violetta hemmungslos. »Wir werden sterben.«

Das Weinen wurde lauter, wurde erst schmerzhaft, dann unerträglich und löste Olivia aus ihrer Schockstarre.

»Notruf. Wir müssen Hilfe holen. Sofort!«, schrie sie und fingerte mit bebenden Händen nach ihrem Smartphone.

Sie wählte die Nummer.113.

»Euronotruf, wie können wir Ihnen helfen?«

»Wir stehen im Tunnel. Das Auto fährt nicht weiter.« Ihre Stimme klang rau.

»Wo? Bezeichnen Sie Ihre Position.«

Ehe Olivia antworten konnte, entriss Violetta ihr das Telefon.

»Wir werden sterben. Holen Sie uns hier raus!«, rief sie panisch. Mit schreckgeweiteten Augen fuhr sie Olivia an: »Wie heißt dieser verdammte Tunnel? Schnell, sag!«

»Ich weiß es nicht, ich habe nicht darauf geachtet«, gab Olivia ratlos zurück, und Violetta schien endgültig die Fassung zu verlieren.

»Keine Ahnung, irgendwo!«, brüllte sie in den Hörer. »Ein Tunnel ist wie der andere. Gleich kracht es, und wir sind tot!« Weinend warf sie das Smartphone nach hinten auf die Rückbank und drückte die Finger an ihre blutleeren Wangen.

Olivia war innerlich wie erstarrt. Sie nahm jede Kleinigkeit überdeutlich wahr. Ihre Tunnelphobie war allem Anschein nach berechtigt, aber sie empfand keine Genugtuung.

»Es ist sinnlos.« Violetta klammerte sich wimmernd an das Lenkrad wie an einen Rettungsring. »Die finden uns nicht rechtzeitig. Wir überleben das nicht.«

Beim nächsten dicht neben ihnen...


Andrea Nagele, die mit Krimi-Literatur aufgewachsen ist, leitete über ein Jahrzehnt ein psychotherapeutisches Ambulatorium. Sie betreibt auch heute noch in Klagenfurt eine psychotherapeutische Praxis. Mit ihrem Mann lebt sie in Klagenfurt am Wörthersee und in Grado an der Adria. Die ersten beiden Thriller der "Grado"-Reihe sind ins Italienische übersetzt worden.
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