Naber Die Namensvetterin
2014
ISBN: 978-3-7349-9228-5
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 1, 346 Seiten
Reihe: Kommissarin Maria Kouba
ISBN: 978-3-7349-9228-5
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Sabina Naber absolvierte ihr Studium in Wien und blieb seitdem der Donaumetropole treu. Nach Stationen als Regisseurin, Journalistin und Drehbuchautorin veröffentlichte sie 2002 ihren ersten Roman. Eine ihrer zahlreichen Kurzgeschichten, 'Peter in St. Paul' (Milena-Verlag), wurde 2007 mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet. Ihr Krimi 'Marathonduell' war für den nominiert für den Leo-Perutz-Preis 2013 nominiert. Sie fungiert auch als Herausgeberin von Anthologien und arbeitet seit Kurzem als Trainerin (www.giblautwerdedu.at); Details siehe www.sabinanaber.at.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Eins
Der Anblick der Leiche war eher grotesk und die Schändung des Körpers ziemlich ungewöhnlich. Kommissarin Kouba war fasziniert und abgestoßen zugleich. Nach einigen Jahren in dem Job war sie natürlich, wie auch ihre Kollegen, etwas abgebrüht. Doch Ritualmorde – und um einen solchen handelte es sich hier offensichtlich – waren nicht gerade der Alltag. Durch ein großes Kaliber zerfetzte Schädel, mit Küchenmessern massakrierte Torsi, von den Knochen geprügeltes Fleisch – ja, das alles kannte sie zur Genüge. Doch eine nackte Frau, mit den Beinen und Armen aufgespreizt ans Bett gefesselt und – Kouba tauchte aus ihren Gedanken auf. Die Kollegen machten ihrem Entsetzen durch zynische Bemerkungen Luft.
»Konnte wohl den Mund nicht voll genug bekommen.«
Gerry, der Fotograf, gerierte sich wie ein entfesselter Paparazzo. Hektisch wechselte er Einstellungsgrößen und Winkel, als müsste er die Leiche für ein Modemagazin ablichten. Dabei stand er Josef im Weg, der inzwischen eingetroffen war und die Leiche zu untersuchen beginnen wollte.
»Gerry, könntest du bitte?«
Gerry ignorierte ihn und wetzte um die Ecke des Bettes, wobei er Phillip, Maria Koubas Partner, auf die Zehen trat. Phillip schreckte hoch. Er war in seine Notizen vertieft gewesen, denn er hatte die Aussage der Nachbarin aufgenommen, die die Leiche gefunden hatte. Die sichtlich geschockte alte Dame wurde gerade ins Krankenhaus gebracht. Phillip wollte zur Leiche treten.
»He, Gerry, es reicht, hol dir woanders einen runter. Perverser SMler.«
»Ich bin kein Perversling …«
»Bist du doch!« – Phillip hielt die Hand vor Gerrys Objektiv – »Du hast gestern einen Käsetoast mit Marmelade gegessen. Das reicht als Beweis.«
»Du hast keine Ahnung. In Dänemark essen sie immer Käse mit Marmelade.«
»Hör auf, mir wird schlecht.«
»Stinkenden, fetten Käse mit picksüßer Marmelade!«
»Pervers, ich sag’s ja. Gerry, bitte, schieb dich auf die Seite und lass uns jetzt unsere Arbeit machen. Fünf Filme reichen!«
Gerry stellte sich ans Kopfende des Bettes und machte Großaufnahmen vom Gesicht der Frau. Josef konnte endlich mit der Untersuchung der Leiche beginnen. Vorsichtig löste er das schwarze Gaffa-Band, mit dem die Nase verklebt war und das den Vibrator im Mund der Frau fixiert hatte. Josef zog den Dildo heraus und zeigte ihn Maria. Es war ein Luxusexemplar, mit einem fleischfarbenen Überzug, der sich beinahe wie Haut anfühlte. Und es war nicht nur die Eichel naturgetreu nachgeformt, sondern Maria konnte am Schaft auch so etwas wie Venen erkennen. Phillip nahm das Ding mit einem Tuch in die Hand.
»Fast wie echt.«
Er streckte es Maria grinsend vor die Nase.
»Vielleicht sollte ich Ihnen einmal so etwas schenken, damit Sie wissen, wie ein richtiger Mann gebaut ist?«
Phillip war erst seit Montag, also seit drei Tagen, Marias Assistent und hatte offensichtlich damit ein Problem, dass sein Chef eine Frau war. Wo es nur ging, versuchte er, sie zu blamieren oder zumindest auf den Arm zu nehmen. Maria bedachte ihn mit einem entwaffnend offensiven Blick. Dann ein Lächeln.
»Perfekt geformt. Wie gemeißelt. Aber mir sind die Naturausführungen lieber. Sie brauchen Ihrer Freundin das Spielzeug nicht wegnehmen, nur um mir eine Freude zu machen.«
Die anderen Kollegen glucksten. 1:0 für sie. Phillip presste die Lippen aufeinander und reichte den Dildo an die Spurensicherung weiter. Ein Streifenbeamter kämpfte sich zu Maria durch.
»Der Hund ist jetzt im Tierheim. Wir sollen zu Mittag oder so anrufen, was mit ihm passiert.«
Maria verzog den Mund. Sie hasste zwar Hunde, für eine Polizistin beinahe berufsschädigend, aber sie hasste es auch, Tiere in ein Heim geben zu müssen. Phillip wandte sich den beiden zu.
»He, musste das sein? Warum habt ihr nichts gesagt? Ich hätte ihn doch genommen.«
»Vorschrift. Es muss erst von offizieller Stelle geklärt werden, wem der Hund zugesprochen wird.«
Phillip funkelte Maria böse an.
»Und bis dahin hat er die Krätze und ist gestört bis an sein Lebensende. Sie mit Ihren Vorschriften.«
Der Streifenbeamte zog sich mit kaum verhohlenem Lächeln zurück. Manchmal hasste Maria ihren Job, diesen – wie würde ihre Freundin sagen? – abgewichsten Männerverein.
»Nein. Wahrscheinlich wird man ihn der Nachbarin geben, wenn sie es will. Sie kennt ihn ja.«
»Das ist ein Windhund!«
»Und?«
»Sie ist viel zu alt!«
»Aber agil. Und bis jetzt hat sie sich auch um ihn gekümmert. Hat sie das nicht ausgesagt?«
»Eher gestammelt. Die alte Schachtel ist doch schon fast hinüber.«
»Die alte Dame hat nur einen Nervenzusammenbruch. Gehen Sie wieder an Ihre Arbeit.«
Wütend ging Maria zu Josef, der inzwischen die Genitalien und den Busen der Frau untersuchte. Jede Brust war kreuzförmig aufgeschlitzt. Die Schnitte erinnerten Maria an das Kreuz auf der Löschtaste ihrer alten elektrischen Schreibmaschine. Sehr wenig Blut war ausgetreten. Das ließ darauf schließen, dass der Frau die Verletzungen erst nach dem Tod zugefügt worden waren. Wahrscheinlich war sie qualvoll erstickt. Mit einem Penis im Mund, sozusagen. Maria erinnerte sich daran, als sie das erste Mal einen Mann mit dem Mund befriedigt und irrtümlich das Sperma geschluckt hatte. Ein Hustenanfall war die Folge gewesen, sie wäre auch beinahe erstickt. Das Symbol war ziemlich eindeutig. Der Mörder wollte offensichtlich, dass die Frau an ihrer Lust zugrunde ging.
Josef widmete sich nun den Genitalien. Die Klitoris war abgeschnitten. Die Vagina hingegen unversehrt. Maria zündete sich eine Zigarette an. Leichte Übelkeit machte sich in ihr breit. Das war blanker Hass. Ein Kollege der Spurensicherung stürmte zu ihr, als sie gedankenverloren in einen Aschenbecher stauben wollte. Natürlich, wie konnte sie nur! Sie nahm schuldbewusst ein Plastiksackerl, das zur Aufbewahrung von Beweisstücken diente, und aschte hinein. Ja, blanker Hass bot sich ihr dar. Die Klitoris galt noch immer als der Sitz des Lustempfindens der Frau. Daran hatte auch die Entdeckung des berühmt-berüchtigten G-Punktes nichts geändert. Und noch immer wurden Mädchen auf der ganzen Welt beschnitten, damit sie ja nicht auf die Idee kamen, ihren Mann zu betrügen, wenn er sich zu wenig um sie kümmerte. Die Reduzierung der Frau auf eine Gebärmaschine, oder einen – wie hatte ihre Freundin es einmal so treffend formuliert? Ja – Wichsfetzen. Ein etwas derbes Wort, aber es traf den Kern so mancher Ausformung des Geschlechterkampfes auf den Punkt. War diese Frau fremdgegangen? Hatte sich ein Liebhaber, ihr Mann, ein Freund gerächt? Wer war die Frau gewesen? Irgendwie kam sie Maria bekannt vor. Doch die bläuliche Farbe durch den Luftmangel und der entsetzte Blick machten aus dem Gesicht eine Fratze. Auch der Name sagte ihr nicht viel. Barbara Stein. Irgendetwas klingelte zwar in ihrem Kopf, doch andererseits war der Name nicht ungewöhnlich und wahrscheinlich daher vertraut. Phillip trat zu ihr. Er hatte ein Foto in der Hand. Nun war Maria alles klar. Die Tote war ›Maria‹ vom Kabarettduo ›Maria & Magdalena‹. Eine Namensvetterin sozusagen.
»Die kenn ich. Die war vor kurzem im Fernsehen. Macht so einen Emanzenmist.«
»Sie haben Frauenkabarett gemacht. ›Maria & Magdalena‹ waren die Newcomer des Jahres.«
Gerry, der inzwischen bereits seine Kamera verstaute, bekam ein strahlendes Gesicht.
»Das sind doch die, die ich vor drei Wochen gesehen habe. Die Angie hat mich reingeschleppt. War ihr Geburtstag. Habe ich nicht nein sagen können. Aber dann war das echt gut. Die sind so, wie die Spice-Girls waren.«
Josef blickte von seiner Arbeit auf.
»Ach die? Das ist nicht gut. Margit und ich wollten nächste Woche reingehen. Das wird nun wohl nichts. Hoffentlich nehmen sie die Karten zurück.«
»Was seid ihr für Männer, dass ihr euch freiwillig von Frauen niederlabern lasst?«
Josef bedachte Phillip mit einem vernichtenden Blick.
»Mein lieber Herr Roth. Ein bisschen mehr Bildung würde auch Ihnen nicht schaden.«
Maria war dem Dialog der Männer kaum gefolgt. Barbara Stein lag vor ihr. Jeder kannte sie, und sie hatte wahrscheinlich auch unzählige Bekannte. Das würde die Arbeit nicht erleichtern. Wenn sie nicht ein bisschen Glück hatte und irgendein Streit der Sache vorausgegangen war, konnte jeder der Täter sein. Der erste Ansprechpartner würde natürlich dieser Philosophieprofessor sein, mit dem die Stein liiert gewesen war. Es hatte in allen Gazetten gestanden. Große Liebe und so. Nach nur drei Monaten ihrer Liaison kündigten sie ihre Hochzeit an. Sie sollte demnächst stattfinden. Alle hatten sich über diese Beziehung gewundert. Denn die Stein war berühmt für ihre vielen Liebhaber, und der Professor war eher der ruhige, unauffällige Typ. Wie hieß er noch einmal? Irgendetwas mit Dorn … Maria stutzte. Das fiel ihr erst jetzt ein. Wenn die beiden so verliebt gewesen waren, warum war der Professor dann nicht bei der Stein? Oder sie bei ihm? Es war mitten in der Nacht! Vielleicht hatte sie Glück und es war wirklich der Professor ausgerastet.
Josef tippte kurz auf Phillips Notizblock: »Phillip, können Sie bitte die Adresse von diesem Professor ausfindig machen, mit dem die Stein verlobt war?«
»Welcher Professor?«
»Hermann Dornhelm. Professor für Philosophie. Er ist auf der Hauptuni...




