E-Book, Deutsch, Band 6, 182 Seiten
Reihe: Ein Fall für die MounTeens
Naas Lauernde Angst
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-906037-79-0
Verlag: boox-verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der sechste Fall für die MounTeens
E-Book, Deutsch, Band 6, 182 Seiten
Reihe: Ein Fall für die MounTeens
ISBN: 978-3-906037-79-0
Verlag: boox-verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marcel Naas, geboren 1973, arbeitete zehn Jahre als Sekundarlehrer, bevor er ein Studium der Pädagogik, Publizistik und Philosophie an der Universität Zürich abschloss. Nach Promotion an der Universität Luxemburg war er in einem Post-Doc-Projekt der Universität Basel für die Herausgabe von Isaak Iselins pädagogischen Schriften verantwortlich. Seine Tätigkeit in der Lehrerbildung begann er 2010 als Dozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich, wo er heute als Bereichsleiter »Bildung und Erziehung« wirkt. Nach diversen wissenschaftlichen Publikationen erfüllt er sich mit seinem Jugendbuch »MounTeens« einen lange gehegten Wunsch. Marcel Naas lebt mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen im Zürcher Oberland.
Weitere Infos & Material
1. DIE MOUNTEENS SIND
2. EINE UNHEIMLICHE BEGEGNUNG
3. BARSCHE ANTWORTEN
4. LUPO UND URS
5. TREIBJAGD
6. ZWEIFELHAFTER UNFALL
7. FOTO MIT URS
8. DIE JAGD BEGINNT
9. GIFTIGE STIMMUNG
10. DAS ERFUNDENE REFERAT
11. TATORT TUNNEL
12. DIE DROHUNG
13. IM FADENKREUZ
14. SCHLAFENDE GEFAHR
15. ENDSPIEL MIT BAUER
16. IN DIE ENGE GETRIEBEN
17. WAS LIEGT IN DER LUFT?
Eine unheimliche Begegnung
»Wandern ist langweilig«, stöhnte Sam. »Und an meiner Motivation würden übrigens auch diese Lamas nichts ändern.«
»Alpakas, Sam!«, korrigierte ihn Lena. »Wir kundschaften hier den Weg aus für zukünftige Alpaka-Trekkings.«
»Meinetwegen.« Sam machte eine wegwerfende Handbewegung. »Jedenfalls ein Tier aus Südamerika.«
Die MounTeens waren eine Stunde zuvor aufgebrochen, um bei herrlichem Frühlingswetter den Höhenweg oberhalb von Bad Lärchenberg zu erkunden.
»Banause!«, erwiderte Amélie und sah Sam herausfordernd an. »Ich bin sicher, du weißt auch nicht, wie diese Blumen hier heißen.« Sie zeigte auf das Meer aus weißen und violetten Blumen, die nach der Schneeschmelze auf den Bergwiesen blühten. Jedes Jahr im April reisten unzählige Touristen von weit her an, um sich die Farbenpracht anzusehen.
»Vergissmeinnicht?«, versuchte es Sam zögerlich.
Als Amélie zu lachen begann, eilte Matteo seinem Freund zu Hilfe: »Sam meinte bloß, du solltest ihn trotz der vielen schönen Blumen nicht vergessen.«
Lena lachte laut heraus, während Sam und Amélie verlegen zu Boden blickten.
»Natürlich weiß Sam, dass diese Blumen Veilchen sind«, fügte Matteo grinsend an.
Die MounTeens prusteten los.
»Sag doch gleich Tulpen, du Blödmann.« Lena hielt sich den Bauch vor Lachen.
»Jetzt mal ernsthaft«, meldete sich Sam augenzwinkernd. »Ich habe noch eine weitere Theorie. Da diese weiße Blume äußerst edel ist, tippe ich auf … Edelweiß.«
»Bingo!«, rief Amélie ironisch und klatschte. »Hundert Punkte, auch wenn es natürlich Krokusse sind«, sagte sie dann verächtlich.
»Wusste ich schon«, behauptete Sam nun. »Wollte euch bloß ein wenig auf den Arm nehmen.« Er schaute triumphierend in die Runde, erntete aber nur zweifelnde Blicke. »Doch kommen wir zurück zu den Vikunjas.«
»Alpakas!«, schallte es Sam aus drei Mündern entgegen.
»Genau die meine ich.« Sam gluckste. »Ihr fallt heute aber auch auf alles herein. Wo sind sie eigentlich?«
Lena hielt an, drehte sich um und zeigte Richtung Bad Lärchenberg. »Seht ihr den Bauernhof dort unten gleich oberhalb des Sees?«
Die MounTeens folgten mit ihren Blicken Lenas ausgestrecktem Arm.
Wie schön es doch hier ist, dachte Amélie und betrachtete Bad Lärchenberg, die kleine Alpenstadt, die auf einer Hochebene lag und sich an die bewaldeten Bergflanken schmiegte. Amélie atmete die frische Frühlingsluft ein und lächelte. Kein Wunder, dass hier im Sommer so viele Gäste zum Wandern und im Winter zum Skifahren herkamen. Zudem waren auch die schmucke Innenstadt mit ihren Läden in der Fußgängerzone und das weitherum bekannte Thermalbad einen Besuch wert.
»Auf dem Feld seht ihr weiße Punkte, oder?«, fuhr Lena fort. »Das sind die Schafe von Bauer Huber. Die Alpakas stehen auf derselben Weide, aber sie sind von hier aus nur schwer von den Schafen zu unterscheiden.«
»Wäre es nicht sinnvoller gewesen, sie gleich mitzunehmen?«, wandte Sam ein.
»Nein, die Tiere sind sehr schreckhaft. Da ist es besser, den Weg erst abzugehen.«
Lenas Mutter, Anna Sander, hatte die Alpakas vor einigen Wochen auf einem Spaziergang per Zufall entdeckt. Da sie in ihrer Funktion als Tourismusdirektorin ständig auf der Suche nach Attraktionen war, hatte sie sich darauf bei Lukas Huber gemeldet und ihm die Frage gestellt, ob er in den Sommermonaten nicht Alpaka-Trekkings anbieten wolle. Als dieser meinte, ihm würde hierzu das Personal fehlen, hatte Anna Sander kurzerhand Amélie und Lena gefragt, ob sie sich an Wochenenden und in den Sommerferien nicht ein kleines Taschengeld mit den geführten Wanderungen verdienen wollten. Die Mädchen waren begeistert, nachdem sie die lustigen Felltiere bei einem Besuch selbst hatten streicheln und füttern können. Bauer Huber hatte erst noch Zweifel daran gehabt, zwei dreizehnjährige Mädchen allein mit Gästen auf eine Trekking-Tour gehen zu lassen, aber als er Lena und Amélie kennengelernt hatte, war er sofort einverstanden gewesen. Außerdem würde er damit ja auch ein wenig Geld verdienen. Und das konnte wahrlich jeder Bergbauer in der Gegend dringend brauchen.
»Schreckhaft?«, spottete Sam. »Die spucken doch, wenn ihnen etwas nicht passt, die frechen Viecher!«
»Ach, Sam«, bemerkte Lena leicht genervt. »Alpakas spucken nur, wenn sie sich bedroht fühlen oder bei Rangkämpfen. Das sind ganz friedliche und sehr scheue Tiere. Huber sagt, er sei noch nie angespuckt worden. Und er hat schließlich jeden Tag mit ihnen zu tun.«
»Okay, verstehe«, gab Sam nach. »Wir suchen heute also nur den geeigneten Weg, wo sich die Alpakas zukünftig nicht erschrecken.«
»Genau.«
Sam hatte eine Idee. Er wühlte in seiner Jackentasche und hielt eine Hundeleine in der Hand. »Die habe ich wohl noch vom letzten Spaziergang mit Dali dabei.« Er hakte das eine Ende der Leine beim Reißverschluss seiner Jacke ein und legte Amélie das andere Ende in die Hand. »Ich bin nun dein Alpaka.«
Amélie schaute ihn belustigt an. »Du bist vor allem ein Kindskopf.«
»So eine Alpakaführerin braucht Training«, insistierte Sam. »In vielen Berufen wird mit Rollenspielen der Ernstfall simuliert. Das weiß ich von meinem Vater.«
Unsicher, ob Sam das vielleicht nicht doch ernst meinte, umfasste Amélie die Leine. »Meinetwegen«, gab sie lachend nach und zog sachte daran. »Dann komm, Alpaka!«
Die MounTeens folgten dem Höhenweg, der nun in den Wald führte. Lena und Amélie diskutierten, wie ausgedehnt die Wanderung werden sollte, und beschlossen, dass sie verschieden lange Touren planen wollten, um sich den Alpakas anzupassen. Sie hatten nämlich gelesen, dass die Tiere je nach Hunger oder auch je nach Temperatur nicht gerne weit wanderten.
Als Sam das hörte, blieb er wie angewurzelt stehen.
»Was ist los, Sam?«, fragte Amélie ärgerlich, da ihr Arm ruckartig nach hinten gerissen worden war.
»Ich bin nicht Sam, sondern ein Alpaka, das nun hungrig ist und keine Lust mehr hat weiterzugehen.« Er streckt seinen Kopf in Richtung Busch. »Ich will jetzt hier fressen. Was würdest du nun tun?«
»Natürlich würden wir das Alpaka fressen lassen«, antwortete Lena. »Die Tiere bestimmen den Rhythmus.«
Amélie reichte Sam ein Stück Schokolade aus ihrem Rucksack. »So, hier hast du etwas. Und nun komm wieder.«
Sam blieb störrisch stehen.
»Was noch?« Amélie wurde ungeduldig.
»Das musst du selbst herausfinden. Sonst ist es kein wirkliches Training«, sagte Sam grinsend. »Eure echten tierischen Freunde werden dann auch nicht sprechen.«
Lena reichte Sam die Wasserflasche. »Ist das Alpaka vielleicht durstig?«
Sam schüttelte den Kopf.
»Braucht es eine Pause zum Wiederkäuen?«
Sam imitierte die Wiederkaubewegung, bewegte sich aber nicht vom Fleck, als Amélie etwas stärker an der Leine zog.
Matteo hatte seinen Freund durchschaut. »Versuche es doch mal mit gutem Zureden und ein wenig Kraulen.«
Amélie rollte mit den Augen. »Echt jetzt, Sam?« Sie wuschelte ihm durch die gelockten blonden Haare. »So, liebes Alpaka. Magst du das?« Sam schien die Streicheleinheit sichtlich zu genießen und Amélies Gereiztheit verflog so schnell, wie sie gekommen war. »Würdest du nun bitte weitergehen?«, fragte sie lachend, worauf Sam sofort gehorchte und ihr brav hinterhertrottete.
Kurz darauf erklärte Sam das Rollenspiel für beendet, nahm sich die Leine vom Hals und streckte Amélie die Hand hin. »Gratuliere, Frau Richard, Sie haben die Prüfung zur anerkannten Alpaka-Führerin mit Auszeichnung bestanden«, säuselte er und ahmte dabei den Tonfall des schrulligen Mathematiklehrers der MounTeens nach.
»Danke, Herr Experte«, erwiderte Amélie kichernd.
»Ich darf Ihnen noch ein Feedback zu den gestellten Prüfungsaufgaben geben, Frau Richard.«
Alle lachten. Sam war manchmal einfach urkomisch. Und heute schien er besonders lustig drauf zu sein.
»Leinenführung: gut. Ernährung der Alpakas: genügend. Die sollen nämlich keine Schokolade essen. Und schließlich Ihre beste Teilnote, Frau Richard. Kraulen: ausgezeichnet!«
»Spannende Rückmeldung, Herr Experte«, sagte Amélie und...




