Myrdal / Schlereth | Der andere Strindberg | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Myrdal / Schlereth Der andere Strindberg

Översättning av Einar Schlereth
1. Auflage 2019
ISBN: 978-91-7851-664-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Översättning av Einar Schlereth

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-91-7851-664-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



August Strindberg, Schwedens größter Schriftsteller, kennen viele dem Namen nach, etliche haben Verfilmungen von ihm oder seine Theaterstücke gesehen und noch weniger haben ihn gelesen. Da am ehesten seine Theaterstücke und Romane. Am wenigsten sind seine historischen und politischen Schriften bekannt, die manchmal in Schweden wie Bomben einschlugen und die feine Gesellschaft auf die Palme trieben. Das brachte ihm scharfe Angriffe und Prozesse ein und sogar zu Auseinandersetzugen und Streit im Parlament führte. Diese Texte stellt uns Jan Myrdal mit ausführlichen Kommentaren hier vor.

Jan Myrdal, geb 1927, ist der bedeutendste lebende Schriftsteller Schwedens. Im Ausland ist er vor allem mit seinen Büchern über China, Kampuchea, Indien bekannt geworden. Seine preisgekrönten Romane, Filme und Essays über Literatur und Kunst sind viel weniger bekannt und noch weniger seine vielen Streitgespräche und Publikationen zu aktuellen politischen Fragen. Der in Schweden seit 25 Jahren lebende deutsche Schriftsteller, Journalist und Übersetzer Myrdals hat die wichtigsten Essays über Balzac, Strindberg und Werke proletarischer Verfasser übersetzt. Der 1. Teil über Balzac erschien vor 50 Jahren in Berlin. Strindberg, der in Deutschland vor allem mit seinen Theaterstücken bekannt wurde, hat aber auch viele bedeutende Romane und gesellschaftskritische und historische Werke geschaffen, in denen er seiner Zeit mit seinen visionären, sozialistischen Ideen weit voraus war. Damit schuf er sich in den herrschenden konservativen Kreisen viele Feinde, während jedoch die Arbeiter ihn in ihr Herz schlossen. Diese Seite Strindbergs wurde offiziell ignoriert und verheimlicht. Stattdessen verwandelte man ihn in einen etwas verrückten, aber lieben Nationaldichter. Myrdals große Verdienst ist es, den echten Strindberg in das rechte Licht gerückt zu haben. Seit über 100 Jahren ist Strindberg tot, aber wenn wir seine wahrhaft fortschrittlichen Gedanken von einer humaneren und gerechten Gesellschaft lesen, die bis heute nicht verwirklicht worden sind, dann wird er vor unseren Augen äußerst lebendig.
Myrdal / Schlereth Der andere Strindberg jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Jenseits Von Abtrünnigkeit


Aus Anlass von Strindbergs sechzigjährigem Geburtstag wurden im ‚Social-Demokraten‘ vom 22. Januar 1909 die Antworten auf eine Rundfrage ‚Was halten Sie von Strindberg?’ abgedruckt. Hjalmar Brantings Antwort war typisch für den offiziellen Radikalismus in Schweden:

„Für den jungen Strindberg, den Bahnbrecher, den Erwecker aller Bewunderung und Verehrung. Für den Dichter im reiferen Mannesalter ... einen Platz in Europas ehrwürdigem Areopag.

Aber für den Strindberg der ‚Schwarzen Fahnen‘ und ‚Blaubücher‘, der in den Schatten des Infernos zum Glauben an das kranke und leere Evangelium der Mystik bekehrt wurde, den Herzenswunsch, dass er wieder er selbst werden möge.“

Diese Beurteilung Hjalmar Brantings war nicht nur die Auffassung des damaligen offiziellen Radikalismus über Strindberg; sie blieb auch die Auffassung des offiziellen Radikalismus und in dem Maße, wie sich der Radikalismus etablierte und damit verblasste, wurde diese Strindberg-Auffassung immer gängiger.

Sie dürfte jetzt in unseren gewöhnlichsten Nachschlagwerken zu finden sein.

Ein paar Jahre zuvor – als Hjalmar Branting nicht anlässlich eines Festaktes zu schreiben brauchte – hatte er deutlicher gesprochen:

„Aber stattdessen findet man in diesem Buch, was man in Kenntnis von Strindbergs unruhig suchenden, skeptischem Geist bis zu allerletzt bezweifeln wollte, dass er nämlich nunmehr mit Haut und Haar, ohne Zweifel und ohne neue Entwicklungsmöglichkeiten in den Dienst der geistlichen Mächte getreten ist, gegen die er in seiner Jugend und auch noch viel später mit solcher Kraft die Waffe der Kritik und des freien Geistes geführt hatte....‘Die schwarzen Fahnen‘ sind eine schwere Verirrung, aber vielleicht ist die Hoffnung auf eine wiederkehrende geistige Gesundung doch nicht ganz auszuschließen.

‚Das Blaubuch‘ dagegen liefert den Kommentar zu dem vorgenannten Buch mit einer so veränderten Weltanschauung, dass wir offenbar August Strindbergs noch übriggebliebene literarische Kraft als Verstärkung des Autoritätsglaubens und des Bestehenden zählen müssen gegen die trotz allem siegeszuversichtlichen Kräfte der Kritik und des heranwachsenden Neuen.“ (Social-Demokrat vom 13. 9. 07)

Nun muss gesagt werden, dass dies vor der Strindbergfehde geschrieben wurde, dass sich Hjalmar Branting irrte, als er Strindberg eine neue Entwicklungsmöglichkeit absprach. Um Branting selbst sprechen zu lassen:

„Aber das war ein Irrtum. Im tiefsten Innern steckte der Revolutionär, der Zweifler, der Forschende, einer, der falschen Schein und Überholtes entlarvt, wo es sich zeigt. Und so endete er dort, wo er begonnen hatte, bei den Bedrückten, als der geliebte Dichter des Volkes und der standfeste Feind der ‚Oberschicht‘ – er selbst münzte ja übrigens dieses Wort ‚Oberschicht‘ – das in einer vergessenen sozialistischen Utopie-Konstruktion vergraben lag!“ (Hjalmar Branting zu Strindbergs Tod. Social-Demokraten vom 15.5.1912)

Das ist eine weit verbreitete Auffassung. Strindberg war radikal, als er ‚Das neue Reich‘ und ‚Das schwedische Volk‘ und die ‚Utopien‘ schrieb, dann war er Mystiker, als er das ‚Inferno‘ schrieb und mit Mystik und Aberglauben weitermachte bis zur ‚Großen Landstraße‘ und dann – als er Abschied vom Publikum mit den Schlussworten des Jägers genommen hatte:

„O Ewiger! Ich lass nicht deine Hand, deine harte Hand, bevor du nicht gesegnet hast!

Segne mich, deine Menschlichkeit,

die leidet, leidet an deinem Geschenk des Lebens!

Mich zuerst, der am meisten gelitten – am meisten am

Schmerz gelitten, nicht sein zu können, der ich wollte!“

- bricht er ein paar Monate danach in den Artikel ‚Pharaonenverehrung‘ aus; alles wird von vorne aufgerollt und die Fronten werden sichtbar und Strindberg ist wieder radikal und Demokrat und bei den Seinen. Und man verzeiht ihm seine Religion.

Wenn man Strindbergs Entwicklung auf diese Weise betrachtet, dann wird sein Radikalismus der achtziger Jahre das Wesentlichste. Strindberg hat nur den Radikalismus seiner Jugend zurückgewonnen (und nur zum Teil zurückgewonnen).

Bei einer solchen Betrachtungsweise wird die große Unterstützung des alternden Strindberg durch das Volk zu einer Unterstützung zu seinem Schutz. Strindberg wird dann derjenige, der den Schutz des Volkes suchte, nachdem er die Oberschicht herausgefordert hatte. So beschreibt zum Beispiel Ernst Almqvist die Dinge, als er, um die Ursachen für die Isolierung von C. J. L. Almqvist in den 1840-er Jahren herauszufinden, einen Vergleich mit Strindberg im Jahre 1910 anstellt:

„Es kann ja nicht abgestritten werden, dass Loves Satire und Kälte ihm verschiedentliche und verdientes Ärgernis eingebracht hatte, der eine warmherzige Person entgangen wäre. Aber wir dürfen auch nicht vergessen, dass viel größere Geister als Love von demselben Schicksal betroffen wurden, isoliert und vertrieben zu werden. Ich will bloß an Swedenborg erinnern, der nach einem gegen ihn gerichteten Reichstagsbeschluss im Alter von 80 Jahren das Land verlassen musste. Loves Onkel väterlicherseits Erik, der Bischof, hätte dasselbe Schicksal ereilen können. Aber er wurde in Frieden gelassen, weil er nicht öffentlich polemisierte. Deshalb war seine Stellung geschützt.

Es dürfte ein allgemeingültiges Gesetz sein, dass ein bedeutender Mensch sein Zeitalter beherrschen muss, in der Lage sein muss, es mit sich zu ziehen; andernfalls wird er selbst eliminiert.

Als Strindberg, nachdem er so viel Beifall für seinen Kampf gegen ‚die alten Götter‘ in den ‚Schwarzen Fahnen‘ erhalten hatte, und dann gegen die zeitgenössischen ‚Gottheiten‘ zu Felde zog, da wurde er exkommuniziert. Er wurde als moralisch, nicht intellektuell defekt abgestempelt. Gleichzeitig wurde ihm unterstellt, durch seinen Hang zum Christentum für die Autoritätsgläubigkeit zu arbeiten. Strindberg befand sich bei dieser Gelegenheit in einer ähnlichen Lage wie Love 1840. Aber in unseren Tagen gibt es Auswege, die zur genannten Zeit nicht vorhanden waren. Strindberg, der sich in die Arme „der Sozialdemokratie warf“, konnte dadurch vermeiden vollständig isoliert zu werden.... Vor 70 Jahren hatte die Arbeiterklasse im öffentlichen Leben kaum etwas zu sagen; sie studierte nur das Psalmbuch und den Katechismus.

Love hatte stets auf der Oberschicht herumgehackt, obwohl er sich der Gefahr bewusst war. Natürlich glückte es ihm, gute volkstümliche Schriften zu schaffen, konnte aber selbst keinen Nutzen daraus ziehen. Es ist unmöglich für einen Propheten, volles Verständnis zu finden, wenn er sich mehr und mehr in die Zukunft hineinlebt und deutlich erblickt, wovon seine Zeitgenossen nicht einmal zu träumen wagen. Er kann sich nicht einmal langfristig seiner Früchte erfreuen ... Als die Katastrophe 1851 eintraf, war der Dichter praktisch vollständig isoliert. Wir können es am sichersten daran erkennen, dass überhaupt keine tonangebende und ihm nahestehende Person oder irgendein Kreis ihn verteidigte. Hierta deutet sogar an, dass er ihn im Aftonbladet nur aus Erbarmen für seine Frau und Kinder behalten hat.“ (Ernst Almquist „C. J. L. Almqvist: Studier över personligheten“, Stockholm 1914, S.132-133)

Das ist ein gutes Zitat; das sagt viel Richtiges, und stimmt doch nicht. Es ist richtig, dass es ein für die schwedische Misere allgemeingültiges Gesetz gibt, das sowohl Almqvist als auch Strindberg traf. Wenn das Wort ‚Prophet‘ verwendet wird, wird auch verständlich, dass das Gesetz sie dann trifft, wenn es für ihre Kritik keine ausreichende soziale Basis gibt. Sie werden isoliert, da sie der Klasse voraus sind, deren Wort sie führen. (Was natürlich nicht der Tatsache widerspricht, dass deren Worte dennoch eine Wirkung zeigen, bis weit in die Zukunft hinein.) Es ist auch richtig, dass der entscheidende Unterschied zwischen 1851 und 1911 die Existenz der Arbeiterklasse ist. Aus der Klasse, die es 1851 nur in Form einer zahlenmäßig kleinen Katechismus-lesenden und unterdrückten Masse gab, war eine große Arbeiterklasse geworden, die sich als Klasse organisierte. Es ist also richtig, dass Strindberg der Isolierung entging, indem er sich ‚in die Arme‘ dieser Klasse warf ... oder nicht?

War Strindbergs Rolle in den Jahren 1910-1912 nur eine passive, als er sich „in die Arme der Arbeiterklasse warf“ und beim Volk Schutz suchte und dadurch den Radikalismus seiner Jugend wiedergewann? Ernst Almqvist verwendet das Wort ‚Sozialdemokratie‘ als Synonym für die Arbeiterklasse; aber während er schreibt, dass diese Sozialdemokratie ihn gegen diejenigen schützte, die ihn anklagen,“für die Autoritätsgläubigkeit zu arbeiten“, so war es doch – wie aus Brantings Beitrag aus dem Jahr 1907 hervorgeht – gerade dieser, der offiziellste Repräsentant der ‘Sozialdemokratie’, der diese Anklage erhoben hatte. Ernst Almquists sympathische und...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.