E-Book, Deutsch, 202 Seiten
Muttersbach Wachsen im Glauben oder fromme Märchen?
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-8559-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 202 Seiten
ISBN: 978-3-6957-8559-9
Verlag: BoD - Books on Demand
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Der Autor (Jahrgang 1939) studierte Theologie in Hamburg und war Pastor der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden in Wuppertal-Elberfeld, Braunschweig und Schöningen. Durch ein zusätzliches Lehramtsstudium in Braunschweig war es ihm möglich, die Schöninger Gemeinde als Pastor neben dem Schuldienst zwanzig Jahre lang ohne Gehalt zu betreuen. Aus dieser ungewöhnlichen Kombination ergaben sich ganz neue Möglichkeiten, ein zeitgemäßes Gemeindeleben zu gestalten.
Autoren/Hrsg.
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Stolperstein Bibelverständnis
(Apg 8,30f.)
Die Apostelgeschichte (Kap. 8) erzählt von einem Reisenden aus Äthiopien. Der hatte ein Orientierungsproblem in Sachen Bibel. Das ist heute nicht anders, auch wenn unsere Fragestellungen anders geprägt sind. Wir bringen unser Vorverständnis ein, das eingefärbt ist von der Aufklärung und vom wissenschaftlichen Rationalismus, sowie einer gehörigen Portion religiösem Skeptizismus. Schließlich sind uns schon so manche kuriosen „Wahrheiten“ (wie z. B. „fromme Märchen“) angedient worden. Der folgende Beitrag ist als kleine Orientierungshilfe gedacht und möchte auch kritischen Geistern Zugang eröffnen zu einem für sie selbst akzeptablen Umgang mit der Bibel.
Als Hintergrund sehe ich aktuell eine innere Zerrissenheit in der evangelisch geprägten Landschaft. Grob eingeteilt handelt es sich um das Lager derer, die mit wissenschaftlichen Methoden die Bibel erforschen. Diesem Lager gegenüber stehen Christen, die genau das als Gefährdung der Autorität der Bibel ansehen, den Glauben seiner Grundlage beraubt verstehen und deshalb kräftig dagegenhalten. Sie haben also fundamentale Bedenken. Deshalb kann man sie als „Fundamentalisten“ bezeichnen, ohnedies abwertend zu verstehen. Die gegenseitige Abgrenzung führt zu einer Entfremdung derer, die sich doch gemeinsam als zu Christus gehörig verstehen. So entstehen Feindbilder bei denen, die ihren gemeinsamen Glauben doch der Versöhnung durch Gottes Zuwendung verdanken. Vielleicht können die folgenden Ausführungen nicht nur Sachfragen klären, sondern auch hilfreich sein zu einem unverkrampften Umgang mit den anstehenden Fragen.
Gerade weil die Bibel zum Fundament unseres Glaubens gehört, bedauert Siegfried Großmann:
[…] 31
Unterschiedliche Meinungen und Perspektiven zu Einzelfragen sind nicht grundsätzlich negativ zu bewerten. Gerade sie sind wie das nötige „Salz in der Suppe“, sie wirken anregend und fördern das Gespräch und können Missverständnisse hoffentlich ausräumen.
„Gottes Wort“ = „Bibel“?
Da taucht vor uns schon die erste Ursache für Missverständnisse auf. Immer wieder ergeben sich für den Bibelleser Fragen, die wichtig genug sind, um nach einer klaren Antwort zu suchen. So gebrauchen Christen die Begrifflichkeit „Gottes Wort“ für die Bibel. Das kann ganz verschiedene Vorstellung in uns wecken. Im ersten Teil habe ich schon ein Beispiel für ein kindliches Missverständnis beschrieben (S. 16). Wenn wir die Bibel in der Gestalt eines Buches als „Gottes Wort“ ansehen, dann lässt sich schon innerhalb der Bibel feststellen, dass Gott uns Menschen anredet, bevor es eine Bibel überhaupt geben konnte. Gottes Wort ist „Gottes Anrede an uns Menschen“ von Anfang an. Das entdecken wir in der Bibel selbst. Gott will mit uns reden. Das ist ein wichtiges Anliegen der Bibel. Und gerade diese Anrede Gottes ist offenbarend, rettend und heilsam. Das ist grundlegend für unser Verständnis des Glaubens: Gott will sich uns mitteilen. Er sucht Zugang zu uns, er will unbedingt mit uns im übertragenden Sinne „reden“, so oder so. Das ist das zentrale Thema der Bibel schlechthin. Er sucht die Kommunikation mit uns und verfolgt damit ein Ziel: Das Heilwerden unserer Beziehung zu ihm und unserer Beziehungen untereinander.
So stellt sich die Frage: Wie redet er mit uns? Da lesen wir in der Bibel, dass das auf unterschiedliche Art geschieht. Im Hebräerbrief wird dies thematisiert:
[…] (Heb 1.1-3)
Dieses Zitat aus dem Hebräerbrief macht darauf aufmerksam, dass Gott verschiedene „Kanäle“ nutzt, um uns zu erreichen. Genannt sind hier Propheten und sein Sohn Jesus.
Wenn wir die Begrifflichkeit „Gottes Wort“ verwenden oder in der Bibel selbst lesen, haben wir fast automatisch die verengte Vorstellung, als ginge es vorrangig beim Wort Gottes um die Bibel als . Diese ziemlich unbedachte Gleichsetzung führt zu Missverständnissen. Denken wir an das Beispiel optischer Täuschungen (Seite 41). Wir sehen (denken) etwas, was gar nicht oder erst später da ist. So wird einfach überall, wo in der Bibel vom Wort Gottes die Rede ist, durch uns „Bibel“ gedacht und eingesetzt, obwohl es zu damaliger Zeit die Bibel noch gar nicht gab. Das ist kein unwichtiger Gesichtspunkt.
Das Hebräer-Zitat geht darin einen anderen Weg und meint natürlich auch „Gottes Reden“, aber nicht verstanden als Text in einem Buch. Der Verfasser bleibt beim Vorrang der Offenbarung durch den Sohn Gottes. Er ist das Person („Fleisch“, Joh. 1,14) gewordene Wort Gottes. Die Bibel vermittelt uns die Kenntnis über Jesus Christus. Sie ist deshalb bedeutsam, aber nachrangig und nicht ebenbürtig. Gott hat sich in Christus offenbart. Das ist eine von Menschen erfahrbare Wirklichkeit. Es ist die Erfahrung, dass Gott sich uns mitteilen will und tatsächlich mitteilt. Das tut er mit Mitteln, die uns Menschen zugänglich und nachvollziehbar sind, d. h. er redet zu uns Menschen menschlich. Das geschieht auf verschiedenen „Kanälen“.
- Jesus Christus ist das offenbarte, das Mensch gewordene Wort Gottes. (Joh 1,14)
- Die Bibel ist das geschriebene Wort Gottes. „Indem sich Gott an das Menschenwort bindet, macht er es zu seinem Wort.“ (Karl Barth)
- Die Verkündigung des Wortes Gottes ist Wort Gottes an uns
Jer 1,9:
Lk 10,16:
1.Th 2,13:
So kommt Gott also auf verschiedene Weise uns gegenüber zu Wort. Er will sich uns verständlich machen. Dazu benutzt er die uns zugänglichen Kanäle, für uns heutige vor allem die Bibel.
Hier merken wir, „Gottes Wort“ als Gottes liebevolle Anrede an uns, ist kein sinnvoller Streitanlass für allerlei Schlaumeierei. Da wird dann gestritten über den Charakter des Buches, das wir da in Händen halten. Zum Beispiel: Wenn es denn Gottes Wort ist, dann muss es so makellos sein wie Gott selbst. Oder dazu passend: Jedes Wort muss dann vom Heiligen Geist eingegeben sein. Diese Vorstellungen versuchen, der Bibel eine Autorität zuzusprechen, die sie auch ohne unser Zutun hat, wenn wir sie ernst nehmen als Gottes Anrede an uns.
Aber die Bibel ist nicht gleichrangig mit der Offenbarung in Jesus Christus. Sonst müssten wir die Lehre von der Trinität ergänzen zu „Vater, Sohn, Heiliger Geist und Heilige Schrift“. Die Bibel ist die Vermittlerin der Botschaft, die wir „Gottes Wort“ nennen. So verfügen wir als Leser nicht darüber, in welchem „Rang“ die Bibel stehen soll. 32
Wenn wir dazu die entsprechenden Texte lesen (Joh 1,1-4. 14; 1.Joh 1,1; Off 19,11), merken wir, dass sich in ihnen der Begriff „Wort“ nicht einfach durch „Bibel“ ersetzen lässt. Daran wird deutlich, dass beide Begriffe nicht stets das Gleiche bedeuten. Die Bibel ist nicht das Person gewordene Wort Gottes und lebte unter uns, sondern ein Buch. Deshalb ist es sachlich bedeutsamer bei dem „Wort Gottes“ zunächst an Jesus zu denken.
Ähnlich verhält es sich mit dem Schöpferwort Gottes in 1.Mo 1. Es steht ja nicht zufällig am Anfang der Bibel und stellt den Bezugsrahmen her: Wort Gottes ist Schöpferwort und nicht gleichzusetzen mit der Bibel. 33 Im Hebräerbrief (11,3) heißt es: (Heb 11,3). Das war eben nicht die Bibel.
Gerade deshalb ist zu beachten, nicht immer, wenn vom „Wort Gottes“ in der Bibel die Rede ist, ausschließlich an die Bibel als Buch zu denken. So wäre Psalm 119 völlig missverstanden, würden wir dort...




