Mungan | Palast des Ostens | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Reihe: Türkische Bibliothek

Mungan Palast des Ostens

Erzählungen. Türkische Bibliothek
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-293-30565-6
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erzählungen. Türkische Bibliothek

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Reihe: Türkische Bibliothek

ISBN: 978-3-293-30565-6
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Alle Paare dieser fünf Erzählungen sind Liebende. Überraschende Rituale von Anziehung und Abstoßung werden durchgespielt: Der Hirte und der Räuber. Zwei junge Männer aus dem Nomadenstamm, die den Initiationsritus vollziehen müssen. Der Todesengel Azrail und der kühne, rebellische Brückenbauer Deli Dumrul, der alevitische Kulttänzer und die Prinzessin aus dem Kristallpalast, ja sogar der osmanische Großwesir und der stumme Bote erfahren das Geheimnis der Liebe bedrohlich und beglückend zugleich. »Der Mensch hat nur Kraft, wenn er im Leben und in der Liebe verletzbar bleibt. Mich haben Liebesverhältnisse stark gemacht, wenn sie mich besiegten. Vorausgesetzt, die Verletzungen sind heilbar. Das ist es, was ich unter Seelenpflege verstehe.« Murathan Mungan

Murathan Mungan, geboren 1955 in Istanbul, gilt als einer der vielseitigsten und experimentierfreudigsten Autoren der türkischen Gegenwartsliteratur. Mungan schöpft aus einem reichen Literaturgut; er verwertet Stoffe aus Liedern, Sagen, Märchen und Mythologien der Kurden, Araber und Türken. Er lebt als Theaterautor und freier Schriftsteller in Istanbul.
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Autoren/Hrsg.


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Ökkes und Cengâver


Am östlichen Mittelmeer: die Berggipfel des Taurus in der Umarmung des Meeres.

Der Himmel darüber gehört den Vögeln (ihre Flügel verdunkeln die Sonne).

Die Natur hier ist groß wie das Schicksal der Menschen.

Die dichten Wälder lassen nicht jeden durch, der Mensch verläuft sich leicht, findet den Weg zur nächsten Herberge nicht. Wer keinen Unterschlupf kennt, auf den stürzt sich der Tod wie ein Raubvogel. Die funkelnden Sterne führen Karawanen ins Verderben.

Die Nomaden der Stämme brauchen mutige Herzen, sind große Helden mit starken Armen.

Mit blutigen Ritualen wachsen die Menschen hier auf.

Ahnungslos treiben sie ihre Rösser zum Rastplatz und finden keinen Weg zurück. Zu spät suchen sie dann die verlorenen Spuren. Doch nun versperrt ihnen das Leben den Durchgang.

Blau glänzte das östliche Mittelmeer und verströmte mit lauen Winden flimmerndes Licht. Die Gipfel der Berge zeichneten wieder einmal die Kulisse von Zorn, Stolz und Liebe in den Dämmerschein eines Morgens.

Dunst und Licht, Morgen und Sonne, Liebe und Zorn – für Ökkes und Cengâver begann jetzt ein Märchen.

Der Frühling ging zu Ende. Der Sommer begann. Die Erde quoll auf. Alle Pflanzen und Saaten erwachten zum Leben. Die Blumen kamen hervor aus ihren Schmollwinkeln.

Jener Sommer … Wie viele Sommer sind seither verstrichen. Wie viele verschiedene Leben haben wir gelebt, später. Aber keines brachte ihn zurück.

Von den Höhen des Berges war das Meer zu sehen. Es schien so nah, als könntest du es berühren und darin deine Finger netzen. Aber der Weg zum Meer dauerte einen Tag auf dem Pferderücken.

Alles war wie im Märchen damals. Wir lebten wie im Zauber eines Märchens. Der Dunst der Erde stieg in die Bäume, umhüllte sie wie undurchdringlicher Nebel. Das Licht der Sonne schlüpfte durch die Zweige der Bäume und ließ das Geheimnis des Nebels funkeln wie in einem Spiegel.

Wir begriffen: Bald ist der Frühling vorbei.

Vorbei … Wie viele Sommer sind seither verstrichen? Wie viele Jahre? Aber keines brachte etwas von dem, was wir verloren hatten, zurück. Ringsum nur verlorene Schönheit und unstillbare Sehnsucht, ich denke zurück an jenen Berggipfel. An dich. An die Buchen.

Wie im Märchen …

Dunst und Licht, Morgen und Sonne, Liebe und Zorn. So begann das Märchen von Ökkes und Cengâver.

Die Augen von Ökkes sprühten in der Dunkelheit der Nacht wie zwei Funkenherde. In einer Ecke des dunklen Zimmers lag er und rührte sich nicht, als sei er ans Bett gefesselt. Feucht schimmernd, hell lodernd standen seine Augen weit offen. Schlossen sich nicht für einen Augenblick. Vor Schmerzen, dachte seine Mutter zuerst. Ein paar Mal näherte sie sich vorsichtig. »Ökkes«, flüsterte sie mit ihrer warmen, weichen Stimme ganz nah. »Ökkes, schlaf noch ein wenig. Du weißt doch, für morgen früh musst du all deine Kräfte sammeln. Du musst, Sohn.«

Ökkes schwieg. Ruhig durchdachte er alles. Er befragte Herz und Verstand. Was bedeutet der Brauch? Bis jetzt hatte er über die Bräuche, die Gerechtigkeit dieser Bräuche noch nie nachgedacht. Er hatte ganz einfach so gelebt, wie man es ihn gelehrt hatte. Jetzt prüfte er alles. Mit dem Abstand, den ihm das Bett, in dem er lag, und der Schmerz, den er erlebt hatte, gewährten, überdachte er erneut, was man ihm beigebracht hatte. »Was ist der Sinn dieses Brauchs?«, fragte er sich. Der Brauch, dieses alte Gesetz, ist eine Prüfung im Schmerz, ein Lernen durch Schmerz. Das war fürs Erste alles, was er gelernt hatte. Die Mutter strich ihm übers Haar. Sie hoffte, seinen Schmerz zu lindern. Eine Berührung ist wie ein Wundverband, dachte sie.

»Es ist kein Schmerz, Mutter«, sagte Ökkes. »Es ist kein körperlicher Schmerz.«

Seine Mutter nickte verständnisvoll, zärtlich. Sie war die lebenserfahrene Gefährtin seiner Erlebnisse, die Komplizin seiner Schmerzen; aber doch so fern von ihm selbst. Dann nahm sie einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette. Sie ließ den Rauch, der sich in der Dunkelheit verdichtete, langsam zwischen den ausgetrockneten Lippen entweichen.

»Den Freund prüft man in Feindschaft, Sohn«, sagte sie. Dann schwieg sie plötzlich. Nach den ersten Worten stockte sie voller Zweifel. Sie musste abwägen, was sie sagen wollte. Vor einiger Zeit hatte sie eingesehen, dass sie gegenüber Ökkes besonnen handeln und reden musste; Ökkes war von besonderer Art. Ganz anders als seine Altersgenossen. Das beunruhigte seine Mutter und machte sie gleichzeitig glücklich. Ökkes war anders, aber sie musste weitersprechen, musste ihm alles sagen: »So gebietet es der Brauch. Und morgen früh bist du dran!«

Ökkes richtete seinen Funken sprühenden Blick auf sie, und er schnitt ihre Worte ab wie ein Messer. Diese Augen waren bedrohlich. Waren grausam.

»Genau deshalb schäme ich mich«, sagte er. »Und morgen früh ich! Was für eine Prüfung ist das, Mutter? Was für eine Prüfung?«

»Sohn, du redest, als würdest du die Bräuche des Stammes nicht kennen. Du weißt doch, dass sie die großen Prüfungen sind. Die alten Gesetze, die dem Verstand und dem Herzen den Weg zeigen. Die Richtschnur des Lebens. Das ist die Prüfung der Männlichkeit. Warum tust du so, als könntest du es nicht verstehen? Du bist jetzt fünfzehn Jahre alt. Du wirst zum Mann. Es ist Zeit, deine Männlichkeit auf die Probe zu stellen. Wie kann der, der den Schmerz dieser beiden Tage nicht erträgt, ein Leben lang Schmerzen ertragen, Sohn?«

»Wenn das ganze Leben wie diese zwei Tage sein soll, mach ich mich davon, Mutter. Egal wie, dann bin ich auch für euch verschollen.«

»Du redest wie ein Kind, Ökkes. So viele Jahre seid ihr nun schon Freunde, hattest du nie Streit mit Cengâver? Habt ihr nie einen Ringkampf miteinander gehabt? Nimm das doch einfach als Ringkampf, als Spiel.«

»Das kann ich nicht, Mutter, das kann ich nicht! Das ist kein Spiel, das ist grausam.«

»Tut es sehr weh? Hat er dich arg geschlagen?«

»Ich habe keine Schmerzen am Körper, Mutter, mein Herz tut weh.«

»Wie schwer du es dir doch machst, Ökkes. Ich hätte nicht gedacht, dass du so leiden würdest. Merk dir endlich, es ist eine zweite Beschneidung, Sohn. Es gibt keinen anderen Weg, dem Stamm zu zeigen, dass du ein Mann bist.«

Danach strich sie ihm die Wunden mit einer Salbe ein, in der alle Kräuter des Waldes zerrieben waren. Als würde sie ihn streicheln, sanft, zärtlich wanderte ihre Hand über seinen jungen Körper. »Wenn ich nur wüsste, wie ich deine Schmerzen lindern könnte«, sagte sie. Dann stand sie vorsichtig auf. Als würde sie sich zum Gebet aufstellen, blieb sie vor Ökkes' Füßen stehen.

»Du musst jetzt etwas schlafen«, sagte sie. »Für morgen musst du deine Kräfte sammeln. Deine Beine müssen flink sein wie die Beine eines Rehs, und deine Fäuste müssen zupacken wie die Krallen eines Raubvogels. Morgen früh werde ich dir auch etwas Proviant richten und mitgeben. Vom Gipfel des Berges werden sie einen weiten Kreis nach unten ziehen. Einen weiten Kreis bis zur oberen Grenze von Çiftekoyaklar, mit dem Gipfel des Berges als Mittelpunkt. Über diese Linie lassen sie weder dich noch Cengâver. Dort ist die Grenze des Ritus. Vergiss das bloß nie. Es ist die Stelle, wo die Grenze des Ritus beginnt. Bis Çiftekoyaklar werdet ihr reiten. Um eure Kräfte zu schonen, bringen sie euch auf Pferden dorthin. Zuerst lassen sie Cengâver gehen. Etwas später schicken sie dich hinterher. Aber geh bloß nicht in die Irre. Verfolge nicht die falsche Fährte. Du hast Zeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, nutze sie gut. Dein Feind ist Cengâver, aber auch die Zeit ist dein Feind. Behalte das Sonnenlicht im Auge, beachte, wo die Sonne steht. Cengâver ist dein Freund, dein Kamerad seit so vielen Jahren. Wohin geht er, wo versteckt er sich, welche Plätze liebt er? Das musst du dir gut eingeprägt haben. In all den Jahren hast du sicher seinen Charakter kennen gelernt; hast gewiss seine Neigungen, auch seine ängstlichen Seiten erforscht. Lass dich bloß nicht in die Irre führen, mein Sohn. Cengâver ist dein bester Freund. Ich weiß. Er hat sein Zelt in deinem Herzen aufgeschlagen. Auch das weiß ich. Tu nur zwei Tage so, als sei er dein Feind. Komm bloß nicht mit leeren Händen ins Dorf zurück, Sohn. Lass mich nicht das Gesicht verlieren. Bring mir keine Schande. Mach mich nicht zur Mutter eines halben Mannes. Ich flehe dich an! Vertreibe aus deinem Herzen die Liebe zu Cengâver. Für zwei Tage knüpfe einen schwarzen Zauber an deine Augen, hänge an dein Herz schwarze Amulette. Tu so, als sei Cengâver dein Feind. Als sei er dein Todfeind. Als sei er ein Raubvogel, der es auf deine Ehre abgesehen hat. Das ist deine zweite Beschneidung. Komm nicht mit leeren Händen ins Dorf zurück. Danach kann Cengâver wieder dein Herzensvogel sein.«

»Danach ist alles anders. Es kann niemals mehr werden wie früher. Genau das ist der Grund meiner Angst.«

»Doch, doch, mein Sohn. Warum denn nicht? Das ist nur eine Feindschaft für zwei Tage. Der Brauch will es so. Wer diesen Ritus nicht vollführt hat, kann kein Freund fürs Leben sein. Seit unzähligen Jahren sind unsere Ahnen so zu erwachsenen Männern geworden. Wie die schmale, nadelfeine Brücke zum Paradies ist das; du...


Mungan, Murathan
Murathan Mungan, geboren 1955 in Istanbul, gilt als einer der vielseitigsten und experimentierfreudigsten Autoren der türkischen Gegenwartsliteratur. Mungan schöpft aus einem reichen Literaturgut; er verwertet Stoffe aus Liedern, Sagen, Märchen und Mythologien der Kurden, Araber und Türken. Er lebt als Theaterautor und freier Schriftsteller in Istanbul.



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