E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Mulack / Giese-Mulack Christa Mulack
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-9375-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mein bewegtes Leben
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-7534-9375-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die vorliegende Biografie spannt den Bogen von Christa Mulacks Geburt während des Zweiten Weltkrieges in Hamburg bis hin zu ihrem letzten Buch, das sie noch am Krankenbett vollendete. Auf mehrere Auslandsaufenthalte in jungen Jahren folgten ein Lehramtstudium sowie ihre Dissertation, die sie zur feministischen Theologie führen sollte. In der Theologie bemühte sie sich darum, das Christentum von patriarchalen Verkrustungen zu befreien und feministisch zu reformieren. Dabei rüttelte sie an der Kreuzestheologie, rechnete mit Paulus ab und setzte die Ethik Jesu dagegen. Sie war nicht nur Religionswissenschaftlerin, sondern auch Philosophin und Gesellschaftskritikerin, immer aber eine 'andersdenkende' Feministin und Theologin.
Dr. Christa Mulack ist eine feministische Theologin und Pädagogin. Sie hat zahlreiche religionswissenschaftliche sowie patriarchatskritische Werke verfasst, hat sich um feministische Reformierung des Christentums bemüht, die Wertigkeit des Weiblichen verdeutlicht und sich für ein 'matriarchales Bewusstsein' eingesetzt.
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2.2. Lehrzeit bei der Bank Die große Sturmflut Ein Erlebnis während meiner Lehrzeit, das ich besonders schön fand, war 1962 im ersten oder zweiten Lehrjahr, als in Hamburg die Flutkatastrophe war. Die hatte uns alle so überfallen, doch ich wohnte in einem Gebiet, das zum Glück nicht bedroht war. Aber dort, wo die Elbe und die Alster über die Ufer traten, war alles unter Wasser, also zum Beispiel Wilhelmsburg und Finkenwerder. Ich war gerade in der Jugendgruppe in unserer Gemeinde, wo wir abends immer Tischtennis spielten. Auf einmal kam ein Mann, der sagte zu uns: „Hier, wir haben einen LKW voll mit getragener Kleidung, die sollen wir hier abliefern. Wir wussten von nichts, doch dann haben wir unseren Tennisraum geopfert, und die Männer konnten die ganze Kleidung durch das Fenster reichen und bei uns lagern. So war ich im Nu involviert in den Hilfsdienst für die Flutkatastrophe. Es gab einen Aufruf zu spenden, so dass ich bis nachts um zwölf Uhr Kleidung sortierte. Danach hat uns ein Mann angeboten, ob wir ins Flutgebiet mitwollen, und ich habe sofort zugesagt. PKW kamen gar nicht mehr hin, man musste Laster mit riesigen Reifen haben. Mit so einem Laster sind wir mitten in der Nacht rausgefahren. Unterwegs haben wir einen Kneipenbesitzer getroffen, der hat mich sehr berührt. Er hatte viele Schokoladen, Pralinen, usw. und hat alles eingepackt und an die Flutopfer verteilt. Irgendwann bin ich bei einer Rotkreuzstelle gelandet und habe dort drei Tage mitgeholfen. Erst am Mittwoch fiel mir plötzlich ein, dass ich ja eigentlich zur Arbeit musste. Das hatte ich wirklich total vergessen. Jetzt wurde mir bewusst, dass ich mich nicht krank gemeldet oder sonst irgendwas unternommen, also quasi die Arbeit geschwänzt hatte. Da habe ich ganz schnell mittags meinen Chef angerufen und gesagt: „Entschuldigung, ich schwänze nicht, ich helfe hier im Katastrophengebiet. Aber Sie können mir gerne meinen Urlaub dafür anrechnen.“ Zum Glück antwortete er: „Nein, das kommt gar nicht infrage, Sie sind doch ein Aushängeschild für unsere Bank. Wir freuen uns doch, wenn wir Lehrlinge haben wie Sie, die so sozial eingestellt sind.“ Von dieser Seite hatte ich das noch gar nicht gesehen. Am Ende sagte er zu mir: „Bleiben Sie, solange Sie gebraucht werden.“ Dadurch hatte ich natürlich einen Freibrief und bin eine ganze Woche zum Helfen dortgeblieben. Mit möglichst wenig Aufwand durch die Wirtschaftsoberschule Zur Banklehre gehörte auch, dass man eine berufsbegleitende Wirtschaftsoberschule besuchte. Während ich die Praxis in der Bank sehr gerne machte, war mir die Wirtschaftsoberschule ein Graus. Was wir lernen sollten, fand ich zum Gähnen langweilig, so dass ich nie meine Hausaufgaben gemacht habe. Mitgeschrieben habe ich schon, doch zuhause habe ich die Schule bis zum nächsten Tag vergessen. Wenn der Lehrer dann sagte: „Nehmen Sie mal ihre Hausaufgaben heraus“, schaute ich regelmäßig meine Banknachbarin an und fragte: „Wie? Hatten wir was auf?“ Sie hatte sich alles akribisch aufgeschrieben, zuhause mit ihrem Verlobten gelernt und die Hausaufgaben gemacht. Jedenfalls hatte ich nie meine Hausaufgaben, während sie ganz mustergültig ihre Aufgaben gemacht hatte und jede Frage beantworten konnte. Sie traf sich auch an den Wochenenden entweder mit ihrem Verlobten, der schon mit der Banklehre fertig war, oder mit einer Lerngruppe aus der Klasse. Jedes Wochenende lernten die in den Lerngruppen den ganzen Kram aus der Berufsschule. Mir wäre es nie im Traum eingefallen das langweilige Zeug zu lernen. Irgendwie dachte ich einfach, dass ich das später im Beruf sowieso nicht brauchen würde, was so natürlich gar nicht stimmte. Oder ich redete mir ein, wenn ich dann in der jeweiligen Abteilung bin, kann ich das ja immer noch lernen. Außerdem wusste ich, dass ich durch die jeweilige Praxis mehr lernte. Ich war sehr gut in der Kredit– und Darlehensabteilung. Man musste dort ein Psychogramm von den Kunden erstellen, sie ausfragen, was sie verdienen, wie viele Kinder sie haben, welches Vermögen usw., weil man damit entscheiden musste, ob sie ein Darlehen bekamen oder nicht. Das wurde zwar später nochmal überprüft, aber mir machte das wahnsinnigen Spaß. Als meine Lehrzeit sich dem Ende näherte, sagte unser Lehrer: „So, es geht jetzt bald auf die Prüfungen zu und Sie sollten es sich zur Gewohnheit machen, jedes Wochenende den Wirtschaftsteil der Zeitung zu lesen. Der ist am Wochenende besonders lang und ausführlich.“ Ich hab nur gedacht, der spinnt wohl, ich werde doch keinen langweiligen Wirtschaftsteil lesen. Aber irgendwann saß ich mal beim Zahnarzt und da lag das Hamburger Abendblatt im Wartezimmer. Ich überlegte mir, mal gucken, ob der Wirtschaftsteil drin ist, den kann ich ja dann ausnahmsweise mal lesen. Extra die Zeitung kaufen wollte ich nicht, schon gar nicht nur wegen des Wirtschaftsteils. Jedenfalls schlug ich das Abendblatt auf und sehe die Überschrift: „Die Hamburger Werften, Schiffsbau in Deutschland“. Schiffe interessierten mich, ich wollte ja auch mal zur See fahren, weil meine drei Onkel zur See gefahren sind. Tatsächlich hatte ich mich damals bei einer norwegischen Reederei beworben, weil das die einzigen waren, die Frauen annahmen, bin aber wieder davon abgekommen, weil ich Angst hatte, seekrank zu werden. Den Artikel las ich jedenfalls und fand ihn wohl so interessant, dass ich ihn im Gedächtnis behalten habe. 2.3. Die Abschlussprüfungen Nun rückte die Abschlussprüfung immer näher, und zwei Wochen davor bekam ich totale Panik, weil ich wusste, ich hatte nie gelernt. Zehn Tage vor der Prüfung habe ich mir einen Krankenschein geholt. Meine Freundin, die schräg gegenüber von uns wohnte und auch in der Bank arbeitete, hat mir ihren Hausschlüssel gegeben und ich wollte den ganzen Tag in ihrer Wohnung lernen. Natürlich hatte ich meiner Mutter nichts davon erzählt, sondern habe immer so getan, als ob ich morgens zur Arbeit gehe. Und dann saß ich in der Wohnung und es war so schön ruhig, da stand eine Obstschale, und alles war so friedlich, da wollte ich diese Atmosphäre nicht durch das Lernen zerstören. Was hab ich gemacht? Ich habe zehn Tage lang von morgens bis abends Edgar Wallace gelesen. Als die Zeit um war und ich Sonntagabend ins Bett gegangen bin, dachte ich plötzlich: „Um Himmels Willen, morgen ist die Prüfung! Was willst du da überhaupt, du weißt doch nichts.“ Dann überlegte ich mir, alle drei Hefte bis zum nächsten Morgen zu lernen. Für jedes Lehrjahr hatte ich ein Heft. Ich dachte: „Die lerne ich jetzt alle nacheinander und morgen früh bin ich dann vollgestopft mit den drei Heften und dann weiß ich alles.“ Das war natürlich ziemlich blöd. Die erste Einheit im ersten Heft hieß: Offenes und geschlossenes Depot. Damit fing ich an und das habe ich nun ganz gründlich gelernt. Aber nachdem ich das durchhatte, fielen mir schon dauernd die Augen zu. Ich war so hundemüde, dass ich dachte: „Ich kann doch gar nicht weiter lernen. Und außerdem, wenn ich das jetzt gelernt habe und ich lerne noch andere Sachen, dann habe ich das erste wieder vergessen. Also ist es nun auch egal. Wenigstens habe ich das jetzt gelernt, dann kann sich das setzen.“ Und damit bin ich ins Bett gegangen. Zwei der größten Wunder meines Lebens Am nächsten Tag in der Schule war bei den Lehrlingen helle Aufregung. Wir tauschten uns aus, wer was gelernt hatte. Bei fast allen hieß es, ich habe nur das vom zweiten und dritten Lehrjahr gelernt. Das Zeug aus dem ersten Lehrjahr kommt bestimmt nicht mehr dran. Nein, das wäre ja blöd. Während die anderen alle zweites und drittes Lehrjahr bestens gelernt hatten, hatte ich bis auf die erste Lektion vom ersten Lehrjahr gar nichts gelernt. Schließlich saßen wir alle da und bekamen den Prüfungsbogen und was stand drauf? „Erklären Sie offenes und geschlossenes Depot.“ Ich traute meinen Augen nicht und jubelte innerlich. Alle anderen steckten in der Bredouille, weil sie gerade das nicht mehr wussten. Wer kommt schon auf die Idee, dass die erste Lektion aus dem ersten Lehrjahr noch drankommt? Ich wäre ja auch nicht auf die Idee gekommen. Es war einzig meine Faulheit, die dazu geführt hatte, dass ich das nun konnte. Das war ja das Einzige, was ich überhaupt konnte, und ich hatte es wirklich gut gelernt. Damit hatte ich schon mal den ersten Prüfungstag rum. Am zweiten Tag war Bankwirtschaftslehre dran. Bevor wir unsere Fragen bekamen, sagte uns der Lehrer: „Sie können aus zwei Themen wählen: Ein wirtschaftsbezogenes Thema, da bekommen Sie von vornherein fünf Punkte mehr. Wenn Sie dazu nichts schreiben können, dann schreiben Sie etwas zu einem persönlichen Thema. Zum Beispiel wie Sie sich ihre Laufbahn bei der Bank vorstellen oder das Verhältnis, das Sie zur Bank haben, und wie Sie das umsetzen.“ Wir bekamen also die Themen, und das erste hieß: „Die Stellung der deutschen Wirtschaft im internationalen Wettbewerb“. Ich grübelte: „Wie soll ich das denn wissen? Die Stellung der deutschen Wirtschaft im...




