E-Book, Deutsch, 259 Seiten
Muir KABINE B 55
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7487-8156-1
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Krimi-Klassiker!
E-Book, Deutsch, 259 Seiten
ISBN: 978-3-7487-8156-1
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Kabinen der Kumassi sind auf der Reise von Colombo nach England überbelegt. Das bringt Schwierigkeiten für die Besatzung mit sich... Besonders heikel wird es für Kapitän McIvor, als man ihm den Tod eines Passagiers - des Reederei-Direktors Bickerton - meldet. Lieutenant Crammond stell fest: Bickerton wurde ermordet! Schließlich geschieht ein zweiter Mord, und Lieutenant Crammond weiß, dass er auf der richtigen Spur ist... Der Roman Kabine B 55 des schottischen Schriftstellers und Journalisten Thomas Muir (* 02. Januar 1918; ? 8. Oktober 1982) erschien erstmals im Jahr 1948; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1962. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.
Autoren/Hrsg.
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Erstes Kapitel
Archibald Bickerton war ein schwerer, stattlicher Mann, dem der graue Anzug aus Tussahseide feucht am Körper klebte. Als er das Fallreep zu dem Truppentransporter Kumassi hinaufstieg, hatte er einen bösen Ausdruck in den Augen. Sein Gesicht war von der Hitze aufgedunsen. Auf Deck angelangt, sah er sich einem Burschen mit unangenehm scharfem Blick gegenüber, der seine Reisepapiere zu sehen verlangte. Dann erst durfte er sich mit der übrigen Menge aus der sengenden Glut, die über dem Hafen von Colombo brütete, auf das B-Deck drängen, wo der Schatten eine größere Kühle wenigstens vortäuschte. Bickerton kochte vor Zorn. Erstens musste er seinen Handkoffer selbst tragen, denn seinen Träger hatte ein junger Schnösel in Lieutnantsuniform nicht an Bord gelassen. Zweitens durfte er nicht mehr selbst befehlen, sondern musste sich von all diesen Passagieren puffen und stoßen lassen, die nicht die geringste Rücksicht auf ihn nahmen und nicht ein bisschen Respekt vor ihm zeigten. Er keuchte. Solche Anstrengungen war er nicht gewohnt. Mühsam bahnte er sich einen Weg zum Büro des Zahlmeisters und benutzte dabei seinen Koffer unbarmherzig als Sturmbock. »Wo ist meine Kabine?«, fuhr er einen Steward an, aber er begegnete nur einem ruhigen, nüchternen Blick. »Bickerton ist mein Name – Archibald Bickerton.« »Darf ich um Ihre Karte bitten? – Danke sehr... Kabine B 55. Dort entlang. – Bitte nur Handgepäck in die Kabine mitnehmen.« Der Steward ratterte pflichtgemäß diese Anweisung herunter und wandte sich dem nächsten Fahrgast aus der Menge zu, die sich um ihn drängte. Bickerton empfand das Verhalten des Stewards als ziemlich respektlos. Sein Gesicht verfärbte sich noch mehr. Er sah den Mann, der ihn jedoch nicht beachtete, finster an, nahm seinen Koffer auf und bahnte sich weiter seinen Weg in der angegebenen Richtung. Mit seiner stattlichen Leibesfülle fing er manchen Stoß auf, und mit jedem Stoß nahmen seine schlechte Laune und das Bewusstsein zu, keineswegs so behandelt zu werden, wie es ihm gebührte. Das war nun der Anfang seines Urlaubs! Er stand vor der Tür zur Kabine B 55, der Oase, in der er endlich für sich sein wollte. Er stieß sie auf. Aber noch auf der Schwelle erstarrte er. Seine etwas hervortretenden Augen quollen bei dem Anblick, der sich ihm bot, noch stärker heraus. Es war unfassbar, aber da drinnen hockte Bereits ein Kerl in kurzer weißer Hose und verstaute gerade einen Handkoffer unter der Koje bei dem großen Bullauge. »Sie befinden sich in der falschen Kabine, Sir«, fuhr Bickerton den anderen gereizt an. »Der Steward hat mir diese als die meine angewiesen – B 55. Sie haben hier nichts zu suchen!« Die Gestalt richtete sich auf und wandte sich ihm zu – ein hochgewachsener, junger Marinelieutenant mit einem klugen, spöttischen Gesicht und einem etwas rätselhaften Lächeln. »Stimmt nicht ganz«, erwiderte er munter und betrachtete interessiert den Ankömmling. »Wir sind sogar sechs, die diese Kabine miteinander teilen müssen.« »Sechs!« Archibald Bickerton rang nach Atem und nahm den Tropenhelm ab. Die Farbe seines Gesichts war nun fast die einer überreifen Tomate. Ganz benommen blickte er sich in der Kabine um, und da sah er die fünf zusätzlich hineingestellten Betten, von denen zwei zweistöckig waren. »Es ist gar nicht so schlimm«, fügte der Marineoffizier aufmunternd hinzu. »In manchen Kabinen liegen zehn beieinander, und wir haben sogar noch das Glück, ein Bad für uns zu haben.« »Hol’ der Teufel das Bad!«, entfuhr es Bickerton. »Es ist doch geradezu eine Frechheit, mir zu sagen, dass ich diesen Hundezwinger mit fünf anderen teilen soll! Ich habe für die Überfahrt Erste Klasse bezahlt, und, bei Gott, ich werde auch Erste Klasse fahren, oder ich will den Grund für diese Zumutung wissen!« »Der Grund ist sehr einfach. Wir befinden uns auf einem Transporter und man hat an die viertausend Mann hier an Bord gestopft. Immerhin nimmt man ja gern ein paar Unbequemlichkeiten auf sich, wenn man nur heimkommt.« Bickerton wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß von Gesicht und Nacken. »Sechs Mann in einer Kabine! Eine Unverschämtheit ist das, nichts weiter! Jetzt schon ist es höllisch heiß, was werden wir da im Roten Meer erleben? Das lasse ich mir nicht bieten! Hol’s der Teufel, ich werde mich beschweren!« Er stolperte über seinen Koffer, versetzte ihm einen heftigen Fußtritt und stürmte wieder in den Gang hinaus. Dort stieß er sofort mit einem anderen Marineoffizier zusammen, der ein auffallend hübsches junges Mädchen begleitete. »Verdammt nochmal, dieses Schiff ist das reine Irrenbaus!«, knurrte er und drängte sich ohne jede Entschuldigung an ihnen vorbei. »Leute, wohin man tritt... Sechs in einer Kabine... Tolle Zustände!« »Was ist denn das für ein Urvieh? Reizendes Benehmen!«, brummte, der Offizier. Einen Augenblick verdüsterte sich sein sonst offenes, freundliches Gesicht. Dann steckte er den Kopf in die Kabine und fragte: »Sag mal, alter Junge, kommt dieser scheußliche Pukka-Sahib mit zu uns?« »Ich fürchte, ja«, erwiderte der in der Kabine grinsend und trat zur Tür. »Er selbst ist von dem Gedanken nicht gerade begeistert. Typischer Fall von zu hohem Blutdruck. Aber sag mal, du bist ja ein ganz toller Bursche! Was hast du denn da schon im Schlepp?« »Keine besonders galante Ausdrucksweise, mein Sohn! Nichts weiter als mein dienstlicher Auftrag für diese Reise«, erwiderte Lieutenant James Mills mit einer Würde, die nur schlecht zu seinem jungenhaften gebräunten Gesicht passte. »Das tollste ist ja, dass sie schon die ganze Zeit in Colombo war und ich sie niemals zuvor getroffen habe. Daran sieht man eigentlich, wie groß die Welt wirklich ist. Soll ich dich vorstellen?« Er wandte sich zu dem Mädchen um, das in der Nähe stehengeblieben war und nun belustigt lächelte. »Rona, darf ich Ihnen einen Bordkameraden vorstellen? Lieutenant Crammond – ein prima Kerl, wenn man es ihm auch nicht ansieht. Eine Kanone auf wissenschaftlichem Gebiet. Nennt sich selbst einen Meeresbiologen und weiß mehr von all diesem kriechenden Getier, das da im Meer herumkrabbelt, als ich von der hohen Kunst des Würfelns verstehe und –« »Weitere biographische Einzelheiten kannst du dir sparen, du Kindskopf!« Crammond wandte sich entschuldigend an das Mädchen. »Ich fürchte, es ist bei ihm angeboren. So ist er immer.« »Miss Stuart«, setzte Mills die Vorstellung fort, »ist die Tochter von Kapitän Stuart, und ich soll mich ihrer annehmen.« »Es freut mich, Sie kennenzulernen«, sagte Rona Stuart zu Crammond. Sie war schlank und anmutig, hatte ein von Natur golden schimmerndes Haar und blaue Augen. »Jim hat, seitdem Vater ihn mir vor einer halben Stunde vorgestellt hat, wie ein amerikanischer Rundfunkkommentator auf mich eingeredet; ich bin schon ganz benommen.« »Warten Sie nur, bis er richtig in Fahrt kommt. Ihr Vater hatte offenbar keine Ahnung, als er Sie mit ihm zusammenbrachte, worauf Sie sich da einließen. Und was nun die Fürsorge anbelangt...« »Ach, ich glaube, ich weiß schon, woran ich bei ihm bin!« Rona lachte. »Ich bin es gewohnt, allein zu reisen, und ich weiß, wie man Leute seines Schlages behandelt. Es plagt ihn übrigens ungemein, nicht zu wissen, wo ich mich in Colombo verborgen hielt.« Das Gedränge im Kabinengang wurde immer schlimmer, da ständig neue Passagiere eintrafen und sich aus den Booten das Fallreep heraufdrängten. Militär, Zivilisten, Kinder – alles schob und quetschte sich vorbei auf der Suche nach den Kabinen. Waren diese gefunden, so kehrten die Leute wieder um, weil sie sich dann um ihr großes Gepäck kümmern mussten oder nach Freunden Ausschau hielten. Die Kumassi war ein Schiff von 12.000 Tonnen, das als kombiniertes Passagier- und Frachtschiff gebaut worden war. Das Ministerium für das Transportwesen hatte sie auf einfache Weise dadurch vergrößert, dass es zusätzliche Kojen auf jeden freien Raum einbauen ließ. Die Decks, in denen die Truppen lagen, waren wie riesige Ameisenhaufen, in denen die Männer schwitzend und fluchend in langen Reihen dicht nebeneinander lagen. Im Großen und Ganzen aber fanden sich alle voller Humor mit dem Unvermeidlichen ab. Sie lagen dort, wo in besseren Zeiten wieder die riesigen Laderäume sein würden. »Ich glaube, ich muss mich jetzt wieder mal ein wenig um meine Leute kümmern«, sagte Crammond nach einer Zigarettenlänge und nach einigen Worten über die Zeit des Auslaufens und das wahrscheinliche Ankunftsdatum in England. »Als ich vor einer halben Stunde unten war, hatten sie sich die Hälfte des Platzes einer Luftwaffeneinheit angeeignet, und die Lage war ein wenig gespannt.« »Ich möchte Vater ein paar Worte telegraphieren, um ihn aufzumuntern«, sagte Rona. »Er ist fürchterlich vergrämt, dass er nicht mit mir zusammen heimfahren kann.« »Gut. Kommen Sie mit, ich suche Ihnen den Funkmaat«, erbot sich Mills sofort. Crammond blickte beiden einen Augenblick nach, als sie davoneilten, und kehrte sich dann mit einem leichten Seufzer ab, um sich seinen eigenen Aufgaben zu widmen. Als dem dienstältesten Marineoffizier unter den Fahrgästen hatte man ihm das Kommando über die Urlauber und Abkommandierten der Marine, die in die Heimat fuhren, übertragen, und es gehörte zu seinen Pflichten, bei ihnen nach dem Rechten zu sehen. Als er über das Promenadendeck in Richtung auf das Luk zum Zwischendeck ging, weckte plötzlich eine laute Stimme seine Aufmerksamkeit. Er blieb wie zufällig stehen, als er sah, dass Archibald Bickerton den Einschiffungsoffizier,...




