E-Book, Deutsch, Band 5, 304 Seiten
Reihe: Splittermond
Münter Kalt wie Eis
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-86762-332-2
Verlag: Uhrwerk-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Splittermond-Roman
E-Book, Deutsch, Band 5, 304 Seiten
Reihe: Splittermond
ISBN: 978-3-86762-332-2
Verlag: Uhrwerk-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geboren am 03.06.1985 in Dortmund, dort auch aufgewachsen. Studium an der FH Dortmund im Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften. Diplom-Sozialarbeiter und Notfallseelsorger. Seit Jahr und Tag selbstständig im Sozial- und Gesundheitswesen, seit 2014 Autor. Das fast mein Leben in vier Sätzen zusammen. Aber natürlich gibt es noch mehr, das man über mich sagen kann. Ich bin: ein notorischer Vielschreiber; jemand, der davon überzeugt ist, dass ein Autor jedes Genre beackern können sollte; interessiert an Geschichte und Politik; Casual-Gamer; leidenschaftlicher Anzugträger; Rollenspieler; Brettspiel-Fanatiker. Vor allem bin ich aber eins: Geschichtenerzähler.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel I
Der Hafen im Eis
Der Wind kam aus Westen und er blähte die gestreiften Segel des Langboots auf. Das Schiff pflügte durch die Wellen des tiefblauen Firnmeers. Frost lag in der Luft. Frost lag hier im hohen Norden immer in der Luft.
Das Langboot machte gute Fahrt, hielt sich im Schatten des Kontinents und folgte dem Verlauf der Küste gen Osten. Während der Blick auf die Landschaft an Steuerbord Sicherheit und Vertrautheit, zumindest aber festen Boden unter den Füßen versprach, war es mit dem Panorama an Backbord anders. Dort erstreckte sich das dunkle, beinah schwarze Meer bis zum Horizont. Hier und da schimmerte und glitzerte es auf den Fluten. Doch es war kein Widerschein der Sonne, die hinter einem dichten Wolkenschleier lag und nur diffuses Licht spendete. Es war Eis. Brocken, größer als Häuser und Schiffe, die ganz im hohen Norden abgebrochen waren und nun behäbig in der Strömung nach Süden trieben.
Am Bug des Langboots standen zwei Gestalten, die unterschiedlicher nicht hätten sein können: Die eine war klein, kaum größer als einen Meter und eingepackt in dicke Winterkleidung. Aus der Ferne hätte man sie für ein Kind halten können, doch wie viele Kinder gab es denn, die genüsslich an einer Meerschaumpfeife sogen und dichte Rauchwolken auspafften? Neben dem rauchenden Gnom erhob sich eine über zwei Meter große Gestalt, die ihn noch viel kleiner wirken ließ, als er wirklich war. Auch sie trug dichtes Fell, das gegen die Kälte schützte, doch es war ihr eigenes. Es handelte sich um einen kräftigen Varg mit dunkelgrauem Fell. Es gab zwei Arten von Vargen: jene, die Füchsen auf zwei Beinen ähnelten und vor allem im fernen Osten, in Takasadu lebten und jene, die an Wölfe auf zwei Beinen erinnerten. Bei dem Exemplar neben dem kleinen Gnom handelte es sich eindeutig um einen Wolf. Genau genommen um eine kräftige Wölfin. Sie blickten hinaus auf das Meer und während in den orangenen Augen des Gnoms Freude und Faszination blitzten, ein Schimmer, der ihn schon seit Jahren begleitete, starrten die bernsteinfarbenen Augen der Vargin skeptisch auf das in der Ferne treibende Eis.
„Was stört dich?“, fragte der Gnom und reckte den Kopf zu seiner Begleiterin. Seine Haut hatte einen grauen Schimmer und es war schwer zu sagen, ob es der Staub des Reisens war, der ihm noch in den Poren lag oder etwas anderes.
„Das verdammte Eis, Baro“, brummte die Vargin und fletschte die Zähne. „Diese Brocken sind mir nicht geheuer.“
„Sie sind weit genug weg“, erklärte der Gnom beschwichtigend und deutete mit dem Pfeifenstiel zum Heck des Langboots. „Zumindest sagt der Kapitän das.“
Die Vargin rümpfte die Nase und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Und was, wenn er falsch liegt?“
„Dann werden wir wohl schwimmen müssen, Marca“, lächelte der Gnom.
„Schwimmen!“ Die Vargin schüttelte den Kopf und wischte mit ihrer rechten Pranke über die Reling, auf der sich die Eiskristalle festgesetzt hatten. Unter ihren Krallen entstand ein schabendes Geräusch. „Wir würden es nicht mal bis an Land schaffen.“
„Wie lange sind wir jetzt schon gemeinsam unterwegs, Marca?“, fragte Baro und steckte sich seine Pfeife in den Mundwinkel. „Ich habe dich noch nie so angespannt erlebt.“
„Liegt vielleicht daran, dass wir in den letzten zehn Jahren meistens unsere Füße genommen haben“, antwortete sie zischend. „Es sind diese Schiffe. Und das Meer.“ Sie streckte ihren Arm aus und der Wind bauschte ihr Fell. „Schau dir das an! Wenn die Götter gewollt hätten, dass wir uns im Wasser aufhalten, dann hätten sie uns doch Schuppen und Schwimmhäute gegeben!“
„Wer versteht schon die Pläne der Götter?“ Baro zuckte mit den Schultern. „Schau dir doch mein Volk an. Wir sind klein. Flink vielleicht auch, aber – wie du immer sagst – zerbrechlich. Man könnte doch meinen, dass wir dafür geschaffen sind, an einem Ort geboren zu werden und diesen nie zu verlassen. Stattdessen aber werden viele Gnome von einem Drang angetrieben, die Welt zu sehen und zu wandern. Wenn die Götter das gewollt hätten, hätten sie uns doch wenigstens lange Beine geben können!“
Sein Grinsen war ansteckend und es sorgte dafür, dass Marca einmal laut auflachen musste.
„Baro, du bist einfach vom Fernweh getrieben. Das ist alles. Andere Gnome in deinem Alter haben begriffen, wie gefährlich die Welt sein kann und sich niedergelassen. Du hingegen…“
„Ich hingegen?“, echauffierte sich der Gnom und stemmte die Hände in die Hüften. „Du sprichst ja mit mir, als ob ich uralt wäre!“
„Du bist älter als die meisten Varge, die ich kenne.“
„Ich bin vierundvierzig Jahre alt“, gab er zurück. „Für einen Gnom ist das nichts!“
„Für die meisten von euch ist die Zeit lang genug, um endlich die Flausen mit der Wanderschaft zu vergessen.“
Die beiden sahen sich an und begannen herzlich zu lachen. Einige Momente trat danach das Schweigen zwischen die beiden und sie blickten einfach weiter hinaus auf das Meer, spürten den Wind und rochen das Salz. Eine kreischende Möwenschar folgte dem Langboot eine Weile, drehte dann jedoch wieder in Richtung Land ab. Marca räusperte sich.
„Wie ist es dort, Baro?“
„Wo?“
„In…“, sie verzog kurz das Gesicht und versuchte dann, das richtige Wort zu formen. „In… Zitra…byt.“ Es war nicht so, als ob der Name ihr Schwierigkeiten bei der Aussprache machte, er schien nur so ungewohnt.
„Du wirst es sehen“, meinte der Gnom, nahm die Pfeife aus dem Mund und sah auf die glimmende Asche. „Und du musst es sehen, um es glauben zu können.“
„Das soll mich beruhigen?“
„Es ist eine Stadt aus Eis. Im Eis“, erklärte der Gnom und sah seine Begleiterin an. „Einzigartig, nach allem was ich weiß. Eine Kaverne mitten im Eispanzer des Kontinents“, führte Baro mit leuchtenden Augen aus. „Wenn man in den Hafen einfährt, dann befindet man sich unter meterdicken Eisschichten und…“
„Unter Eis“, raunte Marca kopfschüttelnd und unterbrach ihn. „Und das soll mich beruhigen?“
„Ich hoffe doch. Oder hast du kein Vertrauen in die Baukunst der Zwerge?“, entgegnete Baro. Seine Stimme war dabei so leise geworden, dass sie nicht zu den anderen Passagieren auf dem Langboot getragen wurde. Denn bei ihnen handelte es sich ausnahmslos um Zwerge.
„Wenn Zwerge in Erde und Stein bauen, dann halten ihre Bauwerke“, tat Marca die Frage mit einer Handbewegung ab. „Aber das hier ist Eis. Eis ist… flüchtig. Es schmilzt doch.“
„Gut beobachtet. Ja, es schmilzt. Wird wieder zu Wasser. Aber hier oben im Norden ist es anders. Es ist so kalt, dass das Eis gar nicht schmelzen kann.“
„Du willst mir also erzählen, dass es noch kälter wird?“, fragte die Vargin und sog hörbar Luft durch die Nase.
„Ein bisschen. Aber Kälte dürfte für dich doch eigentlich kein Problem sein, dachte ich.“
„Nur weil ich Fell habe, heißt das ja nicht, dass Eis und Schnee mich nicht stören.“
„Sicher.“ Baro versuchte mit seinem Pfeifenwerkzeug der schwindenden Glut Herr zu werden, ein Unterfangen, das wegen der dicken Handschuhe zum Scheitern verurteilt war. Er seufzte, reckte seinen Arm über die Bordwand und schüttelte die Pfeife behutsam aus. Die Reste des glimmenden Pfeifenkrauts rieselten zischend auf das Wasser und versanken, nicht aber ohne noch einmal ihre starke, süße Schwere zu verbreiten. „Du wirst schon sehen, es wird dir gefallen.“
„Hmmm…“ Marca klang mürrischer als sie eigentlich wollte und kratzte sich hinter dem Ohr. Ihre Ohrringe klimperten. „Und du warst schon einmal da? Wie kam das?“
„Mein Fernweh, würde ich meinen.“ Baro reckte erst den einen Fuß und dann den anderen vor. „Und natürlich dank denen hier. Ich kann sie eben nicht still halten.“
„Da steckt doch sicher mehr dahinter“, meinte die Vargin und sah ihn eindringlich an.
„Muss denn hinter jeder Reise eine große Geschichte stecken? Ich denke es ist anders. Du gehst auf Reisen und wenn du Glück hast, findest du eine große Geschichte. Wenn nicht, dann siehst du eben nur die Welt. Und allein das ist es wert, aufzubrechen.“
Gegen Abend änderte sich der Kurs des Langboots: Der Kapitän lenkte sein Schiff etwas weiter auf das Meer hinaus und ließ dann die Segel einholen. Während Marca das Manöver argwöhnisch beobachtete, war Baro die Ruhe selbst, denn er wusste was folgte. Mit gebrüllten, zackigen Kommandos brachte der Kapitän seine Mannschaft an die Ruderbänke, dann wurden die Riemen zu Wasser gelassen. Wieder blaffte der Kapitän ein Kommando, dann begannen die Zwerge zugleich mit einem kräftigen Ruderschlag, der das Langboot spürbar vorantrieb. Die ersten Schläge bedurfte es der dröhnenden Stimme des Kapitäns – einem breitschultrigen Zwerg mit langem und dichtem Bart bis zum Gürtel und einem Holzbein – dann fand die Mannschaft ihren Rhythmus. Einer der Ruderer begann ein einfaches Lied zu singen, die anderen Zwerge wiederholten den Refrain. Das Lied handelte von einem Kaperschiff voller Zwerge, das ausfuhr, um sein Glück und reiche Beute zu suchen. Doch das Schicksal wendete sich immer wieder auf komische Weise gegen sie. Das Lied brachte zum Schmunzeln, sparte nicht vor Übertreibungen und Seemannsgarn – aber es erfüllte vor allem einen Zweck: Sein Rhythmus hielt die Ruderer im Takt. Der Kapitän schien zufrieden mit der Arbeit seiner Mannschaft, nickte anerkennend und ging...




