E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Münch Die therapeutische Haltung
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-17-036614-5
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Perspektiven der Analytischen Psychologie
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-17-036614-5
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Volker Münch, Dipl.-Psychologe, Psychoanalytiker in eigener Praxis in München seit 2005, Einzel- und Gruppentherapie, Balintgruppenleiter, Dozent am Jung-Institut München und Stuttgart, bei der MAP. Lehranalytiker und Supervisor, 1. Vorsitzender Jung-Institut München (2016-2017), berufspolitische Funktionen in der DGPT (BBP), KV und DGAP (berufspol. Sprecher). Interessenschwerpunkte: Intersubjektivität, Archetypen, Gesellschaft und Kultur.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2 Allgemeine Definitionen der therapeutischen Haltung
Eine erste Literaturrecherche zum Thema »Therapeutische Haltung« ergibt zunächst wenig Konkretes. Im »Psychotherapeutenjournal«, dem Organ der Psychotherapeutenkammern, beschreiben Preß und Gmelch:
»Die therapeutische Haltung ist ein im psychosozialen Bereich weit verbreitetes Konzept. Viele Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten schätzen sie als bedeutsames Personenmerkmal ein und vermuten Auswirkungen der Haltung auf die Qualität des psychotherapeutischen Angebots sowie die Entwicklung psychotherapeutischer Identität. In Praxis und Fachliteratur ist die Verwendung des Begriffs jedoch von sprachlicher Unschärfe und Mehrdeutigkeit gekennzeichnet, was die wissenschaftliche Erforschung der Haltung ebenso erschwert wie die Förderung ihrer Entwicklung im Ausbildungskontext« (Preß & Gmelch, 4/2014, S. 358).
Hervorgehoben wird, dass es je nach therapeutischer Schule ein unterschiedliches Verständnis von therapeutischer Haltung gebe. Die Gesprächstherapie etwa betone »Kongruenz, Wertschätzung bzw. bedingungsfreie Anerkennung und Empathie«, die Psychoanalyse kenne die Konzepte der »gleichschwebenden Aufmerksamkeit« und der »freien Assoziation«, die Verhaltenstherapie spreche von »Ressourcenorientierung, Engagement und Demut« (vgl. Preß & Gmelch, 2014). Es findet sich keine allgemeinverbindliche Definition. Dies lässt uns ratlos zurück: Ist es am Ende gar nicht möglich, das, was eine »therapeutische Haltung« ausmacht, näher zu bestimmen? Immerhin werden wir von verschiedenen therapeutischen Schulen auf entsprechende Nachfrage unmittelbar mit deren Dogmen und theoretischen Konstrukten konfrontiert, wie sie sich in oben genannten Begrifflichkeiten Ausdruck verschaffen. Wir wollen hingegen versuchen, noch einige Schritte zurückzutreten, um eine grundlegendere Definition in Angriff zu nehmen und um vielleicht auch deutlicher werden zu lassen, was der Beitrag der Analytischen Psychologie dazu ist.
Es sei bereits an dieser Stelle der Vollständigkeit halber hinzugefügt, dass speziell die Fähigkeiten zur Grenzsetzung oft ebenso wichtig wie die empathischen Fähigkeiten sind (vgl. Grimmer, 2018).
2.1 Berufsrecht und Verpflichtungen
Seit der Verkammerung der Psychotherapeuten mit dem Psychotherapeutengesetz von 1999 sind die berufsrechtlichen Bestimmungen für Psychotherapeuten festgeschrieben und bindend. So enthält die Berufsordnung der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) Punkte, die zum einen die bereits erwähnten Verpflichtungen zu Sorgfalt, Abstinenz, Aufklärung und Schweigegebot enthalten. Ebenso finden sich in den Psychotherapierichtlinien viele auch indirekte Hinweise auf das, was von einem Therapeuten und seiner Haltung erwartet werden muss. Wenn sich Therapeuten in diesen Bereichen nicht regelgerecht verhalten, kann dies auch auf ihre Haltung in der Arbeit mit Patienten Einfluss haben, bis hin zu rechtlichen Konsequenzen.
All dies erfordert eine ethisch gut fundierte Haltung auch zu den Voraussetzungen des Tätigseins. Es geht darum, die damit verbundenen Frustrationen, zusätzlich zu der Belastung durch die eigentliche therapeutische Arbeit, auszuhalten und innerlich damit gut umzugehen.
Konsens besteht darin, dass es sich bei der therapeutischen Haltung um ein zeitlich stabiles Merkmal der Person handelt (z. B. Hoffmann & Hofmann, 2012). Schweizer hat vorgeschlagen, die therapeutische Haltung als »Schnittstelle« (2012, S. 247) zwischen Theorie und Praxis zu betrachten. Die »persönliche Philosophie« wird als eine Art kognitiver Rahmen verstanden. In den Bereichen der systemischen Therapie und der Verhaltenstherapie gibt es eine Vielzahl eher technischer Arbeiten zum Thema »Haltung«.
2.2 Therapeutische Kompetenzen und Ressourcen
Auch das Thema »Therapeutische Kompetenzen« hat in den vergangenen Jahren mehr Beachtung gefunden. Ich möchte die Kompetenzen als Teil dessen verstehen, welche Art der Interventionen der Einzelne, je nach theoretischem Hintergrund (klassische Analyse, Intersubjektivität, jungianische Analytische Psychologie) aus seiner je verschiedenen Haltung heraus zur Anwendung bringt. Will (2010) hat sich systematisch mit dem Thema beschäftigt und erwähnt in seinem Buch »Psychoanalytische Kompetenzen« zehn Gesichtspunkte einer »kompetenten Praxis«, die anhand der Auswertung von Protokollen kasuistisch-technischer Seminare gewonnen wurden. Da ich mich hier auf die den konkreten Anwendungen zugrundeliegende Haltung beziehe, möchte ich an dieser Stelle jedoch nicht vertiefend auf diesen wichtigen Forschungszweig eingehen.
Die wichtigste Ressource des therapeutischen Arbeitens, freilich eine viel weniger erlernbare, allenfalls im Verlauf der Ausbildungsanalyse bewusster zu machende, ist die Persönlichkeit des Behandlers. Metaforschungen (z. B. Grawe, 2001) zeigten anschaulich, dass die »Therapeutenvariable«, also die Person des Behandlers, als maßgeblich für den Therapieerfolg anzusehen ist. Somit ist die Persönlichkeit die Grundlage, mit der auch der Analytiker arbeitet, mit der er sich einlässt, sich verwickelt, die ihm als Resonanzraum und Quelle der Kraft zu Verfügung steht, um die schwere Arbeit überwiegend hoffnungsvoll und nicht nachlassend in Sorgfalt und Zuwendung tun zu können. Dies macht es notwendig, die eigene Person und die eigene Haltung immer wieder zum Thema zu machen. Dies ist auch das implizite Ziel vieler Qualitätszirkel und Intervisionsgruppen, in denen das eigene therapeutische Vorgehen mit Kolleginnen und Kollegen reflektiert wird.
Es ist einiges geschrieben worden über die Motivationen zum therapeutischen Beruf. Einerseits werden die Probleme und Gefahren benannt, Stichpunkt »Helfersyndrom«, und andererseits werden auch die Chancen des persönlichen Betroffenseins herausgestellt. Schmidbauer (1992) hat beschrieben, aus welch heiklen inneren Gründen sich Menschen berufen fühlen können, Psychotherapeuten werden zu wollen. Er schloss daraus unter anderem, dass eine stetige Selbstreflexion nötig ist, um sich nicht zu stark, aber auch nicht zu wenig mit Patienten identifizieren zu können.
In der Ausbildung steht dieses ständige Oszillieren zwischen den verschiedenen Rollen angesichts des Ablaufs der Ausbildung im Vordergrund. Dieser besteht in einem ständigen Rollentausch zwischen der Rolle des Schülers in den Theorieseminaren, der Rolle des Lernenden in der Supervision und des selbständig arbeitenden Therapeuten in der Therapiesitzung mit bereits eigenen Patienten. Liegt man eben noch selbst auf der Couch und öffnet sich seinem Unbewussten und dem Lehranalytiker gegenüber, so ist vielleicht schon in der nächsten halben Stunde die Situation gegeben, dass man sich einem Patienten gegenüber sieht, der über eine ganz ähnliche Konfliktdynamik wie man selbst klagt. Hier sind enorme innere Anstrengungen notwendig, um dies angemessen regulieren zu können. Nichtsdestotrotz lernt man genau auf diese Weise sehr viel: nämlich die Fähigkeit, sich zwischen inneren Teilbereichen der Psyche hin- und herzubewegen, sich immer wieder neu aus komplexhaftem Geschehen herauszuarbeiten, sich zu identifizieren und zu de-identifizieren. So kann sich mit der Zeit eine gewisse Erfahrung und mehr Abstand zu den jeweils verschiedenen Rollen entwickeln. Man verliert an Idealisierungsneigung, was sich günstig auf das eigene Selbstverständnis auswirken kann, wenn etwa die Ansprüche an sich selbst als Therapeuten in eine angemessene, nicht überzogene Richtung tendieren (vgl. Münch, 2007).
Zumindest in wichtigen Aspekten seiner psychischen Differenzierung sollte ein Therapeut meines Erachtens »weiter« entwickelt sein als seine Patienten. Die persönlichen Verletzungen und Defizite sollten ausreichend bewusst sein, um nicht in Grandiositätsphantasien abzugleiten oder eine »deformation professionelle« zu entwickeln, die oft die resignativen Merkmale einer Depression enthält. In persönlichen Gesprächen wird gelegentlich auch eine depressiv-narzisstische Grundverfasstheit als günstig für die Ausübung des Berufs des Analytikers bezeichnet. Diese überzeichnete und wohl auch Elemente von Selbstkritik enthaltende Selbstdeutung bezieht sich auf die geforderten Fähigkeiten der Geduld und einer stabilen Selbstwerthomöostase, die nicht abhängig von kurzfristigen Befriedigungen sein sollte, etwa durch schnelle therapeutische Erfolge. In der Analytischen Psychologie existiert dazu noch die Vorstellung einer »persönlichen Gleichung«, die auf die Individualität und Einzigartigkeit eines jeden Menschen abzielt und die mit keinem noch so differenzierten...




