E-Book, Deutsch, 268 Seiten
Müller Tropen. Der Mythos der Reise
1. Auflage 2014
ISBN: 978-80-268-0920-3
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Urkunden eines deutschen Ingenieurs
E-Book, Deutsch, 268 Seiten
ISBN: 978-80-268-0920-3
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Tropen. Der Mythos der Reise' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Robert Müller (1887 -1924) war ein österreichischer Schriftsteller, Journalist und Verleger. Insbesondere seine politische und kulturkritische Essayistik weist Müller als herausragenden österreichischen Propagandisten des sogenannten literarischen Aktivismus aus. Aus dem Buch: 'Im Jahre 1907 war an der Grenze zwischen Brasilien und Venezuelas im Quellgebiete des Rio Taquado ein Indianeraufstand ausgebrochen. Die europäischen und nordamerikanischen Reisenden, die sich innerhalb der Aufstandszone herumtrieben, waren Angriffen und Mißhandlungen ausgesetzt und konnten von den anrückenden venezolanischen Regierungstruppen mit knapper Mühe vor einem Massaker bewahrt werden. An der Spitze der Stämme, die sich gegen die immer merkbarer übergreifende Zivilisation auf den Kriegspfad begeben hatten, stand eine Priesterin namens Zaona. Sie hatte durch geheimnisvolle Weissagungen den Sieg der indianischen Sache verkündigt und die wilden Triebe der Urwaldnationen geweckt. Man hätte in San Franzisko, Kalifornien, wo ich mich damals aufhielt, wie überhaupt an den fortgeschrittenen Punkten der Welt von diesen Ereignissen, die in den genannten Landstrichen keine Ausnahme vom gewöhnlichen Jahresablauf darstellen, kaum Notiz genommen, wenn nicht der bedeutende Umfang der Erregung, gleichwie der Umstand, daß ihr weißhäutige Ausländer zum Opfer gefallen waren, die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätten.'
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
II
Wir befanden uns in diesen Tagen auf den braunen klein gewellten Wassern des Rio Taquado. Vier Indianer, geübte Flußleute und Pfadfinder durch den Djungle, ruderten uns in zwei Booten. Die Breite des Wassers, das saumselig gegen unseren stromaufwärts gekehrten Kiel spülte, war nirgends bestimmt festzustellen. Lagunen fielen ins Land und fingen im braunglasigen Spiegel die träge dampfende Ruhe eines schweigenden Urwalds, den kilometerlange Systeme von Schlinggewächsen zu einem einzigen quirligen Laubfilz zusammenspannen. Inseln und Halbinseln krochen vor und trugen sichtbar die Knoten verschlungener Riesenpflanzen und Bäume, sie stellten eine gefahrvolle Barre dar und zwangen uns zur Steuerung in Mäandern. Wenn wir aber vorbei waren und die Wellen unserer flinken Kähne sie erreichten, begann, was massiv geschienen hatte, zu schaukeln. Schleimige, schwarz glänzende Bildungen tauchten auf und nieder, wurmartige Äste, die im klaren Wasser wie Spieße gedroht hatten, begannen rhythmisch zu bändern und zuckend zu greifen. Der Flußlauf war eine aufgereihte, in weiten Schlingen sich schlängelnde Schnur von kleineren und größeren Seen, ein ununterbrochenes Szenarium von Buchten. Bald verflachten sie zu morastigen Untiefen, aus denen die herzblattförmigen Stechruder Blasen und lehmige Wirbel auflöffelten, bald zwängten sie sich zu laubüberschatteten Tunnels, in denen das Wasser stillzustehen schien, schwarz, ungesund und fettig, wie es uns da fühlbar trug. Denn das war das Erregende an solchen Stellen, daß sie plötzlich das eigene Schwergewicht ins Bewußtsein riefen. Man empfand den zähen breiten Widerstand der brodemhaften Wassermassen gegen die Bootswände. Während im harmlosen Gleiten des Fahrzeugs die Wasserfläche das Letzte und Sicherste schien wie die Oberfläche der festen Erde, entstand hier die Beobachtung einer im Mittel schwebenden Situation; das gewohnte Gefühl, am äußersten Grunde aller Dinge zu sein, das man gegenüber dem unendlichen All des Himmels auch noch auf den höchsten Bergen in sich weiß, dieses Gefühl fehlte hier; es war ein Schweben über unreiner Tiefe, und eine Distanz, die nur nach der einen Seite gewohnt war, stellte sich nun nach einer zweiten hin ein.
An seichten Stellen schwammen warzige Eidechsen und Alligatorenfamilien, ineinander verschränkt, von ferne karstigen Klippen ähnelnd. Der Schlag der Ruder versprengte sie wimmelnd ins kreiselnde Wasser, Perlen schossen aus Luftminen auf und setzten sich zu weißen und rosigen Schaumaugen an. Zur Rechten und Linken, vorne und hinten hielt der Wald sein Schweigen, nur das Tropfen reifer Früchte und der drahtige Klang vom Fallen knusperiger abgestorbener Zweige störte das Brüten. Wo ein Ende schien, öffnete sich plötzlich die graue Laubwand auf lautlose Zauberformel hin, glitt im Vorschießen des Kahns täuschend wie Vorhänge zurück und gab ein neues Stück der Flußlandschaft blendend frei. Im Rücken schlugen die Ufer wie für immer zusammen, böse, erregt, anders, als wir sie fanden, verstört über die unheimliche Kraft: Mensch, die hier ihre gewohnte Glätte in schaudernde Vibrationen und alpschwer empfundene Störungen ihres Traumes brachte ...
Halt; was war das? Einen Augenblick lang rafften sich die eingeschläferten Geisteskräfte auf, die Lethargie platzte wie eine der Fruchtkapseln im brütendstillen Walde, sechs Sekunden lang fühlte ich mich so frisch und hell, als ginge ich auf dem Sonntagspflaster einer hübschen mitteleuropäischen Stadt und dächte einen unbekannten Gedanken. Ich hatte eine blitzartige vorüberhuschende Erkenntnis, eine Erinnerung wollte sich formen, ein paar Vorstellungen liefen vage zu einem Urteil zusammen ... und da wurde das weiße Licht des Tages grau vor Weiße, es türmte sich zu einer sinnlichen Mauer von Widerstand, an der das Denken zerbrach. Ich nahm mich in Zucht, quälte mich zu einer höchsten Verengung zusammen, aber die graue Masse meiner Gedanken, die sich der Monotonie der Außenwelt angeglichen zu haben schien, rührte sich nicht. Meine Spannung wurde weich, sie löste sich wieder in jene einförmige dicke Empfindung auf, in ein üppiges Dahinsein, eine gierige Benommenheit. Aber die Wollust der Öde war durch ein lauerndes Interesse getrübt. Ich konnte unter diesen Verhältnissen die angemessene Lebensfreude nicht mehr zurückgewinnen, inmitten des süßen Stumpfsinns quälte eine Plumpheit, ein Rest, eine unbequeme Originalität, am Grunde meines Bewußtseins hing ein Ballast und machte Schwierigkeiten. Der Gedanke, der meinen entwöhnten Kräften entglitt, bevor er unter dieser sengenden Hitze reif ward, er kam wieder, er machte sich lästig: plötzlich summten mir die Ohren von ihm, als hätte ihn einer ausgesprochen. Der Gedanke war: All dies hatte ich schon einmal erlebt. Diese milden müden Wasser hatten um mich gespült. Dieses scheinhafte Licht, diese Süße, diese Laune, dieses Dämmern im Unausgesprochenen war nicht neu, es traf auf Erinnerung im Menschen, es war eine – Wiederholung. Wo aber, wo hatte ich diesen Zustand der Tropen, diese Szene willenlosen Wachsens durchgemacht, wo, wo?
Es war heiß, ha, heiß, und der Fluß mochte vielleicht eben den Äquator schneiden; diese lächerliche Versicherung, lächerlich, weil ich sie mir geben mußte, durfte ich mir geben: daß ich hier noch nicht gewesen bin. Aber nun beginne ich zu zweifeln, ich lache dabei innerlich, aber ich beginne regelrecht zu zweifeln. Ob ich mich nicht vielleicht doch irre? Es ist mir nun einfach unmöglich, zu verzichten. Ich kann meinem Extragedanken nicht unrecht geben, ich bin bereits einmal unter sengenden brütenden lichtbeflissenen Umständen dagewesen. Dagewesen ... hm. Ich habe eine heftige aber umrißlose Erinnerung. Ja, ich bin hier Bürger, hier stehe ich und falle ich, ich brauche mir vom Bewußtsein nichts vorschreiben lassen. Donnerwetter, wie ist das nun, wenn, sagen wir, jemand verrückt ist? Ich bin ein wenig gelähmt vor Schreck, ich rühre mich nicht, um nicht an den drohenden Wahnsinn zu stoßen, es ist in diesem Augenblicke alles ungewiß und vielleicht bin ich gar nicht vorhanden. Vielleicht bin ich nur eine von den Flechten, die hier merkwürdig im Wasser rotieren, eine mit einem Gehirn, mit einem kranken bösen Gehirn ... Aber gleichzeitig reckt sich eine Art Schadenfreude in mir, hehe, ich bin tralalla, tralalla – – ffst – peinlich genug, ich glaube, nun habe ich wirklich gesungen, so geflötet à la süße Ophelia, hm, hm, hm, hm, – – eine sachte, aufrichtige Freude beherrscht mich. Ist es nicht unglaublich ... und ich bin doch dagewesen. Dagewesen, dagewesen – ich möchte es singen, ich möchte es kauen und essen vor Vergnügen. Dies alles sollte ich nicht kennen, diesen trägen Laß der Wasserpflanzen, die schwimmen, schaukeln und in dem Brudel vergehen möchten, alle diese fleischigen aufgelösten Körper von Blumen, Getieren und Wasserwesen, all dies Gelefze und dies Schlampampen, das so anschaulich ist, das ich mit der Haut erfasse, mit dem ganzen Leibe erlebe – dies alles sollte ich nicht kennen?
Vor Vergnügen lief es mir kalt über den Rücken. Mitten in dieser rasenden Sonnenglut? Hatte ich Fieber? Augenblicklich focht es mich nicht an. Die Hauptsache war, daß ich das Wiedersehen feierte. Dieses träge dumpfe Glück war mir ein alter lieber Freund, mir, der ich aus einer nervösen, in jeder Minute fatalen, aus einer so unbeschaulichen Stadt kam! Ich strengte meine Augen an, um die Bekanntschaft mit den Einzelheiten der Szenerie zu erneuern. Ich schaute und schaute den plötzlich vertrauten Dingen die Seele aus; aber leider wollte sich noch nichts Bestimmtes im Gedächtnis einstellen. Statt dessen bekamen die Konturen des Laubes rote Säume und die Luft begann wie ein überzartes Netz vor den Augen zu rieseln. Meine Gewaltsamkeit führte nur dazu, daß ich eine Art Spektrum in diese grellweiße Luft hineinsah.
Wie es dann endlich geschah, daß ich meinen Extragedanken vollerblüht zu Gesicht bekam, das entzieht sich beinahe meiner Kontrolle. Nachdem ich mich zwei Tage lang appetitlos durch diese Misere hindurchgeschleppt hatte, wurde die Geschichte auf eins, zwei, drei erledigt. Nach wie vor schlängelten wir uns den Fluß entlang, dessen Ufer, so unausgesprochen wie die eines Sumpfes, sich nie und niemals zu einer schönen Parallelität bequemen wollten. Aus dem Reich des Waldes gelockert, standen immer ein paar der Bäume im Wasser. Milde wie fließender Honig trieb die unmerkliche Strömung dazwischen hin, mehr eine Überschwemmung denn ein Flußbett. Immer noch barg die Tiefe ihre Rätsel, noch hatte ich mich nicht mit ihr ausgesöhnt. Inseln von Wasserlilien drehten sich um ihre Achsen, schoben dabei sich langsam fort, vielleicht in eine nahrhaftere Wassergegend, vielleicht in die Sonne, vielleicht in den Schatten, dann machten sie in ihrer weilsamen Drehung halt und begannen sich, wie von einer Feder getrieben, in der entgegengesetzten Richtung aufzurollen. Feiste Lianenarme halsten die überhängenden Bäume und nährten ein Gefolge von laszive blickenden Blüten. Orchideen spreizten ihre kleinen dicken Rüssel mitten durch die Laubknoten, saftig und geschwellt bogen sich die Schenkel ungewöhnlich geformter Blumen auf handgroße behaarte Blätter herab. Im Wasser trieb eine Welt des kleinen Grauens. Graugrüne Knorpel, wuchernde Blütennarben, Köpfe, die begonnen hatten sich zu spalten und aus deren klaffenden Hirnen es in winzigen spitzen Zungen starrte. Umgekrempelte Lappen, die sich faserten, Finger, zwischen denen Schwimmhäute wuchsen, regungslos lebende Leiber, Leiber von einem unheimlichen, unbeurteilbaren Leben, mit Spuren von Menschenähnlichkeit und Zügen, die nach Entwicklung drängten. Wie im Traume sah ich Dinge, die im Näherkommen...




