Müller / Suhner / Bils | Transformative Homiletik. Jenseits der Kanzel | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 3, 240 Seiten

Reihe: Interdisziplinäre Studien zur Transformation

Müller / Suhner / Bils Transformative Homiletik. Jenseits der Kanzel

(M)achtsam predigen in einer sich verändernden Welt

E-Book, Deutsch, Band 3, 240 Seiten

Reihe: Interdisziplinäre Studien zur Transformation

ISBN: 978-3-7615-6912-2
Verlag: Neukirchener
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Predigen ist in zutiefst wirkungsvoller, seelenvoller und sinnvoller Weise möglich. Vielerorts geschieht dies schon, auch jenseits der Kanzel, ohne als Predigt anerkannt zu sein. Die Autorinnen prüfen die unhinterfragten Machtansprüche einer frontalen Predigt und bieten alternative, feministische und postkoloniale Ansätze. Partizipation statt Kanzelmacht unterstützt durch die göttliche Geistkraft, die RUACH, wollen sie die Predigt transformieren in einer sich transformierende Welt.

Der dritte Band der Reihe 'Interdisziplinäre Studien zur Transformation" (IST)
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Die Anfänge der Kanzel als Ort öffentlicher Kommunikation Die christliche Predigtgeschichte begann, gemäß biblischer Erzählung, mit der Pfingstpredigt des Petrus vor Pilger:innen »aus allen Völkern unter dem Himmel« (Apg 2,5)1. Jene Predigt wird Petrus auf einem Platz in Jerusalem gehalten haben. Wann und wie aber kam die Kanzel als liturgischer Ort der Predigt ins Spiel? Die Geschichte der Kanzel als Predigtort beginnt lange vor dem ersten Aufbau einer Kanzel. Der Name »Kanzel« führt zurück in das 4. Jahrhundert, als zum ersten Mal von den sogenannten cancelli gepredigt wurde.2 Die cancelli waren kunstvoll verzierte Platten aus Holz, Stein, oder Metall, die in einer christlichen Basilika den Altarraum vom Gläubigenschiff abgrenzten. Diese Platten gaben der Kanzel aber nur den Namen. Historisch haben sie wenig mit der heutigen Kanzel zu tun. Lediglich die Funktion des Predigens verband sie. Wie also kam der Gedanke eines Predigtstuhls, einer Kanzel, eines Predigt-Rednerpodests für das Predigtgeschehen auf? Um in diesem Buch einmal im westlichen Kontext zu bleiben, beginnen wir mit einem kurzen Blick in die griechisch-römische Antike. Kathedra und Thron als Predigtorte Schon in der Urkirche verlangten die Theologie und das Verständnis des bischöflichen Amtes einen besonderen Predigtort: den Sitz des Bischofs. Der Predigtstuhl. Die Idee eines besonderen Stuhls für Predigt oder für Lehre: sie ist keine christliche. Dasselbe gilt für einen erhöhten Ort als Rednerpodest: Auch dies ist keine primär christliche Erfindung. Die Urkirche knüpfte hierfür an jüdische und antike Traditionen an: In jeder Synagoge gab es eine Stelle, von der aus der Rabbiner die Schrift deutete. Sie lag der hörenden Gemeinde gegenüber. Dort saßen die Rabbiner zur Predigt auf ihrem Lehrstuhl, der traditionell und rituell eine große Bedeutung besaß. Lehrstühle bzw. Kathedren waren die Ehrenplätze in der Synagoge, auf die sich die Schriftgelehrten drängten. Wer dort sitzen durfte, übernahm Aufgaben, die mit besonderen Ehren verbunden waren (vgl. Mt 23,6). Dabei wurde ein Stuhl immer hervorgehoben: der eigentliche Lehrstuhl, den die Jüd:innen vielfach mit der Kathedra des Mose identifizierten. Die »Kathedra des Mose« in der Synagoge bewahrte die Kontinuität der Lehre durch Jahrhunderte, und solange der Rabbiner mit ihr zu tun hatte, predigte er die Tora in der rechtmäßigen Nachfolge des Mose. Auf einer Kathedra war er eingesetzt worden. Es galt insofern als Axiom: »Wer amtlich lehrt, sitzt auf einem Sessel«.3 Dieser im Judentum übliche Brauch kennt Parallelen in der Antike. In jedem besseren Haus des Altertums standen Stühle für die Alten, die Frauen und die Gäste. Diesen Personen einen erhöhten Sitz zu geben, war eine Form der Höflichkeit. Und ebendiese Höflichkeit, Wertschätzung oder auch Ehrung fand Ausdruck in der Kathedra, die zum Symbol der Ehrung für die vor-sitzende Person und deren Machtautorität wurde: Könige oder Beamte be-setzten eine Kathedra für Regierungstätigkeit und Rechtsprechung. So ließ sich etwa der Staatsdiener Pontius Pilatus auf einem Stuhl nieder, damit er Jesus rechtskräftig verurteilen konnte (vgl. Joh 19,13). Auch zum Ausdruck von Lehrautorität wurde das Sitzen auf einer besonderen Kathedra üblich.4 Der Gedanke eines (manchmal erhöhten) Sitzens als Ausdruck besonderer Ehre oder Autorität trifft auf einen anderen Brauch: jenen des erhöhten Platzes für öffentliches Reden. Das altgriechische Wort bema (ß?µa) bedeutet »Podest« oder »Stufe«. Ein solches Podest wurde im antiken Griechenland und Rom für verschiedenste erhöhte Rednerpodeste verwendet. Auch in Synagogen kennt man die mit diesem Wort etymologisch zusammenhängende Bima oder Bimah, von wo aus die Tora-Lesung im jüdischen Gottesdienst erfolgt. Die Verwendung eines erhöhten Rednerpults ist also sowohl weltlich anzutreffen wie auch in verschiedenen Religionen bekannt. Diese verschiedenen jüdischen und antiken Traditionen kannte die Urkirche, übernahm deren Grundgedanke und weitete ihn aus. Für die Urkirche galt die Kathedra, der Bischofsstuhl, als Zeichen der apostolischen Lehrsukzession. »Viele Bischöfe behaupteten deshalb, auf der Kathedra eines Apostels zu sitzen. In ihr verkörperten sich die wahre apostolische Lehre und die Legitimation des predigenden Lehrers. So existieren die ›Kathedra des Petrus‹ oder die ›Kathedra des Jakobus‹, die ihren bischöflichen Be-sitzer als Nachfolger dieses Apostels auswiesen.«5 Auch für Augustinus gehörten Kathedra und Predigt untrennbar zusammen. »›Warum predige ich? Warum sitze ich hier auf der Kathedra? Wofür lebe ich?‹ […] Bei Augustinus fließt das Bewusstsein seines Bischofsamtes kräftig in seine Predigttheologie ein. Der locus superior – des höheren Ortes –, von dem herab er spricht, ist für ihn Symbol der vorgegebenen Kirchenstruktur, die es ihm zur Pflicht macht, seines Amtes zu walten.«6 Predigen verstand man damals als amtliches Sprechen. Nur der, der in der Reichskirche zum Bischof beamtet war, durfte offiziell die Lehre der Apostel verkünden. Sobald er auf seiner Kathedra saß, predigte er amtlich. In der Ostkirche verstärkte sich der Gedanke und die Gestalt der Ka­thedra: Sie steigerte sich zu einem Thron. Weil sich in Ostrom das bischöfliche Amt stärker als im Westen gefestigt hatte, konnte der Bischof als Zeichen seiner kirchlichen und staatlichen Autorität mehr als eine Kathedra – eben: einen Thron – beanspruchen. So sprach etwa Johannes Chrysostomos häufig von seinem »Thron« als Ausdruck seines bischöflichen Predigens: »Diesen Thron haben wir übernommen, von diesem Thron erheben wir unsere Stimme, seitdem Christus uns den Dienst der Versöhnung, nämlich die bischöfliche Würde, anvertraut hat.«7 Thron und Kathedra standen in den frühchristlichen Kirchen in der Apsis8, und sie knüpften so an das Vorbild der kaiserlichen Basilika an, in der die Apsis ebenfalls Ort für den Kaiserthron gewesen war. Als die Raumaufteilung einer christlichen Basilika Ende des 4. Jh. feststand, blieb die Apsis die Stelle, die für die Kathedra bzw. den Thron reserviert wurde. Weil die Gotteshäuser immer größer wurden, bekamen die Prediger aber akustische Schwierigkeiten. Die Kathedra als Predigtstuhl war zu weit von den Zuhörer:innen entfernt. Deshalb schuf man tragbare Amtssessel für die Bischöfe. In Quellen sind viele hölzerne Lehrstühle bezeugt, die man leicht von Ort zu Ort im Kirchenraum tragen konnte. »Möglicherweise können wir aus dieser veritablen Stellung der Kathedra schließen, daß der Bischof bei offiziellen richterlichen und Vorsitzer-Funktionen (wie bei der Entscheidung über die Taufzulassung) in der Apsis saß, beim Lehren jedoch seinen Sitz nahe ans Volk heran oder gar in dessen Mitte rückte«.9 Als Stuhl blieb aber auch die tragbare Kathedra das Symbol der legitimen und autoritativen Lehre des Bischofs. Überall, wo die Kathedra stand, besaß der Bischof seine Leitungsmacht und sein Predigtrecht. Erst als man die Kathedra räumlich näher an die cancelli rückte, entstand der Begriff »Kanzel«. Ambo und Lettner als Predigtort Als Alternative zur Predigt von der Kathedra aus wurde manchmal vom sogenannten Ambo aus gepredigt. Ambonen entstanden in der Mitte des 4. Jahrhunderts, wohl als eine Folge des regen Kirchenbaus, und waren erhöhte Podeste zwischen Gemeinde- und Altarraum. Primär verwendet wurden sie für die gottesdienstlichen Lesungen. Ein erhöhtes Podest – Bima – wurde, wie erwähnt, bereits im Judentum zur Verlesung von Gesetz und Propheten verwendet. Auch in heidnischen Kontexten waren solche Podeste bekannt, etwa im ägyptischen Isiskult.10 Das Wort »Ambo« ist griechisch und leitet sich ab vom Verb »hinaufsteigen«. Die Etymologie verdeutlicht die podestartige Erhöhung des Ambos, zu dem jeweils hinaufgestiegen wurde und wird. Diese Erhöhung trug und trägt dem Bemühen Rechnung, das Vorlesen der Heiligen Schrift ehrenvoll zu gestalten. Der Ambo stand auch den nichtbischöflichen Predigern offen: Hier lasen auch Diakone und Lektoren vor. So gesehen ist der Ambo Symbol für den Rang seines Benutzers innerhalb der kirchlichen Hierarchie: Auf dem Ambo standen meist Kleriker, aber nicht Bischöfe. Allerdings: Die räumliche Nähe des Ambos zur feiernden Gemeinde hatte deutliche akustische Vorteile für die Zuhörenden. Allmählich wurde der Ambo deshalb mancherorts auch für die Predigt genutzt: Nachweislich haben als erste Gregor von Nazianz und Johannes Chrysostomos vom Ambo aus gepredigt, »obwohl« sie Bischöfe waren und auch die Kathedra benutzen durften.11 Insgesamt war der Ambo eine stärker in Südeuropa und im Byzantinischen Reich bekannter Ort für Lesungen und eben manchmal für Predigten. Im Norden Europas hingegen wurden für Lesungen zuweilen sogenannte »Lettner« gebaut – vom lateinischen Wort »lectorium«: ein Pult, auf dem das »lectionarium«, das Lesungsbuch, lag.12 Erhöhung und Höherstellung Ungefähr ab dem 4. Jh. entwickelte sich also in verschiedenen Kirchen allmählich ein eigener liturgischer Mittelpunkt, von dem aus gepredigt wurde. Häufig predigten die frühen Bischöfe auch noch von ihrem Stuhl in der Apsis...


Müller, Sabrina
Prof. Dr. Sabrina Müller, geb. 1980, ist Professorin für Praktische Theologie an der Universität Bonn mit Schwerpunkt auf digitalen, postkolonialen und feministischen Theologien sowie kirchlicher Innovation.

Künkler, Tobias
Prof. Dr. Tobias Künkler, ist Professor für Interdisziplinäre Grundlagen Sozialer Arbeit an der CVJM- Hochschule in Kassel. Gemeinsam mit Tobias Faix leitet er das Forschungsinstitut empirica für Jugend, Kultur und Religion sowie den Masterstudiengang "Transformationsstudien: Öffentliche Theologie und Soziale Arbeit".

Suhner, Jasmine
Dr. theol. Jasmine Suhner, geb. 1984, ist Religionspädagogin und Postdoktorandin im Universitären Forschungsschwerpunkt (UFSP) Digital Religion(s), sowie Dozentin für Religionspädagogik an der Universität Luzern. Sie hat zudem mehrere Jahre Musik studiert und als Tänzerin gearbeitet.

Faix, Tobias
Prof. Dr. Tobias Faix, geb. 1969, ist Rektor an der CVJM-Hochschule in Kassel und lehrt dort Praktische Theologie und Ethik. Gemeinsam mit Tobias Künkler leitet er den Masterstudiengang "Transformationsstudien: Öffentliche Theologie und Soziale Arbeit" sowie das Forschungsinstitut empirica für Jugend, Kultur und Religion. Er studierte in Deutschland, in den USA und Südafrika Theologie und war Pastor im Schwarzwald. Er ist Mitglied der Landessynode der EKKW und dem Kammernetzwerk der EKD.

Bils, Sandra
Sandra Bils, geb. 1977, ist Referentin für strategisch-innovative Transformationsprozesse bei midi - Evangelische Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung in Berlin tätig. Außerdem hat sie an der CVJM-Hochschule Kassel eine Honorarprofessur für missionarische Kirchenentwicklung inne.

Dietz, Thorsten
Prof. Dr. Thorsten Dietz, geb. 1971, ist Professor für Systematische Theologie an der Ev. Hochschule Tabor und Privatdozent an der Universität Marburg.

Müller, Sabrina
Prof. Dr. Sabrina Müller, geb. 1980, ist Professorin für Praktische Theologie an der Universität Bonn mit Schwerpunkt auf digitalen, postkolonialen und feministischen Theologien sowie kirchlicher Innovation.


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