E-Book, Deutsch, 396 Seiten
Müller Odyssee eines Unvernünftigen
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-95765-830-2
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 396 Seiten
ISBN: 978-3-95765-830-2
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ray Müller studierte Anglistik, Romanistik und Film in München, London und Montpellier. Er arbeitet als Regisseur und Autor (Drehbücher, Romane). Seine Arbeit wurde mit zahlreichen internationalen Filmpreisen ausgezeichnet. Er lebt im Süden von München. Weitere Informationen: www.ray-mueller.com
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22
Ich gehe weiter. Beim Springbrunnen vor der Universität bleibe ich stehen. Nicht, um charmante Studentinnen zu erspähen, sondern um endlich anderen Gedanken eine Chance zu geben. Gewisse Erinnerungen zu sehr in Kopf und Seele wuchern zu lassen, kann ungesund sein. Ich setze mich auf die Steinstufen und werfe einen Blick auf die beiden Bücher, die ich eben erworben habe. Eines heißt »Wege zur Emanzipation des Geistes«. Die hätte ich durchaus nötig.
Der andere Text stammt von einer tibetanischen Nonne: »Sei dir selbst eine Insel«. Das versuche ich bereits seit Längerem. Doch verloren im Meer der Zeit, muss ich diese Insel erst noch finden. Nonnen interessieren mich normalerweise weniger, doch buddhistischen Lehren gegenüber spüre ich in meinem Inneren eine geheimnisvolle Resonanz.
Die grauen Wolken über mir haben sich verdichtet. Es fängt an zu regnen. Ich stehe auf und gehe vor zu Schellingstraße. Dort flüchte ich mich in eines dieser Segafredo-Cafés mit dem Charme einer Eisdiele. Im Eck sitzt eine dunkelhaarige Frau, sie liest. Die enge schwarze Lederhose betont ihren schlanken Körper. Eine Sonnenbrille verbirgt die Augen, Haarsträhnen verdecken den mir zugewandten Teil des Gesichts. Ich beuge mich vor und versuche den Titel ihres Buchs zu erspähen, diskret, denn das Mädchen hinter der Theke beobachtet mich. Als die Leserin ihre Haltung etwas verändert, wird mein Blick fündig. Coco Chanel. Kein Fall für mich.
Ich setze mich an einen Tisch im Eck. Hätte ich ein Notizbuch mitgenommen, könnte ich versuchen, meiner brachliegenden Fantasie eine Chance zu geben.
Vielleicht fühlt sie sich hier wohler als in den psychisch abgenutzten Räumen zu Hause. Wo soll ich beginnen? Die Auflösung meiner gewohnten Identität hat Ursachen, die mir nicht unbekannt sind.
Eine seit Jahren nicht abgerufene Kreativität, die damit verbundene gesellschaftliche Isolation und ein lächerliches Singledasein haben in geschickter Kombination den Absturz eingeleitet. Doch diese banale Erkenntnis ist keine Leiter, an der man wieder hochklettern könnte. Manchmal versuche ich mich zu überlisten, indem ich als Sprossen Texte schreibe, nicht immer gelingt es.
Die lesende Dame wirft mir einen kühlen Blick zu. Soll er mich motivieren? Ich gehe zur Theke und leihe mir einen Kugelschreiber. Aber worauf soll ich schreiben? Ich versuche es mit einer Serviette, doch die ist zu weich und wirft Falten. Doch ich habe ja die Bücher. Am Ende enthalten sie meist eine leere Seite. Warum also dem bereits Gedrucktem nicht etwas Neues hinzufügen?
Ich wähle die Insel, die ich sein soll, aber bisher nicht gefunden habe.
Ratten im Gehirn
Auf der Flucht
die Gedanken.
Doch wo sollen sie hin?
Der Schädel
von innen abgenagt
bleibt ihr namenloser Kerker.
Woher kommen sie?
Welcher unsichtbare Vulkan
spuckt sie aus?
Ungefragt, ungewollt.
Manche verstören sogar die Ratten,
deren Zähne mein Hirn verstümmeln,
die mein Ich verschlingen,
das angeblich nicht existiert
und jetzt dennoch
vor Schmerz laut aufschreit.
Während ich lese, was meine Finger aufs Papier gebracht haben, hellt sich meine Stimmung auf. Ein kreativer Akt, immerhin, wenn auch nur im Bonsaiformat. Zur Belohnung bestelle ich mir einen Likör, ausnahmsweise. Dann blättere ich noch kurz in der Insel der Nonne, stelle aber schnell fest, für Seelentherapie bin ich heute nicht empfänglich. Ich nippe an meinem Amaretto. Der süßliche und zugleich zart-feurige Geschmack beflügelt meine Synapsen. Ich denke an Ana, das Geschenk der Götter. Als ich Ana kennenlernte, war ich noch nicht X.
Ana kam aus Macao. Ein Wort, dessen Klang in mir schon immer wilde Fantasien entzündet hat. Schuld an unserer Begegnung war ein Buch. Nicht eines, das ich las, sondern sie. Und wie so oft ereilte mich die Gnade des Schicksals in einem Moment, in dem ich auf keinen Fall mit Gnade gerechnet hatte. Es war einer dieser Zufälle im Leben, der einem den Glauben an Zufälle schwer macht.
Ich traf Ana auf einer Insel der Philippinen. Im Grunde aber begann die Geschichte schon vorher, in einem chinesischen Hotel. Dort erlebte ich die Kehrseite der Lust, wie damals in Singapur.
Sie machte mich empfangsbereit für das Wunder aus Macao.
23
Hongkong. Es war heiß und laut. Ich stand am Ufer und blickte hinaus auf das Gewimmel der Boote, die sich vor der Skyline der Bürotürme kreuzten. Die emsige Geschäftigkeit, die über dieser Stadt lag, machte mich nervös. Doch dafür gab es keinen Grund, ich war Gast des Internationalen Filmfestivals. Unter Festivals stellen sich die meisten Leute etwas vor, das es nicht gibt, schon gar nicht in Hongkong, jedenfalls nicht offiziell: Champagner, Partys, exquisite Frauen. Wilde Nächte und hektische Tage. Nichts davon.
Der aufregendste Tag war der, an dem mich eine chinesische Journalistin zum Essen eingeladen hatte. Sie wollte ein Interview mit mir machen. Wir waren vor dem damals noch modernistischen Gebäude der Bank of China verabredet, einem ungewöhnlichen Wolkenkratzer, der ins Gerede kam, weil seine Planer den klassischen Feng-Shui-Kriterien nicht genügend Beachtung geschenkt hatten. Und jetzt steht er trotzdem und die Kritiker wundern sich.
Die Begegnung mit der Journalistin begann unter ungünstigem Vorzeichen. Weil ich etwas verspätet war, nahm ich für die Fahrt von Kowloon zur Insel Hongkong ein Taxi und nicht, wie sonst, die Fähre. Ein Fehler, wie sich herausstellte, denn ich musste dringend auf die Toilette, stand also unter erheblichem Druck. Deshalb ermahnte ich den Taxifahrer auch gleich zur Eile, wichtige Termine würden auf mich warten. Dies beeindruckte ihn wenig, in Hongkong hatte jeder ständig wichtige Termine. Und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Was sollte es auch anderes tun?
Kaum fahren wir in den kilometerlangen Tunnel, der unter der Meeresoberfläche zur Insel führt, geraten wir in einen Megastau. Ich sitze in der Falle. Auf der achtspurigen Autobahn ist das Taxi buchstäblich eingeklemmt, die Limousinen stehen so dicht aneinander, dass ich die Seitentür nicht einmal einen Spalt hätte öffnen können. Um mich zu entleeren?
Die Idee hat etwas Anarchistisches, deshalb gefällt sie mir: Ich würde aussteigen und dann unter den Augen der in der Zeit gefangenen Businessmillionäre auf die blank polierte Felge des neben uns wartenden Rolls Royce urinieren. Langsam würde sich auf dem Rücksitz der Limousine die Zeitung senken, ein Anzug mit Gesicht käme zum Vorschein, der ungläubige Blick eines chinesischen Bankers würde mich treffen. Oder die Faust seines Chauffeurs, Kung-Fu ist in China ein Volkssport.
Ich blicke hinaus auf die endlosen Reihen stehender Fahrzeuge. Kein Wagen in der Lichterkette bewegt sich, keiner der Fahrer bewegt sich, auch meiner nicht. Aus dem Lautsprecher säuselt chinesische Musik. Meine Blase steht vor dem Bersten. Nach einer qualvollen Ewigkeit dreht sich der Fahrer um und bietet mir eine Zigarette an. Auch wenn er wie eine Statue dasitzt, ist ihm vielleicht nicht entgangen, wie unruhig ich auf der Rückbank hin und her rutsche und das gequälte Organ zwischen meinen Beinen massiere. Wahrscheinlich interpretiert er mein Verhalten als Entzugserscheinung. Dabei waren Drogen nie mein Problem. Andere Dinge schon. Gewisse Bedürfnisse meines Körpers beanspruchen eine unzumutbare Dringlichkeit. Gerade heute, gerade jetzt. Ich bin ein Gefangener der Zeit, sie weigert sich, zu vergehen.
Nach einer weiteren Ewigkeit, die ich mit rasendem Puls und fiebrigem Zittern durchleide, geht es weiter. Die Blechlawine beginnt sich zu bewegen, wälzt sich vorwärts, in Zeitlupe. Doch der Tunnel ist lang. An diesem Tag der längste der Welt. Ich schließe die Augen. Kann man absichtlich bewusstlos werden?
Endlich, ein Lichtschein, weit entfernt. Das Ende der Betonröhre.
Ich schraube meinen Körper wieder in eine halbwegs gerade Haltung, den gepressten Lippen entweicht ein Stöhnen. Ich zittere, das Duell mit meinem Schließmuskel hat mir die letzten Kräfte geraubt. Als wir ins Freie rollen und auf den kühl glitzernden Koloss der Bank zufahren, steht mein Organismus vor der Explosion.
»Stop.« Mein Befehl ist kurz und hart. Ich werfe dem Fahrer einen Schein zu und springe aus dem Wagen: Auf der anderen Seite der Schnellstraße habe ich einen Coffeeshop entdeckt, die Rettung vor dem Exitus. Im Laufschritt stürze ich mich in den fließenden Verkehr. Kreischende Bremsen und erbostes Hupen begleiten mich. Der Taxifahrer sieht mir stoisch nach. Das abartige Verhalten westlicher Langnasen gibt ihm wieder einmal Rätsel auf.
Nach diesem sehr privaten Drama, das der Dame, die ich treffen soll, nicht entgangen ist, kann ich sie endlich begrüßen. Die Journalistin lächelt ein freundliches Businesslächeln, dann schreitet sie zügig voran. Wohin sie mit mir will, weiß ich nicht. Ob sie ebenfalls dringend zur Toilette muss, weiß ich auch nicht. Nachdem wir uns eine Weile durch die Passanten gedrängelt haben, erfahre ich das Motiv der Eile.
Die Dame sucht nach einem Restaurant, in dem es Dim Sum gibt, angeblich eine köstliche Spezialität. Zur Mittagszeit in Hongkong in den zahllosen Imbissstuben einen freien Platz finden, ist nicht leicht. Doch im Vergleich zu dem, was ich vorher erlitten habe, war unsere rastlose Suche ein entspannter Spaziergang. Das sagenumwobene Gericht entpuppt sich allerdings als Knödel. Ohne würzige Soßen wäre er ein eigenschaftsloser Fremdkörper auf dem Teller geblieben. Wie später das Mädchen auf meinem...




