E-Book, Deutsch, 248 Seiten
Müller Die vierte Frau
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7583-8018-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Wien-Krimi
E-Book, Deutsch, 248 Seiten
ISBN: 978-3-7583-8018-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bianca erwacht in einem fremden Bett, einer unbekannten Wohnung und ohne Erinnerungen. Sie weiß nur, dass sie von einem Mann hierhergebracht und missbraucht worden ist. Bianca flieht in die Innenstadt von Wien, wo sie die Bar wiedererkennt, in der sie die schicksalhafte Begegnung mit ihrem Peiniger Georg hatte. Auf der Suche nach ihrer eigenen, verworrenen Vergangenheit stellt Bianca fest, dass es noch andere weibliche Opfer gibt; und sie beschließt, Beweise zu sammeln, um Georg ein für alle Mal das Handwerk zu legen. Doch bald wird die Jägerin zur Gejagten, als Georg begreift, dass ihm jemand auf der Spur ist - und er ebenso raffiniert wie unerwartet zurückschlägt ...
Der Autor schreibt seit seiner Jugend Kurzgeschichten und Romane in den Genres Thriller, Fantastik, Sci-Fi und Satire. Daneben ist er in den kreativen Bereichen Gesang, Film und Fotografie aktiv. Sein Lebenselixier braut er aus täglichem Sport, der Natur, seinen Träumen, Familienleben und Sonnenlicht. Hauptberuflich arbeitet er als Waldbrandforscher an der Universität für Bodenkultur in Wien. Der Künstler ist Preisträger des Hamburger Schloss-Schreiber-Stipendiums. Sein Kitzbühel-Thriller KABINE 14 wurde für den Friedrich-Glauser-Preis, Sparte Debütroman, nominiert.
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1. fremd Etwas ist nicht so, wie es sein sollte. Sie spürt es, sobald sie die Augen aufschlägt, kann ihre Empfindung aber nicht benennen. Sie zwinkert. Einmal. Zweimal. Denk nach, Bianca, erklingt es in ihrem Geist. Orientiere dich, überlege, entscheide und handle! Sie liegt auf dem Rücken, starrt auf einen hellen Plafond mit einer kreisrunden, abgeschalteten Deckenleuchte. Unter sich spürt sie etwas Weiches, vermutlich eine Matratze. Nicht weit entfernt erklingt Vogelgezwitscher. Vielleicht eine Nachtigall. Bianca wendet das Gesicht zur Seite. Es knistert leise unter ihren brustlangen blonden Haaren. Sie sieht eine weiße Fläche vor sich; eine weiß verputzte Innenmauer. Es ist keine gewöhnliche Wandfarbe. Sie wirkt rau und fleckig, strahlt Tiefe und unnahbare Kälte aus, könnte ebenso eine Mauer aus Schnee sein. Ein Kalkanstrich, denkt Bianca. Ungewöhnlich. Der Überzug des Kissens ist weich und flauschig. Ein angenehmer Duft entweicht dem Baumwollstoff. Sie mag den Geruch – frisches Heu, gemischt mit Bergluft und Lavendel. Seit wann verwendet sie dieses Parfum? Ist es überhaupt ein Parfum? Womöglich ihr eigener Schweiß oder der Duft des Waschmittels? Es fällt ihr schwer, den Geruch einzuordnen, denn da ist noch die Nuance von etwas anderem. Eine herbe, scharfe Ausdünstung, die in ihr ein Gefühl von Abscheu weckt. Bianca dreht den Kopf auf die andere Seite. Das dünne Laken hat sich aufgewölbt. Sie zieht ihre Hand aus der Tiefe der wohligen Bettwärme hervor, drückt das Leintuch glatt. Das Zimmer ist hell. Sonnenlicht strömt durch eine Glasfront ein paar Meter entfernt. Ein ausgedehnter Raum, sicher mehr als dreißig Quadratmeter, doch arm an Interieur. Ein moderner Schreibtisch mit Bürostuhl in der Ecke. Ein Bücherschrank fast ohne Bücher. Ein Ellipsentrainer mitten im Zimmer, ein Handtuch quer über die Haltegriffe geworfen. Die Wände des Zimmers sind kahl, nur an einer Stelle hängt ein gemaltes Stillleben, das eine Vase mit Blumen vor einem geöffneten Fenster zeigt. Bianca kennt diesen Raum nicht, hat ihn noch nie gesehen. Das Bett, in dem sie liegt, der Schlafbereich mit einem Wandschrank und das weiß gestrichene Nachtkästchen werden durch eine schiebbare Wand abgegrenzt. Diese steht zur Gänze offen. Dazwischen liegen Socken am Boden. Meine Socken, denkt Bianca. Sie stemmt sich im Bett hoch, fühlt, dass sie kein einziges Kleidungsstück am Leib trägt. Dort liegen nicht nur Socken. Blaue Jeans. Eine Bluse. Ein rotes Spitzenhöschen. Mein Höschen? Sie weiß es nicht. Aber ihr kommt ein Verdacht. Biancas rechte Hand wandert zwischen ihre Beine. Was sie fühlt, lässt sie zurückschrecken. Blut, denkt sie, als ihre Finger zum Vorschein kommen. Aber es ist nicht nur Blut. Da ist noch etwas anderes, dickflüssig und klebrig, gelblich weiß, wie alte Sahne. Biancas Finger zittern. Hastig wischt sie das intime Gemisch ins Laken. Ein Bad. Ich brauche ein Bad. Sie rutscht zur Bettkante, setzt ihre Füße auf den hellen Parkettboden. Ihre Fußsohlen kribbeln, als stehe sie auf einem Ameisenhaufen. Das Gefühl macht ihr Angst, doch sie weiß nicht wieso. Genau genommen weiß sie fast gar nichts. Bianca legt die Handflächen auf ihre Oberschenkel, schließt die Augen und atmet tief durch. Ihr fällt auf, dass der Vogelgesang verstummt ist. Dafür erklingt von irgendwoher leise klassische Musik. Weshalb kann ich mich an nichts erinnern?, denkt sie. Was ist das für eine Wohnung – meine eigene? Ihre Empfindung sagt nein. Was tue ich dann hier? Bianca erhebt sich. Prompt erfasst sie ein Gefühl von Schwindel. Sie lässt sich zurücksinken, krallt ihre Finger in das Bettlaken. Zum Schwindel gesellen sich Übelkeit und ein unangenehmes Pochen hinter ihren Schläfen. Biancas Zunge fühlt sich pelzig an. Ein bitterer, undefinierbarer Geschmack, als sie ein paar Kaubewegungen macht. Bin ich gestern ausgegangen?, denkt sie. Habe ich zu viel getrunken? Wie spät ist es überhaupt? Ihr Blick fällt auf das Nachtkästchen neben dem Bett. Eine kleine Orchidee mit blaugelben Blüten leuchtet ihr entgegen. Auf der Ablagefläche liegt ein Smartphone. Mein Handy. Bianca greift danach. 10:15 – Samstag, 15. November, behauptet die Anzeige am Display. Der Bildschirm zeigt das Symbol für neue Whatsapp-Nachrichten. Sie tippt auf die kühle Glasoberfläche. PIN eingeben. Kalt, beinahe höhnisch steht es da. Biancas Daumen wandert über die Zahlen. Ich weiß es. Ich muss es wissen! Sie tippt: 9 – 3 – 5, und fügt nach kurzem Zögern eine 0 hinzu. PIN-Eingabe ungültig. Biancas Hand beginnt erneut zu zittern. Hastig legt sie das Smartphone beiseite. Ein Schritt nach dem anderen. Zuerst ins Bad. Bianca fokussiert sich auf ihre Atemzüge. Tief lässt sie die Luft in ihre Lungen strömen, stößt sie mit einem tonlosen Fauchen wieder aus, verfährt auf diese Weise noch mehrere Male. Dabei bemüht sie sich, die pochenden, aber allmählich abnehmenden Schmerzen in ihrem Schädel zu ignorieren. Diesmal steht die langsam auf, Zentimeter für Zentimeter, bis sie die Knie durchgestreckt hat. Der Schwindel ist noch da, aber nicht so schlimm wie zuvor. Bianca versucht einen Schritt; kein Problem. Noch einen; sie schwankt, aber weigert sich, die Schiebewand zu ergreifen. Ein paar weitere, zaghafte Schritte, dann steht sie direkt an der Fensterfront und blickt nach draußen. Das Sonnenlicht wirkt unnatürlich grell, sticht in ihren Augen. Ein blitzblauer Himmel mit ein paar weißen Schönwetterwolken, die rasch über das Firmament ziehen. Postfrontale Kaltluftwetterlage. Was habe ich gerade gedacht? Woher weiß ich das? Hör mit diesen dämlichen Fragen auf, rügt sie sich selbst. Orientiere dich, überlege, entscheide und handle! Vor dem Fenster die kahlen Zweige eines Baumes. Dahinter die Silhouette einer Stadt; einer großen Stadt. Schwarze und rote Dächer, Anbauten, Schornsteine, Balkone und Dachterrassen. Ein gelbgrauer Kirchturm überragt seine Umgebung, reich an Giebeln, Verzierungen und spitzen Fortsätzen. Ein unansehnlicher Dorn, der dennoch eine seltsame Erhabenheit ausstrahlt. Ich weiß, wie diese Kirche heißt, denkt Bianca, aber es will ihr nicht einfallen. Ein Knacken hinter ihr, kaum lauter als eine fallende Stecknadel. Bianca fährt herum, hebt die Arme abwehrend vor ihren nackten Oberkörper. Die hastige Bewegung treibt Schwindel und Übelkeit empor, für einen Moment flackert ihr Sichtfeld. Sie möchte die Augen schließen, doch reißt sie nur noch weiter auf. Niemand zu sehen, keine Regung auszumachen. Da ist nichts, drängt es in ihren aufgewühlten Geist. Nur das Knistern der Bodendielen. Bianca setzt sich in Bewegung. Sie durchschreitet das Wohnzimmer, marschiert rechts an dem offenen Schlafzimmer vorbei, betritt eine Küchenzeile. Im Spülbecken steht ein mit Wasser gefüllter Topf. Daneben zwei gebrauchte Teller mit Besteck, Tassen, eine Schüssel mit undefinierbaren Essensresten. Zwei Äpfel und eine Banane auf der Anrichte. Der Rest eines Brotes und ein angebissenes, mit gehobelten Mandeln bestreutes Briochekipferl. Ein Bild blitzt in Biancas Bewusstsein auf. Eine breite Nase mit bebenden Nasenflügeln. Feine Krümel, die aus einem kauenden Mund zu Boden rieseln; ein Mund, der von einem Dreitagebart umrahmt wird. Das Bild verschwindet so rasch, wie es gekommen ist. Bianca geht weiter den Gang entlang, erblickt an seinem Ende die Wohnungstür. Links davor die Eingänge zu zwei weiteren Räumen. Sie öffnet die erste Tür, schaltet das Licht ein, findet sich in einem Badezimmer wieder. Vor ihrem inneren Auge eine weitere Szenerie. Eine nackte, unbekannte Männergestalt, den Rücken ihr zugewandt. Der Fremde beugt sich über das Waschbecken, Seifenschaum auf Kinn und Wangen. Er dreht ihr sein Gesicht zu, doch kein Antlitz ist zu erkennen; eine leere, augenlose Fläche mit einem schwarzen Loch an jener Stelle, an der ein Mund sein sollte. Die Eingebung verblasst wie die vorherige. Bianca senkt den Kopf und massiert ihre Stirn. Was geschieht mit mir? Verliere ich den Verstand? Tust du nicht, entgegnet eine Stimme in ihrem Bewusstsein. Bald wird alles einen Sinn ergeben. Ein Schritt nach dem anderen. Stimmt. Das Bad. Bianca hebt den Kopf, erblickt eine Duschkabine und daneben eine Toilettenschüssel. Erst jetzt merkt sie, dass ihre Harnblase randvoll sein muss. Eilig nimmt sie Platz, entspannt ihr Muskeln und lauscht mit milder Belustigung dem Plätschern des Wasserstrahls. Klingt wie damals die Quelle bei der Wanderung in den Ötschergräben. Ötschergräben? Bianca kratzt sich am Kinn. Ist das eine Schlucht? Sie erhebt sich, betätigt die Toilettenspülung. Auch dieses gurgelnde...




