E-Book, Deutsch, 261 Seiten
Müller Die Bernsteinhexe
2. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8190-4536-3
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der interessanteste aller bisher bekannten Hexenprozesse, nach einer defecten Handschrift ihres Vaters, des Pfarrers Abraham Schweidler in Coserow auf Usedom.
E-Book, Deutsch, 261 Seiten
ISBN: 978-3-8190-4536-3
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Anna Müller ist ist eine versierte eBook Autorin
Autoren/Hrsg.
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Q. Wiltu noch immer leugnen? Ehre Abraham wie verstockt ist sein Kind! – Schaue denn her, ist das keine Hexensalbe 12 so der Büttel diese Nacht aus deinem
Koffer gehohlet? Ist das keine Hexensalbe, he?
R. Wäre nur eine Salbe vor die Haut, so darnach fein weiß und weich werden sölle, wie der Apotheker in Wolgast ihr gesaget, bei dem sie solche gekaufet.
Q. Hierauf fuhr er kopfschüttelnd fort: Was? Wiltu denn auch endlich noch leugnen, daß du diesen verschienen Sonnabend den 10ten July, Nachts umb 12
Uhrenden Teufel deinen Buhlen auf dem Streckelberg mit gräulichen Worten angerufen, er dir darauf als ein großer und haarigter Riese erschienen und dich umbhalset hab, und geherzet?
Bei diesen Worten wurd sie blasser denn ein Leich, und fing an also heftig zu wanken, daß sie sich an einen Stuhl halten mußte. Als ich elender Mensch, der ich wohl vor sie mich in den Tod geschworen, solches sah und hörete, vergingen mir die Sinnen, also daß ich von der Bank stürzete und Dn. Consul den Büttel wieder hereinrufen mußte, umb mir aufzuhelfen.
Als ich mich in etwas wieder vermündert 13 und der dreuste Kerl unsere gemeine Verstürzung sahe, schrie er greinende das Gericht an: Ist't rut, ist't rut, hett se gebichtet 14 ? worauf Dn. Consul ihme abermals die Thüre wies mit vielen Scheltworten, wie man sich selbsten abnehmen kann, und will dieser Bub genug dem Amtshaubtmann immer die Vetteln zugeführet haben, wie es heißt, denn sonsten achte ich, wär er nicht so dreust gewesen.
Summa: ich wäre fast umbkommen in meim Elend, wenn ich nicht das Röslein gehabt, so mit des barmherzigen Gotts Hülf mich wacker hielt, als nunmehro das ganze Gericht aufsprange, und mein
hinfällig Kind bei dem lebendigen Gott und ihrer Seelen Seligkeit beschwore, nit ferner zu leugnen, sondern sich über sich selbsten, wie über ihren Vater zu erbarmen, und die Wahrheit zu bekennen.
Hierauf thät sie einen großen Seufzer, und so blaß sie gewesen, so roth wurde sie, inmaßen selbsten ihre Hand auf dem Stuhl wie ein Scharlaken anzusehen war, und sie die Augen nit von dem Boden hube.
R. Sie wölle auch jetzunder die reine Wahrheit bekennen, da sie wohl sähe, daß böse Leute sie des Nachts beschlichen. Sie hätte Birnstein vom Berge gehohlt, und bei der Arbeit nach ihrer Weiß, und umb sich das Grauen zu vertreiben, das lateinische Carmen gerecitiret, so ihr Vater auf den durchlauchtigsten König Gustavum Adolphum gesetzet, als der junge Rüdiger von Nienkerken der oftermalen in ihres Vaters Haus gekommen und ihr von Liebe vorgesaget, aus dem Busch getreten wäre, und da sie für Furcht aufgeschrieen, sie auf lateinisch angeredet und in seinen Arm genommen.
Selbiger hätte einen großen Wulfspelz angehabt, damit die Leute ihn nit erkennen möchten, so sie ihme etwan begegneten und es seinem Herrn Vater wieder verzählen, daß er des Nachts auf dem Berg gewest.
Auf solch ihr Bekenntnüß wollte ich schier verzweiflen und schriee für Zorn: o du gottlos ungehorsamb Kind, also hastu doch einen Buhlen? Habe ich dir nicht verbotten des Nachts auf den Berg zu steigen? was hastu des Nachts auf den Berg zu thun? und hub an also zu klagen und zu winseln und meine Hände zu ringen, daß es Dn. Consulem selbsten erbarmete, und er näher trat, umb mir Trost einzusprechen.
Hierzwischen aber trat sie auch selbsten heran und hub an mit vielen Thränen sich zu vertheidigen: daß sie wider mein Verbot des Nachts auf den Berg gestiegen, umb so viel Birnstein zu gewinnen, daß sie mir heimblich zu meinem Geburtstag die Opera Sancti Augustini so der Cantor in Wolgast verkaufen wölle anschaffen müge.
Und könne sie nicht davor, daß der Junker ihr eines Nachts aufgelauert, doch schwöre sie mir bei dem lebendigen Gott, daß dorten nichts Ungebührliches fürgefallen, und sie annoch eine reine Jungfer sei.
Und hiemit wurde nunmehro das erste Verhör beschlossen denn nachdem Dn. Consul denen Schöppen etwas ins Ohr gemürmelt, rief er den Büttel wieder herein, und befahle ihm: auf Ream ein gut Augenmerk zu haben, item sie nunmehro nit mehr los im Gefängnüß zu belassen sondern anzuschließen. Solches Wort stach mir abermals durch mein Herze, und beschwur ich Se. Edlen angesehen meines Standes und meiner altadlichen Abkunft, mir nicht solchen Schimpf anzuthun und mein Töchterlein schließen zu lassen. Ich wölle mich vor Eim achtbaren Gericht mit meinem Kopf verbürgen daß sie nit entrinnen würde worauf Dn. Consul, nachdem er hinausgangen und sich die Gefängnüß angesehen, mir auch willfährig war, und dem Büttel befahl es mit ihr zu lassen, wie zeithero.
Fußnoten
1 oder Usedom, ein Städtchen, von dem die ganze Insel den Namen führt.
2 d.i. erster Bürgermeister.
3 Protokollführer.
4 d.i. dominus Consul oder der Herr Bürgermeister.
5 Die Verklagte.
6 Dies lächerliche Verfahren schlug man in der Regel bei dem ersten Verhör einer Hexe ein, weil man in dem Wahne stand, sie bezaubere sonst von vorne herein die Richter mit ihren Blicken. Hier wäre der Fall nun allerdings gedenkbar gewesen.
7 O ihm kroch da nur eine Laus, die ich greifen wollte.
8 Plattdeutsch für: halberwachsen.
9 Frage
10 Antwort
11 entzaubern.
12 Man glaubte, der Teufel gäbe den Hexen eine Salbe,
um sich durch deren Gebrauch unsichtbar zu machen, in Thiere zu verwandeln, durch die Luft zu fahren u.s.w.
13 plattdeutsch: d.i. ermuntert.
14 Ists heraus, ists heraus, hat sie gebeichtet?
Capitel 19.
Wie der leidige Satan unter des gerechten Gottes Zulassung uns ganz zu unterdrücken beflissen, und wir alle Hoffnung fahren lassen.
Selbigen Tages, wohl umb 3 Uhren Nachmittags, als ich zu dem Krüger Conrad Seep gangen war, umb doch etwas zu genüßen, anerwogen ich nunmehro in 2 Tagen Nichtes nicht in meinen Mund bekommen, denn meine Thränen, er mir auch etwas Brod und Wurst benebst einer Kannen Bier fürgesetzet, tritt der Büttel ins Zimmer, und grüßete von dem Amtshaubtmann doch ohne daß er seine Küffe 1 anrührete: Ob ich nicht wölle bei Sr. Gestrengen das Mittagsmahl speisen, S.G. hätt es nicht gleich beachtet, daß ich wohl noch nüchtern wär, dieweil das Verhör so lange gezögert. Ich gab hierauf dem Büttel zur Antwort: daß ich mir allbereits, wie er wohl einsäh, mein Mittagsbrod hätte verabreichen lassen und mich bei Sr. Gestrengen bedanket. Darüber verwunderte sich der Kerl und gab zur Antwort: ob ich nicht säh, wie gut es Se. Gestrengen mit mir vermeinete, wiewohl ich ihn, wie einen Juden abgekanzelt. Söllte doch an mein Töchterken denken, und nachlässig 2 gegen Sr.
Gnaden sein, so könnte vielleicht noch allens gut ablaufen. Denn Sr. G. wäre nicht ein so grober Esel als Dn. Consul, und hätt es gut mit mir und meim Kind im Sinn, als einer rechtschaffenen Obrigkeit geziemete.
Als ich nun mit Mühe den dreusten Fuchs loos worden, versuchete ich ein wenig zu genüßen, aber es wollte nicht herunter, bis auf das Bier. Saß dahero bald
wieder und sanne, ob ich mich bei Conrad Seep einmiethen wöllte, umb immer umb mein Kind zu sein, item, ob ich M. Vigelio dem Pfarrherrn zu Benz, nicht wöllte meine arme und verführte Gemeind übergeben, so lange mich der Herr noch in Versuchung hielte. Da wurd ich wohl nach einer Stunden durchs Fenster gewahr, daß ein lediger Wagen für das Schloß gefahren kam, auf welchen alsobald der Amtshaubtmann und Dn. Consul mit meinem Töchterlein stiegen, item der Büttel, so hinten aufhackte. Ließ dannenhero Allens stehn und liegen und lief zu dem Wagen, demüthig fragende: wohin man mein arm Kind zu führen gesonnen? Und als ich hörete, daß sie in den Streckelberg wöllten, umb nach dem Birnstein zu sehen, bat ich, daß man mich müge mitnehmen, und bei mein Kind sitzen lassen, wer wüßte, wie lange ich noch bei ihr säß. Solches wurde mir auch verstattet, und bote mir der Amtshaubtmann unterweges an, daß ich könnte im Schloß meine Wohnung aufschlagen, und an seinem Tisch speisen, so lange mir geliebte, wie er auch meim Töchterlein alle Tage von seinem Tisch schicken würd. Denn er hätte ein christlich Herze und wüßte ganz wohl, daß wir sollten unserm Feinde verzeihen. Vor solche Freundschaft bedankete mich aber unterthänigst, wie mein Töchterlein auch that, anerwogen, es uns jetzunder noch nit so arm erginge, umb uns nicht selbsten unterhalten zu können. Als wir vor der Wassermühlen vorbeikamen, hatte der gottlose Knappe wieder den Kopf durch ein Loch gestecket, und schnitt meinem Töchterlein ein schiefes Maul. Aber Lieber, es sollt ihm aufgedruckt werden! Denn der Amtshaubtmann, winkete dem Büttel, daß er den Buben
heraushohlen mußte, und nachdeme er ihm seinen duppelten Schabernack, so er gegen mein Kind bewiesen fürgehalten, mußte der Büttel den Kutscher seine neue Peitsche nehmen, und ihme 50 Prügel aufzählen, die weiß Gott nicht aus Salz und Wasser waren. Er brüllete letzlich wie ein Ochse, welches aber Niemand vor dem Rumor der Räder in der Mühlen hörete, und da er sich stellete, als könnte er nicht mehr gehen, ließen wir ihn auf der Erden liegen und fuhren unsrer Straßen. –
In Ueckeritze lief auch viel Volks zusammen, als wir durchkamen, so sich aber ziemlich geruhsam hielte ohn allein einen Kerl, so...




