Moszkowski | Die Welt von der Kehrseite | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Moszkowski Die Welt von der Kehrseite

Eine Philosophie der reinen Galle
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7368-3056-1
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Eine Philosophie der reinen Galle

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-7368-3056-1
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Ein populärwissenschaftliches Buch der Extraklasse. Nicht nur dass Moszkowski hier bereits vor 100 Jahren Internet und Handys voraussah und vor deren Missbrauch warnte - nein, er öffnet uns durch seine unnachahmliche Art der Sicht auf die Dinge die Augen über Staunenswertes und Nachdenkliches aus Natur, Technik, Geschichte Kunst, Medizin, Wissenschaft usw.

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3. Die Schleimwelt
Der Teufel ist bekanntlich ein Humorist. Und da die Natur, wenn sie auf Erfindungen ausging, sich nicht selten beim Teufel Rat holte, so konnte es nicht fehlen, dass ihr auch bisweilen eine humoristische Scheußlichkeit glückte. An der Spitze dieser launigen Gräuel steht die Schleimhaut – eine Einrichtung, in der sich das Abscheuliche mit dem Lächerlichen zu einem grotesken Bunde zusammenschließt. Sie verunglückt uns und lässt uns dabei nicht einmal die Würde der Tragik. Denn wir spüren mitten in der Tragödie, dass wir sie im Narrengewand der Posse absolvieren und durch grauenvolle Erschütterungen als spaßige Figuren hindurchschreiten. Ohne uns irgendwie auf medizinische Einzelheiten festzulegen, wollen wir hier nur das Hauptmerkmal im Auge behalten: dass die Schleimhäute (wie auch die Drüsen), absondern, ausschwitzen, irgendetwas nicht bei sich behalten können. Sie umkleiden alle Höhlungen und Kanäle unseres Körpers, das gesamte Darmgeschlinge, die Nasenhöhle, die Luftwege bis in die Lungen, die Harnwege und Sexualapparate und haben bei dieser weiten Ausbreitung Gelegenheit, allen erdenklichen Unfug anzurichten; zumal ihnen die Natur aufgegeben hat, sich so unpassend wie nur möglich zu benehmen und ihre Inhaber aus einer Notlage und einer Verlegenheit immer in die andere zu hetzen. Die Physik meldet sich zum Wort: Die Schleimhäute sind poröse Membranen, und es ist etwas Herrliches um die Porosität. In ihrer unendlichen Weisheit hat es die Natur vermieden, gänzlich undurchlässige Häute zu erschaffen. Sie hat ihnen vielmehr das köstliche Geschenk zahlloser kleiner Löcher gestiftet, durch die ein Austausch von drinnen und draußen stattfinden kann, was man wissenschaftlich schön klingend als Osmose, Endosmose und Exosmose bezeichnet. Grauenvoll sähe es in der Welt aus, wenn nicht durch diese liebenswürdigen Einrichtungen die Wechselwirkung der Substanzen verbürgt wäre; und wir haben allen Grund, bei der allgemeinen Lobpreisung der Natur einige besondere Choräle auf Porosität und Osmose anzustimmen. Zwar – die Natur hat ja zuvor die absolute „Undurchdringlichkeit“ der Körper als einen Grundparagrafen der Weltverfassung aufgestellt. Aber wir wissen ja schon, wie sie mit ihren Grundsätzen verfährt: Sie verkündet sie im Vordersatz, um sie im Nachsatz als ungültig zu widerrufen. Nur an einer einzigen Regel hält sie unverbrüchlich fest: an dem von Galilei entdeckten Trägheitsgesetze. Sie selbst ist über alle Begriffe träge, faul, nicht nur in der Auswirkung, wo sie auf jede Weise Kraft erspart, sondern schon vor jeder Arbeit, da sie sich nicht einmal die Mühe nimmt, ihrer eigenen Verordnungen zu gedenken. Bei den Häuten und Membranen vollends hatte sie den schönsten Anlass, auf ihrem Trägheitsschemel auszuruhen: Wie ein arbeitsscheuer Schneider, dem das Flicken zu viel wird, lieferte sie die Bekleidungshäute beim Menschen ab, voller Löcher, voller Poren, und der Mensch war freundlich genug, sich an dies löcherige, undichte Zeug zu gewöhnen, wohl gar noch an dem Schund allerlei Vorzüge herauszuspüren. So fand er, von Physiologie und Chemie unterstützt, dass die Nasenschleimhaut doch eigentlich eine ganz praktische, förderliche und Genuss bringende Sache wäre. Er konstruierte den lyrischen Begriff des Wohlgeruchs, buchte ihn in Prosa und mit Versen auf die Vorteilsseite der Lebensgenüsse und stellte fest, dass er mittels der Nasenschleimhaut befähigt wäre, die Eigenheiten der Rose, des Veilchens, des Weines, des Tabaks, des Toiletteparfüms und der geliebten Weiblichkeit duftsam und wonniglich zu erfassen. Nur unterließ er es stets, die Gegenrechnung aufzumachen, die ihn dar über belehrt hätte, dass es in der Welt unendlich mehr stinkt als wohlriecht, und dass wir uns mit dem Ausdruck Geruchsorgan blauen Dunst vormachen. Es müsste heißen Gestanksorgan. Ganz abgesehen von allen Missdüften, die uns aus der unermesslichen Schornstein- und Kloakenwelt da draußen überfallen, sind wir es selbst, unsere eigenen Leichname, die unserer Nasenschleimhaut den übelsten Weihrauch darbringen. Keine Beschönigung kann uns darüber hinweghelfen, dass wir Menschen als bewegte Stinkmagazine über die Erde wallen, und dass wir allerdings Rose, Veilchen, Ambra, Essenzen und Parfüms nötig haben, um uns gegen die eigene uns wechselseitig wahrnehmbare Ausdünstung zu betäuben. Würden jene Schleimhäute nicht künstlich getäuscht, so wäre ihre Grundwirkung die, dass wir es einer vor dem andern, und vielleicht sogar jeder vor sich selbst überhaupt nicht aushalten könnten. Aber auch mit den Duftstoffen ist der Stinkmisere gegenüber nicht allzu viel gewonnen. Schon Martial lehrte: „Der riecht gar schlecht, um den stets Wohlgerüche duften“; und Montaigne: „Wo’s riecht, da stinkt’s“. Während Plautus freundlich vermittelt: „Die Schöne duftet rein, bei der man gar nichts riecht.“ Diese Schöne soll noch geboren werden. Wie sie Plautus erlebte, ist sie besten Falles eine Dame, die es verstanden hat, durch fortgesetzte Kunstpflege eine Geruchs-Neutralität zur Nasenschleimhaut herzustellen. Gäbe sie sich wirklich ganz natürlich, ganz kunstlos mit ihren unkorrigierten Ausdünstungen, so würde ihr auch Plautus geraten haben: „Bitte, tun Sie etwas dagegen!“ Diese Ausdünstungen sind nun selbst wiederum Früchte der Hautporosität. Steigern sie sich aus bestimmten Anlässen, so werden sie zu katarrhalischen Ergießungen, in denen die Schleimhäute wahre Bacchanalien des Unfugs feiern. Das Niesen ist ja, hierzu gerechnet, nur eine harmlose Vorstufe; nur die Alarmglocke, welche den eigentlichen Ausbruch des Tumults ankündigt. Und doch, wie viel Entsetzen legt der Mensch schon in dieses wetternde Präludium, um auch hier Rousseaus Gedanken zu bewahrheiten, dass alles entartet, sobald es der menschlichen Ausübung verfällt. Auch das Tier niest, aber man beobachte nur einmal einen niesenden Hund, einen niesenden Papagei: Wie harmlos, wie gesittet, wie manierlich vollzieht sich der Akt, in wie zarter Andeutung der leidigen, schleimhäutigen Tatsache! Der Mensch hingegen, der eben noch in irgendwelcher Beziehung Mensch unter Menschen war, verwandelt sich urplötzlich in eine Kanone; er erhebt einen vulkanischen Lärm, sprüht, kracht, explodiert und überschüttet seine Umgebung mit Gasen aus wässrig verstäubten Fürchterlichkeiten. Alle gesellschaftliche Technik versagt vor ihnen, kein Abrücken hilft, keine Gasmaske schützt uns, nichts als der Zuruf „Prost“ vermag der Überraschte der Attacke entgegenzusetzen, wörtlich übersetzt: „Wohl bekomm’s“, innerlich verstanden: „Hol’ dich der Teufel mit deinem knallenden Gesabber!“ Aber auch in diesem Stadium ist der Mensch noch ein Ariel gegen den Caliban, zu dem er sich entwickelt, wenn seine Schleimhäute sich auf ihre wirkliche Leistungsfähigkeit besinnen. Da kann man was erleben von der Exosmose, wenn es erst aufspritzt ringsum wie von den Felstrümmern, die der Zyklop Polyphem ins Meer schleudert. Die Nase kann es nicht mehr bewältigen, der Mund wird zur Schleim-Haubitze, Quallen kommen herausgeflogen, Austern, Schwämme, Gallerten, breiige Medusen, kugelige, fladenförmige, schlängelnde Ekelhaftigkeiten, die uns schreckhaft offenbaren, was aus dem Menschen wird, wenn er einmal anfängt, aus sich herauszugehen. Himmel, wo kommt das alles her? Wo hat das alles gesessen, bevor es expektoriert wurde? Ist denn der ganze Mensch innen ein einziger wabbelnder Unflat? Es scheint so. Der Begriff der Unerschöpflichkeit tut sich auf. Wenn die Schleimhaut erst Ernst macht, dann ist der Mensch imstande, sich selbst vollinhaltlich auszuspucken; mehr als sich selbst; denn es ist geometrisch gar nicht möglich, dass so viel Morast in dem dürftigen Gehäuse eines Menschenkörpers Platz gefunden hätte. Der Schleimfall kann sich indes in Ansehung der äußeren Umstände noch komplizieren, wenn die Geschichte nämlich zur Unzeit einsetzt. Unter Niesen zur Zeit verstehe ich den Zustand der Isoliertheit, in dem sich der Mensch mit seinem Katarrh, so gut und schlecht es eben gehen will, privatim auseinandersetzt. Man hat dann einen Eimer zur Hand, Kokainflaschen, gläserne Nasenspüler, Gummispritzen, Inhalierungsapparate, Taschentücher, man kann sich sachgemäß einrichten und das Niesewerk bis zu einem gewissen Grade überwachen. Aber damit wäre der Natur nicht gedient: In der von ihr ausgearbeiteten Schleimwelt fordert sie das Niesen zur Unzeit. Man hat den Mund voller halbzerkauter Substanzen, Brot, Fisch, Kartoffeln, Schokolade, je nachdem. Eben ist man dabei, den Bissen hinabzuschlingen, und eine Zehntelsekunde vorher – die Natur verfährt da chronometrisch äußerst exakt – platzt der Niesreiz in die Begebenheit. Die Situation ist rettungslos und so gut wie schlagrührig. Was jetzt ohne die geringste Gnadenfrist mit der Kanonade herausgeflogen kommt, spottet jeder Beschreibung. Zu den primären und selbst verständlichen Quallen und Gallerten des...



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