Morrow / Piccol | Der Affe, der Idiot und andere Leute | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 306 Seiten

Reihe: UNTOTE KLASSIKER

Morrow / Piccol Der Affe, der Idiot und andere Leute


1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-903358-02-7
Verlag: JOJO Media Verlag e.U.
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 2, 306 Seiten

Reihe: UNTOTE KLASSIKER

ISBN: 978-3-903358-02-7
Verlag: JOJO Media Verlag e.U.
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



William Chambers Morrow (1854 -1923) war ein amerikanischer Journalist und Schriftsteller, der von Kollegen wie Ambrose Bierce für seine stilistisch herausragenden Erzählungen mit psychologischem Tiefgang und makabren Pointen in der Tradition von E.A. Poe gerühmt wurde. Wie dieser gilt Morrow heute unter Kennern als einer der wichtigsten Wegbereiter der modernen Horrorliteratur. Die hier erstmals auf Deutsch vorliegende legendäre Kurzgeschichtensammlung DER AFFE, DER IDIOT UND ANDERE LEUTE aus dem Jahr 1897 blieb zu Morrows Lebzeiten die einzige Zusammenstellung seiner Stories in Buchform. Sie enthält 14 der besten Geschichten von Morrow wie SEIN UNBESIEGBARER FEIND oder DER MONSTER-MACHER. In der Reihe UNTOTE KLASSIKER präsentiert der JOJOMEDIA Verlag unentdeckte , vergessene oder vergriffene Highlights aus den Bereichen Horror und Unheimliche Phantastik (im angloamerikanischen Raum auch als "Weird Fiction" bezeichnet) in neuer, zeitgemäßer und hochwertiger Aufmachung. Jeder Band enthält neben eigens für die Reihe UNTOTE KLASSIKER gestalteten kunstvollen Illustrationen auch ein vertiefendes Vorwort mit ausführlichen Hintergrundinformationen zu Buch und Autor.

William Chambers Morrow (1854 - 1923) war ein amerikanischer Journalist und Schriftsteller. Er veröffentlichte seine Texte zunächst in Zeitschriften und Zeitungen wie "The Argonaut" und dem "San Francisco Examiner". Besonders beliebt waren seine makabren und grimmigen Kurzgeschichten, die vom Publikum ebenso geschätzt wurden wie von anspruchsvollen Kritikern mit höchsten Maßstäben wie seinem Freund und Förderer Ambrose Bierce. Lange Zeit vergessen, wurde Morrows Werk erst in den letzten Jahren wiederentdeckt. Experten vertreten die Ansicht, dass es neben den Erzählungen in DER AFFE, DER IDIOT UND ANDERE LEUTE mindestens 30 weitere Stories verdienen, als "im wahrsten Sinn des Wortes großartige amerikanische Kurzgeschichten" dauerhaft erhalten zu bleiben.
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DIE
AUFERSTEHUNG
DER KLEINEN
WANG TAI

Eine Kolonne von Zirkuswagen kroch hintereinander aufgereiht unter der brütenden Hitze der Julisonne langsam eine staubige Straße im Santa Clara Valley entlang. Wolken aus Staub hüllten die knallbunten Wagen der Menagerie ein. Die Außentüren der Käfige waren geöffnet worden, um den hechelnden Tieren Luft zu verschaffen, aber mit der Luft kam der Staub, und der Staub machte Romulus besonders gereizt. Nie zuvor hatte er sich so sehr nach Freiheit gesehnt. So lange er zurückdenken konnte, war er in einem solchen Käfig gefangen gewesen; seine ganze Kindheit und Jugend lang. In seinem Gedächtnis gab es nicht die geringste Spur einer Erinnerung an Tage der Freiheit und an Zeiten, in denen er sich vielleicht durch das Geäst der Äquatorwälder geschwungen hatte. Für ihn bestand das Leben aus Trostlosigkeit und Verzweiflung, und der ganze Schmerz wurde noch durch die Staubwolken verschärft, die durch die Gittertür wirbelten.

Deshalb suchte Romulus nach Fluchtmöglichkeiten. Scharfsichtig entdeckte er eine Schwachstelle in der Verriegelung seines Gefängnisses, brach sie schnell und geschickt auf und sprang als freier Menschenaffe auf die Straße. Keiner der müden, schläfrigen Fahrer bemerkte seine Flucht. Gebührende Vorsicht veranlasste ihn dazu, unter einem Strauch am Wegesrand Sicherheit zu suchen, bis die Prozession vorbeigezogen war. Dann stand ihm die ganze Welt offen.

Seine Freiheit war unermesslich süß, für eine Weile aber auch verwirrend. Als er beinahe instinktiv nach oben griff, um die Trapezstange zu fassen, die in seinem Käfig gehangen hatte, fuhren seine Hände ins Leere – da war nur Luft, die keinen Widerstand bot. Das irritierte und erschreckte ihn. Die ganze Welt wirkte viel freundlicher und weitläufiger, seit die schwarzen Gitterstäbe seines Gefängnisses seine Sicht nicht mehr beeinträchtigten. Und dann gab es da zu seinem Erstaunen anstelle der schmuddeligen Abdeckung seines Käfigs die gewaltige Ausdehnung des blauen Himmels, dessen enorme Tiefe und Entfernung ihm Angst machte.

Ein herum huschendes Erdhörnchen, das nach seinem Bau suchte, weckte seine Aufmerksamkeit, und er beobachtete das kleine Tier mit beträchtlicher Neugierde. Als Romulus ihm zu seinem Bau nachlief, verletzte er sich an scharfen Weizenstoppeln. Dadurch wurde er vorsichtiger. Da das Erdhörnchen verschwunden war, sah er sich um und entdeckte zwei Eulen, die auf einer kleinen Erhebung in der Nähe saßen. Ihr würdevoller Blick, der auf ihn gerichtet war, erfüllte ihn mit Respekt, aber seine Neugier erlaubte es ihm nicht, auf einen genaueren Augenschein zu verzichten. Vorsichtig näherte er sich den Eulen, dann hielt er inne, hockte sich hin und schnitt groteske Gesichter. Keine Reaktion. Romulus kratzte sich am Kopf und dachte nach. Dann deutete er eine Finte an, als wollte er sich auf die Eulen stürzen, und diese flogen davon. Romulus starrte ihnen mit größter Verblüffung hinterher, denn noch nie zuvor hatte er etwas gesehen, das durch die Luft flog. Aber die Welt war so weit und die Freiheit so riesengroß, dass sicher alles was frei war, fliegen sollte. Deshalb sprang Romulus in die Luft und vollführte ebensolche Bewegungen mit seinen Armen wie die Eulen mit ihren Flügeln gemacht hatten; und die erste schmerzhafte Enttäuschung seiner Freiheit bestand darin, dass er sich danach mit ausgestreckten Gliedmaßen auf dem Feld liegend wiederfand.

Sein aufgeweckter Geist suchte nach anderen Aufgaben. In einiger Entfernung befand sich ein Haus, und vor der Eingangstür stand ein Mann. Romulus kannte den Menschen als das gemeinste und grausamste aller Lebewesen und als gewissenlosen Zuchtmeister schwächerer Geschöpfe, also mied er das Haus und wich über die Felder aus. Bald stieß er auf ein sehr großes Ding, das ihn beeindruckte. Es war eine Virginia-Eiche, zwischen deren Blättern Vögel sangen. Seine anhaltende Neugier war größer als seine Angst, und Romulus schlich sich näher und näher. Der Baum hatte etwas Freundliches an sich; der erfrischende Schatten, den er spendete, die kühlen Tiefen seines Blätterwerks, das leichte Schwanken der Äste im sanften Nordwind – all das verlockte Romulus noch näher heran zu kommen. Als er den knorrigen alten Stamm erreichte, hüpfte er mit einem Satz nach oben in die Baumkrone und war erfüllt von Entzücken. Die kleinen Vögel flogen davon. Romulus ließ sich auf einem Ast nieder, streckte sich in voller Länge darauf aus und genoss die Ruhe und den Trost des Augenblicks. Aber er war ein Affe und brauchte eine Beschäftigung, also kletterte er über die kleineren Äste weiter hinaus und rüttelte in der Manier seiner Vorfahren an ihnen.

Nachdem er diese Freuden ausgekostet hatte, sprang Romulus wieder auf den Boden herunter und begann erneut die Welt zu erkunden; aber die Welt war so weit, und seine Einsamkeit bedrückte ihn. Da entdeckte er einen Hund und folgte ihm. Der Hund, der das seltsame Wesen herankommen sah, versuchte ihn durch Bellen zu verscheuchen; aber Romulus hatte schon früher ähnliche Tiere gesehen und ähnliche Geräusche gehört und ließ sich davon keine Furcht einjagen. Kühn näherte er sich dem Hund mit langen Sprüngen auf allen vieren. Der Hund, verschreckt von der merkwürdig aussehenden Kreatur, lief kläffend weg und ließ Romulus wieder mit der Freiheit und der Welt allein.

Romulus streunte weiter über die Felder, überquerte ab und zu eine Straße und hielt sich von allen Lebewesen fern. Es dauerte nicht lange, da kam er zu einer aus hohen Pfosten bestehenden Umzäunung. Darin stand ein großes Haus inmitten von Eukalyptusbäumen. Romulus war durstig, und das Plätschern eines Brunnens zwischen den Bäumen klang verlockend. Er hätte vielleicht den Mut gefunden, sich hineinzuwagen, wenn er in diesem Moment nicht auf der anderen Seite des Zaunes ein menschliches Wesen entdeckt hätte, das sich keine drei Meter von ihm entfernt befand. Romulus sprang mit einem Schreckensschrei zurück, hielt dann inne und starrte in gebückter Haltung auf diesen Feind der gesamten Schöpfung, jederzeit bereit, um seines Lebens und seiner Freiheit willen zu flüchten.

Aber der Blick, mit dem dieser ihn betrachtete, war so freundlich und zugleich so merkwürdig und anders als alles, was er jemals zuvor gesehen hatte, dass seine Neugierde und Entdeckungslust seinen Instinkt zu fliehen im Zaum hielten. Romulus wusste weder, dass das große Haus in der Einfriedung eine Irrenanstalt war, noch dass der Bursche mit dem seltsamen, aber freundlichen Gesichtsausdruck einer der Insassen war. Er spürte nur, dass etwas Liebenswürdiges darin lag. Dieser Blick war nicht der harte und grausame des Menagerie-Wärters, und auch nicht der leere und neugierige der Zuschauer, die mit ihrem Eintrittsgeld und ihrem Besuch die schändliche und ausschließlich menschliche Angewohnheit unterstützten, wilde Tiere zu fangen und diese ihr ganzes Leben lang in der Folter der Gefangenschaft zu halten.

Romulus war so interessiert an dem, was er sah, dass er seine Furcht vergaß, seinen Kopf zur Seite legte und eine seltsame Grimasse schnitt; seine Bewegungen und seine Haltung waren so komisch, dass Moses, der Idiot, ihn zwischen den Zaunpfählen hindurch angrinste. Aber dieses Grinsen war nicht das einzige Zeichen der Freude, das Moses zeigte. Ein eigenartiges Schlackern seines Körpers von Kopf bis Fuß ging einem einfältigen schallenden Gelächter voraus, das die intensivste Form von Begeisterung ausdrückte, zu der er fähig war. Moses war noch niemals einem solch sonderbaren Geschöpf begegnet wie diesem kleinen braunen Mann, der über und über mit Haaren bedeckt war; er hatte sogar noch nie zuvor einen Affen gesehen, was allen Kindern für gewöhnlich Vergnügen bereitete, und er hatte noch weniger mit der menschlichen Art gemein als Romulus. Moses war neunzehn; aber obwohl er groß und kräftig war, seine Stimme nicht mehr kindlich klang und sein Gesicht von einem unansehnlichen kurzen Bart bedeckt war, hatte er ein unschuldiges schlichtes Gemüt. Seine Kleider waren viel zu klein, und ein dichter Haarschopf wuchs wild auf seinem Kopf, der ansonsten bloß war.

So sahen sich diese beiden seltsamen Wesen an, erfüllt von Zuneigung und Neugierde. Keiner beherrschte die Macht der Sprache, und daher konnte auch keiner den anderen anlügen. War es der Instinkt, der Romulus glauben ließ, dass es unter all den zweibeinigen Teufeln, die das Antlitz der Erde verunstalteten, einen so sanftmütigen Geist gab, der ihn lieben konnte? Und lag es am Instinkt, dass Romulus erkannte, so wenig er von der Welt wusste, dass er den klareren und helleren Verstand von ihnen beiden besaß? Und dass ihm bewusst wurde, während er die bisher unvorstellbare Süße der Freiheit verspürte, dass dieser Gefährte ein Gefangener war, wie er es selbst gewesen war, der sich danach sehnte seine Fesseln abzustreifen? Und wenn Romulus darüber nachgedacht hätte, war es ein Gefühl des Anstands oder das Verlangen nach Kameradschaft, das ihn dazu brachte, dieses...


Morrow, William Chambers
William Chambers Morrow war ein amerikanischer Journalist und Schriftsteller. Er wurde für seine makabren, psychologisch stimmigen und stilistisch herausragenden Kurzgeschichten in der Tradition von E.A. Poe gerühmt, die ihn zu einem der wichtigsten Wegbereiter des modernen Horrors und der Science Fiction machen.

Piccol, Jo
Jo Piccol ist ein österreichischer Schriftsteller sowie Übersetzer und Herausgeber der Buchreihe UNTOTE KLASSIKER, die sich der Wiederentdeckung von vergessenen oder vergriffenen Highlights aus den Bereichen Horror und Unheimliche Phantastik widmet.



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