E-Book, Deutsch, 450 Seiten
Morgenstern / Braun BLUTLAUF
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-95936-332-7
Verlag: In Farbe und Bunt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jogge nie allein!
E-Book, Deutsch, 450 Seiten
ISBN: 978-3-95936-332-7
Verlag: In Farbe und Bunt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Danny Morgenstern ist ein deutscher Autor, Moderator, Tanzlehrer, Trainer und Business-Knigge-Coach auf der Basis der Empfehlungen des Arbeitskreises Umgangsformen International. Er hat mittlerweile über 15 Bücher geschrieben, ist als James-Bond-Experte mehrfach im Fernsehen aufgetreten und war Gast bei Talk-Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Morgenstern arbeitet eng mit verschiedenen Radio- und TV-Sendern zusammen und unterstützt Journalistinnen und Journalisten bei den Themenbereichen »James Bond«, »Knigge und Umgangsformen« und »Körpersprache«. Unter seinem richtigen Namen vermietet Dan Braun seit Jahren seinen Körper und seinen Geist. Er wurde Ende der 70er-Jahre in Niedersachen geboren, heiratete viele Jahre später in Amerika und lebt heute mit seiner Frau und seinen Kindern in Deutschland. Braun hat sich bei seiner Arbeit als Autor erstmals dem Genre Krimi gewidmet und sich mit der überdurchschnittlichen Brutalität seiner bildhaften Sprache umgehend ein Markenzeichen geschaffen. Die bisherigen Bücher, die der Autor unter seinem richtigen Namen schrieb, waren allesamt erfolgreich, und er konnte sich als Schriftsteller auf dem Buchmarkt etablieren. Über seine Arbeit an diesem Buch sagt Braun: »Der Leser weiß, wo die meisten Romane haltmachen. Man muss darüber hinausgehen.«
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1: Liebesgrüße aus Russland
Auf Oliver Borgs Küchentisch stand eine Flasche Wasser. Vor dem Tisch parkte ein Stuhl, und im Hintergrund drehte ein Teller in der Mikrowelle seine Runden. Borg wartete auf das errettende »Ping«, mit dem die Mikrowelle das Essen freigeben würde. Sein Magen knurrte wie verrückt. Er hatte den ganzen Nachmittag am Computer gesessen und völlig vergessen, etwas zu essen. Lediglich einen Sazerac hatte er sich vor einer Stunde zubereitet. Borg mixte den Cocktail gewohnheitsgemäß aus Cognac und Peychaud’s Bitters – die Zubereitung mit amerikanischem Rye Whiskey als Basisspirituose schmeckte ihm nicht. Borg hatte beim Mixen seines Drinks nicht auf die Uhr gesehen, über diesen Punkt war er längst hinaus, auch wenn, wie es seine Exfrau auszudrücken pflegte, das Trinken von Alkohol vor 18:00 Uhr äußerst bedenklich war. Abstinenz hieß für ihn, er verzichtete immer niemals. Wie hatte es in seinem Leben so weit kommen können?
Die Mikrowelle summte monoton. Noch eine Minute. Das schwachgelbe Licht des Gerätes beleuchtete die Buletten darin leicht, und auf ihnen pulsierte das heiß gewordene Fett, als wären die Fleischklumpen kurz davor, wieder zum Leben zu erwachen.
Borg drückte einen Schwall Ketchup aus einer Plastikflasche auf seinen Teller, neben dem weder Besteck noch eine Serviette lag. Die Sekunden der Mikrowellenanzeige liefen unaufhaltsam rückwärts. 5 … 4 … 3 … 2 … Im selben Moment, als das Essen seine Aufwärmrunde beendet hatte und das Küchengerät seinen Signalton von sich gab, setzte plötzlich das Lied ›Y.M.C.A.‹ von den Village People ein. Borgs Handy war lautstark erwacht. Er öffnete die Mikrowelle, aus der heißer Dampf stieg, griff mit der anderen Hand zeitgleich in seine Hosentasche und holte das Handy heraus.
»Ja? Was gibt’s denn?«, fragte er.
Die Stimme am anderen Ende der Leitung erzählte etwas. Borg versuchte aufmerksam zuzuhören und gleichzeitig den Teller aus der Mikrowelle zu ziehen. Seine Finger griffen mehrfach zu und zuckten zurück, weil der Rand unangenehm heiß war. Geräuschvoll sog er die Luft zwischen den Zähnen ein.
»Nichts, nichts«, sagte er, als er offenbar von seinem Gesprächspartner auf dieses Zischen angesprochen wurde, das er wegen des Schmerzes an seinen Fingerkuppen von sich gegeben hatte.
»Ja, in Ordnung. Ich mache mich gleich auf den Weg«, sagte Borg.
Er fluchte Unverständliches und griff nach einer der Buletten. Wie bei einer unausgereiften Zirkusnummer schwang er den Fleischklops vom Mikrowellenteller quer durch die Küche hinüber auf den Essteller. Er ließ die Bulette einen kleinen Augenblick zu früh los – länger hätte er sie wegen der Hitze nicht halten können –, und der dampfende platte Ball platschte in den Ketchup, der zu allen Seiten wegspritzte.
»Mist! Wo sind die Tatortreiniger, wenn man sie braucht?«, fluchte Borg, gab aber nicht auf, nahm die Bulette wieder zwischen die Finger, drehte sich rasch um und verließ mit schnellen Schritten seine Wohnung.
Die Finger lagen noch genau so, wie sie vor wenigen Stunden hingefallen waren, auf den Fliesen im Flur der Familie Frohberg.
Oliver Borg musste unweigerlich an seine Bulette denken, die er auf dem Weg zum Auto gegessen hatte. Da wusste man ja auch nie, was für Fleisch und andere tierische Körperteile verarbeitet worden waren: Augen, Schnäbel, Krallen … Man konnte nur das Beste hoffen.
Der Mann, der ihn über das Handy angerufen hatte, war sein Kollege Timm Berber von der Mordkommission gewesen. Berber hatte am Handy kurz geschildert, was Borgs Kommen dringend erforderlich machte.
Eine verstörte Frau war im nördlichen Braunschweiger Stadtteil Schwarzer Berg aufgegriffen worden, als sie hysterisch auf der Straße vor ihrem Haus umherlief. Die Nachbarn hatten sie aufgehalten und einen Krankenwagen alarmiert. Als die Frau Beruhigungsmittel gespritzt bekommen hatte, nannte sie den Sanitätern den Grund ihrer Panik: Sie habe eine Zigarettenschachtel voller Finger vor ihrem Haus gefunden. Und das war offensichtlich keine Lüge, wie der Fahrer des Krankenwagens kurz darauf feststellte. Eine Polizeistreife war daraufhin angefordert worden, und die Beamten hatten ihrerseits die Mordkommission hinzugerufen, als sie tatsächlich auf die Finger gestoßen waren.
Borg hockte sich hin. Die Finger waren echt, sahen aber wie schlechte Imitate in einem billigen Horrorfilm aus. Alle waren knapp oberhalb der Mittelhandknochen fein säuberlich abgetrennt worden, sodass jedem ein bisschen vom ersten Fingerglied fehlte. Neben den Fingern lag die offenstehende Zigarettenschachtel, in der unübersehbar noch ein Daumen steckte.
Auf dem Fußboden hatten Beamte von der Spurensicherung kleine Schilder mit Nummern platziert. Die Fotos waren offensichtlich bereits geschossen worden, denn es war niemand mehr im Flur.
Im Wohnzimmer nahm Borg Bewegung wahr. Er streckte seinen Hals und sah eine Frau in einem weißen Einteiler. Er sah sie nur von hinten, aber es war Sina Bachmann. Sie arbeitete für die Spurensicherung, hatte aber einen Antrag gestellt, ins Kommissariat zu Borgs Einheit der Kriminalpolizei zu wechseln. Alles war noch in der Schwebe.
Borg sah Sina nur von hinten, aber er hatte sich alle ihre Merkmale bereits eingeprägt, sodass er sie im Dunkeln problemlos aus 50 Metern Entfernung hätte identifizieren können.
»Was sagst du dazu?«, fragte eine Stimme von hinten. Timm Berber war der erste Beamte der Mordkommission, der den Tatort betreten hatte.
»Tja, Klavierspielen is‘ nicht mehr«, meinte Borg und richtete sich auf. Die beiden Männer schüttelten sich die Hände.
Sie genossen das Händeschütteln und zelebrierten es bei jeder noch so unüblichen Gelegenheit. Nachdem durch die Corona-Pandemie und ihre in regelmäßigen Abständen immer wiederkehrenden Infektionswellen Körperkontakte in der Öffentlichkeit so gut wie ausgeschlossen gewesen waren, gaben sich Borg und Berber mehrfach täglich die Hand. Bei der Begrüßung, bei der Verabschiedung und auch, wenn der eine dem anderen einen Kaffee aus der Kantine mitgebracht hatte. Sie hatten sich einen Spaß daraus gemacht, sich in den Zeiten geringer Ansteckungsgefahr die Hände zu schütteln.
»Die Frau vermisst ihren Mann, 41 Jahre«, sagte Berber.
»Und jetzt wird erst die Polizei hinzugezogen?«, fragte Borg.
»Mein Gott, bist du witzig.«
»Ich habe noch nichts Vernünftiges getrunken«, log Borg. »Du weißt, dann ist mein Humor immer besonders trocken.«
»Es wird auch erstmal nix geben. Wir müssen die Nachbarn befragen und eine Großfahndung starten.«
»Können wir denn sicher sein, dass es die Finger vom Vermissten sind?«, fragte Borg.
»Das können wir schnell herausfinden«, erwiderte Berber. »Fingerabdrücke vom Mann gibt es hier im Haus genügend, und wir können sie direkt vergleichen – die Finger liegen ja hier alle neben der Schachtel.«
Berber rief Sina Bachmann in den Flur.
»Sina, Schätzchen, kannst du uns bitte mal einen Fingerabdruck von diesem Stück Fleisch abnehmen und mit einem der Abdrücke aus der Wohnung vergleichen? Am besten vom Zeigefinger.«
»Nenn‘ mich nicht Schätzchen«, gab Sina zurück, aber in einem Tonfall, als wäre es ihr egal. »Nein, kann ich nicht. Wir verwischen sonst die Spuren an den Gliedmaßen.«
»Ach komm schon. Du hast hier fünf Finger. Da kommt es auf den einen nicht an. Wir wollen nur wissen, ob das der Finger von dem Herrn …«, Berber blickte auf seinen Notizblock, »… vom Herrn Frohberg ist.«
Sina Bachmann stieß Luft aus ihrer schlanken Nase hervor und ging auf die Knie. »Gib mir fünf Minuten.«
»Braves Mädchen«, sagte Berber.
Ein Paketbote kam auf die Eingangstreppe zu, und ein Beamter, der draußen wartete und Wache stand, signalisierte ihm, dass er nicht weiter gehen könne.
»Schon gut, Victor, lass ihn durch«, rief Borg und kam nach draußen.
»Ich habe hier ein Paket für Herrn Frohberg. Ist was passiert?«, fragte der Postbote. Das Paket war fast würfelförmig und so groß, dass ein kleiner Nachttisch darin Platz gefunden hätte. Aber es war offensichtlich nicht schwer.
»Nichts passiert. Ich nehme das Paket an. Polizei«, sagte Oliver Borg.
»Ist was passiert?«, fragte der Postbote noch einmal.
»Nichts Wesentliches. Ich hoffe, im Paket ist keine Schreibmaschine.«
Borg unterschrieb – war ihm doch egal, ob das Probleme mit sich brachte – und ging mit dem Paket zurück ins Haus. Er ging an der knienden Sina Bachmann und an seinem Kollegen Timm Berber vorbei, der im Flur stand und auf ihren Hintern starrte.
Auf der sauberen Arbeitsplatte in der Küche stellte Borg das Paket ab und öffnete es an den Schwachpunkten, an denen es mit Paketband verklebt war.
Als er sich durch das Verpackungsmaterial gewühlt hatte, stieß er auf mehrere Kleidungsstücke – Kleidungsstücke, mit denen er nicht gerechnet hatte. In verschiedenen durchsichtigen Plastikverpackungen befanden sich Stringtangas, halterlose Strümpfe in den absonderlichsten Farben, bestimmt fünf Paar, und ein Latexkorsett. Auf jeder Verpackung stand das Markenzeichen der Firma Moskwa, und an der Seite steckte ein gedruckter Werbeflyer, der mit großen Buchstaben verkündete: ›Liebesgrüße aus Russland‹.
Borg warf die Reizwäsche ungeordnet in den Karton zurück.
»Timm!«, rief Oliver Borg in den Flur. »Wie lange ist der Herr Frohberg mit seiner Frau verheiratet?«
Timm Berber sah wieder auf seinen Notizblock. »Der ist mit ihr über 12 Jahre verheiratet, warum?«
»Sag lieber ›war verheiratet‹«, mischte sich Sina ein. »Die Finger, die hier liegen,...




