E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Morgan Tage in den Highlands
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-641-23750-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-641-23750-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Endlich tritt Meg ihre Reise nach Schottland an. Schon seit einer halben Ewigkeit träumt sie von grünen Bergen, tiefblauen Seen und geheimnisvollen Schlössern. Doch bereits am Flughafen von Edinburgh treten die ersten Komplikationen auf. Zuerst springt Megs Reisebegleitung ab und dann wird ihr auch noch klar, dass in Schottland Linksverkehr herrscht. Trotzdem schafft Meg es irgendwie in die lang ersehnten Highlands, und sie kann es kaum erwarten in ihre gemütliche Unterkunft zu kommen. Was sie nicht weiß: Bei ihrer Unterkunft handelt es sich um das Anwesen des geheimnisvollen und unverschämt attraktiven Schotten Finn.
Angie Morgan hat bereits zahlreiche Kinder- und Jugendbücher geschrieben, bevor sie sich der Erwachsenenunterhaltung widmete. Sie lebt mit ihrem Mann, ihren drei Töchtern und ihren zahlreichen Haustieren in New Hampshire. In ihrem Haus stehen unzählige Regale vollgestopft mit Liebesromane von ihren Lieblingsautorinnen.
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Kapitel 1
Flughäfen verursachten schon immer ein gewisses Unbehagen in mir.
Eine unter Tausenden zu sein, zu den Gates, der Gepäckausgabe oder den Kaffeeständen zu hasten, um wenigstens noch einen anständigen Koffeinschub vor dem Flug zu ergattern, führt mir immer vor Augen, wie klein und unbedeutend mein Leben tatsächlich ist.
Der Flughafen von Edinburgh ist genau wie alle anderen. Ich stehe an der Hertz-Autovermietung mit dem Handy am Ohr, das Herz in der Hose, und möchte mich am liebsten irgendwo zusammenrollen und verschwinden. Ich schließe die Augen und bete darum, dass ich meine beste Freundin falsch verstanden habe.
»Warte, Leah, hast du gerade gesagt, dass du nicht kommst?«
»Tut mir so leid, Meg!« Ihre Stimme klingt genauso brüchig wie unsere Verbindung. »Ich kann das alles ja selbst kaum glauben.«
»Aber … dein Flug …« Mein Puls dröhnt mir in den Ohren, und der Boden scheint sich unter meinen Füßen zu bewegen wie ein zitterndes Trampolin.
»Ich habe ihn verpasst. Ich habe versucht, dich anzurufen«, erklärt Leah. »Aber du warst offenbar schon in der Maschine.«
Mein Handy war auf dem Flug von Boston im Flugmodus gewesen. Zwar hätte ich für das Wi-Fi an Bord zahlen können, aber ich finde grundsätzlich, dass Wi-Fi immer kostenlos sein sollte. Außerdem war ich froh, mich eine Weile von der Realität verabschieden zu können, in der ich als Layouterin und Aushilfsfotografin für The Family Tribune arbeite. Ein monatlich erscheinendes Blatt, das sich an Eltern im Raum Boston mit soliden Bankkonten, makellosen Häusern, Kindermädchen und Personal Trainern richtet – also an Menschen, mit denen ich so gar nichts gemein habe.
Leah wollte aus Denver herfliegen, und wir hatten unsere Flüge so koordiniert, dass wir nur mit einer Stunde Verzögerung ankommen würden.
Jedenfalls hatten wir das ursprünglich so vorgehabt.
»Jim hatte einen Unfall«, sagt sie, und sofort ist mein Selbstmitleid verschwunden.
»Oh Gott!«, flüstere ich. »Geht es ihm gut?«
Jim, Leahs frischgebackener Ehemann, macht alles: Skifahren, Snowboardfahren, Motorschlittenfahren – Hauptsache, es hat mit Schnee und Geschwindigkeit zu tun. Er hat sich schon sechs Knochen gebrochen, litt bereits unter diversen Gehirnerschütterungen, ist unzählige Male genäht worden, und Leah beklagt sich immer wieder, dass er von Glück sagen kann, wenn er seinen dreißigsten Geburtstag erlebt.
»Er ist gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden, aber er hat eine Gehirnerschütterung und ein paar gebrochene Rippen. Oh, und ein gebrochenes Steißbein.«
Eine Familie, die neben mir am Mietautostand zusammentrifft, übertönt Leahs letztes Wort. Ich ziehe die Kopfhörer aus den Ohren.
»Ein gebrochenes was?«
»Steißbein«, wiederholt sie.
Ich kann es kaum glauben. Er hat sich den Hintern gebrochen?
»Ich kann ihn jetzt nicht allein lassen, Meggie, denn er kann ja kaum laufen. Tut mir so leid.«
»Ist schon gut …«
»Nein, ist es nicht. Wir planen diese Reise schon seit über einem Jahr, und jetzt macht uns Jim mit seinem Unfall einen Strich durch die Rechnung!«
Eigentlich planen wir diese Reise schon viel länger. Ja, ich habe jeden einzelnen Urlaubstag für diese Reise aufgespart, und ich habe keinen einzigen Tag krankgefeiert. Seit dem Tag, an dem Leah und ich zu Highschool-Zeiten Braveheart sahen, träume ich schon davon, Schottland zu sehen, das Land der Kilts und Dudelsäcke und der heißen Typen. Seitdem schauten wir uns diesen Film mindestens einmal im Jahr an, auch während unserer Collegezeit an der Boston University. Sogar, nachdem Leah nach Colorado gezogen war, um in einem Skiresort zu arbeiten und dessen Besitzer zu heiraten, erhielt ich diese Tradition aufrecht.
Allein.
In meiner Einzimmerwohnung in Chelsea.
Und twitterte live davon.
»Im Augenblick ist doch nur wichtig, dass es Jim gut geht«, sage ich, obwohl ich ihm, wenn ich jetzt im gleichen Zimmer mit ihm gewesen wäre, am liebsten noch eine verpasst hätte. »Und natürlich musst du bei ihm bleiben.«
Ich reiße mir meinen Tweed-Hut vom Kopf, wickele mich aus der erstickenden Umklammerung meines karierten Schals und habe Mühe, mich nicht über die Ladentheke der Autovermietung zu übergeben.
»Aber unser Urlaub …«, sagt Leah, und ihre Stimme klingt schon wieder ganz undeutlich, weil die Verbindung so schlecht ist. Ja, wir sollten in diesem Augenblick eigentlich unser Mietauto in Empfang nehmen und uns dann auf den Weg nach Norden machen, um nach etwa einstündiger Fahrt in eine Stadt namens Drummond Mull zu gelangen. Unsere dortige Unterkunft hatte Leah auf irgendeiner Website aufgestöbert und gebucht. Von da aus wollten wir unsere Ausflüge machen. Bevor sie fest gebucht hatte, hatte sie mir den Link geschickt. Ich weiß noch, dass ich mich eines Morgens in der Zeitungsredaktion durch die Bilder gescrollt hatte und den restlichen Tag über zu nichts mehr zu gebrauchen gewesen war.
Ein Schloss! Es war ein verdammtes Schloss am Fuße eines Berges, von dessen zerklüfteten Felsen ein schmaler Wasserfall herabfiel, der sich in einen See auf dem Grundstück ergoss. Auf den Fotos wirkte der Bau ziemlich alt. Aufeinandergetürmte Steine, übersät und gezeichnet von jeder Menge Löcher und Kerben. Die alten, gebogenen, mittelalterlichen Flügelfenster waren bleiverglast und kunstvoll gemustert. Vom Inneren des Schlosses gab es nur wenige Bilder. Die Zimmer wirkten jedoch behaglich – wenn auch etwas heruntergekommen –, mit jeder Menge Rot und Gelb, Kaminen und Sofas.
»Natürlich kannst du ihn nicht allein lassen«, wiederhole ich nun und bemühe mich, nicht ganz so todunglücklich zu klingen, wie ich mich fühle. »Ich kann meinen Rückflug sicher umbuchen und geradewegs in die Staaten zurückkehren. Wir können ja ein andermal herkommen.«
»Um Himmels willen, nein! Das darfst du nicht!«, schreit Leah mir ins Ohr, so laut, dass ich das Handy ein paar Zentimeter weghalte. »Das ist dein Traumurlaub, Meg. Du darfst nicht gleich wieder abreisen.«
»Na ja, ich kann mir aber nicht vorstellen zu bleiben. Nicht ohne dich. Und dann auch noch geschlagene zwei Wochen lang! Allein? Würde wohl kaum Spaß machen, oder?«
Immerhin wollten wir Schottland schon immer zusammen erleben.
»Oh Meg«, seufzt Leah. »Bitte, bitte flieg jetzt wegen dieser ganzen Geschichte nicht nach Hause zurück. Ich kann versuchen, nächste Woche nachzukommen. Vielleicht haben wir dann zumindest eine Woche zusammen? Wenn Jim sich ein bisschen erholt hat. Und damit sollte er sich besser beeilen, denn eins kannst du mir glauben: Ich bin nicht gerade begeistert, dass ich hier die Krankenschwester spielen muss, während du da oben heiße Schotten aufreißt.«
Schöne Bescherung! Ich schließe die Augen und reibe mir die Schläfe, wünsche mir, dass die Familie neben mir nicht so wahnsinnig glücklich darüber wäre, wiedervereint zu sein. Ja, toll! Reibt es mir nur unter die Nase, na los!
Ich habe jetzt zwei Wochen angesparter Urlaubstage, die ich nicht mit ins nächste Jahr nehmen kann. Und die will ich nicht daheim in Chelsea mit Nichtstun vertrödeln.
»Was zum Teufel soll ich denn hier allein?«, frage ich und sehe, wie die Mitarbeiterin der Autovermietung hinter der Rezeption mich mitfühlend mustert. Na super. Ich bin kaum eine Stunde in Schottland und schon haben die Einheimischen Mitleid mit mir.
»Menschen reisen doch dauernd allein.«
»So jemand bin ich aber nicht.« Ich klinge wie eine schmollende Zwölfjährige, aber das ist mir egal.
Leah schweigt einen Augenblick lang. Lang genug, dass ich schon befürchte, unsere Leitung sei zusammengebrochen. Aber dann höre ich, wie sie tief einatmet und weiterspricht: »Du willst doch ein Buch schreiben, oder? Verbring die beiden nächsten Wochen mit der Arbeit daran. Du hast ein ganzes Schloss für dich. Du wirst ein Auto mieten. Du kannst tun und lassen, was du willst. Hat GranBetsy nicht immer gesagt, dass du das machen solltest?«
Ja, das hatte GranBetsy immer gesagt. Leah und meine Großmutter waren von jeher die einzigen Menschen gewesen, die mich nie ausgelacht hatten, weil ich Schriftstellerin werden wollte. Sie hatten ein paar meiner Kurzgeschichten gelesen und waren vollkommen begeistert gewesen. Aber wahrscheinlich wären sie auch von meiner Einkaufsliste begeistert gewesen, wenn ich sie in Form eines Haikus geschrieben hätte.
Doch GranBetsy war vor ein paar Jahren gestorben, und meine restliche Familie hält nichts davon, die eigenen Träume zu verfolgen. Sie hält meinen Wunsch, eine erfolgreiche Autorin werden zu wollen, für eine Schnapsidee. Noch heute habe ich die Stimme meines älteren Bruders im Ohr, mit der er mich vor ein paar Wochen an Thanksgiving abkanzelte. Bei meinem Geständnis, Romane schreiben zu wollen, prustete er dermaßen vor Lachen, dass ihm das Bier wieder aus der Nase kam. Bleib auf dem Boden der Tatsachen, Meg. Konzentrier dich lieber auf deinen Job als technische Redakteurin. Das bringt wenigstens Geld ein.
Ich habe einen Abschluss in Journalismus, aber ich will nicht die nächsten dreißig Jahre damit verbringen, für die verdammte Family Tribune oder irgendein anderes Blatt zu arbeiten. Vielleicht ist es ja tatsächlich unrealistisch, aber seit ich denken kann, habe ich das Bild vor Augen, wie ich mit einem Laptop in...




