E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Morgan Das Haus der Sommerfreundinnen
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7499-0573-7
Verlag: HarperCollins eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-7499-0573-7
Verlag: HarperCollins eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine höchst unwahrscheinliche Frauenfreundschaft
Der Tod ihres Mannes zieht Joanna Whitman den Boden unter den Füßen weg. Ihre Ehe war nicht mehr glücklich, und trotzdem ist für Joanna erst jetzt der Zeitpunkt gekommen, ganz neu anzufangen. Um sich und die Frau zu schützen, die mit ihrem verunglückten Ehemann im Auto saß, reist Joanna mit ihr an den einzigen Ort, an dem sie zu sich kommen und sich erholen kann: nach Silver Point, wo sie unvergessliche Sommer und ihre Kindheit verbracht hat. Am weißen Strand Kaliforniens wartet nicht nur das herrliche Strandhaus auf die beiden Frauen. Es ist ein Ort der Wahrheit, an dem sich beide ihrer Vergangenheit stellen müssen, um die Zukunft zu gestalten, die sie sich wünschen.
»Eine ergreifende Geschichte über verlorene und wiedergewonnene Chancen.« Publishers Weekly
»Sarah Morgan hat für mich den ultimativen goldenen Touch - keine andere Autorin schafft es so wie sie, dass ich mich in einer Welt verliere. ist vielleicht ihr bisher bester Sommerroman: emotional, herzerwärmend und köstlich verträumt.« Autorin Laura Jane Williams
Sarah Morgan ist eine gefeierte Bestsellerautorin mit mehr als 21 Millionen verkauften Büchern weltweit. Ihre humorvollen, warmherzigen Liebes- und Frauenromane haben Fans auf der ganzen Welt. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von London, wo der Regen sie regelmäßig davon abhält, ihren Schreibplatz zu verlassen.
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2. KAPITEL
JOANNA
Joanna Whitman erfuhr beim Frühstück vom Tod ihres Ex-Mannes. Genauer gesagt, trank sie gerade ihren zweiten Espresso, als sein Gesicht auf ihrem Fernsehbildschirm auftauchte. Sie griff nach der Fernbedienung, um das zu tun, was sie inzwischen immer tat, wenn er in ihrem Leben auftauchte – ihn wegdrücken. Doch dann begriff sie, dass das Bild hinter dem Standardporträt von ihm keine jubelnden Fans oder eines seiner exklusiven Restaurants zeigte, sondern das demolierte Wrack eines Wagens in einer Schlucht.
Sie sah das Wort Eilmeldung und stellte rechtzeitig den Ton an. Hörte, wie der Nachrichtensprecher der Welt verkündete, dass der Promi-Koch Cliff Whitman bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei – und dass man später mehr Details berichten würde. Im Moment wusste man nur, dass der Wagen von der Straße abgekommen war. Cliff war noch am Unfallort für tot erklärt worden. Seine Beifahrerin, eine junge, noch namenlose Frau, hatte man ins Krankenhaus geflogen, über ihren Zustand war bislang nichts bekannt.
Eine junge Frau.
Joanna umklammerte die Fernbedienung. Natürlich war sie jung. Cliff hatte ein Muster, und das hatte sich mit den Jahren nicht verändert. Sie war nie jemandem begegnet, der so konkurrenzorientiert war wie er, angetrieben von einer tief sitzenden Unsicherheit. Er wollte die besten Einschaltquoten, die größten Menschenmengen bei öffentlichen Auftritten und die längsten Wartelisten für seine Restaurants. Was Frauen anging, mochte er sie jung und dünn, und er suchte sie ebenso sorgfältig aus wie die Zutaten in seiner Küche. Frisch und saisonal.
An den meisten Tagen fühlte sich Joanna, als sei ihr Haltbarkeitsdatum abgelaufen. Sie war vierzig. Sollte man sich mit vierzig so fühlen? Die Hälfte ihres Lebens hatte sie an einen Mann verschwendet, der sie immer wieder enttäuscht hatte.
Sie starrte auf den Fernseher und betrachtete das qualmende Autowrack. Hatte sie nicht immer gesagt, seine Libido würde ihn noch umbringen?
Ihr Telefon klingelte, und sie sah aufs Display.
Kein Freund (hatte sie überhaupt richtige Freunde?), sondern Rita, Cliffs persönliche Assistentin und seit sechs Monaten seine Geliebte.
Joanna wollte nicht mit Rita sprechen. Sie wollte mit niemandem sprechen. Alles, was sie sagte, würde seinen Weg in die Medien finden und benutzt werden, um sie als jämmerliche, mitleiderregende Gestalt darzustellen, das wusste sie aus schmerzvoller Erfahrung. Was auch immer Cliff tat, irgendwie wurde sie zur Story. Und wie sehr sie sich auch einredete, dass es keine Rolle spielte – weil die Medien keine Rolle spielten und weil die Frau, über die sie berichteten, nicht wirklich sie war –, sie fand es quälend. Nicht nur den Übergriff und die Unwahrheiten – davon gab es viele –, sondern die ständige Erinnerung an ihren größten Fehler: ihn nicht früher verlassen zu haben.
Sie war zwei Jahrzehnte lang geradezu lächerlich loyal bei ihm geblieben, und ja, das bereute sie heute. Er hatte ihr das Blaue vom Himmel versprochen, gesagt, dass sie das Beste in seinem Leben sei, dass diesmal wirklich alles anders werden würde, und sie hatte ihm geglaubt, naiv, wie sie war. Und das nicht nur einmal. Sie hatte ihm immer wieder geglaubt. Diesmal meint er es ernst, hatte sie sich eingeredet, und alles wird anders – was natürlich nie geschah.
Sie kam sich so dumm vor, dass sie jemals tatsächlich gedacht hatte, er würde sich ändern, dass alles, was er sagte, etwas anderes sein könnte als leere Worte, nur gesprochen, um sie zum Bleiben zu bewegen. Allerdings hatte sie ihm auch unbedingt glauben wollen. Denn sonst hätte sie sich eingestehen müssen, dass sich hinter dem Charme und der Warmherzigkeit von Cliff Whitman ein Betrüger und Lügner verbarg.
Schließlich hatte sie ihn verlassen, doch die Klatschpresse vergaß sie nicht, sodass sie auch nach der Scheidung manchmal das Gefühl hatte, als wären sie noch zusammen. Ihr Fehler, nicht beizeiten gegangen zu sein, war wie ein mächtiger Klotz am Bein – was auch immer sie zukünftig tat, ihre Vergangenheit mit Cliff würde sie mit sich herumschleppen.
Sie drückte den Anruf weg, stellte den Ton des Fernsehers aus, starrte aber weiter auf das Laufband mit Meldungen, das unten über den Bildschirm lief.
Starkoch Cliff Whitman bei Autounfall umgekommen.
Tot am Unfallort.
Verdammt.
Das ganze letzte Jahr hätte sie ihn am liebsten umgebracht, und nun wusste sie nicht, ob sie sich befriedigt oder betrogen fühlen sollte. Nach allem, was er ihr angetan hatte, was er sie hatte durchmachen lassen, fand sie es unfair vom Universum, dass sie bei seinem Ableben nicht einmal eine kleine Rolle spielen durfte.
Sie begann, hysterisch zu lachen, und schlug sich bestürzt mit der Hand auf den Mund. Hatte sie das eben wirklich gedacht? Sie war doch ein mitfühlender Mensch, der Freundlichkeit höher als alles andere schätzte, vermutlich weil ihr nicht viel davon widerfahren war. Und dennoch hätte sie ihm vermutlich einen letzten Stoß versetzt, wenn sie seinen Wagen an einer Klippe hätte hängen sehen.
Was sagte das über sie aus?
Ihre Beine zitterten. Warum zitterten ihre Beine? Sie ließ sich auf den nächsten Stuhl fallen. Tot. Ihre Zeit mit Cliff war holprig gewesen, doch sie hatte ihn ihr halbes Leben lang gekannt. Sie sollte traurig sein, oder nicht? Ja, Cliff Whitman war ein Lügner und Betrüger gewesen, der sie fast gebrochen hatte, doch er war immerhin ein Mensch. Und sie hatten sich mal geliebt, auch wenn diese Liebe kompliziert gewesen war. Es hatte auch gute Zeiten gegeben. Am Anfang ihrer Ehe hatte er ihr sonntagmorgens Frühstück ans Bett gebracht, mit knusprigen selbst gebackenen Buttercroissants und frisch gepresstem Orangensaft von den Orangen in ihrem Garten. Er hörte ihr zu, brachte sie zum Lachen. Sie hatte sein chaotisches Leben organisiert, damit er die Rolle spielen konnte, die ihm am meisten Spaß machte – Cliff zu sein. Sie seien ein perfektes Team, hatte er gesagt.
Abrupt stand sie auf, holte sich ein Glas Eiswasser und trank es schnell, als wollte sie die auflodernden Gefühle abkühlen.
Was auch zwischen ihnen gewesen war – der Tod war immer eine Tragödie. War er das? War sie eine Heuchlerin? Vermutlich sollte sie weinen. Wenn schon nicht um ihn, dann um die Frau, die sich unglücklicherweise zu ihm ins Auto gesetzt hatte. Joanna fühlte mit ihr. Sie urteilte nie über die schlechten Entscheidungen anderer, schließlich hatte sie selbst in ihrem Leben so viele schlechte Entscheidungen getroffen, dass sie sie kaum zählen konnte.
Sie dachte an Rita. Würde sie überrascht sein, wenn sie erfuhr, dass sie nicht die einzige Frau in Cliffs Leben gewesen war? Warum glaubten Frauen immer, dass ein notorischer Weiberheld nur andere, aber nie sie selbst betrog? Sie dachten alle, sie wären anders, besonders. Sie könnten ihn zähmen. Wenn er zu ihnen sagte: Du bist die eine, dann glaubten sie ihm.
Wie Joanna. Sie hatte sich daran geklammert. Als sie Cliff kennenlernte, war sie todunglücklich und verletzt gewesen. Sie hatte sich so sehr gewünscht, jemandem etwas zu bedeuten, jemanden zu haben, auf dessen Liebe sie sich verlassen konnte. Sie hatte Liebe mit Sicherheit gleichgesetzt und erst nach langer – zu langer – Zeit begriffen, dass dies unterschiedliche Dinge waren.
Sie setzte das leere Glas ab, atmete tief durch und zwang sich zur Konzentration. Sie und Cliff waren geschieden, aber noch immer Geschäftspartner. Cliff’s war eine Marke, und nun war das Aushängeschild tot. Was bedeutete das für das Unternehmen, das sie zusammen aufgebaut hatten? Mehr als zwanzig Jahre ihres Lebens hatte sie in das Wachstum und den Erfolg der Firma investiert und sie aus genau diesem Grund nicht aufgegeben, als ihre Ehe vorbei war. Cliff’s war die einzige Konstante und Sicherheit, die ihr geblieben war. Außerdem gab ihr das Unternehmen eine Aufgabe, und die brauchte sie. Die Medien verstanden das natürlich nicht. Man begriff nicht, wie sie mit einem Mann zusammenarbeiten konnte, der sie immer wieder gedemütigt hatte.
Sie schloss die Augen. Vergiss das. Denk nicht daran.
Im Moment stand ihr erst mal die Beerdigung bevor. Sie hasste Beerdigungen. Egal wer beerdigt wurde, für sie war es immer die Beerdigung ihres Vaters. Immer und immer wieder, wie in einer grausamen Zeitschleife. Und immer war sie zehn Jahre alt und stand zitternd im kalten kalifornischen Regen, der sich mit ihren Tränen vermischte. Natürlich war dies jetzt etwas anderes. Ihr Vater und sie hatten einander vergöttert. Er war der einzige Mann, dessen Liebe sie sich sicher gewesen war. Doch selbst das hatte nicht Sicherheit bedeutet, denn er hatte sie verlassen. Mitten im Wohnzimmer war er mit einem Herzinfarkt zusammengebrochen, sie war dabei gewesen. Sie konnte sich noch immer an das furchtbare Geräusch erinnern, als sein Körper auf dem Boden aufgeprallt war.
Und nun würde Cliff beerdigt werden. Musste sie hingehen? Der Gedanke daran weckte in ihr den Wunsch nach einem Drink, auch wenn sie selten trank.
Ja, sie musste hingehen. Scheidung hin oder her, es war eine Frage des Respekts. Die Leute würden darauf achten. Jeder würde wissen wollen, wie es ihr mit seinem Tod ging. Nicht, dass sie mit irgendwelchen Reportern darüber sprechen würde. Das tat sie nie.
Und wie ging es ihr mit seinem Tod?
Aus der Ferne hörte sie Geräusche und dann das penetrante Klingeln ihrer Gegensprechanlage. Gedankenverloren ging sie zum Fenster und sah...




