Morelli Verliebt in sieben Stunden
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-552-06285-6
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-552-06285-6
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Giampaolo Morelli, geboren 1974 in Neapel, ist ein in Italien beliebter Schauspieler (Theater, Film, Fernsehen) und Drehbuchautor. Sein Roman 'Verliebt in sieben Stunden' ist in Italien ein Bestseller und wurde in mehrere Sprachen übersetzt.
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1
»Wir schließen mit einem Artikel über das Buy-Back-Geschäft und den geplanten Aktienrückkauf beim L’Espresso, bei Piaggio und Benetton. Paolo, den schreibst du mir. Du fliegst heute Abend nach Mailand, ich habe dir schon Termine mit den Geschäftsführern organisiert. Okay, wünsche allen frohes Schaffen, wir machen morgen weiter.«
Die Zeiger der großen, schwarz-silbernen Philippe-Starck-Wanduhr stehen auf fünf, als Alfonso Costa, Ressortchef des Wirtschaftsteils von Il Mattino in Neapel, die letzte Redaktionssitzung des Tages für beendet erklärt.
Die Redakteure kehren an ihren Arbeitsplatz zurück. Nur Paolo, etwa fünfunddreißig, Jackett, Krawatte, Seitenscheitel, bleibt.
Alfonso steht am großen Fenster, das auf die Via Partenope geht, und betrachtet zwei graue Wolken, die drohend am Himmel aufziehen.
Unten auf der Straße fließt der Autoverkehr geräuschlos, weiter hinten streifen Möwen die Wellen des blassblauen Meeres in der Bucht. Alfonsos Blick, der sich am Horizont verloren hatte, wird von einem Segelschiff angezogen, das pfeilschnell die gekräuselte Wasserfläche durchpflügt.
»Entschuldige, Alfonso …«, sagt Paolo mit hauchdünner Stimme hinter ihm.
»Magst du Segelschiffe, Paolo?«
Paolo runzelt die Stirn und braucht eine Weile, bis er antwortet. »Keine Ahnung … ich bin noch nie mit einem …«
»Und du willst ein echter Neapolitaner sein? Du solltest es mal probieren. Ein schönes Gefühl. Echt gut, Paolo.« Alfonso dreht sich um. Er trägt den üblichen blauen Anzug ohne Krawatte. Das weiße Hemd und die graumelierten Haare betonen seine nie verblassende Sonnenbräune.
»Kann ich mir vorstellen …«, Paolo senkt den Blick.
»Außerdem, entschuldige, aber wohin schleppst du die Weiber ab? Du lebst mit deiner Verlobten zusammen. Wie soll das gehen, willst du etwa nicht mehr ficken?«
»Was meinst du damit?« Paolo hebt die Augenbrauen. »Gerade deswegen wollte ich ja mit dir reden. Ich freue mich zwar, dass du mir den Artikel anvertraut hast, aber heute Abend hab ich Ehevorbereitungskurs, es wäre das dritte Mal, dass ich fehle, Giorgia würde …«
»Es ist richtig, dass du heiratest, Paolo, im Job bist du erfolgreich, und Giorgia ist ein nettes Mädchen, eine schöne, intelligente Frau. Ein Mann braucht seinen festen Bezugspunkt.«
Paolo setzt ein höfliches Lächeln auf.
Alfonso blickt ihn ernst an. »Seit wann fickst du nicht mehr, Paolo?«
Paolo reißt die Augen auf und trocknet seine schweißnassen Handflächen am Stoff der grauen Hose ab. »Wie … was … ich weiß nicht, Giorgia ist in diesen Tagen so …«
»Lass doch Giorgia aus dem Spiel. Seit wann fickst du nicht mehr?! Wie lange bist du jetzt mit Giorgia zusammen?«
»Drei Jahre.«
»Das ist nicht ficken. Das ist Routine, Paolo, das ist Pflicht. Seit wann fickst du nicht mehr? Mit Leidenschaft, mit Lust!«
Paolo öffnet den Mund und sucht nach einer Antwort, aber ihm fällt keine ein.
»Mit einer anderen, Paolo!«, erklärt Alfonso ungeduldig.
»Na ja … seit ich mit Giorgia zusammen bin, nicht mehr«, antwortet er, während sein Blick an den weißen Wänden umherirrt.
»Hör auf mich, ich bin seit fünf Jahren verheiratet, kauf dir ein schönes Segelboot, du wirst es noch brauchen. Und als Kapitän machst du die Weiber noch geiler.«
»Äh …«, haucht Paolo.
»Du bist der beste Journalist, den ich habe. Das ist ein wichtiger Artikel. Du musst nach Mailand fliegen. Ich denke, den Kurs kannst du dieses eine Mal ruhig auslassen. Da passiert schon nichts. Ich bin sicher, dass Giorgia Verständnis haben wird. Und eines Tages wirst du vielleicht hier drin der Kapitän sein.«
Paolo kapituliert. »In Ordnung, Alfonso. Ich fliege heute Abend«, und schon drückt er die Türklinke runter.
»Schaff dir ein Segelboot an, hör auf mich, es wird dir große Dienste erweisen.« Alfonso blickt wieder hinaus aufs Meer. »Leider habe ich meins nicht mehr, jetzt muss ich furchtbare Verrenkungen machen.«
Paolo nickt und verlässt den Sitzungsraum, in dem Alfonsos Worte noch nachhallen.
2
Paolo betritt den Aufzug, drückt auf den weißen »E«-Knopf und lockert seufzend den Knoten seiner gestreiften Krawatte. Nachdenklich starrt er an die Kabinendecke.
Die Türen sind schon fast geschlossen, da kann sich im letzten Moment ein breitgetretener Tod’s-Mokassin vor den Sensor schieben: Es ist der dicke Fuß von Ciro Iovine, ein Praktikant, der erst vor kurzem zur Zeitung gekommen ist. Die Türen gehen wieder auf, Paolo schnaubt ärgerlich.
»Hey, Paolo, hachu nich ört?«, gurgelt Ciro, während er an einem großen Bissen Sfogliatella würgt.
»Wie bitte?«, fragt Paolo.
Mithilfe des gesamten Speichels, den die Drüsen unter seiner Zunge produzieren können, verschluckt Ciro fast das ganze Gebäck mit der süßen Ricottafüllung und den kandierten Früchten.
»Hast du mich nicht gehört, ich habe dich gerufen! Ich gehe auch gerade«, und er stopft sich den Rest der Sfogliatella in den Mund.
»Nein, ich habe dich nicht gehört.«
»Schau dir das an!« Mit leuchtenden Augen hält Ciro ihm ein auf Seite 19 aufgeschlagenes Exemplar des Mattino unter die Nase. »Melissa Satta hat die ganze Nacht mit einem Spieler von Napoli im Chez Moi getanzt.«
»Gut gemacht. Ein toller Artikel.« Paolo überfliegt die Seite. Um das Gespräch zu beenden, konzentriert er sich auf das Display, auf dem die Anzeige langsam vom vierten auf den dritten Stock wechselt.
»Mach keine Witze, Paolo. Toller Artikel?«
Paolo zuckt zusammen. Normalerweise jubelt Ciro über jeden einzelnen Satz, den er unter seinem Namen veröffentlichen kann. »Na ja, nicht schlecht, ehrlich«, und klopft ihm auf die Schulter.
»Das ist eine Bombe!«, platzt Ciro heraus. »Melissa Satta ist jetzt total angesagt!« Lächelnd betrachtet er den kleinen Artikel, dann wird er plötzlich ernst. »Diese blöde Ziege wollte mir kein Interview geben, doch ich hab mich in der Nähe des Separees postiert und sie beim Küssen mit Cavani erwischt. Aber weißt du, was richtig gut ist, Paolo?«, kreischt er.
»Nein, weiß ich nicht. Was ist richtig gut?« Paolo schaut auf die Uhr.
»Diese Nutte hatte dem Magazin Chi kurz vorher erklärt: ›Mit Fußballern ist jetzt Schluss!‹ Ist dir klar, was das für ein Skandal ist, Paolo?«
»Donnerwetter, und ob mir das klar ist. Ein echter Coup. Super, Kompliment«, und er dreht sich zu den noch geschlossenen Türen um.
»Hätte sie mir doch bloß das Interview gegeben. Dann würde ich jetzt vielleicht sogar was auf den überregionalen Seiten kriegen. Seit einem Jahr mache ich bloß immer die kurzen Lokalnachrichten. Ha, aber jetzt werden sie merken, dass Ciro Iovine was taugt!« Er nickt der Zeitung zu, als wäre sie Zeuge seines Aufstiegs. »Das ist nur noch eine Frage der Zeit.«
»Natürlich.«
Endlich ist der Fahrstuhl im Erdgeschoss angekommen, die Türen öffnen sich, und frische Luft dringt in die Kabine. Paolo nimmt einen tiefen Atemzug und stürzt hinaus. Ciro hinterher.
»Bald ist das Filmfestival Capri Hollywood. Weißt du, wer diesmal die Schirmherrin ist?«
»Nein.«
»Britney Spears! Wenn ich doch nur ein Exklusivinterview kriegen könnte. Das wäre der Megacoup.«
»Stimmt.« Paolo dreht sich nicht zu ihm um.
»Außerdem sind da immer haufenweise berühmte Gäste, ich könnte gleich mehrere Interviews rausholen. Aber ich mach mir nichts vor, sie werden dieses Jahr auch wieder Caprara hinschicken.«
Paolo drückt die große Glastür der Vorhalle auf und geht hinaus auf die regennasse Straße. Er überquert die Via Chiatamonte auf dem Zebrastreifen, sorgsam auf die Autos achtend, die in schneller Fahrt aus dem Tunnel der Via Vittoria herauskommen. Obwohl die Tage inzwischen länger werden, leuchten ihnen die alten Laternen, die an den Bögen aus grauem Stein der Via Domenico Morelli hängen. Paolo geht kopfschüttelnd voran, Ciro, der sich an seine Fersen geheftet hat, hüpft hinter ihm her.
»Was machst du heute Abend, Paolo? Hast du Lust, eine Pizza essen zu gehen?«
Paolo wirft einen Blick hinter sich. »Hätte ich gerne gemacht, aber ich fliege gleich nach Mailand.«
»Aha, ein wichtiger Artikel, was? Du wirst noch ganz groß rauskommen, Paolo. Man hört ja, was geredet wird. Bald kriegst du Alfonsos Stelle.«
»Ach … mal sehen …«, wehrt Paolo ab. »Entschuldige, Ciro, aber ich bin etwas nervös. Mein Flug geht bald, und ich muss Giorgia sagen, dass ich auch heute den Ehevorbereitungskurs versäumen werde.«
»Spiel ruhig den Bescheidenen, hier wissen es sowieso schon alle. Alfonso wird befördert, und dich machen sie zum Chefredakteur. Der große Paolo!« Grinsend versetzt er Paolo einen kleinen Boxhieb in den Unterbauch.
Paolo rückt von ihm ab, ohne zu lächeln.
»Die Hochzeit, die Beförderung … bei dir läuft wirklich alles wie geschmiert!« Und wieder versucht er, einen Treffer in Paolos Weichteilen zu landen. »Ciao, Ciro, ich gehe«. Eine Pfütze auf Zehenspitzen umkreisend, setzt Paolo seinen Weg zur Garage fort.
»Ciao, Paoluzzo. Mach’s gut. Ich esse noch eine Brioche in der Bar.«
3
Paolo parkt seinen blankpolierten grünen ’99er Fiat Punto Star in der Garage der Via Tasso vor seinem Haus, öffnet die Haustür, betritt den Aufzug und schließt erst das Gitter, dann die Türen. Er drückt die 7, letzter Stock, und betrachtet sich im Spiegel, betastet die Tränensäcke unter seinen Augen und streicht sich die Haare an den Schläfen glatt: Müde sieht er...




