Moore Lange Zähne
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-08455-4
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Roman
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-641-08455-4
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Wild, romantisch und garantiert kussecht: die etwas andere Lovestory
Tommy Flood hat Probleme: Statt Karriere als Schriftsteller zu machen, arbeitet er nachts in einem Supermarkt und zuhause warten fünf Chinesen auf ihn, die ihn heiraten wollen. Kann es noch schlimmer kommen? Ja, es kann! Denn als Tommy die hübsche Jody kennen lernt und mit ihr die leidenschaftlichste Nacht seines Lebens verbringt, ahnt er noch nicht, wie unsterblich diese Liebe zu werden droht. Jody ist ein Vampir und absolut vernarrt in Tommys Hals ...
Der ehemalige Journalist Christopher Moore arbeitete als Dachdecker, Fotograf und Versicherungsvertreter, bevor er anfing, Romane zu schreiben. Inzwischen haben seine Bücher längst Kultstatus. Christopher Moore liebt den Ozean, Acid Jazz und das Kraulen von Fischottern. Er lebt in San Francisco.
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2. KAPITEL
Tod – die Zweite
Sie hörte über sich in der Dunkelheit Insekten huschen, roch verbranntes Fleisch und fühlte, wie etwas Schweres auf ihren Rücken drückte. O mein Gott, er hat mich lebendig begraben! Ihr Gesicht war gegen etwas Hartes, Kaltes gepreßt – Stein, dachte sie, bis sie das Öl im Asphalt roch. Panik übermannte sie, und sie versuchte verzweifelt, sich auf ihren Händen hochzustemmen. Schmerz schoß durch ihre linke Hand, als Jody sich aufstützte. Es schepperte, dann gab es einen ohrenbetäubenden Rumms, und Jody stand. Der Müllcontainer, der auf ihren Rücken gedrückt hatte, lag umgekippt da und verstreute seinen Abfall über die Gasse. Jody sah ihn ungläubig an. Er mußte mindestens eine Tonne gewogen haben. Angst und Adrenalin, dachte sie bei sich. Dann blickte sie auf ihre linke Hand und schrie. Die Haut war schrecklich verbrannt, die obere Hautschicht schwarz und aufgeplatzt. Jody lief aus der Gasse, um sich Hilfe zu holen, aber die Straße war verlassen. Ich muß ins Krankenhaus, die Polizei rufen. Sie entdeckte eine Telefonzelle; eine rote Hitzesäule erhob sich von der Lampe darüber. Jody spähte rechts und links die Straße hinunter. Über jeder Straßenlaterne konnte sie rote Wellen aufsteigen sehen. Sie konnte das Summen der Kabel der Cable Cars über sich hören, das stete Fließen der Kanalisation unter der Straße. Sie konnte toten Fisch und Dieseldämpfe im Nebel riechen, die Fäulnis der Oakland-Sümpfe auf der anderen Seite der Bucht, alte Pommes Frites, Zigarettenstummel, Brotkrusten und angegammelte Salami aus einer Mülltonne in der Nähe und den nachhaltigen Duft von Aramis, der unter den Türen der Börsenmakler-Büros und Banken herauswaberte. Sie konnte hören, wie Nebelschwaden wie nasser Samt an den Gebäuden entlangstrichen. Es war so, als wären ihre Sinne, genau wie ihre Körperkraft, durch das Adrenalin hochgeputscht worden. Sie schüttelte das Spektrum von Geräuschen und Gerüchen ab und lief zu der Telefonzelle; ihre verbrannte Hand hielt sie vorsichtig am Gelenk umfaßt. Als sie sich bewegte, fühlte sie etwas Rauhes auf der Haut unter ihrer Bluse. Sie zog mit der rechten Hand an der Seide, zerrte den Stoff aus ihrem Rockbund. Geldbündel fielen aus ihrer Bluse auf den Bürgersteig. Jody blieb stehen und starrte auf die von Manschetten gehaltenen Bündel von Hundertdollarnoten, die zu ihren Füßen lagen. Das müssen an die hunderttausend Dollar sein, ging es ihr durch den Kopf. Ein Mann hat mich überfallen, mich erstickt, mich in den Hals gebissen, meine Hand verbrannt und mir dann die Bluse mit Geld vollgestopft und einen Müllcontainer auf mich gekippt, und jetzt kann ich Wärme sehen und Nebel hören. Ich habe den Jackpot in Satans Lotterie geknackt! Sie ließ das Geld auf dem Bürgersteig liegen und lief zurück in die Gasse. Mit ihrer gesunden Hand durchwühlte sie den Müll, der aus dem Container gefallen war, bis sie eine Papiertüte fand. Danach kehrte sie auf die Straße zurück und steckte das Geld in die Tüte. In der Telefonzelle mußte sie etwas fummeln, um den Hörer von der Gabel zu bekommen und zu wählen, da sie weder das Geld ablegen wollte, noch ihre verbrannte Hand zu Hilfe nehmen. Sie tippte 911, und während sie auf die Verbindung wartete, betrachtete sie ihre Verbrennung. Sie sah eigentlich schlimmer aus, als sie sich anfühlte. Als Jody versuchte, die Finger zu bewegen, platzte die schwarze Haut auf. Mann, das sollte weh tun. Und es sollte mir schlecht werden, überlegte sie, aber das tut es nicht. Um ehrlich zu sein, fühle ich mich gar nicht so mies, wenn man die Umstände bedenkt. Das eine oder andere Racquetball-Match mit Kurt hat mich schon mehr mitgenommen. Komisch. Im Hörer klickte es, und eine Frauenstimme meldete sich in der Leitung. »Hallo, hier ist die Notrufzentrale San Francisco. Wenn Sie sich im Moment in unmittelbarer Gefahr befinden, drücken sie die Eins. Wenn die Gefahr vorüber ist und Sie immer noch Hilfe brauchen, drücken Sie die Zwei.« Jody drückte die Zwei. »Wenn Sie beraubt wurden, drücken Sie die Eins. Wenn Sie in einen Unfall verwickelt waren, drücken Sie die Zwei. Wenn Sie überfallen wurden, drücken Sie die Drei. Wenn Sie anrufen, um ein Feuer zu melden, drücken Sie die Vier. Wenn Sie …« Jody ging die Möglichkeiten im Kopf durch und drückte die Drei. »Wenn Sie angeschossen wurden, drücken Sie die Eins. Bei Stichwunden drücken Sie die Zwei. Bei Vergewaltigung drücken Sie die Drei. Alle anderen Überfälle: Drücken Sie die Vier. Wenn Sie die Optionen noch einmal hören möchten, drücken Sie die Fünf.« Jody wollte die Vier drücken, traf aber statt dessen die Fünf. Es klickte ein paarmal, dann meldete sich wieder die Bandstimme. »Hallo, hier ist die Notrufzentrale San Francisco. Wenn Sie sich im Moment in unmittelbarer Gefahr befinden …« Jody knallte den Hörer auf die Gabel. Er zerbrach in ihrer Hand und hätte beinahe noch das Telefon aus der Halterung gerissen. Jody machte erschreckt einen Satz zurück und betrachtete den Schaden. Adrenalin, dachte sie bei sich. Ich werde Kurt anrufen. Er kann mich abholen und ins Krankenhaus fahren. Sie sah sich nach einer anderen Telefonzelle um. Da war eine neben ihrer Bushaltestelle. Als sie dort ankam, wurde ihr bewußt, daß sie kein Kleingeld hatte. Ihre Handtasche war in ihrem Aktenkoffer gewesen, und der Aktenkoffer war weg. Sie versuchte, sich an ihre Telefonkarten-Nummer zu erinnern, aber sie und Kurt waren erst vor einem Monat zusammengezogen, deshalb kannte sie die Nummer noch nicht auswendig. Sie nahm den Hörer ab und wählte die Vermittlung an. »Ich würde gern ein R-Gespräch von Jody anmelden.« Sie gab der Vermittlung die Nummer und wartete, während es in der Leitung klingelte. Der Anrufbeantworter ging ran. »Sieht so aus, als wäre niemand zu Hause«, sagte die Vermittlung. »Er hört die Anrufe mit«, beharrte Jody. »Sagen Sie ihm nur …« »Tut mir leid, es ist uns nicht gestattet, Nachrichten zu hinterlassen.« Beim Auflegen zerstörte Jody auch dieses Telefon – diesmal absichtlich. Ganze Bündel von Hundertdollarnoten, und ich kann nicht einmal einen verdammten Telefonanruf machen, ging es ihr durch den Sinn. Kurt hört seine Anrufe mit – es muß schon sehr spät sein; man sollte denken, daß er sich um mich sorgen und ans Telefon gehen würde. Wenn ich nicht so sauer wäre, würde ich heulen. Ihre Hand tat mittlerweile überhaupt nicht mehr weh. Als Jody sie sich abermals anschaute, schien sie auch etwas angeheilt zu sein. Ich schnappe langsam über, dachte sie bei sich. Posttraumatisches Überschnappen. Außerdem habe ich Hunger. Ich brauche ärztliche Hilfe, ich brauche ein gutes Essen, ich brauche einen mitfühlenden Cop, ein Glas Wein, ein heißes Bad, eine Umarmung, meine Automatenkarte, damit ich das ganze Bargeld auf mein Konto einzahlen kann. Ich brauche … Der 42er Bus bog um die Ecke. Instinktiv tastete Jody in ihrer Blazertasche nach ihrer Monatskarte. Sie war noch da. Der Bus hielt an, und die Tür ging auf. Jody stieg ein und hielt dem Fahrer kurz ihre Monatskarte hin. Er grunzte. Jody setzte sich auf die erste Bank, gegenüber von drei anderen Fahrgästen. Jody fuhr nun schon seit fünf Jahren mit dem Bus, und gelegentlich – weil sie Überstunden gemacht hatte oder im Kino gewesen war – hatte sie ihn auch spätabends nehmen müssen. Aber heute abend, mit ihrem zerzausten, schmutzigen Haar, ihrer zerrissenen Strumpfhose und ihrem zerknitterten, fleckigen Kostüm – verdreckt, verwirrt und verzweifelt –, hatte sie zum ersten Mal das Gefühl, hierherzupassen. Die Irren strahlten bei ihrem Anblick. »Parkplatz!« rief eine Frau hinten im Bus aus. Jody sah auf. »Parkplatz!« Die Frau trug einen geblümten Hausmantel und Mickey-Maus-Ohren. Sie zeigte aus dem Fenster und brüllte: »Parkplatz!« Jody wandte peinlich berührt den Blick ab. Aber sie verstand nur zu gut. Sie besaß einen Wagen, einen schnellen kleinen Honda, und seit sie vor einem Monat einen Parkplatz vor ihrer Wohnung gefunden hatte, bewegte sie den Wagen nur Dienstag abends, wenn die Straßenreinigung kam – und stellte ihn sofort zurück, sobald der Straßenkehrerwagen durch war. Parzellen-Hüten war eine alte Tradition in der Stadt; man mußte einen Platz mit seinem Leben verteidigen. Jody hatte gehört, daß es in Chinatown Parkplätze gab, die schon seit Generationen in den Händen einzelner Familien waren, behütet wie die Gräber ehrenwerter Ahnen und gesichert durch das eine oder andere Schmiergeld an die chinesischen Straßenbanden. »Parkplatz!« rief die Frau. Jody schaute über den Mittelgang hinweg zur Bank gegenüber und begegnete dem Blick eines abgerissenen, bärtigen Mannes in einem Mantel. Er grinste schüchtern, dann zog er langsam seinen Mantel beiseite, um eine beeindruckende Erektion zu enthüllen, die aus dem Hosenstall seiner khakifarbenen Hosen ragte. Jody erwiderte das Grinsen, zog ihre verbrannte, schwarze Hand unter ihrem Blazer hervor und hielt sie für ihn hoch. Übertrumpft schloß er seinen Mantel, lümmelte sich auf seinen Sitz und schmollte. Jody konnte gar nicht glauben, daß sie das getan hatte. Neben dem bärtigen Mann saß eine junge Frau, die wütend einen Pullover in einen Handarbeitsbeutel hinein aufribbelte, so als würde sie ihn noch einmal stricken, sobald sie ihn ganz aufgetrennt hatte. Neben der Strickerin saß ein alter Mann mit Tweedanzug und wollener Jagdmütze, der einen Gehstock zwischen seinen Knien festhielt. Alle paar Augenblicke wurde er von einem rasselnden Hustenanfall geschüttelt. Anschließend rang er nach Luft, während er sich die Augen mit einem seidenen...




