E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Mollet Die Wahl
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7245-2672-8
Verlag: Reinhardt, Friedrich
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-7245-2672-8
Verlag: Reinhardt, Friedrich
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dominique Mollet wurde in Basel geboren und schloss ein Studium in Publizistik und Kunstgeschichte an der Universität Zürich mit dem Master of Arts ab. Während seiner Studienzeit verfasste er als freier Journalist für die «Basler Zeitung» zahlreiche Artikel. Anschliessend war er während sechs Jahren bei der Messe Schweiz Kommunikationschef der Kunstmesse Art Basel und der Uhren- und Schmuckmesse Baselworld. 1997 gründete Dominique Mollet eine Kommunikationsagentur, die er noch heute besitzt und mit der er unter anderem die Museumseröffnungen der Fondation Beyeler und des Museum Tinguely in Basel geleitet und die Basler Museumsnacht entwickelt hat. Er hat einige Kunstausstellungen kuratiert, im Rahmen seiner Mandate zahlreiche Texte verfasst und war als Ghostwriter tätig. Von 2016 bis 2022 war er Mitglied des Kulturrats des Kantons Basel-Landschaft und ab 2018 dessen Präsident. Dominique Mollet ist verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter und lebt in Binningen bei Basel.
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Detective Peter McCoy sass in London in seiner Einsatzzentrale vor einer Reihe von Bildschirmen und beobachtete die Videos der Überwachungskameras, die ihm die verschiedensten Orte zeigten. Dank ein paar zusätzlich eingeblendeter Daten wie Gesichts- oder Autokennzeichenerkennung konnte er Auffälliges rascher erfassen oder verdächtige Aktionen ermitteln. Gespiesen wurde das System von zahlreichen Datenbanken, die von gestohlenen Kreditkarten bis zu gefälschten Pässen die Besitzer ermitteln halfen und im Idealfall Verbrechen verhindern konnten.
Der Beamte war in den letzten Tagen besonders aufmerksam, wurde doch die Terrorwarnstufe nach den vergangenen Anschlägen in Europa erhöht und zudem hatten sie in Dover eine seltsame Einreise bemerkt. So war ein Pakistani mit gültigen Papieren eingereist. Allerdings war vor ein paar Wochen bereits ein anderer Pakistani mit demselben Reisepass eingereist und es war unerklärlich, weshalb die identische Nummer mehrfach verwendet worden war.
Der Pakistani wurde deshalb auf eine Beobachtungsliste gesetzt. Sobald sein Name bei einer Kreditkartenzahlung, einer Hoteleintragung oder seine Person via Verkehrsüberwachung gesichtet wurde, wurden diese Bewegungsdaten gespeichert. Ebenso fand ein Abgleich statt, wenn er sich an einen speziell überwachten Ort begab oder mit entsprechenden Personen traf.
Zuerst verhielt sich der Pakistani unauffällig, stieg in einem billigen Hotel in London ab und traf wohl Kollegen oder Verwandte in kleinen Restaurants. Mit der Zeit meldete das automatische Überwachungssystem Auffälligkeiten, die an die Zentrale weitergeleitet wurden. So war er zwei Mal in der Nähe einer Wohnung zu finden, die ebenfalls auf der Überwachungsliste stand, da befürchtet wurde, sie könnte zu einer kleinkriminellen oder sogar terroristischen Zelle gehören. Zudem waren dort vermehrt Aktivitäten zu beobachten, die sich mit der Ankunft eines zweiten Pakistani noch verstärkten. Dieser war, wie die Rückwärtsrecherche ergab, ebenfalls aus Paris angereist, hatte aber drei Tage in Canterbury verbracht, wo er vor allem die Touristenattraktionen mehrfach besucht hatte.
Die beiden Pakistani trafen sich mehrere Male in London, wohnten aber an verschiedenen Orten. Einer Arbeit schienen sie nicht nachzugehen und sie besuchten auch keine Geschäfte. Nach ein paar Tagen mietete der eine ein Auto, wie die Überwachung feststellte. Inzwischen waren die beiden auf der automatischen Beobachtung höher eingestuft worden, vor allem, da das System keinen Anlass für ihren Aufenthalt in London ausmachen konnte. Mit seinem Auto holte der eine den anderen Pakistani ab und fuhr zur überwachten Wohnung, welche die beiden nach geraumer Zeit wieder verliessen. Auffällig war, dass die Wohnung nach dem Besuch nicht weiter benutzt wurde, wie sich später feststellen liess.
Einen Tag später verliessen die beiden gemeinsam London mit dem Auto. Als Ziel meldete die Verkehrsüberwachung später Canterbury. Die südenglische Stadt war in jenen Tagen ein stark frequentiertes Ziel, denn die Diplomübergabe der Universität Kent fand in der Kathedrale statt und neben den Absolventen wurden zahlreiche Familienangehörige sowie Freundinnen und Freunde erwartet, welche diesen Anlass mitfeiern wollten. Weiter meldete das Überwachungssystem, dass einer der beiden Pakistani in einem teuren Hotel ein Zimmer genommen hatte, während vom anderen keine Spur zu finden war.
McCoy war alarmiert, dies passte nicht ins Bild, das er von den beiden Männern hatte, die bisher kostengünstig und sparsam unterwegs gewesen waren. Natürlich war zu berücksichtigen, dass die Hotelpreise in diesen Tagen angezogen hatten und es schwierig war, überhaupt eine Unterkunft in Canterbury zu finden. Trotzdem ergab dies keinen Sinn, da sonst keinerlei Verbindungen zwischen den beiden und anderen Personen in Canterbury auszumachen waren. Die Überwachung wurde deshalb nochmals intensiviert und der Beamte liess herausfiltern, was der eine Pakistani bei seinem Besuch in Canterbury alles gemacht hatte. Die Kameras zeigten, dass er mehrfach auf dem Vorplatz zur Kathedrale stand und die Gegend genau musterte. Offenbar suchte er nach irgendwelchen Fixpunkten und versuchte, sich Distanzen und Strassen einzuprägen.
Noch in derselben Nacht wurde die zuständige Taskforce bei Scotland Yard über die Vorkommnisse informiert und mehrere Spezialisten nach Canterbury entsandt. Die Wohnung in London blieb unter Beobachtung, ohne dass sie vorderhand inspiziert wurde. Das Auto musste irgendwo in der Innenstadt von Canterbury sein, wurde jedoch von der Verkehrsüberwachung nicht gefunden. Vermutlich war es in einem Hinterhof oder einer Garage in einem der kleinen Handwerksbetriebe versteckt worden.
Über Nacht wurden die Einsatzkräfte nochmals verstärkt. Zwar war alles nur ein Verdacht und die Spezialkräfte rückten bei solchen Konstellationen häufig aus, auch wenn sich dies hinterher meistens als Fehlalarm herausstellte. Immerhin war die Kathedrale von Canterbury relativ gut gesichert, da sie keinen unkontrollierten Zugang per Auto bot und nur über einen zentralen Besuchereingang verfügte, der einfach zu überwachen war. Dem gegenüber stand aber eine grosse Klosteranlage mit Garten und zahlreichen Gängen und Winkeln, in denen sich jemand relativ einfach verstecken konnte. Die ganze Nacht gingen Spezialisten alle Spuren durch, die sie von den beiden Pakistani hatten und rekonstruierten ihren Aufenthalt in Grossbritannien seit ihrer Ankunft. Dabei entdeckten sie, dass der eine am Vorabend als Besucher in den Kathedralbereich gelangt war, aber das Verlassen am Abend liess sich nicht auf den Überwachungskameras finden. McCoy hoffte, dass dies ein Zufall war, auch wenn er wusste, dass in solchen Situationen der Zufall ein schlechter Ratgeber war.
Der Andrang zur Kathedrale war an jenem Vormittag wesentlich grösser als sonst. Neben den immer zahlreichen Touristen, welche die Anlage besuchen wollten, kamen die Absolventinnen und Absolventen der Universität Kent hinzu, ihre Freunde und Angehörigen, die gesamte Universitätsleitung, aber auch Vertreter des Erzbistums Canterbury. Dies stellte eine Herkulesaufgabe für die Sicherheitskräfte dar, zu denen sich noch Spezialeinheiten gesellten, die nicht genau wussten, wonach sie suchten, aber gleichzeitig nervös in höchster Alarmbereitschaft standen.
Die Gäste der Veranstaltung hatten alle Zutrittskarten und ihre Namen waren registriert. Hinzu kamen diskrete Überwachungskameras, die am Portal über Nacht angebracht worden waren und mittels Gesichtserkennung die beiden Pakistani suchten. Diese tauchten aber nicht auf und die Zeremonie begann ohne Störung. Draussen in der Klosteranlage und im Park tummelten sich Tausende Touristinnen und Touristen, machten Selfies oder genossen die historischen Anlagen. Unauffällig durchsuchten Mitglieder der Polizei das gesamte Areal, was aber wegen der zahlreichen Gänge und Winkel sehr aufwendig war. Immer wieder glaubten sie, eine verdächtige Situation zu entdecken, die sich dann aber als harmlos entpuppte. Irgendwann kam die Nachricht, dass der Pakistani, der am Vorabend bei der Kathedrale gewesen war, von einer Kamera erfasst worden war und sogleich begaben sich die Sicherheitskräfte in die Richtung, aus der die Meldung kam. McCoy beschlich ein ungutes Gefühl, denn die Zeremonie näherte sich ihrem Ende und wenn alle aus der Kathedrale strömten, wurde die Überwachung noch schwieriger.
Die beiden Pakistani waren sehr zufrieden. Ihr Englandaufenthalt verlief bisher reibungslos und schon bald hatten sie ihr Ziel erreicht. Sie waren etwas irritiert, dass sie nicht bewaffnet waren, liessen sich von ihrer Kontaktperson in London aber schliesslich überzeugen, dass sie auf diese Weise einfacher Zugang zum Gelände erhielten und das Risiko, entdeckt zu werden, minimieren konnten. Den Sprengstoff und die Westen vorgängig zu verstecken, stellte sich als eine gute Idee heraus, denn an diesem speziellen Tag waren spürbar mehr Sicherheitskräfte unterwegs als sonst. Ihr Kontakt in London hatte auch betont, dass sie, falls sie von der Polizei angehalten würden, ihre Westen früher zünden sollten, auch wenn sie noch nicht auf dem Vorplatz der Kathedrale wären.
Sie waren gerade daran, ihre Westen anzuziehen, als sie Schritte zu vernehmen glaubten. Ihr Versteck befand sich in einem der kleinen unübersichtlichen Gänge des Kreuzgangs und sie hatten sorgfältig darauf geachtet, dass er nicht einsehbar war. Dann war es wieder ruhig. Die beiden hielten einen Moment inne und führten dann ihre Vorbereitungen fort. Sie wussten, dass sie noch etwa zehn Minuten Zeit hatten, bis die Besucherinnen und Besucher aus der Kirche strömen würden.
Der Zugriff erfolgte völlig unerwartet. Die beiden Pakistani hatten sich zwar darauf vorbereitet, dass sie die Explosion rascher ausführen müssten, falls sie auf dem Platz entdeckt würden, aber dass die Polizei sie im Visier hatte und von ihren Absichten wusste, konnten sie sich nicht vorstellen. Ebenso, dass diese sofort schoss und ihnen keinerlei Reaktionszeit blieb.
Die Sondereinheit hatte einen Hund dabei, der sie auf die...




