Mohr | Venus in den Fischen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 250 Seiten

Mohr Venus in den Fischen


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-944621-54-8
Verlag: Reese Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 250 Seiten

ISBN: 978-3-944621-54-8
Verlag: Reese Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Schauplatz in diesem satirischen, gesellschaftkritischen Roman ist das Berlin der späten 20er Jahre. Eine Villa wird zur Medizinisch-astrologischen Heilanstalt; gegründet, um der großbürgerlichen Oberschicht mit fragwürdigen Methoden das Geld aus der Tasche zu ziehen. Über Geburtshilfe, von Astrologie, Scharlatanerien und Ärztehierarchien wird erzählt. Auch von einem Mord und von der Liebe. 'Mohr zeichnet das Bild einer starken, autonomen Frau, der die Männerwelt unterlegen ist. Außerdem stellt Mohr ein vom Materialismus bestimmtes, unheilvolles Leben in der anonymen Großstadt einem harmonischen, glücklichen Leben in der ländlichen Natur gegenüber.' 'Venus in den Fischen' steht in einer Reihe mit Kästners 'Fabian'.Mohr gehörte zu den erfolgreichen Autoren der Weimarer Republik. Geprägt waren seine Werke vom Zwiespalt zwischen Technik und Natur und von einer kritischen Distanz zur Haltung seiner Zeit, die er als materialistisch, oberflächlich und kulturlos empfand.

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2 Die tibetanische Milch


Ein langgestreckter offener Wagen rutschte langsam die nächtlichen Villenstraßen entlang. Der Scheinwerfer tastete die einzelnen Hausnummern und Straßenschilder ab, der Chauffeur fluchte dauernd vor sich hin und schien dauernd irre zu fahren. Im Fond des Wagens saß oder lag vielmehr ein herkulisch gewachsener Herr, die Arme weithin über die Rückenpolster gestreckt, die Beine rechts und links auf die beiden Seitentüren gelümmelt. Er starrte aufmerksam in den Sternenhimmel und kümmerte sich nicht im geringsten um die Irrfahrten seines Chauffeurs. Der Wagen geriet in eine Sackgasse und musste wenden - vor, zurück - vor, zurück - vor, zurück. Dann fuhr er wieder an und rollte auf den nächsten Häuserblock zu, um wieder die einzelnen Schilder mit dem Scheinwerfer abzutasten.

„Hupp“, sagte der Herkules im Fond, als eine große Sternschnuppe durch den nördlichen Himmel fiel. „Schnell eine Wunsch - och verdammt, jetzt habe ich mir eine kleine Schinkenbrötchen gewünscht anstatt fünf Milliönchen und hundert Jahren Gesundheit - schon zu spät -“ Er glitt noch tiefer in den Fond und wartete gespannt auf die nächste Sternschnuppe. Da sie nicht kam, begann er sich eins zu singen. Er quetschte die Melodie seines Liedes bis in die höchsten Kopftöne hinauf und synkopierte die Begleitung in den tiefsten Grunztönen zwischenhinein. Es klang wie das abgerissene Duo eines ganz alten und eines ganz jungen Höhlenmenschen. Plötzlich zog er das linke Bein an und versetzte seinem Chauffeur einen Tritt an die Schulter. „Alte Viechkerl, siehst du nicht die große Puff dort mit die Festbeleuchtung? Das ist es, aber ganz gewiss!“ Der Chauffeur drehte bei und ließ den Wagen auf Haus Trillke los.

„Stimmt, Herr Doktor“, sagte er, während er vorfuhr. Er sprang vom Sitz, um dem Herkules die Tür aufzureißen.

„Adios“, sagte der Herkules und rückte den zurückgerutschten steifen Hut tief ins Gesicht, während ihm sein Chauffeur einen Pelz und eine Handtasche überreichte. „Ich telephoniere, wann ich fertig bin. Geh zu Bett und schlaf deine Rausch aus.“ Der Chauffeur grinste und grüßte und fuhr wieder ab. Der Herkules wartete vor der Tür noch eine Zeitlang und spähte noch einmal aufmerksam nach dem Himmel. Aber keine Sternschnuppe fiel mehr nieder. Er drückte alarmierend lang auf die Klingel und trommelte sofort mit den Fingerknöcheln einen gewaltigen Marsch an die Vortür, bis man ihn einließ.

Quaß war noch nicht zehn Minuten eingeschlafen, als ihn eine grobe Hand wachrüttelte. „Herr Kollege, Herr Kollege, die Geburt ist schon vorbei!“ Quaß sprang auf und starrte perplex auf den Menschen, der vor ihm stand. Er sah einen weißhaarigen und äußerst elegant gekleideten Neger vor sich stehen. Kein Zweifel, dieser Herkules mit dem strahlenden Gesicht eines jungen afrikanischen Gottes und dem weißen Haaransatz eines alten europäischen Gelehrten und dem Hosenschnitt und Jackenschnitt eines großen Snob war ein Neger. - „Was ist?“ stotterte Quaß.

„Die Geburt ist vorbei, du hast alles verschlafen“, sagte der schwarze Herkules und grinste ihm freundlich ins Gesicht.

Quaß sah plötzlich das Trillkesche Hausmädchen an der Gangtür stehen und sich das Lachen verhalten.

„Du kannst gehen, du kleine Maus“, sagte der Neger zu der Magd, und das Mädchen ging.

„Was ist?“ fragte Quaß schroff.

Sein Besuch nahm sich eine Zigarette vom Rauchtisch, zündete sie an und sagte freundlich: „Sie haben die Geburt verschlafen, Herr Kollege.“

„Unsinn“, sagte Quaß.

„Unsinn?“ sagte der Neger, „ich spreche die Wahrheit. Ich bin soeben von Mama Trillke geboren worden. Ich bin die Kind.“

„Unsinn“, sagte Quaß.

„Haben Sie so was noch nicht gehört, Herr Kollege?“ fragte der Neger teilnahmsvoll.

„Darf ich Sie um Auskunft bitten“, sagte Quaß scharf. Er war überzeugt, dass der Neger kein medizinischer Kollege war.

„Auskunft? Mit Vergnügen! Es war eine ganz leichte Geburt. Gegen Schluß war es ein wenig unangenehm für mich, aber es ging sosolala. Mami schläft jetzt. Es war ja auch keine Kleinigkeit für sie. Die Wärterin wollte mich in eine Windel stecken, aber ich habe ihr auf die Finger geklopft. So eine ausgewachsene Baby wie mich steckt man doch nicht mehr in eine Windel, das müssen Sie doch selber zugeben, Herr Kollege!“

Quaß zuckte verächtlich die Schultern. Er hatte es offenbar mit einem Clown zu tun. Der Neger schien sich über diese Geste zu ärgern, denn er sagte sofort in völlig verändertem Ton, sehr selbstbewußt und fast ganz ohne fremden Akzent. „Kennen Sie mich nicht, kennen Sie mich wirklich nicht?“

„Bedaure“, sagte Quaß.

„Hat Ihnen Herr Trillke nichts erzählt?“

„Bedaure“, sagt Quaß. „Oder sind Sie vielleicht der Herr aus dem Zimmer mit dem kostbaren Orchideenarrangement?“

„Sehr nett von Herrn Trillke ist das! Eine alte heimatlose Strolch liebt diese kleine ausgerupfte Blumen. Da ist kein Wort dagegen zu sagen, mein Herr, dass in meine Zimmer Blumen stehen. Ich höre, Herr Trillke schläft noch ein bisserl, sonst hätte ich ihn schon begrüßt und mich für diese schöne Zimmer bedankt. Aber Sie sind ja auch nicht übel untergebracht! Ich werde ein wenig an Ihre Vorräte teilnehmen.“ Er schenkte sich einen Schnaps ein. „Auf eine gute Geburt, Herr Kollege!“

„Zum Wohl“, sagte Quaß. Er kam sich blöde vor. Dieser Herr hatte eine seltsam vergewaltigende Art.

„Ich bin Doktor Louis Abba, - der Name sagt Ihnen nichts, nein, wirklich nichts? Mein Gott, mein Gott, mein Gott, Sie junger Mann -“ Er schien ehrlich entsetzt über Quaß’ Unbildung. „Ist eigentlich noch jemand hier? Wann kommt die Professor? Wann ist die Geburt? Bin ich viel zu früh? Schläft die ganze Haus?“

„Hier nebenan ist noch eine Ärztin, die gnädige Frau hat gerade Wehenpause und schläft, es ist augenblicklich nichts zu tun“, sagte Quaß und ärgerte sich gleichzeitig, dass er so willig Auskunft gab.

„Noch eine Ärztin“, sagte Doktor Abba, „hier nebenan?“ Er öffnete ohne weiteres die Tür und steckte seinen Kopf ins Nebenzimmer. „Och - kennen wir uns nicht -?“

„Selbstverständlich“, hörte Quaß die Kontrollgans rufen. „Kommen Sie näher, Doktor Abba.“

„Woher kennen wir uns?“ fragte der weißhaarige Neger und blieb unter der Tür stehen.

„Wir haben uns in der vorigen Woche bei der Geburt im Hause Krugmann getroffen.“

„Darf ich rauchen?“ fragte der Neger.

„Aber bitte, Doktor Abba, treten Sie näher.“

Der Neger schritt ins Nebenzimmer, ohne Quaß eines weiteren Blickes zu würdigen. Er schloß die Tür hinter sich, und Quaß war wieder allein. Dieser verdammte Lübbe, sagte er laut vor sich hin, dieser verkalkte Gorilla! Lübbe war an allem schuld. Aber woran eigentlich? Er setzte sich auf den Diwan und horchte auf die Kollegenschaft im Nebenzimmer, die sich sehr lustig zu unterhalten schien. Aber er konnte nichts verstehen. Bevor er sich wieder auf dem Diwan verstaut hatte, kam die Wärterin und rief ihn zur gnädigen Frau.

Während er sich im Badezimmer die Hände wusch, beschloß er drei Dinge. Erstens durfte weder dieser Doktor Abba noch dieses Fräulein Otterloo das Geburtszimmer betreten. Er allein trug die Verantwortung. Wenn die Preßwehen kamen, wurde Lübbe gerufen, dann konnte Lübbe die Verantwortung übernehmen. Bis dahin waren noch viele Stunden Zeit, bis dahin war er Herr dieses Hauses und - basta.

Zweitens wollte er der armen Dame des Hauses die Geburt in brillanter Weise erleichtern. Sie sollte ihr Leben lang mit Freuden an ihn denken. Dass ein Kunstfehler unterlief, war bei seiner Schulung ausgeschlossen, aber er wollte auch seine ganze menschliche Kraft einsetzen, um ihr die schwere Stunde zu erleichtern. Er fühlte plötzlich eine tiefe Zuneigung zu der armen Mutter, zu der lieblichen Puppe aus der höheren Konfektion. „Sebastian Quaß?“ sollte sie in zwanzig Jahren sagen, „ist er jetzt so berühmt geworden? Ach ja, ein wunderbarer Mensch, hat mir bei der Geburt meiner Ernestine die schwere Stunde mit den glühenden Rosen der Menschenliebe bekränzt. Quaß for ever …“

Und drittens sollte jetzt endgültig die ganze Menschheit von der Krebskrankheit erlöst werden, dann war es aus mit den Kleidervorschriften irgendeines verkalkten Chefs, mit der dreisten Kritik irgendeiner albernen Medizinerin, mit den Clownerien irgendeines schwarzen Herkules. Er wenigstens war dann für dieses Gesindel nicht mehr vorhanden. Was dieses blonde Persönchen über seine Krebstheorie gefaselt hatte, war natürlich pure Frechheit gewesen. Trotzdem saß es, saß fester, als sie ahnen konnte. Ein kleiner Teil seines wissenschaftlichen Materials war von der internationalen Forschung anerkannt worden, aber er hatte sich doch hinreißen lassen, seine Thesen viel zu früh am Markt der Eitelkeit anzuschlagen. Es war noch ein riesenhaftes statistisches Feld durchzuackern, und die Kontrollgans hatte recht: er war kein Wissenschaftler in dieser algebraischen Zeit, in der eine Idee nur mit dem Hosenboden, nur gegen tausend winzige Schikanen der Materie und der Menschen, nur mit der Kleinarbeit vieler einsamer Jahre verwirklicht werden konnte. Und nun gerade! Er war diesen beiden Halunken gegenüber nicht sehr gewandt gewesen, er hatte nicht die richtige Antwort gegeben, aber war er nicht auch in den letzten Jahren zum Mönch geworden? Musste er nicht zum Mönch werden? Jawohl, er musste in der Zelle bleiben, bis sein Gebet erhört war.

„Doktorchen, au au au …“ stöhnte...



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