E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Moers Die Schatten im Wind
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7526-0091-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
ISBN: 978-3-7526-0091-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In dem Roman "Die Schatten im Wind" stehen die Zwangsadoptionen in der DDR im Mittelpunkt, unter denen die Betroffenen bis heute leiden. Die Geschwister Anne und Robert sind als Kinder getrennt worden. Viele Jahre später begegnen sie sich zufällig auf der Insel Lanzarote. Die Schönheiten dieses außergewöhnlichen Eilands, die Eindrücke vom ewigen Frühling und frischem Wind bilden einen Kontrast zu den traurigen und düsteren Geschehnissen ihrer Kindheit. In dieser besonderen Atmosphäre ist es für sie möglich, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Edelgard Moers, Dr., Lehrerin i. R., ist Autorin von Romanen, Schulbüchern, pädagogischer Fachliteratur, didaktischen Materialien und Kinderlieder-Texten. Sie ist Dozentin für Lehrerfortbildungen, und sie wohnt mit ihrem Mann in Dorsten. www.edelgardmoers.de
Autoren/Hrsg.
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Potsdam, 1975 bis 1985: Ein neues Zuhause Das große Haus der Eheleute Keller sollte von nun an sein Zuhause sein. Die beiden waren freundlich und nahmen sich Zeit für ihn. Aber man hatte ihnen nicht gesagt, dass er noch eine Schwester hatte, und seine Eltern seien angeblich gestorben. Robert war verzweifelt. Er wollte es einfach nicht glauben. Die ersten Wochen in dem neuen Haus konnte er nur schwer ertragen. Wenn er abends in seinem Bett lag und allein war, weinte er still. Aber nach einiger Zeit begann er, sich in sein Schicksal zu fügen und sich den Gegebenheiten anzupassen. Mir bleibt ja auch nichts anderes übrig, gestand er sich ein. In der neuen Schule kam er in die zweite Klasse. Dort lernte er andere Kinder kennen und freundete sich mit einigen von ihnen an. Aber er war still geworden. Hin und wieder sah er den anderen auf dem Schulhof nur zu und verlor sich in Erinnerungen. An das neue Haus gewöhnte er sich bald. Der zweigeschossige Altbau hatte etwas Geheimnisvolles, fast wie ein Spukschloss. Unter dem Dach war ein großer Abstellraum, auf dem viele alte Sachen herumstanden. Robert sah sich überall um und entdeckte interessante Gegenstände. In den Sommerferien fuhr Robert mit seinen neuen Eltern nach Wustrow an die Ostsee. Die niedrigen Häuser dort gefielen ihm gut. Sie hatten ein Reetdach und bunt bemalte Türen. So etwas hatte er bisher noch nicht gesehen. Seine Eltern machten mit ihm eine Fahrt mit dem Zeesenboot auf dem Bodden. Es hatte nur sehr wenig Tiefgang, wurde ihnen erklärt. Schon vor zweihundert Jahren benutzten die Fischer hier solche Boote. Robert bekam in diesen Sommerferien viel zu sehen und lernte auch eine Menge. Seine Eltern besuchten mit ihm den Künstlerort Ahrenshoop und sahen sich Ausstellungen an. Und immer wieder fragten sie ihren Sohn, ob ihm das gefallen würde. Es sollte ihm an nichts fehlen, das hatten sie sich vorgenommen, und der Junge spürte das auch. Robert wusste, dass einige seiner Mitschüler in der Nähe auch Urlaub mit ihren Eltern machten. In der Schule hatten sie darüber gesprochen. Ab und zu versuchte er deshalb, allein die Gegend zu erkunden. Am einem Tag entdeckte er am Strand zwei Kinder aus seiner Klasse. Er ging zu ihnen und spielte eine Weile mit ihnen. Freudestrahlend erzählten sie ihm von dem Zelt in den Dünen, in dem sie mit ihren Eltern übernachten würden. Robert wohnte mit seinen neuen Eltern dagegen in einem geräumigen Gästehaus mit einem großen Garten. Davon erzählte er lieber nichts. Er wollte vor seinen Freunden nicht als Angeber dastehen. Aber er spürte, dass sein neues Zuhause besonders war. Die Eheleute Keller hatten offensichtlich mehr Geld als die anderen Familien seiner Klassenkameraden. Wie sollte er das seinen Freunden beibringen? Er beschloss daher, so wenig wie möglich von sich und seiner Familie preiszugeben. Wenn ihn die Freunde fragten, wich er aus und lenkte das Gespräch auf etwas anderes. Lange Zeit blieb Robert ruhig und verschlossen. An den Raufereien und Streichen seiner Mitschüler beteiligte er sich kaum. Hin und wieder wurde er traurig, ohne einen Grund dafür zu haben. Dieses Gefühl hielt er tief in seinem Inneren verborgen. Er sprach mit niemandem darüber. Seine Adoptiveltern vermuteten, dass er noch um seine Eltern trauern würde. Aber die ruhige Art, so glaubten sie, gehöre zu seinem Charakter. Sie bemühten sich sehr um den Jungen, sprachen freundlich mit ihm, versuchten, ihm seine Wünsche zu erfüllen, und wenn einmal etwas nicht klappte, waren sie ihm nie böse. Mit großer Geduld versuchten sie, ihm Mut zu machen und ihn anzuspornen. Natürlich merkten sie, dass sich Robert schwer tat, sie als Eltern zu akzeptieren. Aber sie hofften inständig, dass sich das mit der Zeit legen würde. Innerlich wehrte sich Robert noch weiter, die Eheleute Keller als Eltern anzuerkennen. Es verging kaum ein Tag, an dem er nicht an seine richtigen Eltern dachte, und noch immer wusste er nicht, was mit ihnen passiert war. Die Eheleute Keller waren nett und freundlich, aber er würde sie niemals mit Mama oder Papa ansprechen, das hatte er sich geschworen. Seine richtigen Eltern waren anders gewesen. Sie hatten viel mit ihm und seiner Schwester getobt, gelacht und gekuschelt. Eigentlich hatten sie das Leben in der DDR nicht gut gefunden. Manchmal hatten sie darüber gesprochen, wie unterschiedlich das Leben im Osten und Westen sein kann. Robert hatte zwar nur wenig davon verstanden, aber er wusste, dass sie gerne im Westen gelebt hätten. Marianne und Heinrich hingegen lobten die Errungenschaften und die staatliche Ordnung der DDR und äußerten nie Kritik am System. Heinrich Keller war Mitglied der SED, der Einheitspartei, und er arbeitete im Ministerium für Staatssicherheit. Er koordinierte die Überwachung. Seine Aufgabe war es, angebliche Feinde aufzuspüren und auszuschalten. Er drang in alle Lebensbereiche der Bevölkerung der DDR ein. Menschen, die das System kritisierten, sollten frühzeitig ihrer Kraft beraubt werden. Das sollte die Macht der Einheitspartei sichern. So hieß es, und er war von dem, was er tat, überzeugt. Seine Behörde hatte alle Befugnisse einer polizeilichen Ermittlungsbehörde. Wurde jemand verhaftet, ging es nur noch darum, im Untersuchungsgefängnis in Hohenschönhausen die bereits illegal ermittelten Beweise zu verwerten und den Verhafteten durch lange Verhöre zu einem Schuldeingeständnis zu bewegen. Heinrich Keller ließ auch die Westdeutschen beobachten, die über die Transitstrecke nach Berlin kamen oder in die DDR einreisten. Er prüfte, wie er ihre Verbindungen nutzen konnte und machte dann davon Gebrauch. Marianne Keller war ebenfalls im Ministerium beschäftigt, aber als Sekretärin. Sie hatte die Aufgabe, Informationen auszuwerten und die Briefe zu kontrollieren, traf aber selbst keine Entscheidungen und hatte auch nicht den Einblick in die Akten wie ihr Mann. Sobald die Eheleute Keller nach Dienstschluss die Behörde verließen, stand das Private im Mittelpunkt. Sie lebten dann wie in einer anderen Welt. Da alle Informationen, mit denen sie beruflich zu tun hatten, streng geheim waren, sprachen sie zu Hause normalerweise nicht darüber. Besuch von Arbeitskollegen hatten sie nur sehr selten, sodass in ihren vier Wänden die Arbeit kaum ein Thema war. Aber ihre politische Überzeugung war nicht zu verkennen. Nach einiger Zeit in seinem neuen Zuhause bemerkte Robert mit Schrecken, dass seine Erinnerungen an seine frühere Familie nachließen. Immer mehr schien zu verblassen. Auf keinen Fall wollte er seine frühere Familie vergessen, und er versuchte immer wieder das, was er noch wusste, krampfhaft heraufzubeschwören: Die Stimme seiner Mutter, den Geruch der Bettwäsche und Anne, seine Schwester, wie sie beim Spielen mit ihrer Puppe leise vor sich hin summte. Er hielt alles in einem Heft fest, notierte Listen mit den Namen seiner Freunde, beschrieb Ereignisse und machte eine Skizze von der Wohnung mit allen Zimmern und Möbeln und von seinen Spielsachen. Er schrieb die Namen der Bewohner in dem Vier-Familienhaus, in dem sie gewohnt hatten, auf: Dreyer, Schindler, Baumgarten, Zimmermann. Er musste lange nachdenken, um sie zusammen zu bekommen. Dann malte er auch ein Bild von seinen Eltern und seiner Schwester, damit er nicht vergaß, wie sie aussahen. Das Heft sollte niemand sehen. Deshalb legte er es unter seine Matratze. Lange Zeit versteckte er sich hinter Büchern, durch die er sich wegträumen konnte. Die Helden gefielen ihm, und er weinte und lachte mit ihnen, trauerte und freute sich genauso wie sie. Er spürte ihre Verzweiflung, als wäre es seine eigene, und er war erleichtert, wenn es wieder Hoffnung gab. Seine Wünsche und Gedanken waren oft dieselben, wie die der Helden in den Geschichten. Es waren fast immer Kinder, und es freute ihn, wenn sie sich bewährten und auf den Weg machten, die Welt und sich selbst zu erkunden. Dann zog er in Gedanken mit. An der Seite seiner Bücherhelden drang er in düstere Burgen ein, kletterte auf hohe Berge und erforschte verzweigte Höhlen. Hatten sie nur genug Willen und Mut, dann erreichten sie ihre Ziele auch. Das Leben der Erwachsenen faszinierte ihn. Wie würde es sein, wenn er eines Tages ein Mann ist? Er malte sich aus, wie er als Forscher die Welt bereisen und erkunden würde, so wie die Helden in seinen Büchern. Er würde, wie sie, die Welt besser machen. Das nahm er sich fest vor. Schon oft hatte Robert vor der Vitrine im Wohnzimmer gestanden. Ihm war besonders ein Gegenstand aufgefallen, der seinem Vater gehörte: Ein Fotoapparat. Immer wieder hatte er ihn sich angesehen, aber eines Tages traute er sich zu fragen, ob er die Kamera einmal anfassen dürfe. Heinrich Keller war im Umgang mit seiner Frau und seinem Sohn ausgesprochen wohlwollend, aufmerksam und geduldig. Er nahm den Fotoapparat heraus und drückte ihn dem Jungen in die Hand. »Hier, Robert. Du darfst die Kamera gerne ausprobieren.« Dann erklärte er ihm, wie sie funktionierte und gab ihm Tipps, wie die Bilder gelingen können. Der Junge hörte aufmerksam zu, und schon bald kannte er alle technischen Details des Apparates. Er war wie umgewandelt. Endlich gab es einen Lichtblick in seinen trüben Gedanken. Zuerst ging er in den Garten und...




