Möllhausen | Der Piratenlieutenant | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 342 Seiten

Reihe: Classics To Go

Möllhausen Der Piratenlieutenant


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98744-478-4
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 342 Seiten

Reihe: Classics To Go

ISBN: 978-3-98744-478-4
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Auszug: «Bis hierher und nicht einen Schritt weiter, lieber Johannes, gestatte ich Dir, mich zu begleiten. Gieb mir daher die Reisetasche und laß uns scheiden, scheiden als das, was wir einander stets gewesen sind und bleiben werden, als unveränderliche, treue Freunde.« »Eigentlich wollte ich mich erst im Dorf von Dir trennen, nachdem ich mich überzeugte, daß Du in dem Hauderer ein gutes Plätzchen gefunden ? und die Tasche, meine gute Anna, sie ist nicht leicht, wirklich, es wäre besser, ich trüge sie bis dahin.« »Nein nein, Johannes, hier laß uns scheiden, bedenke, im Dorfe wohnen Leute, die ich kenne und denen ich ebenfalls Lebewohl sagen möchte, ständest Du aber dabei und ich könnte Dir meine Zeit nicht ganz allein schenken, so wäre mir das zu schmerzlich. Ferner kann es vier, fünf Uhr werden, bevor der Hauderer eintrifft; was sollte nun Deine arme Mutter glauben, kehrtest Du so spät heim, während Du sie jetzt gerade von ihrem Mittagsschläfchen erwacht findest.« »Nur noch bis an den Meilenstein,« bat Johannes freundlich, »auf der Bank dort wollen wir ein Weilchen rasten ? wer weiß, wo und wann wir uns wiedersehen ? und wenn es denn nicht anders sein kann ? ja, Anna, so will ich eben umkehren.« »Gut, lieber Johannes, diese Strecke gebe ich noch zu,« entschied Anna, »jedoch nur unter der Bedingung, daß Du mir die eine Handhabe überläßt und wir die Tasche gemeinschaftlich tragen.«

Möllhausen Der Piratenlieutenant jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Erster Band.
Erstes Capitel. Der Abschied.
»Bis hierher und nicht einen Schritt weiter, lieber Johannes, gestatte ich Dir, mich zu begleiten. Gieb mir daher die Reisetasche und laß uns scheiden, scheiden als das, was wir einander stets gewesen sind und bleiben werden, als unveränderliche, treue Freunde.« »Eigentlich wollte ich mich erst im Dorf von Dir trennen, nachdem ich mich überzeugte, daß Du in dem Hauderer ein gutes Plätzchen gefunden – und die Tasche, meine gute Anna, sie ist nicht leicht, wirklich, es wäre besser, ich trüge sie bis dahin.« »Nein nein, Johannes, hier laß uns scheiden, bedenke, im Dorfe wohnen Leute, die ich kenne und denen ich ebenfalls Lebewohl sagen möchte, ständest Du aber dabei und ich könnte Dir meine Zeit nicht ganz allein schenken, so wäre mir das zu schmerzlich. Ferner kann es vier, fünf Uhr werden, bevor der Hauderer eintrifft; was sollte nun Deine arme Mutter glauben, kehrtest Du so spät heim, während Du sie jetzt gerade von ihrem Mittagsschläfchen erwacht findest.« »Nur noch bis an den Meilenstein,« bat Johannes freundlich, »auf der Bank dort wollen wir ein Weilchen rasten – wer weiß, wo und wann wir uns wiedersehen – und wenn es denn nicht anders sein kann – ja, Anna, so will ich eben umkehren.« »Gut, lieber Johannes, diese Strecke gebe ich noch zu,« entschied Anna, »jedoch nur unter der Bedingung, daß Du mir die eine Handhabe überläßt und wir die Tasche gemeinschaftlich tragen.« Mit einem schwermüthigen Lächeln erfüllte Johannes die Bedingung, und dann schritten die beiden jungen Leute längere Zeit schweigend auf dem Sommerwege der Chaussee dahin. Sie schritten dahin ernst und sinnend, wie es wohl gerechtfertigt ist, wenn Jugendgespielen, die stets mit herzlicher Liebe an einander gehangen haben, von dem Geschick getrennt und in Sphären geschleudert werden, welche sie, der nothwendigen Trennung wegen, als ihnen feindlich zu betrachten geneigt sind; sie schritten dahin, nur von dem Gedanken an den bevorstehenden Abschied beseelt: Anna mit anmuthigen, leichten und elastischen Bewegungen, ihr Gefährte dagegen, als ob des Lebens Last ihn unendlich schwer bedrücke und er nur noch mit Mühe sich vorwärts bewege. Erstere hatte kaum das sechszehnte Jahr erreicht, stand also in dem Alter, in welchem bei ihrer hohen natürlichen Bevorzugung holde Kindheit und schüchtern erwachende Jungfräulichkeit sich zu einem überaus lieblichen Bilde vereinigten. Ihre zarte Gestalt zeigte eben noch kindliche Formen, welchen indessen eine gewisse, das schönste Ebenmaß herstellende Fülle nicht mangelte. Ein einfaches schwarzes Kleid schmiegte sich züchtig an die zierlich abgerundeten Glieder an; ein dunkelfarbiges Tuch verhüllte theilweise den schlanken Hals und bekundete, wie das den runden Strohhut umschlingende schwarze Band, daß sie nicht ohne schwer wiegende Gründe sich in die ernste dunkle Farbe gekleidet habe. Wie um den äußeren Ausdruck der Trauer zu erhöhen, legte sich das starke, sehr sorgfältig gescheitelte Haar glatt und kastanienbraun an die weißen Schläfen an, während auf der klaren Stirne schwarze Brauen sich über ein Paar Augen wölbten, in welche der Himmel sein schönstes und tiefstes Blau ergossen zu haben schien, um dadurch einen andern, mit ihm selbst wetteifernden Himmel zu erzeugen. Ein unbeschreiblicher Liebreiz ruhte auf den von Jugend und Gesundheit mild angehauchten Wangen und um die rosigen Lippen; war aber, indem sie vielleicht des bevorstehenden Abschieds gedachte, verhaltene Wehmuth auf ihrem schönen Antlitz vorherrschend, so entdeckte man auch leicht wieder einen Zug, der auf angeborenen Frohsinn, auf jene bezaubernde Heiterkeit des Gemüthes hindeutete, welche so vielfach gleichsam als Andenken an die sorglos verlebte Kindheit mit in das spätere Alter hinüber genommen wird. Vergeblich hätte man dagegen in dem bleichen Gesicht ihres Gefährten nach einer Spur dieser unschätzbaren Kleinode geforscht. Erst zweiundzwanzig Sommer hatte derselbe gesehen, und dennoch prägte sich in den jugendlichen Zügen ein so schmerzlicher Ernst aus, daß man nicht auf dieselben blicken konnte, ohne von herzlicher Theilnahme ergriffen zu werden. Wie wenige Stunden kräftigender körperlicher Bewegung ließen sich aus der weißen, mädchenhaft zarten Hautfarbe des etwas länglichen, durchaus edel gebildeten Antlitzes herausrechnen! Wie viele, viele Stunden nächtlicher Arbeit bei unzureichender Beleuchtung waren dagegen in den großen, träumerischen, mit einem dunkeln Schatten umgebenen blauen Augen aufgezeichnet! Auf den Wangen, welche nach unten in einem hellblonden Vollbart endigten, ruhte zwar eine tiefe Röthe, allein diese Röthe war scharf abgegrenzt, wie bei Giftblumen, hinter deren verlockendsten Farben unheimlich der Tod lauert. Ein leiser, trockner Husten, der sich gelegentlich der etwas eingeengten Brust entwand, bildete die Erläuterung zu der gleißnerischen Röthe und der bitteren Entsagung, welche so verständlich aus den schönen blauen Augen sprach. Eine freundliche Milde, eine unendliche Herzensgüte thronte auf den bleichen Zügen; wenn sich aber hierzu der Ausdruck eines tiefen Schmerzes gesellte, so entsprang derselbe weniger dem Bewußtsein eines gefährlichen körperlichen Krankheitszustandes, als dem Gedanken an die bevorstehende Trennung von der Jugendgespielin. Auch er war einst von dem heimatlichen Städtchen fortgewandert, um in der Residenz seine Studien zu beendigen; er war fortgewandert mit trüben Aussichten. Es lag ihm ob, durch Ertheilen von Unterricht nicht nur für sich selbst zu sorgen, sondern auch eine kränkliche Mutter zu unterstützen; dagegen begleitete ihn die tröstliche Gewißheit, bei seinen Ferienbesuchen alle Diejenigen wieder zu begrüßen, an denen sein Herz mit ganzer Liebe hing. Jetzt aber, da auch seine holde Freundin dem Städtchen Lebewohl sagte, beschlich ihn das niederdrückende Gefühl, als ob er nunmehr gänzlich verwaist sei: war doch die Hoffnung, nach Ablauf der Ferien mit ihr in der Residenz zusammenzutreffen, eine zu trügerische; und sahen sie einander wieder, dann geschah es vielleicht in solchen Verhältnissen, in welchen sie höchstens ein flüchtiges Wort, einen flüchtigen Gruß wechseln durften, um sogleich wieder andern Leuten zu Diensten zu stehen. Der arme Johannes, er wußte zu genau, was es bedeutet, von fremden Menschen abhängig zu sein, und nur um seiner lieblichen Gefährtin Zuversicht nicht zu erschüttern, ihr hoffnungsvolles Hineinschauen in die Zukunft nicht zu trüben, vermied er, mit ihr darüber zu sprechen. Die Erfahrungen, welchen sie entgegenging, kamen ja noch immer mehr als zu früh, und wer konnte wissen, ob sie seine eigenen nicht sogar an Bitterkeit übertrafen? – Er war noch Student, hoffte aber, innerhalb zweier Jahre seine Studien zu beendigen. Weiter mochte er nicht hinausdenken; denn eine friedliche Dorfpfarre, nach welcher er sich seit seiner frühesten Kindheit sehnte – er hustete leise – wie weit, wie unerreichbar weit lag für ihn ein solches Glück! Wohl war er noch Student; das halblange, seidenweiche blonde Haar und der jugendliche Vollbart verriethen nothdürftig seinen Stand; doch der kurze Rock, die dreifarbige Mütze, das gestreifte Corpsband und vor Allem der sorglose, herausfordernde Blick, welche im Allgemeinen das Aeußere eines feurigen, jungen Musensohnes kennzeichnen, wo waren sie? Fadenscheinige, vielfach ausgebesserte Kleidungsstücke umhüllten wenig anmuthig seine hohe, etwas geneigte Gestalt, und statt der heiteren Corpsmütze beschattete ein abgegriffener schwarzer Hut die blonden Locken, während die sinnenden, schwermüthigen Augen bald auf die staubige Straße, bald seitwärts mit innigem Ausdruck auf seine Gefährtin gerichtet waren. Hätten ihn aber geschmückt alle phantastischen Zierrathen, die nur immer von einem toll ins Leben hineinstürmenden Jugendmuthe erdacht und ersonnen werden können; hätte in ihm gewohnt die muntere Lebenskraft, die mit gleicher Bereitwilligkeit zugespitzte Worte, wie den blanken Schläger handhabt, so wäre dadurch gewiß am wenigsten die rührende Besorgniß gesteigert worden, mit welcher Anna die Schweißtropfen auf seiner Stirn beobachtete und ihn bat, die Reisetasche ein Weilchen niederzustellen und zu rasten. »Es hat nichts zu bedeuten,« sagte Johannes freundlich, indem er mit dem Taschentuch leicht über sein Gesicht hinfächelte, »wenn ich etwas kürzer athme, so ist das keine Folge der Erschöpfung, sondern der Wärme; die Sonne meint es in der That redlich heute – übrigens liegt der Meilenstein auch dicht vor uns.« Einige Minuten später erreichten sie den bezeichneten Punkt, wo sie auf der Rasenbank dicht neben einander Platz nahmen. »Dies ist also die äußerste Grenze, bis zu welcher ich Dich begleiten darf?« fragte Johannes, der Freundin Hand ergreifend, und seine Augen ruhten mit Wohlgefallen auf dem geliebten Haupt an seiner Seite. »Die äußerste Grenze,« bestätigte Anna, wie zerstreut; »dort, gleich hinter der nächsten Biegung liegt das Dorf, und da wir doch einmal von einander scheiden müssen, so ist es besser, es geschieht hier, wo wir nicht von fremden, neugierigen Menschen beobachtet werden.« »Du hast wohl recht, Anna, wie immer, wenn Du Dein Herz sprechen läßt, allein ich hörte nie davon, daß im Dorfe Bekannte von Dir wohnen?« »Biedere Bauersleute, von welchen ich zuweilen kaufte,« erwiderte Anna sich abwendend, um zu verbergen, daß Verlegenheit ihr jugendfrisches Antlitz tiefer färbte. »So wirst Du jedenfalls eine recht herzliche Aufnahme bei ihnen finden und mit erneuten Kräften den vorbeifahrenden Hauderer besteigen.« Anna antwortete...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.