Mitterer Die Piefke-Saga
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7099-7654-8
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Komödie einer vergeblichen Zuneigung
E-Book, Deutsch, 312 Seiten
ISBN: 978-3-7099-7654-8
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Felix Mitterer, geboren 1948 in Achenkirch/Tirol, lebt nach einigen Jahren in Irland heute in Niederösterreich. Seit 1978 erfolgreicher Theater- und Drehbuchautor. Die mehrteiligen Filme Verkaufte Heimat und Piefke-Saga sind seine bekanntesten, vielfach preisgekrönten Fernseharbeiten, Kein Platz für Idioten, Besuchszeit, Sibirien die am meisten aufgeführten Theaterstücke. Seit 1987 legt der Haymon Verlag Mitterers Stücke und Drehbücher im Druck vor. Zuletzt erschienen: Die Beichte. Theaterstück (2004; Prix Italia und ORF-Hörspiel des Jahres 2003), Stücke 4 (2007), Der Panther. Theaterstück (2007), das goldene dachl und seine rätselhafte inschrift. eine poetische annährung (Hrsg. 2012 gem. mit Lukas Morscher und Christian Ide Hintze). Bei HAYMONtb: Der Patriot. Ein-Mann-Stück (2009), die gesammelten vier Teile der Piefke-Saga. Komödie einer vergeblichen Zuneigung (2010), sowie Die Beichte (2011).
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. Teil: Der Skandal
– April –
BERLIN. VILLA SATTMANN / WOHNZIMMER. Nacht. – Es regnet. Moderner Betonbau in einem Park. Das Wohnzimmer eines reich gewordenen Kleinbürgers. An einer Wand ein großes Ölgemälde: kämpfende Hirsche auf Lichtung, dahinter Gebirge. Über dem Kamin ein Wurzelschnitzwerk, das Gesicht eines „typischen“ Tirolers darstellend. Daneben unter Glas eine riesige Fotografie einer Fabriksanlage, aus der Luft aufgenommen. Aufschrift an der Fabrik: „SATTMANN“. – Im Fernsehen läuft die Fuchsberger-Sendung „Auf los geht’s los“ vom 28. August 1982. Kennmelodie und Vorspann, Fuchsberger tritt auf, Applaus. Vor dem Fernseher sitzen Heinrich Sattmann, seine Schwiegertochter Elsa und Sabine, seine Enkelin. Zu Füßen von Heinrich liegt die deutsche Schäferhündin Asta. Heinrich raucht Zigarre und trinkt Bier, Elsa trinkt ein Likörchen und legt ein Puzzle, das eine Tiroler Gebirgslandschaft mit See darstellt, Sabine trinkt Campari-Soda und liest einen Konsalik-Roman. Mutter und Tochter schauen immer wieder zum Fernseher. An der Wand über der Familie ein Farbposter des Tiroler Dorfes Lahnenberg.
LAHNENBERG IN TIROL / HOTEL ALPENFRIEDEN. Nacht. – Ein Fremdenverkehrsort mit zahlreichen Hotels und Pensionen, die meisten unbeleuchtet. Auch das riesige Hotel Alpenfrieden scheint verlassen und leer. Vor dem Eingang steht ein BMW. Kein Mensch auf der Straße. Ein schwaches Licht in der Hotelhalle an, Stefan kommt heraus, trägt zwei Reisetaschen, geht zu seinem BMW, öffnet den Kofferraum, gibt die Taschen hinein. Joe rast mit seiner Motocrossmaschine vorbei, hinter ihm sitzt, an ihn geschmiegt, ein Mädchen. Laute Rockmusik vom Lautsprecher der Maschine.
Joe: (hebt die rechte Hand) Heil!
Joe rast davon, Stefan schaut ihm nach. (Er verachtet Joe ein wenig.) Stefan wirft den Kofferraumdeckel zu und geht wieder ins Hotel. Auf der Tür, die sich hinter Stefan schließt, hängt ein großes Schild, darauf steht: „GESCHLOSSEN – Wiedereröffnung am 15. Juni“. Hans Wechselberger taucht auf und schreibt über das Wort „Geschlossen“ mit Filzstift: „wegen Reichtum“. Ganz oben im Hotel sind zwei Fenster erleuchtet. Flackerndes Fernsehlicht dringt zwischen den Vorhängen heraus.
HOTEL ALPENFRIEDEN / WOHNZIMMER DER PRIVATWOHNUNG. – Das Wohnzimmer ist rustikal eingerichtet, alles in teurem Holz. An den Wänden Jagdtrophäen und ein Gewehrschrank. Im Fernsehen läuft die Fuchsberger-Sendung. Vor dem Fernseher sitzt Christl, die Frau des Bürgermeisters, raucht Marlboro, hat eine Batterie von zum Teil schon geleerten Underberg-Fläschchen vor sich auf einem Tisch stehen. An einem Tisch mit Eckbank, unter einer rustikalen Lampe, sitzen der Bürgermeister und Hotelier Franz Wechselberger, der Fremdenverkehrsobmann Max Niederwieser, der erste Gendarm (in Uniform) und der Pfarrer. Sie trinken Bier, der Pfarrer raucht filterlose Zigaretten, Franz raucht „Hobby“, Max raucht Pfeife. Sie schauen hin und wieder zum Fernseher.
Max: Oh mei, oh mei! Jetzt hoaßt’s aufpassen!
Max legt eine Karte in die Mitte zu den anderen, der Gendarm wirft triumphierend seine dazu, nimmt den „Stich“ an sich.
Franz: Scheißdreck!
Der Gendarm grinst, spielt aus. Bei der Tür kommt Stefan herein.
Stefan: I bin jetzt dahin!
Franz: Was? Wohin denn?
Stefan: L. A.!
Franz: Was?
Stefan: Los Angeles!
Franz: Was tuast denn dort?
Stefan: Ja, Urlaub mach i! Pfiat enk! Anfang Juni bin i wieder da!
Stefan geht hinaus, Christl schaut ihm nach, nimmt eine Underberg-Flasche, schaut unzufrieden. Franz blickt auf die Karten in die Mitte des Tisches, legt eine dazu.
Max: Geh, Franz, was tuast denn?
Max legt resigniert seine Karte dazu, der Pfarrer grinsend ebenfalls.
Pfarrer: So, hamma euch wieder! (Sammelt alle Karten ein.) Also, no a Bummerl für euch!
Der Pfarrer macht einen Strich auf einem Zettel.
Franz: Herrschaftszeiten!
Anna kommt mit vier Bierflaschen auf einem Tablett herein. Sie trägt einen weißen Kleiderschurz. In der Zwischensaison ist Anna Hausmädchen, sonst Kellnerin im Hotel des Bürgermeisters. Sie stellt die Bierflaschen auf den Tisch, schenkt den Männern nach.
Pfarrer: Dankeschön, Anna!
Max: Du spielst ja wirklich saumäßig, Franz!
Franz: Is ja kein Wunder, den ganzen Winter bin i nit zum Kartenspielen kommen! (Zum Pfarrer:) Wieviel samma euch denn schon schuldig?
Pfarrer: 7000 Schilling!
Franz: Siebentausend! No, wenn des so weiter geht, kann i mir den Urlaub nimmer leisten!
Erster Gendarm: Geh, Bürgermeister! Bei der Saison!
Anna geht wieder hinaus.
Franz: Jaja! Bei dir kaufen s’ die Wurstsemmeln, die sie in meine Zimmer dann fressen!
Erster Gendarm: (grinsend) Bei mir kaufen sie gar nix! Die Metzgerei gehört meiner Frau!
Franz: Jaja! Du Hundling!
Max: (lehnt sich zurück) Mei, is des fein, so ohne Fremde! Kommt ma endlich amol zu was!
Franz: Ja, is eh wahr!
Max: I versteh nit, warum du in die Karibik fliagst! Da triffst ja wieder die Piefke!
Franz: I will ja eh koan Urlaub! Brauch i doch nit! Gibt doch nix blöders wia Urlaub! Aber i hab’s meiner Alten versprochn! (Zur Frau:) Was, Christl?
Christl: Ja, Zeit wird’s! Seit zehn Jahr versprichst mir schon, daß ma endlich amal gemeinsam auf Urlaub fahren!
Pfarrer: Ja, was is jetzt? Mach ma no a Spiel? Die Kirchn braucht a neus Dach!
Erster Gendarm: (lachend) Und mei Frau braucht an neuen Hot-Dog-Stand!
Franz: Du mit deine Würstlstandl! Das ganze Geschäft ruinierst uns! Aber des sag i dir: mit dem neuen Selbstbedienungsrestaurant werd nix!
Erster Gendarm: Was?
Pfarrer: (zu Franz) Du willst ja auch a neus Hotel bauen, obwohl mir koans mehr brauchen!
Franz: Brauchen! Wer redt denn von brauchen? I muaß investieren, sonst frißt mi die Steuer!
Max: (nimmt die Karten) Geh, hörts jetzt auf! Jetzt spiel ma Karten!
Max beginnt die Karten zu mischen.
STRASSE IN LAHNENBERG UND WOHNHAUS. – Stefan braust mit seinem BMW an einem modernen Gemeindebau vorbei. Aus allen Fenstern Blaulicht von Fernsehern. Mit einer Ausnahme. In der Garconniere des Lehrers Hans Wechselberger läuft kein Fernseher.
GARCONNIERE HANS WECHSELBERGER. – Die Garconniere ist karg eingerichtet. Umweltschutzplakate an den Wänden. Der Lehrer Hans sitzt am Tisch, hat ein Teehäferl vor sich, korrigiert Schulaufsatzhefte. Das Thema war: „Was ich von den Touristen halte“. Hans liest: „Ich mag die Fremden nicht, weil die arbeiten nicht, aber wenn ich von der Schule heimkomme, muß ich gleich meiner Mutter in der Pension helfen. Am Abend hocken sie im Wohnzimmer und schauen Fernsehen und machen einen Lärm und ich habe keinen Platz.“ Hans schreibt darunter: „Sehr gut!“ Er macht das Heft zu, schaut auf die Uhr, trinkt Tee, schaltet den Fernseher ein und dreht sich eine Zigarette. Im Fernsehen die Fuchsberger-Sendung.
WIEN. GRÜNDERZEITVILLA DES HANDELSMINISTERS. Nacht. – Vor der Villa fährt ein schwarzer Dienstmercedes vor, der Chauffeur steigt aus, öffnet dem Handelsminister die Autotür, dieser steigt mit einem Aktenkoffer aus.
SALON DES HANDELSMINISTERS. – Die Gattin des Ministers sitzt vor dem Fernseher und schaut die Fuchsberger-Sendung. Der Minister kommt herein.
Minister: Servus!
Gattin: Grüß dich!
Die Gattin schaut weiter fern, der Minister geht zur Bar, nimmt sich einen Drink, setzt sich, schaut auch zum Fernseher, zündet sich eine Pfeife an.
Minister: Hast mich heut in den Nachrichten gsehn?
Gattin: Ja.
Minister: Und?
Gattin: Dein Sakko rutscht dir immer hoch, da hinten am Nacken. Das schaut nicht gut aus. Du solltest wirklich deinen Schneider wechseln.
Der Minister schaut griesgrämig, blickt zum Fernseher. Fuchsberger steht vor den neun „Geschworenen“.
Fuchsberger: (im TV) Die erste Frage heute, ich weiß nicht, ob sie heikel ist, mit Sicherheit ist sie heiter, das hoffe ich wenigstens. Sie wissen ja, wie das läuft. Ich frage, wie viele der neun Geschworenen erfüllen diese oder jene Bedingung, Sie (zu den Kandidaten) denken zehn Sekunden nach, schauen sich die Herrschaften hier an und dann wählen Sie die Nummer in Ihrem Fächer. Zum Beispiel: Wie viele der neun Geschworenen nennen die Deutschen prinzipiell „Piefke“?
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