Mistry | Das Gleichgewicht der Welt | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 864 Seiten

Mistry Das Gleichgewicht der Welt

Roman
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-10-402892-7
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 864 Seiten

ISBN: 978-3-10-402892-7
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Gleichgewicht der Welt - Ein meisterhaft verwobenes Epos über vier Schicksale im Bombay der 1970er Jahre. Bombay, 1975: In Rohinton Mistrys großem Roman treffen vier Menschen aufeinander, deren Lebenswege sich auf schicksalhafte Weise kreuzen. Da ist Dina Dalal, eine Frau Anfang vierzig, und Maneck Kohlah, ein Student aus dem Gebiet des Himalaja. Und da sind Ishvar Darji, ein unglaublich optimistischer Schneider, und sein widerspenstiger Neffe, die vom Land in die pulsierende Metropole geflohen sind, auf der Suche nach einem besseren Leben. Mit großer erzählerischer Kraft entfaltet Mistry ein beeindruckendes Panorama, das von den grünen Tälern des Himalaja bis in die Straßen Bombays reicht. Er erzählt von Rajaram, dem Haarsammler, dem gewieften Bettlermeister, der eine Armee von Bettlern befehligt, und von Mr. Valmik, einem Korrekturleser, der eine kuriose Allergie gegen Druckerschwärze entwickelt. Das Gleichgewicht der Welt erweckt den indischen Subkontinent zum Leben - ein Kosmos, der nur auf den ersten Blick fremd erscheint, und doch voll universeller Wahrheiten über die Suche nach Glück, Liebe und Zugehörigkeit steckt.

Rohinton Mistry, 1952 in Bombay, Indien, geboren und aufgewachsen. Seit 1975 lebt er in Toronto, Kanada. Seine Romane wurden mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem kanadischen Staatspreis für »So eine lange Reise«, dem Commonwealth Writers Prize für »Das Gleichgewicht der Welt« sowie dem Kiriyama Pacific Rim Book Prize für »Die Quadratur des Glücks«. Im Fischer Taschenbuch Verlag liegt ebenfalls der Titel »Das Kaleidoskop des Lebens« vor.
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Prolog 1975


Der überfüllte Morgenexpreß verlangsamte seine Fahrt bis zu einem Kriechtempo und ruckte dann plötzlich vorwärts, als wollte er wieder zur vollen Geschwindigkeit zurückkehren. Das überraschende Manöver schüttelte die Fahrgäste durcheinander. Die Menschentraube, die aus der Wagentür heraushing, dehnte sich bedrohlich aus, wie eine Seifenblase kurz vor dem Zerplatzen.

Im Innern des Abteils hielt sich Maneck Kohlah, in dem Gedrängel gut gestützt, an der Haltestange über seinem Kopf fest. Er spürte, wie ihm seine Schulbücher von einem Ellbogen aus der Hand gestoßen wurden. Auf den Sitzen nebenan wurde ein dünner junger Bursche in die Arme des Mannes geschleudert, der ihm gegenübersaß. Manecks Schulbücher fielen auf die beiden drauf.

»Autsch!« sagte der junge Bursche, als ihm Band eins in den Rücken krachte.

Lachend lösten er und sein Onkel sich voneinander. Ishvar Darji, der eine entstellte linke Wange hatte, half seinem Neffen aus seinem Schoß heraus und wieder auf den Sitz zurück. »Alles in Ordnung, Om?«

»Bis auf die Delle in meinem Rücken ist alles in Ordnung«, sagte Omprakash Darji, indem er die beiden in braunes Papier eingewickelten Bücher aufhob. Er wuchtete sie in seinen schmalen Händen hoch und sah sich suchend nach dem Eigentümer um.

Maneck gab sich als dieser zu erkennen. Ihn schauderte bei dem Gedanken, daß seine schweren Schulbücher auf diese zarte Wirbelsäule gefallen waren. Er erinnerte sich an den Spatz, den er mal vor Jahren mit einem Stein getötet hatte. Danach war ihm schlecht geworden.

Er entschuldigte sich überschwenglich. »Tut mir furchtbar leid, die Bücher sind gerutscht und …«

»Ist schon gut«, sagte Ishvar. »War nicht Ihre Schuld.« Zu seinem Neffen gewandt fügte er hinzu: »Gut, daß es nicht umgekehrt passiert ist, ha? Wenn ich dir auf den Schoß gefallen wäre, hätte ich dir mit meinem Gewicht bestimmt die Knochen gebrochen.« Sie lachten wieder, und Maneck fiel mit ein, um seiner Entschuldigung Nachdruck zu verleihen.

Ishvar Darji war kein stämmiger Mann. Es war der Kontrast zu Omprakashs dürren Gliedern, der zu ihren kleinen Scherzen über sein Gewicht Anlaß gab. Die Witzeleien kamen manchmal von dem einen und manchmal von dem andern. Wenn sie ihre Abendmahlzeit einnahmen, tat Ishvar regelmäßig eine größere Portion auf den Emailleteller seines Neffen. Wenn sie an einem Straßen-Dhaba aßen, wartete er, bis Omprakash kurz fortging, um Wasser zu holen oder Wasser zu lassen, und packte schnell etwas von seinem eigenen Essen auf das andere Blatt.

Wenn Omprakash protestierte, sagte er: »Was wird man im Dorf denken, wenn wir zurückkehren? Daß ich in der Stadt meinen Neffen hab verhungern lassen und das ganze Essen selbst verdrückt hab? Iß, iß! Ich kann meine Ehre nur retten, indem ich dich mäste!«

»Keine Sorge«, neckte Omprakash zurück. »Wenn deine Ehre nur halb soviel wiegt wie du, dann ist das schon reichlich.«

Omprakashs Gestalt widersetzte sich jedoch den Bemühungen seines Onkels und blieb dünn wie ein Streichholz. Ihre Schicksale bewahrten sich ebenfalls hartnäckig ein mageres und hungriges Aussehen, und eine triumphale Rückkehr ins Dorf war immer noch ein ferner Traum.

Der nach Süden fahrende Expreß wurde wieder langsamer. Die Räder kamen mit einem pneumatischen Zischen klirrend zum Stillstand. Der Zug befand sich auf offener Strecke. Seine Luftbremsen atmeten noch einige Momente lang pfeifend aus und erstarben dann.

Omprakash sah aus dem Fenster, um festzustellen, wo sie hielten. Jenseits des Eisenbahnzauns standen roh zusammengezimmerte Hütten neben einem offenen Abwassergraben. Kinder spielten ein Spiel mit Zweigen und Steinen. Ein aufgeregter junger Hund tanzte um sie herum und versuchte mitzuspielen. In der Nähe melkte ein Mann mit nacktem Oberkörper eine Kuh. Sie könnten überall sein.

Der scharfe Geruch eines Dungfeuers trieb zum Zug. Ein Stück weiter vorne hatte sich eine Menschenmenge bei einem Bahnübergang versammelt. Ein paar Männer sprangen vom Zug ab und gingen die Gleise hinunter.

»Hoffentlich kommen wir rechtzeitig an«, sagte Omprakash. »Wenn uns jemand zuvorkommt, sind wir erledigt, das steht fest.«

Maneck Kohlah fragte, ob sie es noch weit hätten. Ishvar nannte den Bahnhof.

»Oh, da will ich auch hin«, sagte Maneck, indem er seinen spärlichen Schnurrbart befingerte.

In der Hoffnung, ein Uhrenzifferblatt zu entdecken, blickte Maneck in ein Dickicht von deckenwärts gereckten Handgelenken. »Wie spät, bitte?« fragte er jemanden hinter sich. Der Mann schnickte modisch seine Manschette zurück, so daß seine Uhr zum Vorschein kam: Viertel vor neun.

»Na los, yaar, beweg dich!« sagte Omprakash und schlug auf den Sitz zwischen seinen Schenkeln.

»Nicht so gehorsam wie die Ochsen in unserm Dorf, nicht?« meinte sein Onkel, und Maneck lachte. Ishvar fügte hinzu, daß es wahr sei – seit seiner Kindheit hatte sein Dorf bei den Festtagen, an denen Wettbewerbe veranstaltet wurden, noch nie ein Ochsenkarrenrennen verloren.

»Gib dem Zug eine Dosis Opium, und er läuft wie die Ochsen«, sagte Omprakash.

Ein Kammverkäufer zwängte sich durch das überfüllte Abteil, wobei er die Plastikzähne eines großen Kammes schnalzen ließ. Seine Anwesenheit wurde als lästig empfunden, und man murrte und fauchte ihn an.

»Oi!« sagte Omprakash, um seine Aufmerksamkeit zu erregen.

»Plastik-Haarreifen, unzerbrechlich, Plastik-Haarklemmen, in Blumenform, in Schmetterlingsform, bunter Kamm, unzerbrechlich.« Der Kammverkäufer intonierte einen halbherzigen monotonen Gesang, unsicher, ob dies ein richtiger Kunde war oder nur ein Witzbold, der sich die Zeit vertreiben wollte. »Großer Kamm und kleiner Kamm, rosa, orange, braun, grün, blau, gelber Kamm – unzerbrechlich.«

Omprakash machte mit verschiedenen Kämmen einen Probelauf durch seine Haare, bevor er sich für ein rotes Exemplar entschied, Taschengröße. Er kramte in seiner Hosentasche und zog eine Münze hervor. Der Kammverkäufer mußte feindselige Knuffe von Ellbogen und Schultern einstecken, während er das Wechselgeld zusammensuchte. Mit seinem Hemdsärmel wischte er das Haaröl von den zurückgewiesenen Kämmen ab und verstaute sie dann wieder in seiner Tasche, wobei er den großen Zweizahnigen in der Hand behielt, um mit leisem Schnalzen seinen Verkaufsgang durchs Abteil fortzusetzen.

»Was ist mit dem gelben Kamm passiert, den du gehabt hast?« fragte Ishvar.

»In zwei Stücke zerbrochen.«

»Wie?«

»Er war in meiner Hintertasche. Ich hab mich draufgesetzt.«

»Das ist der falsche Platz für einen Kamm. Der ist für deinen Kopf gedacht, Om, nicht für deinen Hintern.« Er nannte seinen Neffen immer Om und benutzte Omprakash nur, wenn er sich über ihn aufregte.

»Wenn es Hintern gewesen wäre, wäre der Kamm in hundert Stücke zerbrochen«, erwiderte sein Neffe, und Ishvar lachte. Seine entstellte linke Wange war kein Hindernis, sie blieb standfest wie eine Muring, um die herum sein Lächeln sich ungestört kräuseln konnte.

Er versetzte Omprakash einen Kinnstüber. Die meiste Zeit war ihr Altersunterschied – sechsundvierzig und siebzehn – ein irreführender Hinweis auf ihr tatsächliches Verhältnis. »Lächeln, Om. Dein zorniger Mund paßt nicht zu deiner Heldenfrisur.« Er zwinkerte Maneck zu, um ihn in den Spaß miteinzubeziehen. »Mit so einer Tolle werden viele Mädchen hinter dir her sein. Aber keine Sorge, Om, ich werde eine nette Frau für dich aussuchen. Eine, die groß und stark ist, mit Fleisch genug für zwei.«

Omprakash grinste und kämmte sich mit seinem neuen Kamm einen kleinen Schlenker ins Haar. Der Zug machte immer noch keine Anstalten, sich wieder in Bewegung zu setzen. Die Männer, die auf die Gleise gegangen waren, kamen mit der Nachricht zurück, daß schon wieder eine Leiche am Gleis in der Nähe des Bahnübergangs gefunden worden sei. Maneck schob sich zur Tür, um zuzuhören. Eine schöne, schnelle Art, sich zu verabschieden, dachte er, sofern der Zug den Betreffenden frontal erwischt hatte.

»Vielleicht hat es mit dem Ausnahmezustand zu tun«, sagte jemand.

»Was für ein Ausnahmezustand?«

»Die Ministerpräsidentin hat heute früh im Radio eine Rede gehalten. Irgendwas von wegen, daß das Land von innen bedroht wäre.«

»Hört sich wieder nach so einem Regierungs-Tamasha an.«

»Wieso müssen sich alle immer ausgerechnet die Bahngleise zum Sterben aussuchen?« beschwerte sich ein anderer. »Keine Rücksicht auf Leute wie uns. Mord, Selbstmord, Massaker durch die Naxaliten-Terroristen, Tod durch Polizeigewahrsam – immer werden die Züge durch so was aufgehalten. Was ist denn gegen Gift oder hohe Gebäude oder Messer einzuwenden?«

Endlich wanderte das langerwartete Rumpeln durch die Abteile, und ein Zittern lief das lange stählerne Rückgrat des Zuges entlang. Die Gesichter der Fahrgäste hellten sich erleichtert auf. Während die Abteile an dem Bahnübergang vorbeiratterten, reckten...


Mistry, Rohinton
Rohinton Mistry, 1952 in Bombay, Indien, geboren und aufgewachsen. Seit 1975 lebt er in Toronto, Kanada. Seine Romane wurden mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem kanadischen Staatspreis für 'So eine lange Reise', dem Commonwealth Writers Prize für 'Das Gleichgewicht der Welt' sowie dem Kiriyama Pacific Rim Book Prize für 'Die Quadratur des Glücks'. Im Fischer Taschenbuch Verlag liegt ebenfalls der Titel 'Das Kaleidoskop des Lebens' vor.

Rohinton MistryRohinton Mistry, 1952 in Bombay, Indien, geboren und aufgewachsen. Seit 1975 lebt er in Toronto, Kanada. Seine Romane wurden mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem kanadischen Staatspreis für 'So eine lange Reise', dem Commonwealth Writers Prize für 'Das Gleichgewicht der Welt' sowie dem Kiriyama Pacific Rim Book Prize für 'Die Quadratur des Glücks'. Im Fischer Taschenbuch Verlag liegt ebenfalls der Titel 'Das Kaleidoskop des Lebens' vor.

Rohinton Mistry, 1952 in Bombay, Indien, geboren und aufgewachsen. Seit 1975 lebt er in Toronto, Kanada. Seine Romane wurden mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem kanadischen Staatspreis für »So eine lange Reise«, dem Commonwealth Writers Prize für »Das Gleichgewicht der Welt« sowie dem Kiriyama Pacific Rim Book Prize für »Die Quadratur des Glücks«. Im Fischer Taschenbuch Verlag liegt ebenfalls der Titel »Das Kaleidoskop des Lebens« vor.



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