Mischke Nixenjagd
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-401-80077-6
Verlag: Arena
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Arena Thriller:
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Reihe: Arena Thriller
ISBN: 978-3-401-80077-6
Verlag: Arena
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autoren/Hrsg.
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1
Die Menschen auf dem Bahnsteig waren schwer bepackt und die Gesichter zeigten jene satte Erschöpfung, die sich nach einem gelungenen Raubzug breitmacht. Samstag – Familien-Einkaufstag. Franziskas Ausbeute bestand lediglich aus zwei Büchern, doch damit war sie restlos zufrieden. Sie hatte nach einem Sommerkleid und leichten Schuhen Ausschau halten wollen, aber nichts Passendes gefunden. Das mochte daran liegen, dass sie zwei Stunden im Antiquariat verbracht hatte. Ihre Mutter würde sagen: vertrödelt. Danach hatte sie wenig Lust verspürt, nach Klamotten zu suchen. Es war ihr grundsätzlich lästig, mit der Auswahl und Anprobe von Kleidung Zeit zu vergeuden. Zeit, die man auch sinnvoll verbringen konnte. Zum Beispiel lesend. Die vertraute Frauenstimme kündigte das Einfahren des Zuges an. Türen glitten auf, die Menschen enterten die Wagen, als handele es sich um die Arche Noah und nicht um die S-Bahn. Mit einem Sitzplatz würde es wohl nichts werden, befürchtete Franziska, die ohne ihr Zutun vorangeschoben wurde. Musste sie halt im Stehen lesen. »Hier ist noch Platz«, hörte sie plötzlich eine Stimme. Ein Korb wurde vom Sitz genommen, eine kräftige, langfingrige Hand wies auf die frei gewordene Fläche. Lieber Himmel, durchfuhr es Franziska. Sollte sie wirklich...? Jemand rempelte gegen ihren Rücken, sie verlor das Gleichgewicht und plumpste auf den freien Sitz. »Hi«, sagte Paul.
»Hi«, sagte Franziska. Eine Dicke, beladen mit zwei prall gefüllten Plastiktüten, sank stöhnend neben sie. Franziska registrierte es kaum. Paul. Vor vier Wochen war er neu in ihre Klasse gekommen, in die 10 b. Seitdem geisterte er durch ihre Tagträume. Nicht nur, weil er ohne jeden Zweifel gut aussah: braune Locken, blaue Augen, athletische Figur. Das allein war es nicht. Auch Oliver sah gut aus, aber bei seinem Anblick bekam sie kein Herzklopfen. Paul dagegen ...Er wirkte erwachsener als die anderen Jungs in seinem Alter, und wenn sie im Unterricht zu ihm hinsah – was oft geschah, denn er saß schräg vor ihr –, dann bemerkte sie zuweilen etwas Melancholisches in seinen Zügen, eine leise, verborgene Traurigkeit, die etwas in ihrem Inneren berührte. Doch Franziska war nicht die Einzige, die sich zu Paul hingezogen fühlte. Ihre Freundin Katrin schleuderte jedes Mal reflexartig ihr Blondhaar zurück und versandte schmachtende Blicke, wenn Paul in ihre Nähe kam, und Silke, die mit Katrin um den Titel attraktivstes Mädchen des Jahrgangs konkurrierte, drückte automatisch ihr Kreuz durch und reckte ihre C-Körbchen in die Landschaft. Aber sämtliche Verrenkungen dieser Art waren bisher erfolglos geblieben. »Vielleicht ist er schwul«, hatte Katrin neulich verärgert vermutet. Sie war nicht gewohnt, ignoriert zu werden, und anders konnte man das freundlich distanzierte Verhalten Pauls kaum nennen. Wenn Katrin jetzt an meiner Stelle säße, dachte Franziska, würde sie ihre Chance nutzen: eine Unterhaltung, etwas Small Talk, vielleicht sogar eine Verabredung. Franziska krallte nur die Hände um ihren kleinen Rucksack und heftete den Blick auf den Korb mit Lebensmitteln, den Paul jetzt auf dem Schoß hatte. Die Bahn fuhr los und mit jedem Meter empfand Franziska das Schweigen unerträglicher. Wenn er doch was sagen würde. Schließlich bemerkte sie: »Du warst einkaufen.« Sehr originell, Franziska, wirklich super! »Ich will was kochen«, erklärte Paul. »Du kochst?« Hat er doch gerade gesagt. Franziska, du redest nur wirres Zeug. »Das finde ich toll«, sagte sie. »Mein Vater kocht auch ab und zu am Sonntag. Aber er hinterlässt immer eine Riesensauerei in der Küche.« Paul antwortete nicht und sah aus dem Fenster. Franziska fiel ein, dass jemand erzählt hatte, Pauls Vater sei vor zwei Jahren gestorben. Hätte ich doch nur den Mund gehalten. Die Dicke neben ihr tat einen tiefen Seufzer. Der Junge neben Paul hatte die Hörer seines MP3-Players eingestöpselt und bewegte den Kopf wie ein pickendes Huhn. Franziska verwünschte die ganze Bande. Sie wäre jetzt gern mit Paul allein gewesen. Um beschäftigt zu wirken, nahm sie eines ihrer Bücher heraus. Sie hatte ja ohnehin lesen wollen. Allerdings würde sie sich in seiner Gegenwart wohl kaum konzentrieren können. »Was liest du da?« Franziska sah auf, ihr Blick begegnete seinem. Ein kleiner Elektroschock durchfuhr ihren Körper. Wortlos hob sie das Buch an. Er lächelte. Franziska war sicher, dass sie ihn bis jetzt noch nie hatte lächeln sehen. Denn daran hätte sie sich erinnert. Es war wie ein Sonnenaufgang. Doch schon war es wieder verflogen. »Camilleri. Du magst Krimis?« Sie nickte. »Kennst du es?«, fragte Franziska. »Ja.«
Ging es vielleicht noch einsilbiger? Wenn er nicht reden wollte, warum fragte er dann nach ihrem Buch? Erneut musste Franziska an Katrin denken. Die hätte jetzt sicher die passende Bemerkung parat gehabt. Sie dagegen schwieg und spürte, wie sie rot wurde, während sie verlegen aus dem Fenster sah. Korn-und Rübenfelder zerflossen zu einem Mosaik in Gold und Grün. Aus der Plastiktüte auf dem Schoß der Dicken roch es nach Gorgonzola. »Und was liest du so?«, fragte Franziska, um die Unterhaltung nicht völlig einschlafen zu lassen. Wieder sah Paul stumm aus dem Fenster. Er schien da draußen etwas wirklich Interessantes zu sehen. Franziska wagte nicht, ihre Frage zu wiederholen. »Hesse«, sagte er nach über einer Minute. »Ich lese zurzeit viel von Hesse. Siddharta zuletzt.« »Ah. Meine Hesse-Phase hatte ich mit dreizehn«, hörte sich Franziska antworten. Was redete sie da schon wieder für einen Mist? Meine Hesse-Phase hatte ich mit dreizehn. Er wird mich für eine altkluge, affektierte Tussi halten. So wie ihr Vater neulich bemerkt hatte, sie müsse achtgeben, dass sie auf andere nicht zu blaustrümpfig wirke. Franziska hatte im Internet nachsehen müssen, was Blaustrumpf bedeutete: Mauerblümchen, Frauenrechtlerin. Sie hatte ganz vergessen, ihren Vater zu fragen, ob ihm eine Tochter, die sich nur für Klamotten und Klingeltöne interessierte, lieber wäre. »Mädchen sind eben mit allem etwas früher dran«, antwortete Paul ironisch. »Ich habe es nur gelesen, weil es daheim herumlag«, versuchte sich Franziska in Schadensbegrenzung. Es war nicht einmal gelogen. Franziskas Mutter arbeitete für die Literaturredaktion des NDR, weshalb zu Hause schon immer stapelweise Bücher herumgelegen hatten. Sobald sie lesen konnte, hatte Franziska wahllos alles an Literatur verschlungen, was ihr in die Finger kam. Bücher waren wie Drogen, man konnte abtauchen aus der Wirklichkeit in eine andere Welt. »Aber ich befürchte, ich habe damals gar nichts verstanden«, setzte sie hinzu. Er nickte nur. Offensichtlich langweilte sie ihn. Franziska tat, als würde sie weiterlesen, aber ihr war klar, dass sie drauf und dran war, diese einmalige Gelegenheit, Paul etwas näherzukommen, ergebnislos verstreichen zu lassen. Schnell, ein anderes Thema musste her! »Wie gefällt es dir an der Schule?« »Ist okay.« »Und deiner Schwester? Sie geht in die Neunte, oder?« »Alexandra, ja. Die wird sich schon noch eingewöhnen. Mit dem Lernen tut sie sich eh leichter als ich.« Franziska hatte Paul in der Pause häufig zusammen mit einem großen, etwas grobgliedrigen Mädchen gesehen. Vielleicht, dachte sie nun insgeheim, würde sich Alexandra ohne ihren Bruder schneller eingewöhnen. »Wenn du mal Hilfe brauchst – in Mathe bin ich zwar auch nicht gerade eine Leuchte, aber sonst...« »Danke für das Angebot«, sagte er in einem Ton, der eine Annahme desselben kategorisch ausschloss. Schon wieder ein Fehler, dachte Franziska. Vielleicht sollte ich mal einen Kursus belegen: Wie flirte ich mit einem Jungen, ohne von einem Fettnapf in den nächsten zu treten.
Der Zug hielt, die Dicke stieg aus. Der Käseduft schwebte hartnäckig über den Sitzen. Nur noch fünf Minuten bis zu ihrer gemeinsamen Haltestelle. Los, Franziska, nutze deine Chance! »Was machst du sonst so – außer lesen?«, forschte sie in einem Anflug von Mut weiter.
»Tiere beobachten.«
»Was für Tiere?« »Alle möglichen. Ich setze mich mit dem Fernglas auf einen Hochsitz und warte, was da so passiert. Manchmal mache ich Fotos.« »Ich gehe auch oft in den Wald. Mit dem Hund meiner Tante.« »Warum habt ihr keinen eigenen?« »Mein Vater ist angeblich allergisch gegen Tierhaare. Aber ich glaube, er sagt das nur, weil er kein Haustier möchte.« »Kannst du still sein?«, fragte Paul. Franziska wurde von einer heißen Welle der Scham überspült. Sie hatte ihn also genervt mit ihrem Geplapper, dem krampfhaften Bemühen um eine Unterhaltung. Vielleicht hatte er lesen wollen, seinen Hesse, oder nachdenken, und sie . . . Franziska konnte sich nicht erinnern, jemals eine so peinliche Situation wie diese erlebt zu haben. Peinlich und demütigend. Schon spürte sie ein verräterisches Brennen in den Augen und etwas, das ihr die Kehle zuschnürte. Gleichzeitig registrierte sie, wie ihr Gesicht allmählich die Farbe eines Radieschens annahm. »’tschuldige.« Es war ein kaum hörbares Flüstern. Alles in ihr schrie nach Flucht. Sie war im Begriff, aufzustehen und sich einen anderen Platz zu suchen, als er sagte: »Wenn du...




