E-Book, Deutsch, 196 Seiten
Mira TITANS KINDER
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-95765-810-4
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Space-Utopie
E-Book, Deutsch, 196 Seiten
ISBN: 978-3-95765-810-4
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Aiki Mira veröffentlicht Essays und Kurzgeschichten in Magazinen wie Exodus, c't, phantastisch!, Queer*Welten und vielen anderen. Für das Jahr 2022 standen drei Kurzgeschichten auf der Shortlist für den Kurd-Laßwitz-Preis und für den Deutschen Science-Fiction-Preis. Mit der Story »Utopie27« gewann Aiki den Kurd-Laßwitz-Preis. Die Geschichten »Vorsicht synthetisches Leben« und »Universum ohne Eisbärin« belegten Platz 3 und 4. Zusammen mit Uli Bendick und Mario Franke hat Aiki Mira die Anthologie »Am Anfang war das Bild« herausgegeben, die ebenfalls für den Kurd-Laßwitz-Preis 2022 nominiert wurde und Platz 2 erreichte. Meist ist Aiki in Hamburg unterwegs, als @aiki_mira auch auf Twitter und Instagram.
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4
Überlebende? Wieso beruhigte ihn der Gedanke nicht? Marlon sah zu, wie Rain am Interkomm hantierte. Ruhig, beinahe freundlich sprach sie ins Mikrofon: »Hallo, hier ist die Crew der ESP3, bitte identifizieren Sie sich.«
Wieder rauschte es, aber wer auch immer vor dem Interkomm der Forschungsstation saß, konnte sich nicht dazu durchringen, zu antworten. Ungeduldig beugte sich Sunita über das Mikrofon: »Wir arbeiten für BionX, wir sind gekommen, um zu helfen, wir haben Nahrung und Ausrüstung dabei.«
Wieder nichts.
Und dann: »Ich habe euch gewarnt.«
Ein Knacken in der Leitung und schließlich: »Bringt den Swifter ins Vorzelt, dort könnt ihr entladen.«
Danach war nur ein lang gezogenes Piepen zu hören.
»Ganz offensichtlich sind wir hier nicht erwünscht … «, sagte Marlon.
Sunita schien das nicht zu stören. Sie reaktivierte das KI-System und der Swifter hob ab. Im eleganten Bogen flog die Maschine zur Station. Dort rollte sie, wie angewiesen, in den überdachten Eingangsbereich. Marlon entriegelte seine Elektroimpulspistole. Alle stiegen aus. Sunita kam in Anzug und Atmosphäre bereits bestens voran, bewegte sich kraftvoll wie eine professionelle Turnerin. Marlon folgte in wackeligen, zaghaften Schritten. Erleichtert stellte er fest, dass Rain mindestens genauso große Schwierigkeiten hatte wie er. Ihr schmales Gesicht war unnatürlich grün, und sie presste die Lippen aufeinander. Marlon fühlte sich so, wie Rain jetzt aussah. Ohne ein Wort sprang seine Kollegin zum Eingang. Warum wartete sie nicht? So ein leichtsinniges Verhalten verstörte den erfahrenen Astronauten. Gerade von der stillen Bioinformatikerin hatte er ein Vorpreschen nicht erwartet. Offenbar konnte sie die schützende Hülle der Station nicht schnell genug erreichen. Auch sein Körper sehnte sich nach einem Dach und nach Wänden. Mehrmals drehte sich ihm der Magen um. Er hatte das Gefühl, jeden Moment umzukippen.
Über das Interkomm rief er nach Rain. Er wollte nicht, dass sie sich trennten. »Wer weiß, was uns in der Station erwartet. Du solltest auf gar keinen Fall allein reingehen«, und an Sunita gewandt: »Wollen wir wirklich unsere gesamten Vorräte entladen? Wir wissen nicht, ob die Station sicher ist.«
Niemand nahm seine Einwände ernst. Als BionX-Mitarbeiterinnen besaßen Rain und Sunita entweder mehr Informationen oder mehr Vertrauen. Marlon starrte Sunita an, die bereits den ersten Container entlud. Dann raffte er sich endlich auf und half mit.
Als sie fertig waren und den Eingang suchten, war Rain längst außer Sichtweite. Nervös spielte er am Abzug der Schusswaffe. Auch wenn Sunita versicherte, alles sei in Ordnung, fürchtete er einen Hinterhalt. Von wem konnte er nicht sagen. Mit gezückter Waffe schob er sich vor Sunita durch den Eingang. Sobald sie drin waren, schloss sich die Tür. Die Luftschleuse wurde freigegeben. Nach einer kurzen Dekontaminationsdusche betraten sie einen Umkleideraum. Dort fanden sie Rains Anzug. Rain selbst war nirgends zu sehen. Sie war offenbar in die Freizeitkleidung geschlüpft, die für alle bereitlag. Sunita nahm die Sauerstoffmaske ab und tat es ihr nach. Marlon weigerte sich, aus Angst, die Luftzufuhr der Station funktioniere nicht richtig.
Kurz darauf betraten sie die Eingangshalle. Durch das in der Dekontaminationsdusche versprühte Desinfektionsmittel hing jetzt ein Schleier auf Marlons Gesichtsmembran, wodurch er nicht richtig sehen konnte. Der Raum wirkte wie vernebelt. Schemenhaft entdeckte er zwei Gestalten. Mit ausgestreckter Waffe ging er auf sie zu. Ohne Warnung traf ihn ein Schlag zugleich gegen Kopf, Arm und Brust. Seine Waffe flog davon. Sunita zischte hinter ihm: »Nimm endlich die Maske ab!«
Marlon blinzelte, ohne Membran schien alles viel heller zu sein. Direkt vor ihm stand Rain, neben ihr stand eine weitere Person. Nicht viel größer als Rain. Er sollte keine Angst vor der Fremden haben und doch –
Rotes abstehendes Haar, robuster Körperbau: Die Fremde besaß die Ausstrahlung einer Kampfmaschine. Die Waffe lag zwischen ihnen auf dem Boden. Der Lauf zeigte auf Marlon. Einen Moment starrten beide darauf. Fast gleichzeitig hoben sie die Gesichter und sahen sich an. Er schätzte, sie war wie er um die vierzig Jahre alt. Eckiges Gesicht mit unnatürlich grünen Augen und schmalem Mund. Ihre Laserblicke gingen ihm bis ins Knochenmark. Ohne ihn aus den Augen zu lassen, hob sie die Waffe auf und gab sie ihm zurück.
Wer war sie bloß?
»Verve Delacroix«, sagte Sunita, als könnte ein Name alles erklären. Da fiel ihm ein, warum der Name ihm so bekannt vorkam. Verve Delacroix hatte es mehrmals in die internationalen Nachrichtenstreams geschafft. Zwei Mal hatte die Astrobiologin den Nobelpreis abgelehnt und irgendwann ihr Forschungsinstitut in die Luft gejagt. Das Letzte, was Marlon über sie gelesen hatte, war, dass sie beabsichtigte, in die Wirtschaft zu wechseln. Das war Jahre her. Seitdem tauchte Verve Delacroix nicht mehr in den Nachrichten auf. Offenbar arbeitete sie jetzt für BionX auf Titan.
Als könnte sie jeden seiner Gedanken lesen, verzog Verve die Lippen. Nach außen trug sie einen Ausdruck von spöttischer Langweile, in ihr brannte jedoch eine nicht genau bestimmbare Leidenschaft, die Marlon furchtbar anziehend fand. Er spürte, wie er unter ihrem Blick rot wurde. Sunita half ihm auf die Beine. »Ich bin Sunita Dhar und das ist Marlon Khoury.«
Verve nickte.
Dank der Stations-KI wusste sie über die Neuankömmlinge Bescheid. Die KI hatte dafür gesorgt, dass am Fahrstuhl der Swifter bereitstand. Wenn es nach Verve gegangen wäre, hätte sie den Besuchern bereits das Andocken an der Raumstation verwehrt. Aber die KI hatte wie immer recht: Verve brauchte nicht nur neue Vorräte und Ausrüstung. Sie brauchte neue Menschen! Ohne Menschen würde sie ihre Arbeit nicht weiterführen können. Sie musterte ihr Gegenüber. Marlon Khoury war nicht besonders groß, dafür genauso breit gebaut wie sie selbst. Sie registrierte seine große Nase, die gefährlich aussehende Narbe über der Stirn und die Haarsträhne, die ihm lässig vors Auge baumelte. Und sie dachte: Männlichkeit in Großbuchstaben. Sie hoffte, er war nicht so naiv, wie er tat.
Marlon wich den Blicken aus, indem er sich neugierig umschaute. Obwohl die Kuppel hoch wie ein Wolkenkratzer war, schien die Decke der Empfangshalle vergleichsweise niedrig zu sein. Er vermutete, dass die Station in mehrere Etagen eingeteilt worden war, um die Räumlichkeiten kleiner zu machen und sie dadurch leichter beheizen zu können. Die Anzeige seines Anzugs meldete eine Zimmertemperatur von angenehmen fünfzehn Grad Celsius.
»Geheime Stationen wie diese hier gibt es auch auf dem Mars.« Sie sollte nur nicht glauben, er kenne sich nicht aus.
»Offiziell heißen sie Geschlossene Stationen«, verbesserte ihn Verve.
»Ich weiß«, versicherte Marlon, »der Zutritt ist eingeschränkt, und ihre genaue Lage wird auf keiner offiziellen Karte vermerkt.« Auf der Erde galten sie als Experimentierkästen der Rüstungsindustrie, dienten oft als Militärstützpunkte. War das hier auch der Fall?
»Ich habe immer gedacht, solche Orte werden durch Kontrollposten, bewaffnete Androiden oder Sicherheitszäune abgeschirmt.« Er schaute sich um. Das Mobiliar wirkte abgenutzt. An den Wänden gab es Markierungen und Pfeile. An einer Wand hing sogar einer dieser eckigen Computer, die vor allem auf außerirdischen Stationen im Gebrauch waren. Die grün schimmernden Bildschirme erinnerten Marlon immer an Unterwasserlandschaften. Auf dem Mars waren die meisten Stationen wegen der hohen Kosten aufgegeben worden. In einigen hausten noch Maschinen, die selbstständig Proben sammelten und Experimente durchführten. Aber wirklich aktiv waren sie nicht. Marlon ließ den Blick weiterwandern, auch in dieser Station war es unheimlich still – abgesehen vom Surren des Computers und dem Heulen des Titanwindes. Wo waren die Bewohner? Müssten hier nicht mehr Menschen sein? Er schwenkte den Blick zurück zu Verve, die mit seinen Kolleginnen bereits besprach, wo sie untergebracht werden könnten. Wie an Bord der ESP3 verständigten sich alle in einem Englisch, das sich außer bei Verve und Rain keinem bestimmten Land mehr zuordnen ließ. Die Neuankömmlinge hatten Fragen, waren aber zu erschöpft, um sich gegen die offizielle Prozedur zu wehren. Ohne Protest durchliefen sie die medizinischen Tests und gaben dem zentralen Computersystem bereitwillig Auskunft. Danach bezogen sie ihre Kabinen. Marlon wechselte endlich in die Freizeitkleidung, die aus einem beigen Hemd und einer beigen Hose bestand, was ihn irgendwie an Häftlingsuniformen erinnerte.
Er und Sunita teilten sich eine Kabine mit zwei schmalen Kojen. Rain bekam ebenfalls eine Doppelkabine, bei ihr war die zweite Koje leer. Die Zimmer waren durch verschließbare Luken voneinander abgetrennt. Leitern führten in die oberen Etagen. Marlon erinnerte das an ein U-Boot. Die Stationen auf dem Mars waren nicht so kompakt gebaut. Als rechneten sie hier mit einer Überflutung. Wenn er an Titans Seen und Regenwolken dachte, war das vielleicht gar nicht so abwegig. Sobald sie die wenigen persönlichen Sachen in einem Fach unter der Koje verstaut hatten, plumpsten Marlon und Sunita völlig erschöpft auf die schmalen Betten. Sie hätten sofort einschlafen können. Ihre Körper schmerzten, als wären sie seit Tagen wach. Nach fünf Jahren im All waren Gehirn und Körper von der Ankunft auf einem fremden Planeten vollkommen überfordert. Sie fühlten sich ausgebrannt, fast schon depressiv. An Marlon nagte zusätzlich eine schreckliche Vorahnung. »Verdammt, wo sind die anderen? Hast du jemanden gesehen?«
Sunita zuckte nicht einmal mit den Schultern,...




