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E-Book

E-Book, Deutsch, 519 Seiten

Mira Neongrau

Game over im Neurosubstrat
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-949345-30-2
Verlag: Polarise
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Game over im Neurosubstrat

E-Book, Deutsch, 519 Seiten

ISBN: 978-3-949345-30-2
Verlag: Polarise
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wer beherrscht das Spiel, das sich Leben nennt, und wer ist nur Spielfigur? Near-Future-SciFi trifft Entwicklungsroman LGBTQIA+ über VR-Gaming im ganz großen Stil, KIs, Freundschaft und die Suche nach sich selbst Hamburg im Jahr 2112: Die Stadt wird immer wieder von Starkregen geflutet, im Binnendelta hat sich ein Slum aus schwimmenden Containern gebildet und über allem thront das gigantische Stadion. Zum 'Turnier der Legenden' reisen Fans aus der ganzen Welt an, um die berühmten Glam-Gamer spielen zu sehen. Auch Go [Stuntboi] Kazumi begeistert sich für das VR-Gaming, fährt jedoch noch lieber Stunts auf dem Retro-Skateboard. Ein Sturz scheint das Aus für Gos Karriere zu bedeuten, doch dann wird Go ein Job im Stadion angeboten - bei den Rahmani-Geschwistern, den berühmtesten Gamern Deutschlands! Von da an überschlagen sich die Ereignisse und Gos Welt wird komplett auf den Kopf gestellt: ein Bombenanschlag, illegale Flasharenen, Tech-Aktivisten, Cyberdrogen, künstliche Intelligenzen - und dann ist da auch noch dieses Mädchen ...

Aiki Mira studierte Medienkommunikation in Stirling, London sowie Bremen und forschte zu Jugendkultur und Gaming. Heute lebt Aiki in der Science-Fiction und in Hamburg. Als Autorx erforscht Aiki die Grenzen unserer Beziehungen und der menschlichen Identität und schreibt, denkt und diskutiert gern queere Themen. Neben Romanen veröffentlicht Aiki Essays und Kurzgeschichten u. a. auf Tor Online, in Exodus, Phantastisch!, Queer*Welten, im Future Fiction Magazine und im c't Magazin für Computertechnik. Drei Kurzgeschichten von Aiki standen 2022 auf der Shortlist für den Kurd-Laßwitz-Preis 2022 und für den Deutschen Science-Fiction-Preis. Mit der Story »Utopie27« gewann Aiki beide Preise. Zusammen mit Uli Bendick und Mario Franke hat Aiki Mira die Anthologie »Am Anfang war das Bild« herausgegeben, die ebenfalls für den Kurd-Laßwitz-Preis 2022 nominiert wurde und Platz 2 erreichte. Im Juni 2022 erschien Aikis Debütroman »Titans Kinder: Eine Space-Utopie«.
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STURZ


Knochen knacken, verdrehen sich, biegen sich. Straßenbelag frisst sich durch halb geöffnete Lippen, schiebt sich zwischen die Zähne, will weiter in den Kopf. Mit der Wucht des Aufpralls scheint sich die gesamte Welt gegen Stuntboi zu drücken.

ELLL, ein muskulöses Mädchen mit Raubtierzähnen und halbseitig rasierten Locken, hat alles mitangesehen, steht nur wenige Meter entfernt und wartet auf die nächste Regieanweisung. Hätte sie …? Was, wenn …? Nervös dreht sie den Kopf, hält Ausschau nach dem weggeschleuderten Brett. Das liegt auf dem Asphalt, scheinbar intakt, alle vier Rollen zeigen nach oben. Wie nannte Stuntboi das Ding? Sie hat es vergessen. Egal. Es gehört sowieso ins Museum und nicht auf die Straße. Niemand fährt mehr damit – außer Stuntboi, und der macht das ziemlich gut.

Eine Drohne schwirrt herbei, fokussiert den am Boden liegenden Stuntboi, filmt seine seltsam gebogenen Gliedmaßen – oder betrachtet sie bloß die endgültige Schönheit des Stunts?

»Wir haben die Aufnahmen. Wir brauchen den Jungen nicht mehr.«

Die körperlose Stimme des Regisseurs klingt zugleich blechern und fröhlich. Das ist meine Chance, denkt ELLL. Sie macht einen Schritt nach vorne, schaut hoch zur Drohne. Beim Sprechen zeigt sie schiefgewachsene Vorderzähne. »Ich kann ihn zum nächsten Medimat bringen.«

»Dann brauchst du dich hier nicht mehr blicken zu lassen. Und vom Lohn bekommst du nur die Hälfte.«

ELLL zuckt mit den Schultern. Wegen des jämmerlichen Lohns ist sie nicht hier. Ihre Auftraggeberin soll zufrieden sein, das ist alles, was zählt.

Erleichtert stellt sie fest: Stuntboi atmet noch. Sein Körper ist schwerer, als er aussieht. Sie braucht mehrere Anläufe, um ihn vom Bauch auf den Rücken zu drehen. Nase, Wangen und Mund sind beklebt mit Schottersteinchen und Blut. In den Schürfwunden glänzt es wie Wachs. Aus den Nasenlöchern schlängelt es sich in grellroten Fäden, gräbt Tunnel ins Make-up. Die darunterliegende Haut ist an manchen Stellen dunkler als an anderen. Ihr Glanz erinnert ELLL an die Panzer ausgestorbener Käfer, die sie als Exponate im Museum bewundert hat. »Stellt euch bloß vor«, hatte die KI die Ausstellung eröffnet, »vor dem großen Insektensterben lebten Menschen in einer Welt mit umherfliegenden Edelsteinen!« Nach dem Museumsbesuch litt ELLL tagelang an Magenschmerzen, weil sie chronische Angst vor dem Untergang des Planeten hat, was seit 2017 eine anerkannte psychische Störung ist.

Sie zerrt an Stuntbois Perücke, muss fest zupacken, denn die falschen Haare sind mit Klebstoff am Schädel fixiert. Darunter ist die Haut rasiert. Nur oben in der Mitte thront ein kunstvolles Gebilde aus eng am Kopf geflochtenen Zöpfen.

Endlich öffnet er die Augen. »Wo ist mein Board?«

ELLL versteht nicht, bis er zur anderen Seite zeigt. Ach, das Stück Plastik, auf dem er seine Tricks macht. Sie steht auf und holt es. Er kann es kaum erwarten, das Brett in die Hand zu bekommen. Als wäre es zerbrechlich oder gar wertvoll, wiegt er es in den Armen, schaut es sich genau an – inspiziert es! –, entdeckt die Steinchen im Gummi …

ELLL zieht den Atem ein.

Mit spitzen Fingern zupft er Steinchen für Steinchen aus der Rolle, wirft sie zur Seite. Dann schaut er lächelnd zu ihr hoch. »No Wahala – alles gut.«

ELLL atmet hörbar aus. Offenbar schöpft er keinen Verdacht, scheint einfach nur froh zu sein, dass mit dem Brett alles in Ordnung ist. Sie zieht ihr VR-Kostüm über den Kopf. Ein altes Shirt und weite Cargo-Hosen kommen zum Vorschein. Als Nächstes öffnet sie die komplizierten Schnallen der zwanzig Zentimeter hohen Tanzschuhe, wirft sie beiseite und schlüpft in ihre ausgetretenen Stiefel. Echte Bundeswehrstiefel, vintage, aus den 2070ern mit eingebautem Hitzeschutz.

Dann packt sie seine Hand, hilft ihm auf die Beine. Er zieht seine Hand zurück. Sie greift wieder danach, zerrt sie bis hoch auf ihre Schulter, legt seinen Arm um ihren Hals, um ihn besser stützen zu können.

Er hinkt, als sie loslaufen. Über ihnen ragt das Viadukt in den Himmel. Auf der Stahlkonstruktion rattert im Minutentakt die Hochgeschwindigkeitsbahn und bringt den alten Stahl zum Singen. Im Kopf komponiert ELLL daraus ein Lied, das nur sie allein hören kann. Die interaktiven Poster, die an den Brückenpfeilern des Viadukts kleben, scheinen passend dazu im Takt zu blinken.

Sie zeigt darauf. »Das Turnier der Legenden. Seit Wochen steht die Stadt deswegen Kopf.«

Er reagiert nicht, schaut nicht mal hoch. ELLL weiß, nicht jeder kommt mit ihrem Gesicht zurecht. Also redet sie weiter. »Überall Gamer. Überall Fans. Aus der ganzen Welt reisen sie an, schlagen ihr Lager vor dem Stadion auf, wollen einen Blick auf die Besten der Besten werfen.«

Endlich hebt er den Kopf, runzelt die Stirn. »Jemand hat die Signatur von SUKU übers Plakat gesprayt.« Er meint das Gesicht mit dem doppelten Lächeln – das Zeichen der Tech-Aktivisten. ELLL zuckt mit den Schultern, ist einfach nur froh, dass er etwas sagt. »Ist doch ein ziemlich guter Ort für ein Graffiti. Die Brückenpfeiler tauchen in jedem Stuntvideo oder Touristenfoto auf.«

Daneben, darüber und darunter leuchten die letzten Hochwassermarkierungen der Stadt. ELLLs Schritte werden unmerklich schneller. Sie fürchtet sich vor der Flut.

Bei Hochwasser organisiert die Stadt geführte Tauchgänge für Neugierige und Abenteuerlustige. Einmal entlang der Jugendstilfassaden und dabei einen Blick in die Beletagen des vorletzten Jahrhunderts werfen. Selbst wenn ELLL das Geld dafür hätte, würde sie bei so etwas nicht mitmachen. Im kargen Blank – dem überfluteten Elbvorort, in dem sie aufgewachsen ist und lebt – wimmelt es im Wasser von beißwütigen Ratten. Da steigt niemand freiwillig rein. Sie will so schnell wie möglich dort weg. Dafür muss sie den Auftrag erfüllen. Erst danach kann sie fort – weit fort: in die BlaZe.

Von der andauernden Nässe wächst auf dem Asphalt eine fünf Zentimeter dicke Schicht aus schwarzem, blasenschlagendem Schleim. Weil Stuntbois verletztes Bein regelmäßig darauf einknickt, sieht es aus, als ob er torkeln würde. Selbst für ELLLs Bundeswehrstiefel ist das zu glatt. An der Bahnstation warnen verrostete Schilder vor der nächsten Sturmflut. Wäre nicht der Auftrag, wäre ELLL nie freiwillig hierhergekommen. Durch die flutsicheren Türen betreten sie die Station und steuern den Medimat an, einen zwei Meter hohen Kasten mit NYGMA-Logo, an dessen Wand jemand die Höhe der letzten Flut gezeichnet hat. Das macht ELLL nervös, und immer, wenn sie nervös wird, bestellt sie über das Headset überteuerte Floxi. Bereits der Gedanke an Floxi verursacht in ihrem Bauch ein euphorisches Kribbeln.

Stuntboi hält sein Gesicht vor den Scanner, und der Medimat öffnet sich. ELLL drängelt sich mit hinein. Sie muss sicherstellen, dass alles so funktioniert, wie es sich ihre Auftraggeberin wünscht.

»Lass mich helfen!« Mit spitzen Fingern sucht sie Stuntbois Körper ab, sucht einen Reißverschluss, um ihn aus dem Folienanzug zu befreien. »Dann können die Kameras die Wunden besser beurteilen.« ELLLs zappelige Finger sind froh über jede Aufgabe. Unter der langärmligen Unterwäsche wölbt sich Stunt-Polsterung. Bevor der Junge sich wehren kann, zerrt sie das Unterhemd über seinen Kopf. Statt verschiedene Arten von Polsterungen entdeckt sie gut definierte Muskelpartien und aufgeschürfte Haut. Und etwas, das wie ein Kompressionsverband aussieht. Der elastische Gurt verdeckt Stuntbois gesamten Brustkorb. Bevor sie sich das näher anschauen kann, legt er schützend seine Arme darum und stiert sie an, als würde sein Herz außerhalb seines Körpers baumeln und als würde sie mit Händen danach schnappen, um es in Stücke zu zerreißen.

Einen Moment starren sie sich an. Er öffnet den Mund, sagt aber kein Wort.

ELLL weiß, es ist falsch, noch länger in der Kabine des Medimats zu bleiben. Aber sie kann nicht anders. Die Anweisung ihrer Auftraggeberin war eindeutig, und nur daran darf sie jetzt denken.

»Ich hab dem Regisseur versprochen, auf dich aufzupassen.«

Eine Lüge.

Ohne Protest kehrt er ihr den Rücken zu und streckt abwechselnd einen Arm oder ein Bein unter den Scanner. Das anhaltende Summen der Bildaufnahme beruhigt ELLL. Der Auftrag ist bald erledigt. Gleich erhält er die Diagnose, und ELLL darf fort – weit fort.

Statt eines Ergebnisses erscheint ein gutmütiges Gesicht auf einem der Bildschirme. Weder ELLL noch Stuntboi erwidern das Lächeln. Der Medimat ortet ihre Implantate und Headsets. Das Gesicht adressiert daher beide mit ihrem Online-Namen: »Hallo Stuntboi. Hallo ELLL.«

Der Mund auf dem Bildschirm bewegt sich zeitversetzt zur körperlosen Stimme. Nebenwirkungen des verschriebenen Schmerzmedikaments werden aufgelistet, dann ein Klimpern im Ausgabefach. Stuntboi greift nach der Pille und steckt sie, ohne zu zögern, in den Mund.

Die Tür öffnet sich für ELLL. Bevor sie hinaustritt, wirft sie einen Blick auf den Bildschirm, auf dem gerade Stuntbois Patientendatei erscheint. ELLL zuckt zusammen, blinzelt, schaut schnell noch einmal hin – ja, sie hat sich nicht verlesen –, dann tritt sie aus dem Medimat und die Tür schließt sich. Verdammt, verdammt, verdammt, denkt sie, diese...



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