E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Minte-König Freche Mädchen – freche Bücher!: Der Neue & andere Katastrophen
14001. Auflage 2014
ISBN: 978-3-522-65257-5
Verlag: Planet! in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Reihe: Freche Mädchen - freche Bücher
ISBN: 978-3-522-65257-5
Verlag: Planet! in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bianka Minte-König, als Tochter eines Buchhändlers in Berlin geboren, promovierte in Literaturwissenschaft und lehrte als Professorin für Literatur-, Theater- und Medienpädagogik. Mit ihren Jugendbüchern der Reihe 'Freche Mädchen - freche Bücher!' hat sie sich in die Bestsellerlisten und die Herzen ihrer Leserinnen geschrieben. Ihre Bücher wurden in über 20 Sprachen übersetzt, in zahlreichen Hörbüchern vertont und für das Kino verfilmt, wo sie zusätzlich ein Millionenpublikum erreichten.
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Oh, Mann – was für ein Nerd!
Also, der stand da so was von seltsam in der Klassenzimmertür, dass selbst unserem Klassenlehrer der Unterkiefer absackte.
»Ist das hier die Klasse von Herrn Sägebrecht?«, fragte dieses Alien. Äh, ja, wie soll man sonst jemanden bezeichnen, der in
– seidig glänzender Fliegerjacke,
– Totenkopf-Shirt mit dem Aufdruck Rauchen macht‘s auch nicht besser,
– einem Fan-Schal von Schalke 04, zweimal um den Hals gewickelt, und
– einer zinnoberroten Bommelmütze auf dem Kopf
in der Tür stand.
Gestatten, wo geht es hier zum Zirkus, ich habe gehört, die suchen einen Clown?
Nein, Quatsch, das sagte der Typ natürlich nicht, sondern stand nach seiner Frage einfach nur da wie ein übrig gebliebener Weihnachtswichtel.
Die Hände zu Fäusten in den Hosentaschen geballt. Nicht aggressiv, nein, so wirkte er überhaupt nicht, vermutlich nur wegen der Nervosität.
Die schwang ja auch ein bisschen in seiner Stimme mit.
Und ein Alien war der bei genauerem Hinsehen auch nicht, sondern ein Junge in unserem Alter. Vielleicht ein oder zwei Jahre älter als der Klassenschnitt, mit unglaublichen aquamarinblauen Augen und einer blonden Stirnsträhne, die unter dieser bescheuerten Bommelmütze hervorlugte. Genau gesagt fiel sie über das eine Auge, wobei mir gleich der Spruch von dem Einäugigen, der unter den Blinden der Sehende ist, einfiel. Ob der so einer war? Ein Erleuchteter? Jedenfalls war die Montur, die er am Leib trug, nicht von dieser Welt, also ziemlich krass. Voll der Freak! Tat echt in den Augen weh!
Dennoch ließ ich meinen Blick einmal von oben bis unten über ihn hingleiten, ein schnelles effektives Abchecken, musste ja sein.
Er hatte Springerstiefel an, was zum übrigen Outfit irgendwie absurd aussah. Obwohl manche Hooligans bei Fußballspielen unseres Regionalligisten auch ziemlich scheckig auflaufen.
Aber wir waren jetzt schließlich nicht in der Nahkampfarena auf Schalke sondern in der Schule. OMG! Was wollte der bei uns? Das hier war nicht die ultimative Freakshow auf YouTube sondern ein stinknormales, mittelstädtisches Gymnasium.
»Der hat was von gespaltener Persönlichkeit«, wisperte Franzi mir zu. Klar, unsere Hobbypsychologin. »Unterirdisch, irgendwie.«
Oh, Mann! Aber sie hatte recht, mir war der Gedanke ja auch gerade gekommen. Der hatte sich bestimmt verirrt und wollte eigentlich ins Landeskrankenhaus, also dahin, wo man solche Fälle therapiert. Nein, ich habe keine grundsätzlichen Vorurteile gegenüber neuen Mitschülern, aber wie einer daherkommt, das sagt schon ein bisschen was über seinen Seelenzustand aus, und der schien mir bei diesem Neuling, etwas … äh … sagen wir mal … sonderbar zu sein.
»Ja, der bin ich«, sagte Sägebrecht gerade auf die Frage des Nicht-Aliens und schien genauso vom Donner gerührt wie wir. »Der Klassenlehrer dieser Klasse …«
»Das ist Fallschirmseide«, flüsterte Mona, die auf der anderen Seite neben mir saß, »das, woraus der Blouson von dem ist … teuer.«
»Voll retro …«, meinte Franzi, »hat aber was.«
Na ja, sie mit ihrer Vintage-Welle schleppte ja auch neuerdings alles aus dem Secondhandshop an.
»Äh, ich bin Wondraschek«, sagte der Typ in einem komischen Dialekt, aber so was von komisch und so was von Dialekt … wow … Der klang echt frisch importiert von Nimmerland. Also von irgendwo, wo du nicht denkst, dass es da überhaupt noch Menschen gibt, die sich über Sprache verständigen.
Sägebrecht stand auf und ging auf den Typ zu. In seinem Blick lag nackte Verzweiflung, die lautlos etwas schrie wie: Müssen die mir denn jetzt auch noch einen solchen Nerd in diese Klasse schicken? Als ob ich es nicht schon schwer genug hätte?!
Aber laut sagte er natürlich nur: »Du kommst sicher, lass mich raten, aus …?!« Er stockte, weil er diesen Slang wohl auch nicht zuordnen konnte.
Gewieher auf den billigen hinteren Plätzen, wo Fabian und seine Gorillas saßen.
»Ruhrpott«, sagte der Nerd, was ich enttäuschend fand. Ich hätte auf was Exotischeres getippt, Pinguin-City am Südpol ganz unten zum Beispiel, oder Hudson Bay im Norden von Kanada. Halt irgendeinen Ort, wo man so eine Bommelmütze gebrauchen konnte, und Blousons aus Fallschirmseide und Springerstiefel … genau in dieser Kombi. Auf Ruhrgebiet wäre ich so spontan nicht gekommen. Aber natürlich, Schalke 04 hätte mir ja schon die Richtung vorgeben können. Gelsenkirchen liegt ja mittendrin, im Pott. Woll?!
»Hast du auch einen Vornamen?«, fragte Sägebrecht. »Ich nehme an, Wondraschek ist dein Familienname.«
»Joschka.«
Oh, wie kam der zu so einem Namen? Klang interessant, ich ließ ihn innerlich auf der Zunge zergehen. Joschka … Joschi … doch, Joschi könnte passen … der kleine Joschi mit der roten Bommelmütze! Obwohl, klein war er gar nicht, sondern eher relativ groß und auch muskulös. Weswegen ja auch die Bommelmütze besonders komisch auf seinem Kopf aussah. Halt ein bisschen wie so ein Ösi in der Skifreizeit, aber nach Österreich passte die natürlich.
»Schön, Joschka, warum kommst du nicht rein, willst du in der Tür festwachsen?«
Was war Sägebrecht aber mal wieder witzig!
Der Freak zuckte mit den Schultern.
»Äh … ich … kann mir mal jemand helfen, vielleicht?«
Fabian wieherte los.
»Sag nicht, du kannst nicht allein durch die Tür gehen?«
Der Typ wurde blass, also noch blasser, denn er war eigentlich schon ziemlich bleich, hatte jedenfalls so eine wächserne Gesichtsfarbe, als hätte er im Ruhrpott unter Tage gelebt. Also in so einem Stollen unter der Erde, wo man Kohle abbaut. Kohle ist so ein schwarzes Zeug, mit dem man früher Öfen beheizt hat. Ja, ich weiß, ist lange her. Heute verfeuert man das Zeug in Kohlekraftwerken. Kriegt keiner mehr was von mit. Hatten wir gerade in Geografie. Struktureller Wandel und so …
Jedenfalls sah er so aus, als hätte ihn selten ein Sonnenstrahl geküsst. Hm, interessantes Thema … einen schönen Mund hatte der … wirklich … aber ich schweife ab.
»Wobei brauchst du Hilfe?«, wollte nun Sägebrecht ebenfalls wissen.
»Der Rollstuhl, es wäre einfacher, wenn jemand anfassen würde. Das Treppenhaus ist nicht behindertengerecht.«
»Wir haben hier auch keine Behinderten«, meinte Gracia von den Schleimschnecken und es klang nicht eben nett.
»Vermutlich deswegen«, sagte der Junge und das fand ich echt cool. Immerhin ging die Diskussion nun schon ein paar Jahre, dass man unbedingt einen Fahrstuhl einbauen müsste.
Ich stand spontan auf, kriegte dann aber einen Schreck vor meinem Übereifer und hätte mich am liebsten wieder hingesetzt. Mach dich nicht lächerlich, zischte mir jedoch mein innerer Coach zu, Rückzieher geht nicht, und so dachte ich: Okay, Augen zu und durch!
»Ich fasse an, wo steht er?«
»Sehr löblich«, meinte Sägebrecht und ich schob den Nerd bereits aus der Klasse. Als wir zur Treppe gingen, fragte ich: »Wozu brauchst du denn einen Rollstuhl, gehst doch ziemlich normal?« Soweit man mit Springerstiefeln eben normal gehen konnte.
»Ist nicht meiner«, sagte er mal wieder ultraknapp. Quasselwasser hatte der nicht getrunken.
Ah, ja, dachte ich und wunderte mich noch mehr über den Typ. Wieso schleppte der einen Rollstuhl von anderen Leuten mit sich rum?
Aber dann waren wir an der Treppe und als ich runtersah, stand am Aufgang der Rollstuhl und es saß jemand drin. Wie krass, er hatte gar nicht gesagt, dass er in Begleitung war.
Es handelte sich um ein Mädchen mit langen dunklen Haaren. Sie hatte eine Decke über den Knien liegen.
Klar, war ja kalt draußen. Februar, fast schon arktisch kalt. Ich grinste, da war eine Bommelmütze eigentlich gar nicht so verkehrt. Obwohl stylingmäßig natürlich völlig out. Da sahen die pinkfarbenen Puschelohrwärmer von dem Mädchen schon modischer aus.
»Das ist meine Schwester. Rosa heißt sie.«
Wir waren inzwischen am Fuß der Treppe angekommen.
Rosa mochte etwa 13 Jahre alt sein und sah uns mit großen dunklen Augen entgegen. Sie antwortete nicht auf mein »Hi, wie geht‘s?«.
»Sie spricht wenig«, sagte der Freak.
»Aber sie hört noch gut, oder?«
Er starrte mich an.
»Ja, wieso fragst du?«
»Weil ich es blöd finde, dass du in ihrer Gegenwart über sie so sprichst, als wäre sie taub oder nicht da!«
»Ach so.« Der Nerd zuckte die Schultern. »Das ist sie gewöhnt. Nicht wahr, Schwesterherz? Das macht schließlich jeder.«
Er sah mich herausfordernd an.
»Sie ist eben behindert, da ist das so.«
Ich hatte das Gefühl, dass er über sie wie über eine Sache sprach, die man von einer Ecke in die andere schob. Na ja, tat man ja vermutlich auch, blieb ja nicht aus, wenn man im Rollstuhl festsaß.
»Packst du nun an? Oder machen wir hier Party zu dritt?«
Der war frech, fand ich. Vielleicht war der gar nicht so handzahm, wie er aufgrund seiner albernen Verkleidung wirkte. Trottelig kam er jedenfalls nicht rüber. Aber da wir noch nie einen wie ihn in der Klasse hatten, wagte ich nicht, ihn einzuschätzen. Da konnte ich doch nur danebenliegen. Aber ich schweife ab.
Erst mal ging es jetzt darum, diesen scheißschweren Rollstuhl die Treppe raufzuschaffen.
»Habt ihr keinen aus Aluminium und in Leichtbauweise?«, stöhnte ich bereits nach den...