Minajew | Neonträume | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

Minajew Neonträume

Roman
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-06927-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

ISBN: 978-3-641-06927-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Lebe den Exzess – hör auf zu träumen

Der junge Mirkin sieht gut aus, bekommt jede Frau, hat immer Drogen. Hemmungslos jagt er in endlosen Moskauer Nächten dem Vergnügen hinterher: von Party zu Party, von Koksline zu Koksline. Doch Mirkin spürt die Leere seines Lebens. Mehr und mehr beginnt seine Welt zu zersplittern... Sergej Minajew seziert gnadenlos die neue Moskauer Party-Generation, zu der auch er gehört: intensiv, schmerzhaft und faszinierend.

Sergej Minajew studierte Geschichte und Archivwesen, bevor er als Weinimporteur zum Millionär wurde. Außerdem betreibt er einen Buchverlag, in dem u.a. die Werke von Frédéric Beigbeder und Christian Kracht erscheinen. Mit »Seelenkalt« gelang ihm auf Anhieb in seiner Heimat ein Millionenseller, der Roman wurde heftig diskutiert. Er lebt in Moskau, wo er eine Fernsehsendung präsentiert.
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Lena

»Und deine Entscheidung steht fest? Endgültig?«

»Ja. Absolutely … Absolut.«

»Und wann willst du in die Staaten?«

»Ein paar Jahre noch, Honey. Dann habe ich den Posten als Head of Purchasing, platziere ein paar gute Investments, fertig. Schnelle Karriere und schnelles Geld, das geht nur in Russland, you know … Aber leben und investieren und so, das will ich nur in Amerika …

»Wahrscheinlich hast du Recht.« Sie nimmt einen Schluck Wein. »Bestimmt hast du Recht. Mutter Russin, Vater Amerikaner. Du denkst englisch und sprichst russisch. Außerdem hast du so einen niedlichen Akzent.« Sie berührt mein Handgelenk mit den Fingerspitzen. »Ist es schwer hier für dich?«

»You know …« Ich nicke nachdenklich, hebe mein Weinglas und schaue durch es hindurch in die Kerzenflamme. »Es kommt immer darauf an, wie man sich positioniert. Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin irgendwo between steckengeblieben, verstehst du? Zwischen Amerika und Russland. Irgendwie kompliziert alles, verstehst du?«

Lena trägt ein schwarzes, violett gestreiftes Kostüm von … keine Ahnung von wem. Sieht nach Patrick Hellmann aus, obwohl, nach meiner Kalkulation dürfte ihr Gehaltskonto für Patrick Hellmann ein bisschen zu mager sein. Unter der Jacke eine weiße Bluse, bis zur Hälfte geöffnet, damit man den roten BH sehen kann. Sie trägt gerne rote Dessous, zumindest bei unseren Dates. Ich nehme das als Zeichen ihrer Leidenschaftlichkeit.

Es könnte aber auch sein, dass sie als Kind zu viele seichte Softpornos vom Typ Wilde Orchidee gesehen hat. Wahrscheinlicher Letzteres. Jedes weibliche Wesen über sechs Jahren hier in Russland kennt Wilde Orchidee. Eine große Handelskette verkauft sogar Unterwäsche unter diesem Label. Können Sie sich das vorstellen? Ein bedeutender Teil der weiblichen Bevölkerung unseres Landes im Alter zwischen fünfundzwanzig und vierzig hält eine lausig gedrehte Szene mit Carré Otis als künstlich aufgegeilte Jungfrau mit Blümchen im Haar für das Nonplusultra animalischer Leidenschaft.

Übrigens, Lena hat Körbchengröße C, das kompensiert, aus meiner Sicht, ihren infantilen Filmgeschmack zur Genüge.

An ihrem linken Handgelenk ein breites, aus feinem Silber geflochtenes Armband von Tiffany, das ich ihr zum Internationalen Frauentag geschenkt habe. In regelmäßigen Abständen winkelt sie den Arm an, damit es dekorativ rauf- und runterrutschen kann … Lena hat die Beine übereinandergeschlagen, und ich wette darauf, dass sie in diesem Moment mit dem rechten Fuß wippt, an dessen Spitze ihr halb ausgezogener Schuh von Ferragamo baumelt. Gegen Ende des Abendessens wird sie den Schuh ganz ausziehen und anfangen, mir ihren Fuß ins Hosenbein zu schieben. Nicht etwa weil sie Lust dazu hätte, sondern weil die Protagonistin in Wilde Orchidee das so macht. Oder die aus Basic Instinct... Spielt ja keine Rolle.

Lena sieht aus wie achtundzwanzig, erzählt allen Leuten, sie sei siebenundzwanzig, ist aber in Wirklichkeit schon vor einem halben Jahr dreißig geworden. Zweimal die Woche geht sie ins Fitnesszentrum (»Petrowka-Sport« – dort gibt es zwar keinen Pool, aber sie hat eine VIP-Card) und nimmt angeblich Yogastunden bei einem Personal-Trainer (das ist aber gelogen). Einmal im Monat (vielleicht auch seltener) lässt sie sich bei Jacques Dessange die Haare färben und frisieren (von der Existenz eines Tony&Guy ist ihr noch nichts zu Ohren gekommen). Lena zieht die Photoepilation dem Bikini-Line-Lasern vor, nimmt es jedoch mit der Wachsepilation ihrer Beine nicht allzu genau; sie trägt Gelnägel (vorzugsweise leuchtende Farben), während ich eher auf französische Maniküre stehe. Lena meidet Nachtklubs (wegen ihres Teints), raucht nicht (wegen ihres Teints) und achtet darauf, dass ihr Gesicht möglichst nicht mit Sperma in Berührung kommt (wieso eigentlich?). Sie trinkt ausschließlich Wein (allerdings habe ich gelegentlich auch schon Bier in ihrem Kühlschrank vorgefunden), fängt zirka alle zwei Monate eine neue Diät nach dem jeweils aktuellen Ernährungsguru an, bevorzugt ansonsten – in der diätfreien Zeit – Restaurants mit japanischer und italienischer Küche, wenn auch eher aus Status- und weniger aus Geschmacksgründen.

Vor einem halben Jahr hat sie die erste Anzahlung für ihre neue Wohnung geleistet (den Plänen nach zu urteilen befindet sich die Wohnung in einem hässlicher Klotz in der Gegend der Metrostation Baumanskaja – hundertzwanzig Quadratmeter, noch im Erschließungsstadium befindlich). Ihre gegenwärtige Wohnung in Perowo hat sie streng nach den Regeln des Feng-Shui eingerichtet, in einem chinesischen Stil Marke Eigenbau (also hauptsächlich IKEA, aufgepeppt mit ein paar teuren Lampen und einem Sammelsurium von exotischem Klimbim, oder, mit ihren Worten, »Accessoires«, die sie von diversen Auslandsreisen mitgebracht hat). Nach außen hin gibt sie sich als großer Fan von minimalistischem Design, aber das halte ich für ein Märchen; jedenfalls habe ich kürzlich erst wieder in ihrem Schlafzimmerschrank rosa Plüschhäschen und Herzkissen gesehen. Lena ist nicht verheiratet und nicht mit Kindern belastet, konzentriert seit fünf Jahren ihre ganze Kraft auf ihre Karriere als Buchprüferin, ich glaube, entweder bei Pricewaterhouse oder bei Deloitte oder vielleicht auch irgendwo anders, ich kann mir das nie merken. Mit ihren dreißig Jahren hat sie den Posten einer stellvertretenden Abteilungsleiterin und verdient viertausend Dollar im Monat. Ihr liegt wahnsinnig viel daran, für eine waschechte europäische Businessfrau durchzugehen, deshalb zahlt sie ihren Teil an der Restaurantrechnung grundsätzlich mit einer goldenen AmEx. Aus demselben Grund, nehme ich an, spickt sie ihre Rede mit Anglizismen. »Das Problem ist total overestimated«, sagt sie zum Beispiel zu ihrer Freundin, die von ihrem Lover sitzengelassen wurde. Lena fährt einen Mazda 6 – auf Kredit gekauft. Aber das versteht sich wohl von selbst.

»Irgendwie kompliziert alles«, sage ich wieder und stelle das Glas zurück auf den Tisch, ohne getrunken zu haben.

Lena wendet sich ab. Mir scheint, dass ihre Augen feucht geworden sind. Oder ist das nur ein Effekt der künstlichen Beleuchtung? Eine Weile sitzen wir da, ohne etwas zu sagen. Ich frage mich, woran sie gerade denkt. Vielleicht daran, wie schwer das Leben in Russland für einen Menschen ist, dessen innere Welt zwischen dem traditionellen amerikanischen Pragmatismus und der berüchtigten russischen Seele zerrieben wird? Oder daran, wohin sich unsere Beziehung in weiterer Zukunft entwickeln wird? Das Thema könnte zum Beispiel lauten: Kann eine hinreißend schöne Frau namens Helena aus einem halben Ami einen ganzen Russen machen – zurück zu den Wurzeln und so weiter? Manchmal legt sich ein Schatten über Lenas Gesicht, und auf ihrer Stirn erscheinen tiefe Falten, ein deutliches Zeichen dafür, dass in ihrem Inneren ein heftiger Kampf tobt; oder ein angestrengter Denkprozess abläuft; oder beides gleichzeitig. Sie streichelt immer noch mein Handgelenk.

»Hör zu«, sagt Lena und dreht sich wieder zu mir um. »Ich komme mit. Ich kann ohne dich nicht leben.« In ihren grünen Augen sind jetzt keine Tränen mehr zu sehen, dafür lese ich in ihrem typisch russischen Gesicht mit den hohen Wangenknochen eiserne Entschlossenheit. Sie schiebt wieder ihr Armband zurecht, dann legt sie den Kopf ein wenig in den Nacken und greift sich mit beiden Händen in die langen blonden Haare. (Ich verstehe absolut nicht, warum sie sie so hell bleicht. In Wirklichkeit ist sie dunkelblond, nehme ich an.) In den Winkeln ihrer schwellenden Lippen erscheint ein Lächeln. »Wir gehen zusammen nach Amerika. Du und ich. Und bis dahin legen wir eine glänzende Karriere hin. Du steigst als Manager bei Wal-Mart auf, und ich arbeite weiter für die Bank of New York, die Citibank oder JPMorgan Chase … Und unsere Kinder werden richtige Amerikaner. Im schlimmsten Fall kann uns ja dein Vater unterstützen. Ich meine, nur im Notfall …«

Ihr Tonfall lässt keinen Zweifel daran, dass diese Frage längst entschieden ist. Dabei war in den ganzen sechs Monaten, die wir uns jetzt kennen, nicht einmal die Rede davon, zusammen nach Amerika zu gehen. Kein einziges Mal. Ich muss also wohl davon ausgehen, dass sie ernste Absichten hat. Und vor allem: Sie scheint alles genauestens geplant zu haben. Um meinen Ärger zu verbergen, stimme ich wieder zu, nicke versonnen und sage:

»Karriere machen wir viel früher, Honey. Die Unterstützung meines Vaters wird also nicht erforderlich sein. Außerdem mag ich es nicht, jemanden um Hilfe zu bitten. I hate it, you know!« Mit einem smarten Lächeln richte ich meinen linken Manschettenknopf (von Paul Smith). Lena lächelt glücklich zurück. Wir stoßen an, trinken unseren Wein. Unsere Lippen nähern sich. Wir küssen uns. Lenas Augen funkeln. Wir küssen uns noch einmal. Von weitem sieht es vielleicht so aus, als hätten wir uns gerade verlobt, obwohl das ganz und gar nicht den Tatsachen entspricht. Endlich kommt der Hauptgang, und wir verstummen, ergriffen vom Anblick der Speisen… Oder von den Gedanken an die Zukunft.

Lena isst Krabbenbeine, ich Spaghetti mit Krabbenfleisch und Tomatensoße (eine etwas seltsame Mischung, aber recht schmackhaft). Als Vorspeise hatte Lena ein Tartar...


Minajew, Sergej
Sergej Minajew studierte Geschichte und Archivwesen, bevor er als Weinimporteur zum Millionär wurde. Außerdem betreibt er einen Buchverlag, in dem u.a. die Werke von Frédéric Beigbeder und Christian Kracht erscheinen. Mit »Seelenkalt« gelang ihm auf Anhieb in seiner Heimat ein Millionenseller, der Roman wurde heftig diskutiert. Er lebt in Moskau, wo er eine Fernsehsendung präsentiert.



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