Mills Die Spur
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-19862-6
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 2
Reihe: Mark Beamon
ISBN: 978-3-641-19862-6
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kyle Mills ist in seiner Heimat längst Dauergast in den Bestsellerlisten.
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EINS
Tragischer Herzanfall im zarten Alter von fünfzehneinhalb, dachte Jennifer Davis. So würde es morgen in der Zeitung heißen.
Sie stellte sich in die Pedale, musste sich aber wieder setzen, als das Hinterrad ihres Mountainbikes die Bodenhaftung verlor. Über die Hälfte der letzten Steigung hatte sie zwar geschafft, doch langsam hatte sie das Gefühl, ihre Lungen seien mit heißem Teer gefüllt, und noch schlimmer war, dass das unverkennbare Knirschen von Reifen immer näher kam.
Jennifer blickte über die Schulter, ohne den prachtvollen Sonnenuntergang zu beachten, der selbst den Smog über Phoenix durchdrang, und schaute nur auf das Gesicht ihres Verfolgers.
Erfreulich, dass er in schlechter Form zu sein schien. Sein Mund stand weit offen, und trotz der trockenen Kälte in der Wüste strömte ihm der Schweiß buchstäblich die Nase hinunter.
Weniger erfreulich war, dass sie sich so fühlte, wie er aussah.
Der Anstieg wurde etwas flacher, und Jennifer stand wieder auf. Diesmal blieb der Reifen am Boden, und sie schaffte es mit letzter Kraft, ein wenig zu beschleunigen und die Führung zu halten.
Das Keuchen hinter ihr wurde lauter, was bedeutete, dass es ihrem Verfolger gelungen war, die Distanz zwischen ihnen zu verringern. Jennifer lenkte widerwillig etwas nach rechts, um ihm Platz zu machen, senkte dann den Kopf und trat entschlossen in die Pedale.
Ungefähr fünfundzwanzig Meter vor dem Gipfel war er nur noch wenige Zentimeter hinter ihr – und gab plötzlich auf! Sie hörte einen erstickten Fluch und das unverkennbare Klicken, als er in einen niedrigeren Gang schaltete.
Jennifer blieb in den Pedalen stehen für den Fall, dass es nur ein Trick war oder er sich noch mal fing, aber bei einem raschen Blick über die Schulter sah sie, dass er vom Rad gestiegen war und es langsam bergauf schob.
Endlich hatte sie den Gipfel erreicht. Sie stützte ihre Arme auf den Lenker und sauste vorsichtig den schmalen Weg hinab, den rechts und links eine kleine, aber begeisterte Zuschauermenge säumte.
Ihre Eltern kamen zu ihr gelaufen, als sie unter dem karierten Zielbanner hindurchfuhr. Jennifer schlang einen Arm um die Schultern ihres Vaters und glitt vom Rad. Völlig erschöpft sank sie zu Boden.
»Prima gemacht, Jen! Ich dachte schon, dieser Kerl würde dich beim Anstieg noch erwischen!« Sie schloss die Augen und hörte, wie ihr Vater das Rad aufhob und es von der Bahn schob.
»Schatz? Alles in Ordnung?«
Jennifer blinzelte in das rundliche Gesicht ihrer Mutter, die sich über sie beugte. »Bestens, Mom, alles klar. Was hab ich geschafft, Dad?«
»Vierter Platz, wie mir scheint. Ganz knapp an einem Preisgeld vorbei.«
Mit einem leisen Stöhnen stand Jennifer auf und drängte sich durch die Menge, schüttelte etliche Hände, wechselte ein paar Worte mit einigen Freunden und scherzte mit anderen Rennteilnehmern.
»Wir haben eine Überraschung für dich, Schatz«, sagte ihr Vater, als sie schließlich weiter zum Parkplatz gingen. Jennifer blieb misstrauisch stehen. Ihr Vater war nicht der Typ, der ohne besonderen Anlass etwas schenkte. Überraschungen verhießen gewöhnlich nichts Gutes. Ihr Blick fiel auf einen weißen Ford Explorer. Daneben standen drei Leute. Zwei davon winkten.
»O nein, Dad. Das ist nicht wahr!«
»Wieso? Die Taylors haben sich wirklich darauf gefreut, dich mal fahren zu sehen.«
»Ja, das stimmt, Schatz.« Ihre Mutter nickte lächelnd.
Die Taylors lebten schon, solange sich Jennifer erinnern konnte, zwei Häuser weiter, und solange sie sich erinnern konnte, versuchten die beiden Familien, sie mit Billy zu verkuppeln, dem Sohn der Taylors, einem ausgemachten Idioten, der nichts anderes als Football spielen im Kopf hatte, hinter Cheerleadern her zu sein und Budweiser zu kippen.
Mrs. Taylor eilte mit weit geöffneten Armen auf Jennifer zu, überlegte es sich allerdings noch einmal anders beim Anblick ihres verdreckten Trikots. Statt sie zu umarmen, rückte sie sich ihr ziemlich hochtoupiertes Haar zurecht und entschied sich für ein angedeutetes Küsschen auf die Wange aus sicherer Distanz. »Nein, war das beeindruckend, Jennifer. Wirklich sehr aufregend.« Sie wandte sich zu ihrem halb vertrottelten Sohn um. »Nicht wahr, Billy?« Er erwachte lange genug aus seiner stumpfsinnigen Starre, um ein schwaches Lächeln hervorzubringen.
Alle warteten schweigend, ob er tatsächlich sprechen würde, aber es kam nichts. »Wir haben uns gedacht, wir gehen irgendwohin zum Essen, ehe wir zurück nach Flagstaff fahren«, sagte ihr Vater. »Was meinst du dazu, Jen?«
»Machst du Witze? Schau mich mal an!« Jennifer nahm ihren Helm ab und breitete die Arme aus. Sie war von Kopf bis Fuß mit Dreck bespritzt. Aus einer Wunde am Knie, die von einem Sturz bei der ersten Abfahrt stammte, sickerte immer noch ein wenig Blut. Und die Krönung war, dass der Helm ihre Haare vollkommen platt gedrückt hatte.
Ihren Vater schien das allerdings nicht weiter zu stören. »Wir sagen einfach, du hast bei einem Mountainbike-Rennen mitgemacht. Sie werden es schon verstehen.«
Vermutlich meinte er damit den arroganten Oberkellner eines total hochgestochenen Restaurants, der sie anschauen würde wie eine Pennerin, um ihnen dann widerstrebend einen Tisch zuzuweisen, weil ihr Vater der größte Autohändler in Arizona war.
Seufzend ging Jennifer hinüber zum Cadillac ihrer Eltern, griff in das offene Fenster und zog einen kleinen Rucksack heraus, in dem Unterwäsche zum Wechseln, ein paar Shorts und ein Sweatshirt waren.
»Bin gleich wieder zurück«, sagte sie und eilte zu einem weißen Bus, auf dem in roten Buchstaben SERVICE stand.
»Funktioniert’s?«, fragte sie den jungen Mann, der vor dem Bus in einem Liegestuhl saß. Er legte das hoffnungslos verbogene Rad zur Seite, das er gedankenvoll betrachtet hatte, und griff nach dem Schlauch, der neben ihm lag.
»Klar, Jen. Willst du dein Bike abspritzen?«
»Meine Eltern wollen mit mir zum Essen gehen.«
Er musterte sie kritisch und angelte sich ein Bier aus seiner Kühltasche. »Ist aber bestimmt ganz schön kalt.«
Sie warf ihren Rucksack durch das Fenster des Busses und nickte entschlossen. »Mach’s trotzdem.«
»Okay, jetzt bin ich fertig.« Jennifer trug ihre sauberen Kleider und rubbelte sich den Kopf mit einem ziemlich fleckigen Handtuch trocken, das ihr Freund mit dem Bus ihr geliehen hatte. Sie beugte sich vor und schüttelte ihr unnatürlich blondes Haar aus. »Na, Billy, auch ein bisschen Fettschmiere für deine Frisur?«
Ihre Frage hatte den gewünschten Effekt: Billy starrte sie entsetzt an.
»Also, ich fand, es war ein sehr netter Abend.«
Jennifer verdrehte die Augen.
»Pass auf die Straße auf, Schatz«, warnte ihre Mutter. »Sonst zieht man dir am Ende noch Punkte bei deiner Führerscheinprüfung ab.«
Jennifer griff zum Radio und schaltete es aus. »Mom, Billy und ich kennen uns unser ganzes Leben lang. Er ist ein Idiot. Und er hält mich für einen Idioten. Mein Geschichtslehrer sagt, dass die meisten Menschen, die mit einem gemeinsamen Feind zu tun haben – in diesem Fall unsere werten Eltern –, wenigstens ein winziges bisschen Freundschaft entwickeln. Du hast sicher bemerkt, dass das bei uns nicht so ist.«
Ihre Mutter senkte den Kopf. »Sie sind so eine nette Familie. Ich begreife gar nicht, warum du dermaßen störrisch bist …«
Jennifer wandte sich zu ihrem Vater um, der hinten saß. »Jetzt hilf mir doch mal, Dad.«
Er gab jedoch keine Antwort, sondern studierte eifrig die Straßenkarte auf seinem Schoß, obwohl sie nur noch eine halbe Meile von zu Hause entfernt waren.
Folgsam schaute Jennifer wieder auf die Straße, als ihre Mutter erneut über ihre Fahrweise meckerte. »Versuch mir mal zu folgen, Mom. Billy mag Mädchen vom Typ Cheerleader – mit langen roten Nägeln, die in genau der richtigen Höhe quietschen können, wenn er ein Touchdown schafft. Außerdem habe ich einen Freund. Und der ist nicht gehirnamputiert.«
Jennifer setzte den Blinker und bog in die gewundene Auffahrt ein. Zügig fuhr sie bis zum Haus und flüchtete aus dem Auto, ehe ihre Mutter wieder von vorn anfangen konnte.
Sie hob ihr Rad vom Wagendach und versuchte, weder auf die Kälte noch auf ihre Mutter zu achten, die schmollend im Haus verschwand. Na, das würde eine tolle Stimmung heute Abend werden.
Seufzend schob sie das Rad in die offene Garage und lehnte es gegen die Wand. »Soll ich den Wagen reinfahren, Mom?«, brüllte sie durch die Tür, die in die Küche führte.
Keine Antwort. Also wieder mal das alte Spiel, mir Schuldgefühle zu machen, dachte sie, und sprang die kleine Treppe hinauf. Im Haus brannte immer noch kein Licht. »Haben wir wieder einen Kurzschluss? Dad? Soll ich mal im Sicherungskasten nachgucken?«
»Lauf, Jennifer!«
Sie erstarrte bei dem erstickten Ruf ihres Vaters, und ihr Herz begann so laut zu pochen, dass es ihr in der Stille fast in den Ohren dröhnte.
Zögernd ging sie die letzte Stufe hinauf und schlich bis zur Waschmaschine. Von dort aus konnte sie in die Küche schauen. »Dad?«
Es dauerte einen Moment, bis sich ihre Augen nach dem Licht der grellen Glühbirne in der Garage an das Halbdunkel in der Küche gewöhnt hatten, wo nur der Mond, der durch das Fenster über dem Waschbecken schien,...




