Mills Die Organisation
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-19865-7
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch
ISBN: 978-3-641-19865-7
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein teuflischer Plan bedroht die Vereinigten Staaten von Amerika: Terroristen wollen das Land mithilfe des organisierten Verbrechens mit afghanischem Heroin überschwemmen. Ein blutiger Drogenkrieg mit Tausenden von Opfern wäre die Folge. Kann FBI-Agent Mark Beamon die Bedrohung aufhalten?
Kyle Mills, Jahrgang 1966, lebt in Jackson Hole, Wyoming, wo er sich neben dem Schreiben von Thrillern dem Skifahren und Bergsteigen widmet. In den USA ist Kyle Mills mit seinen Romanen regelmäßig in den Bestsellerlisten zu finden und gilt neben Tom Clancy, Frederick Forsyth oder David Baldacci als Erneuerer des intelligenten Politthrillers.
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PROLOG
»Wie viele von Ihnen sind der Ansicht, dass die Regierung wirklich effizient arbeitet?«
Charles Russell blickte von seinem Rednerpult argwöhnisch zu seinem Kontrahenten hinüber. Dr. Terry Gale, ein populärer Professor für Kriminologie und Strafrecht in Harvard, war ein gut aussehender Mann mit langem braunen Haar, das er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, dem obligatorischen Tweedsakko und den ausgebleichten Jeans.
Gale war hinter seinem Rednerpult hervorgetreten und schritt auf dem Podium auf und ab, während er mit Nachdruck zu dem großen Publikum sprach. Er hatte schon die Hälfte einer überaus erfolgreichen Zehn-Städte-Promotion-Tour für sein neuestes Buch hinter sich und wusste genau, wie er seine Argumente präsentieren musste, um die größte Wirkung zu erzielen. Das Buch mit dem Titel »Verbrechen lohnt sich – Amerikas aussichtsloser Kampf gegen das Verbrechen« hatte bereits den Sprung auf die Bestsellerliste der New York Times geschafft und würde wohl bald auf einen Top-Five-Platz klettern.
»Nicht so schüchtern, bitte. Wer findet, dass die Regierung effizient arbeitet?« Er zeigte auf Russell. »Mein Diskussionspartner hat mir versichert, dass er keine Überwachungskameras hier im Saal installiert hat – Sie können Ihre Meinung also ganz frei zum Ausdruck bringen.«
Russell hätte beinahe ein finsteres Gesicht gemacht, doch er fing sich rechtzeitig und lachte nur. Als Leiter des mächtigen Heimatschutzministeriums war er schon öfter von Gale mit bissigem Spott bedacht geworden. Es war wohl am besten, sich davon nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.
»Okay, ich sehe ein paar Hände oben«, sagte Gale schließlich.
Es waren nicht viele – fünf vielleicht, die alle ganz vorne saßen. Russell schaute kurz auf sie hinunter und ließ seinen Blick dann über all die jungen Menschen schweifen, die dicht gedrängt im großen Hörsaal der American University saßen. Nachdem keine Fernsehkameras im Saal waren, worauf er selbst bestanden hatte, ehe er sich zu dem Streitgespräch bereit erklärt hatte, war das Licht im Raum etwas weicher und akademischer, sodass er trotz seiner nicht mehr ganz jungen Augen auch Details gut erkennen konnte. Was er sah, war vor allem Ablehnung – junge Intellektuelle aus wohlhabenden Familien, die gekommen waren, weil sie Gales regierungskritischen Fatalismus teilten, junge Menschen, die mit der wirklichen Welt noch nicht in allzu engen Kontakt gekommen waren. Ihre Eltern glaubten bestimmt an dieselben traditionellen Werte wie er selbst, doch ihre Söhne und Töchter steckten noch in der rebellischen Phase. In diesem Alter konnten sie sich dank der Kreditkarten ihrer Eltern noch den Luxus idealistischer Ansichten leisten. In zehn Jahren würden sie schon ganz anders denken. Sie würden dafür eintreten, dass ihnen die Steuerbehörden nur ja nicht zu viel von ihrem hart verdienten Geld abknöpften, dass es sich in ihrer noblen Wohngegend ruhig und sicher leben ließ, dass ihre Kinder eine drogenfreie Schule besuchen konnten, in der es gesittet zuging, und dass sie keine Angst vor Bomben legenden Fanatikern zu haben brauchten …
»Okay«, sagte Gale, »es scheinen nicht gerade viele unter uns zu sein, die von der Arbeit der Regierung überzeugt sind. Das überrascht mich, ehrlich gesagt, nicht wirklich. Ich möchte Ihnen noch eine Frage stellen: Wie viele von Ihnen finden, dass in der Privatwirtschaft effizient gearbeitet wird?«
Fast alle Anwesenden hoben die Hand.
»Ich möchte noch einen Schritt weiter gehen. Es gibt gewiss auch Ineffizienz in der Privatwirtschaft, aber ich behaupte, dass sehr oft übermäßige staatliche Regulierung daran schuld ist. Vergleichen Sie doch Post Office mit Federal Express, dann wissen Sie, was ich meine.«
»Würden Sie also vorschlagen, dass sich die Regierung nicht in die Privatwirtschaft einmischen darf?«, wandte Russell ein. »Sie klingen schon wie ein Republikaner, Dr. Gale.«
Die Bemerkung rief leises Gelächter unter den Zuhörern hervor, was Russell an diesem Punkt der Debatte dringend gebrauchen konnte.
»Natürlich nicht, Sir«, erwiderte Gale. »Was ich sagen will, ist, dass das organisierte Verbrechen durch keinerlei Regulierung eingeschränkt ist und dadurch extrem effizient arbeiten kann. Wenn man dann noch sieht, dass die Regierung keinerlei umfassende Strategie gegen das Verbrechen verfolgt, dann kommt man zu dem Schluss, dass der Kampf gegen diese Auswüchse im Grunde aussichtslos ist.«
Russell überlegte, ob er ebenfalls sein Rednerpult verlassen sollte, doch er schob den Gedanken rasch beiseite. Es würde möglicherweise lächerlich wirken, wenn er versuchte, sich besonders in Szene zu setzen.
»Dieses Urteil erscheint mir nicht gerechtfertigt, Professor. In den vergangenen Jahren haben wir die Polizeipräsenz auf den Straßen verstärkt, wir haben Drogen im Wert von Hunderten Millionen Dollar beschlagnahmt, die in unser Land eingeschmuggelt wurden, wir haben jene Länder, in denen Drogen hergestellt werden, überzeugen können, drastischere Maßnahmen gegen die Produzenten zu ergreifen, wir haben den Kampf gegen den Terrorismus verschärft … und ich könnte noch einiges mehr aufzählen. Und wir sehen auch schon Ergebnisse all dieser Maßnahmen: Der Konsum bestimmter Drogen ist deutlich zurückgegangen, und auch einige Gewaltdelikte sind rückläufig …«
»Aber was sind die Ursachen dieser Entwicklung, Sir? Mehr Festnahmen, Verurteilungen und Haftstrafen? Die Statistiken sagen etwas anderes. Die Drogenpreise gehen nach unten, während die Qualität steigt, was darauf hindeutet, dass die Ware im Überfluss vorhanden ist. Sicherlich, manche Drogen kommen aus der Mode und werden durch andere abgelöst, aber der Konsum geht alles in allem nicht zurück. Es ist typisch für die Regierung, dass jede Menge Initiativen und Programme gestartet werden, die man für erfolgreich erklärt, nur weil man sie eingeführt hat – das Ganze ist ein einziger großer Werbegag. Die Tragödie vom elften September hat sich bisher nicht wiederholt, aber glauben Sie allen Ernstes, dass das darauf zurückzuführen ist, dass ich jetzt keinen Nagelknipser mehr ins Flugzeug mitnehmen darf? Wir erfahren aus dem Fernsehen, dass die amerikanische Regierung Bolivien gezwungen hat, die Kokainherstellung zu bekämpfen, aber niemand spricht über die Tatsache, dass Kolumbien seine Exporte drastisch erhöht hat.«
Russells Augen verengten sich angesichts des offensichtlichen persönlichen Angriffs. »Und was schlagen Sie vor? Dass wir uns in unser Schicksal fügen und alle tun lassen, was sie wollen? Mein lieber Freund, ich nehme an, Sie sind in einer netten Gegend aufgewachsen, umgeben von wohlhabenden und glücklichen Leuten« – in Wahrheit wusste Russell, dass es so war – »aber ich bin in einer ziemlich üblen Gegend von Detroit groß geworden. Ich hatte jedes Mal Angst, wenn ich aus dem Haus ging …«
»Mein Vorschlag wäre«, erwiderte Gale, »dass die verantwortlichen Politiker sich endlich konkrete Ziele setzen und Strategien entwickeln, um diese Ziele zu erreichen, anstatt publikumswirksame Maßnahmen zu ergreifen, die keinen wirklichen Zweck erfüllen. Sie kennen doch die Schätzungen Ihrer eigenen Experten genauso gut wie ich, Mr. Russell. Demnach macht der internationale Drogenhandel zwei Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts aus. In seinen besten Zeiten kam das Cali-Kartell auf geschätzte Gewinne von sieben Milliarden Dollar pro Jahr. Das ist dreimal so viel wie General Motors. Um seine Auslieferung an die USA zu verhindern, bot Pablo Escobar Kolumbien an, die gesamten Staatsschulden zu begleichen, wenn sie sich weigerten, ihn herauszugeben.«
»Pablo Escobar ist tot«, merkte Russell trocken an.
»Na und? Sein Tod hat die Kokainlieferungen in die USA nicht im Geringsten beeinträchtigt. Was ich sagen will, ist, dass Amerika die Entwicklung von äußerst raffiniert agierenden internationalen Verbrechersyndikaten begünstigt. Wir machen im Grunde die gleichen Fehler wie in unserer Vergangenheit. Die Prohibition hat zu einem immensen Aufschwung der Mafia geführt, und heute haben wir es mit einem Phänomen zu tun, das die Prohibition bei weitem übertrifft. Es gibt Leute mit einem Vermögen, das dem von Bill Gates kaum nachstehen dürfte – Leute, über die wir überhaupt nichts wissen. Sie verfügen über eine enorme politische und finanzielle Macht, sie mischen sich in die Angelegenheiten von souveränen Staaten ein und schüren militärische Konflikte, sie kaufen Rohopium von irgendwelchen Terrororganisationen, die mit dem Drogengeld Kriege gegen uns führen. Sie zahlen keine Steuern und halten sich an keine Gesetze …«
»Ich muss gestehen, ich habe die betreffenden Kapitel in Ihrem Buch sehr unterhaltsam gefunden«, warf Russell mit einem sarkastischen Lächeln ein. »Wer sind denn diese geheimnisvollen Könige des Drogenhandels? Ich habe noch nie einen von ihnen gesehen oder auch nur von ihm gehört. Es erscheint mir ein bisschen paranoid, immer davon auszugehen, dass es einen solchen ›Mann im Hintergrund‹ gibt, der alle Fäden in der Hand hält und alle illegalen Aktivitäten in der Welt kontrolliert. Sie haben in Ihrem Buch jedenfalls keine Hinweise gegeben, wo wir einen von diesen großen Unbekannten finden könnten. Sie haben auch keine Strukturen im internationalen Verbrechen aufgezeigt, die auf eine solche zentrale Kontrolle schließen lassen. Die Verbrecher, mit denen ich bis jetzt zu tun hatte, sind bei weitem nicht so intelligent und gut organisiert – und da...




