Mills Die Jägerin
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-19867-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch
ISBN: 978-3-641-19867-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Quinn Barry ist eine ehrgeizige junge Computerprogrammiererin, die eine neue Gen-Datenbank für das FBI erstellen soll. Dabei stößt sie auf eine mysteriöse DNA-Überschneidung in fünf grausamen Mordfällen, die vom FBI scheinbar absichtlich verheimlicht wurde. Barry ermittelt weiter und riskiert damit nicht nur ihren Job, sondern bald auch ihr Leben. Der bestialische Killer hat sie schon in seinem Visier.
Kyle Mills, Jahrgang 1966, lebt in Jackson Hole, Wyoming, wo er sich neben dem Schreiben von Thrillern dem Skifahren und Bergsteigen widmet. In den USA ist Kyle Mills mit seinen Romanen regelmäßig in den Bestsellerlisten zu finden und gilt neben Tom Clancy, Frederick Forsyth oder David Baldacci als Erneuerer des intelligenten Politthrillers.
Weitere Infos & Material
PROLOG
Der hohe Holzzaun und die Bäume, deren Äste über ihnen in den Himmel ragten, schluckten das Licht der Straßenlaternen, und alles wurde zu Schatten. Es war nicht so frostig, dass die Kälte Brad Lowells Jacke durchdringen konnte, während er geduldig wartend am Fuß der Treppe stand. Bis zu dem leisen Klicken, mit dem die Tür geöffnet wurde, und dem Schwall warmer Luft, der darauf folgte, war der Geruch von Tau bis jetzt der dominierende Eindruck gewesen.
Lowell sah sich noch einmal um, während sich seine Leute ins Haus schlichen und auf die einzelnen Räume verteilten. In dem kleinen Garten war es völlig ruhig. Es war kurz nach vier Uhr morgens, und der typische Vorort würde erst in gut zwei Stunden wieder zum Leben erwachen. Er hätte gern mehr Zeit gehabt, doch daran konnte er jetzt nichts mehr ändern.
Die einzige Lichtquelle im Innern des Hauses – im Wohnzimmer, wie er annahm – erlosch, als er durch die Tür trat und sie hinter sich zuzog. Er nahm eine kleine Lampe aus der Tasche und schaltete sie ein. Der Lichtstrahl fiel auf einen Mann, der auf Gummisohlen die Treppe heruntergerannt kam.
»Alles klar. Die Jalousien sind unten«, sagte eine Stimme aus dem winzigen Empfänger, der in Lowells rechtem Ohr steckte. Während er in den ersten Stock ging, legte er die Hand über die Augen, um sie vor dem grellen Licht zu schützen, das jetzt in allen Räumen des Hauses eingeschaltet wurde.
Im Schlafzimmer hatte sich einer seiner Männer, der natürlich Handschuhe trug, bereits an die Arbeit gemacht und durchsuchte mit geübten Bewegungen Schubladen und Regale. Der Raum hatte nichts Ungewöhnliches oder Verdächtiges an sich, was Lowell aber schon vorher klar gewesen war. Auf dem Bett in der Mitte des Zimmers lag eine gesteppte Decke mit Blumenmuster, die perfekt zur Husse an der Matratze passte. Diverse Plüschtiere schienen mit zunehmendem Alter der Bewohnerin aus dem Bett verbannt worden zu sein und saßen ordentlich aufgereiht auf einem in die Wand eingebauten Regal.
Der Mann, der das Schlafzimmer durchsuchte, nahm sich den Schrank vor. Vorsichtig zog er eine Schuhschachtel nach der anderen von einem Stapel auf dem Boden und nahm den Deckel ab. Als er kurz innehielt und einen Blick über die Schulter warf, setzte Lowell einen gleichgültigen Gesichtsausdruck auf und verbarg die Wut, die Frustration und die Angst, die ihn erfasst hatten. Solange er das Sagen hatte, musste er unberührt wirken und so tun, als hätte er alles unter Kontrolle.
»Ich glaube nicht, dass wir hier was finden werden.«
»Wir suchen trotzdem, klar?«, erwiderte Lowell.
»Ja, Sir.«
Lowell ging wieder nach unten, wo der Rest seines Teams das Wohnzimmer durchsuchte. Als die Männer bemerkten, dass er den Raum betrat, gab es eine kaum wahrnehmbare Unterbrechung im Rhythmus ihrer Bewegungen. Doch nachdem er zu einer Wand gegangen und sich dort hingestellt hatte, schien man ihn bereits wieder vergessen zu haben.
Die Leiche der Frau lag mit gespreizten Armen und Beinen auf einer großen Plastikplane mitten auf dem Boden neben einer blutigen Gummischürze und zwei gebrauchten Kondomen. Ihre Handgelenke waren mit Kleiderbügeln aus Draht an das Sofa gefesselt, die Fußknöchel auf die gleiche Weise an ein massiv aussehendes Bücherregal gebunden.
Sie war hübsch gewesen – Lowell konnte es ihrem unversehrten Gesicht immer noch ansehen. Der Mund mit den vollen Lippen stand gerade so weit offen, dass man ihre blendend weißen Zähne erkennen konnte, das lange, kastanienbraune Haar breitete sich fächerförmig unter ihrem Kopf aus, die blauen Augen starrten an die Decke des Zimmers. Er machte ein paar Schritte auf sie zu und ging in die Hocke. Wenn er nicht gewusst hätte, dass die Frau Mitte bis Ende zwanzig war, hätte er ihr Alter nicht schätzen können. Ihr nackter Körper hatte die sanften Kurven und die noch nicht völlig ausgebildete Muskulatur eines Teenagers. Doch der schlanke Körper wurde durch zahllose hauchdünne Schnitte entstellt, die sich kreuzweise über die Haut zogen. Einige der Wunden glänzten noch feucht und bildeten auffallend rote Streifen in dem matten Braun des eingetrockneten Blutes, das ihren Körper und den größten Teil der Plastikplane bedeckte, auf der sie lag. Das Fleisch in ihrem toten Gesicht schien etwas zu schlaff an den Knochen zu hängen, ein Hinweis darauf, dass es Stunden gedauert hatte, bis sie aufgegeben hatte und gestorben war.
Als Lowell wieder aufstand, fiel ihm auf, dass der junge Mann vor ihm erstarrt war. Er hielt einen Turbo-Staubsauger in der Hand, der für das Sammeln von Beweisen benutzt wurde, doch seine Hand krampfte sich so stark um den Griff, dass die Fingerknöchel weiß geworden waren. Sein Blick hing unverwandt an der Leiche.
»Mr Geller, gibt es ein Problem?« Lowells Stimme klang sachlich und nüchtern. Der Junge war neu und hatte so etwas mit Sicherheit noch nicht gesehen. Seine Reaktion war zwar verständlich, durfte aber nicht toleriert werden.
»Nein, Sir«, erwiderte Geller, der unverwandt auf das starrte, was von der jungen Frau zu seinen Füßen übrig war.
»Dann machen Sie weiter.«
Als das gedämpfte Brummen des Staubsaugers wieder einsetzte und der junge Mann das Gerät über den Teppich um die Leiche herum bewegte, spürte Lowell eine Hand auf seiner Schulter. Er drehte sich um und ging in die Diele, gefolgt von einem anderen seiner Männer.
»Wer war sie, John?«, sagte Lowell, als sie die Küche erreicht hatten.
»Ihr Name war Mary Dunnigan.« Sein Mitarbeiter legte eine Handtasche aus Leder und einen Terminkalender auf den Esstisch. »Sie war sechsundzwanzig und hat als eine Art Wirtschaftsanalystin bei einem privaten Unternehmen hier in Washington gearbeitet. In ihrem Kalender steht kein Termin für morgen oder das Wochenende. Ich habe ein paar Fotos von ihr gefunden, auf denen sie immer mit demselben jungen Mann zu sehen ist, allerdings über eine Zeitspanne von mehreren Jahren hinweg. Es ist vermutlich ein Verwandter, wahrscheinlich ihr Bruder. Keine Nachrichten auf dem Anrufbeantworter …« Offenbar hatte er nichts weiter zu sagen.
»Ist das alles?«
»Fürs Erste ja. Wir …«
Eine wütende Handbewegung von Lowell ließ ihn verstummen. »So etwas passiert, wenn Fehler gemacht werden. Stimmt’s?«
»Ja, Sir.«
Noch eine Handbewegung, und der Mann verließ fluchtartig die Küche in Richtung Wohnzimmer, um seinen Kollegen zu helfen.
Als Lowell seine Stirn berührte, wurden seine Finger nass vor Schweiß. Die Situation war beschissen. In zwei Stunden wurde es hell, und er stand in einem netten, ordentlichen Mittelklassehaus in einer netten, ordentlichen Mittelklassegegend und hatte es mit der zerfetzten Leiche einer intelligenten, berufstätigen jungen Frau zu tun. Es wurde immer schwieriger, sich zu vorstellen, dass es noch schlimmer kommen konnte.
Lowell wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn und ging wieder ins Wohnzimmer, wo zwei seiner Männer gerade dabei waren, den Draht an den Fuß- und Handgelenken der Leiche mit Zangen durchzuschneiden.
»Seid ihr so weit?« Die Stimme einer Frau.
Lowell drehte sich um und sah, dass Susan Prescott das Zimmer betreten hatte. Sie trug eine Perücke mit langen dunklen Haaren und hatte eine Hose und eine Bluse aus dem Schrank des Opfers angezogen. Die Sachen saßen zwar nicht perfekt, aber es würde gehen. Lowell hatte Prescott nicht nur wegen ihrer Größe und ihrer Figur für diesen Auftrag ausgesucht, sondern auch, weil sie wie ein Roboter funktionierte.
»Ich habe so ziemlich alles aus dem Bad und so viel von ihrer Kleidung und ihren Schuhen eingepackt, dass es glaubwürdig aussieht«, fuhr sie fort, während sie den Koffer in ihrer rechten Hand hob. »Sie hatte Antibabypillen für drei Monate in ihrem Medizinschränkchen. Ich habe alle mitgenommen.«
Lowells Blick ging zu den beiden Männern, die auf dem Boden knieten. Sie hatten Hände und Füße des Opfers losgeschnitten und versuchten, die einsetzende Totenstarre zu überwinden, um die Beine der Frau zusammenzudrücken. »John, hast du noch andere Medikamente gefunden?«
Der Mann schüttelte den Kopf, während er einen Gurt um die Fußknöchel der Frau schlang und ihn festzog. »Ich habe die beiden anderen Badezimmer, den Nachttisch in ihrem Schlafzimmer und die Küche durchsucht. Nichts auf Rezept. Ich glaube, das können wir abhaken.«
Lowell sah wieder zu dem jungen Mann, der mithalf, die Leiche in die Plastikplane zu wickeln, auf der sie lag, wobei er darauf achten musste, dass nichts von dem feuchten Blut auf den Teppich geriet. Sein Gesicht war kreidebleich, und sein Unterkiefer zitterte heftig.
»Geller«, sagte Lowell.
Er schien ihn nicht zu hören.
»Geller!« Lowell sprach immer noch so leise, wie es aufgrund der Situation erforderlich war, doch die Dringlichkeit in seiner Stimme verfehlte ihre Wirkung nicht und zog die Aufmerksamkeit des jungen Mannes auf sich.
»Wird Ihnen schlecht?«
»Nein, Sir!« Geller richtete sich auf und begegnete Lowells forschendem Blick. Er sah aus, als würde er es schaffen, aber sicher war das nicht.
»Wir haben keine Zeit für ein Problem, Mr Geller. Wenn Sie den Raum verlassen müssen, tun Sie das. Wir werden keinen Ton darüber verlieren. Haben Sie das verstanden?«
»Mir geht’s gut.«
Lowell richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Frau, die neben ihm stand, und musterte sie noch einmal von Kopf bis Fuß. »Okay, Susan. Sie...




