Millns | Rheinfall-Rache | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Millns Rheinfall-Rache

Kriminalroman
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96041-414-8
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-96041-414-8
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Ein kriminalistisches Gedankenspiel. rasant und hochspannend inszeniert. Journalist Cobb wird mit der dunklen Seite seiner Vergangenheit konfrontiert. Eine von ihm verfasste reißerische Berichterstattung trieb vor einigen Jahren eine junge Familie in den Tod. Jetzt scheint jemand alles daranzusetzen, ihn und seine Tochter auszulöschen - Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ein brutaler Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Walter Millns wurde 1963 in London geboren und wuchs in Österreich und in der Schweiz auf. Heute lebt er mit seiner Familie in Schaffhausen. Seit 25 Jahren inszeniert und schreibt er Theaterstücke. Zudem veröffentlicht er skurrile Kurzgeschichten in Anthologien und Zeitschriften, mit denen er auch in Lesungen auftritt.
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1


«Wie im richtigen Leben, nicht?»

«Wie?» Cobb hatte durchs offene Fenster der Baustelle eine Bewegung wahrgenommen. Als er hinsah, verschwand eine wuchtige Gestalt im Gewächshaus.

Eine blassblonde Erinnerung.

Cobb schüttelte sie ab und wandte sich Gabathuler zu.

«Eben. Eine Hand wäscht die andere.» Gabathuler grinste und zeigte seine grossen Zähne. «Nicht?»

«Ach so. Ja, ja.»

Cobb hatte alles schnell begriffen. In einem Tank lebten Fische, die ins Wasser machten. Die Exkremente würden weitergeleitet und dienten als Dünger für Nutzpflanzen. So würde die Aquaponik-Anlage funktionieren, wenn sie fertig gebaut war. Fischzucht und Gärtnerei in einem geschlossenen Kreislauf.

Momentan war davon nicht viel zu sehen. Gabathuler ging voraus, Cobb folgte ihm und gab sich Mühe, nicht über die Blachen, Stangen, Metallgitter und Plastikkisten zu stolpern, die den Boden bedeckten.

Der Chef der Gärtnerei begleitete seine Ausführungen mit einer seltsamen Pantomime. «Hier werden wir den Wassertank positionieren.» Er formte mit den ausgestreckten Armen einen rechten Winkel, um anzuzeigen, wo genau man sich den Wassertank vorzustellen hatte. Ein Arm wackelte energisch. «Von hier bis zur gegenüberliegenden Wand.»

Cobb tat, als machte er sich Notizen.

«Und da», Gabathuler beugte sich nach vorne und zeigte mit den Fingerspitzen sämtlicher Finger seiner beiden Hände auf den Boden, gleichzeitig schritt er eine Strecke von rund sieben Metern ab, «da werden wir die Leitung legen, die mehr oder weniger direkt in den Wassertank führen wird, wo die Ausscheidungen der Tilapien in Dünger verwandelt werden.»

«Das sind die Fische», unterbrach ihn Cobb.

«Wie?»

«Diese Tilapien, das sind Fische.»

«Richtig. Aus der Familie der Buntbarsche. Sie eignen sich besonders gut für die Zucht. Sie wachsen schnell, sind nicht sehr anfällig für Krankheiten, und sie gedeihen nicht nur in Süsswasser, sondern auch in salzigem. Allerdings werden wir in unserer Zucht Süsswasser verwenden, wegen der Pflanzen.»

«Natürlich.»

«Womit wir bei der nächsten Station unseres Kreislaufs angelangt wären.» Er schritt ein grosses Quadrat ab. «Hier werden die Nutzpflanzen wachsen.»

«Und wann werden Sie die Anlage in Betrieb nehmen?», fragte Cobb.

Gabathuler stützte die Hände in die Hüfte. «Dank der grosszügigen Spende Ihrer Zeitung sind wir in der Lage, bereits in zwei Wochen die ersten Fische auszusetzen.»

«Das ist sehr erfreulich.» Cobb hob den Fotoapparat hoch und knipste Gabathuler inmitten der Utensilien, mit deren Hilfe er in Kürze Fische züchten würde.

«Ich nehme an, Sie werden zur Eröffnung einen Bericht schreiben?»

Was sich wie eine Frage Gabathulers anhörte, war eigentlich keine. Der Chefredaktor des «Tagblatts», Hans Deupelbeiss, würde eine Ansprache halten. Nicht weil sich Deupelbeiss sonderlich für ökologische Lösungen starkmachte. Sein Interesse galt der Wahl in den Ständerat. Die Stimmen aus dem rechten Lager reichten nicht. Deupelbeiss musste an seinem Profil arbeiten. Etwas Ökologie konnte da nicht schaden. Da die Gärtnerei ein Betrieb der STIGABE war, der «Stiftung Garten für Beeinträchtigte», welche beinahe ausschliesslich Randständige und Menschen mit Beeinträchtigungen beschäftigte, schlug Deupelbeiss zwei Fliegen mit einer Klappe. Die ökologische und die soziale.

Deshalb musste Cobb bereits heute einen Bericht über diese Baustelle verfassen, die dereinst Schaffhausen mit Zuchtfisch versorgen würde. Unterstützt durch das Geld der Zeitung.

Gabathuler stolperte auf Cobb zu und streckte ihm die Hand entgegen. «Schön, dass Sie vorbeikommen konnten.»

«Danke.»

«Und vergessen Sie nicht zu schreiben, dass wir das ansässige Gastgewerbe mit Fisch versorgen werden. Und einen Teil verkaufen wir direkt: Fisch frisch vom Hof.» Gabathuler zeigte seine grossen Zähne, gluckste und begleitete seinen Besucher zum Ausgang. «Nicht?»

Als Cobb den grünen Ford Fiesta öffnete, wünschte er sich den Zeitpunkt herbei, ab dem seine Tochter für sich selbst sorgen konnte. Dann müsste er diesen Mist nicht mehr machen. Am Samstag war ihr achtzehnter Geburtstag. Doch schien der Moment ihrer Selbstständigkeit in unbestimmte Ferne zu rücken. Sie wollte studieren, um Meeresbiologin zu werden.

Ausgerechnet.

In der Redaktion nickte er Elvira Kunz am Empfang zu, trat an den Lift, überlegte es sich anders und nahm die Treppe in den ersten Stock. Im Newsroom nahm kaum jemand Notiz von seinem Erscheinen. Die Köpfe starrten auf die Bildschirme, die Finger verschoben mit Hilfe der Computermaus Textstellen, die via copy ’n’ paste auf die Seiten geladen worden waren.

Ganz hinten im Raum hockte der junge Redaktor Valentin Huber und sah aus dem Fenster. Eulacher, der seitlich von ihm sass, starrte ihn an. Valentin nahm davon keine Notiz. Eulacher starrte immer.

Momentan kaute er auf etwas herum.

Auch wie immer.

Cobb liess sich auf seinen Platz zwischen den beiden fallen. Das Kauen hörte auf.

«Jetzt sitzt er schon seit zehn Minuten so da», sagte Eulacher.

«Vielleicht überlegt er sich etwas», entgegnete Cobb.

«Vielleicht. Dabei könnte er einfach nachsehen.»

Cobb verstand nicht.

«Im Internet», half Eulacher.

«Was genau?»

«Nun ja, ihm war langweilig. Und da habe ich ihm gesagt, es sei nicht alle Tage Watergate.»

«Deshalb ist er beleidigt?»

«Nein. Er hat es nicht verstanden. Und ich: ‹Wer Watergate nicht kennt, weiss nicht, was Journalismus ist.› – Erst da war er beleidigt.»

«Hast du’s ihm erklärt?», fragte Cobb.

«Erst wenn er mich wieder ansieht.» Eulacher kaute weiter und kümmerte sich um seinen Bildschirm.

Cobb stand auf. «Sonst noch jemand einen Kaffee?»

Keine Antwort.

Im Pausenraum setzte sich Cobb an einen Tisch und rührte im Pappbecher. Er hatte es sich abgewöhnt, den Kaffee zu süssen. Die Gewohnheit, darin zu rühren, war geblieben.

Valentin erschien in der Tür. «Hast du eine Kapsel für mich?»

«Ich hab mich bei der Eule bedient.»

Die ganze Redaktion nannte Eulacher «die Eule». Er sah dem Vogel einfach zum Verwechseln ähnlich: runder Kopf, krumme Nase, buschige Augenbrauen und Haarbüschel, die von den Ohren wegstanden.

Valentin bediente sich am selben Ort, wie Cobb es getan hatte. Er setzte sich. «Sag du’s mir.»

«Watergate?»

«Ja.»

«Die beiden Journalisten Woodward und Bernstein deckten einen Abhörskandal auf, der Präsident Nixon die Präsidentschaft kostete.»

«Wann war das?»

«1974 trat Nixon ab.»

«Da war ich noch nicht mal eine Idee.»

«Halb so wild. Die Eule kennt den Skandal und verdient trotzdem ihr Geld damit, Sportresultate auf die Seite zu kopieren.»

Valentin starrte wieder aus dem Fenster. «Cobb, ich weiss nicht, ob das hier das Richtige für mich ist. Während der Ausbildung war alles neu und spannend. Jetzt ist es, als ob ich jeden Tag vor derselben faden Suppe sitze.»

«Was willst du?»

Valentin stand auf, zerknüllte den Pappbecher mit der Hand und liess ihn auf dem Tisch liegen.

Cobb beschloss, dass es an der Zeit war, eine Zigarette zu rauchen. Dazu begab er sich in den vierten Stock. Dort residierte Chefredaktor Deupelbeiss. Von da aus führte eine Tür ins Dachgeschoss zu einem Lagerraum und weiter auf den Balkon.

Hoch über der Fussgängerzone blinzelte er in die Sonne und zog an einer Zigarette. Er mochte den Ort nicht. Die dreissig Zentimeter Beton unter seinen Füssen waren nicht vertrauenswürdig. Der Balkon könnte jederzeit nachgeben und vor die Tore der Redaktion des «Tagblatts» stürzen. Und Cobb mit ihm.

Die Angst war nicht rational, das wusste er. Trotzdem wagte er sich nicht zu weit vor. Eigentlich stand er mit dem Rücken an die Wand des Gebäudes gedrückt und hielt sich mit der freien Hand am Geländer fest. Da, wo es in die Wand überging. Notfalls könnte er sich daran festhalten.

Er sah durch die Fenster in die Zimmer der gegenüberliegenden Gebäude. Die Büros der Versicherungen, Anwaltskanzleien und der Verwaltung lagen verwaist. Einzig schräg gegenüber erschien hin und wieder eine Raumpflegerin, die mit einem Putzwedel über den Boden wischte. Tauben in den Dachrinnen gurrten. Weiter weg ragte ein Kran aus einem denkmalgeschützten Gebäude, welches ausgehöhlt wurde.

Die Gasse war belebt. Er schaute den Menschen zu, die an den Schaufenstern vorbeigingen, hin und wieder stehen blieben und weiterschlenderten. Gelegentlich kreuzten sich Stadtbewohner, grüssten sich oder blieben stehen, um ein paar Worte zu wechseln.

Er entdeckte eine Person, die energisch in Richtung Redaktion marschierte. Marlen, seine Tochter.

Cobb beeilte sich, die Zigarette auszudrücken. Er presste sich gegen die Wand und rutschte in den Türrahmen. Dort kontrollierte er, ob sie ihn gesehen hatte. Sie hatte ihn nicht beachtet und hielt den Blick geradeaus gerichtet. Cobb nahm einen Kaugummi in den Mund und schob einen zweiten nach. Er öffnete die Tür und trat ins Innere. Die Luft im Lagerraum war stickig. Alte Computer lagen auf den Tischen, hinfällige Kaffeemaschinen und Kameragehäuse aus analogen Zeiten.

Der Schlüssel befand sich in einer Canon AE-1. Die ganze Redaktion wusste davon. Mit Ausnahme des Chefredaktors und Elvira Kunz. Die Toilette im vierten Stock war verschlossen und ausschliesslich für Deupelbeiss und Kunz reserviert. Cobb schüttelte die Kopie des Schlüssels aus dem Gehäuse, schloss die Tür zur Toilette auf und wusch sich die Hände mit Seife. Er musste sich beeilen und...


Walter Millns wurde 1963 in London geboren und wuchs in Österreich und in der Schweiz auf. Heute lebt er mit seiner Familie in Schaffhausen. Seit 25 Jahren inszeniert und schreibt er Theaterstücke. Zudem veröffentlicht er skurrile Kurzgeschichten in Anthologien und Zeitschriften, mit denen er auch in Lesungen auftritt.



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