1VORHER
Vollblüter. Jede Einzelne. Bereit für das Rennen, alle Muskeln gespannt. Gestriegelt, in teuren, dezenten Designer-Hosenanzügen in Grau oder Dunkelblau, klassischen weißen Blusen, schwarzen Roben. Alle Spitzenjuristinnen haben so einen arroganten Stolz gemein, eine ironische Art, den Raum einzunehmen, eine Umhängetasche quer über die Schulter geschwungen. Der Lippenstift in einem Nudeton oder Rot, nicht zu viel Mascara. Coole Ohrringe und Designerstiefel oder gewagte High Heels, auf einer Überseereise erstanden. Ich studiere sie alle. Schon seit Jahren. Kopiere sie. Ich bin eine geschickte Imitatorin, bis ich irgendwann besser bin im Anwältinsein als jene, denen es angeboren ist. Die Frauen an der Spitze praktizieren das Recht anders als die Männer, subtil anders, und es dauert seine Zeit, bis ich mir ihre verschiedenen Herangehensweisen, sich den Raum zu eigen zu machen, erschlossen habe. All die winzigen Details sprechen eine Geheimsprache und sagen: Hier sind wir, aber wir machen es auf unsere eigene Art, nicht wie die verstockten alten Anwälte von früher. Und diese Details häufen sich, je selbstsicherer man wird, je besser man seine Rolle im Gerichtssaal versteht.
Barrister Bags, Damastbeutel in Purpur oder Blau, sind im Saal verteilt, warten wie loyale Hunde neben ihren Besitzerinnen. Blau für den Nachwuchs, jünger als zwanzig Jahre, Purpur als Ehrenabzeichen, das man als Junior von einem Kronanwalt verliehen bekommen muss. Ich weiß mein Purpur sehr zu schätzen, trage es aber dennoch eher ironisch. Darauf meine Initialen, handgestickt im einzigen zugelassenen Schrifttyp, und auch das Futter der Tasche besteht aus dem einzigen gerichtlich genehmigten Inlettstoff. Einst waren solche Beutel Prestigeobjekte und dienten zum Transport von Schriftsätzen und Gerichtsunterlagen. Vor Jahrhunderten mögen sie praktisch gewesen sein, heute geht es eigentlich nur noch um die Show. Elitäre Symbole, die von Vater zu Sohn zu Sohn weitergegeben werden. Manchmal bekommt auch eine Tochter den Beutel ihres Vaters, aber solche Anwältinnen – die natürlich in einer Juristenfamilie aufgewachsen sind – haben nicht dasselbe komplizierte Verhältnis zu diesen Dingen wie ich. Und sie lieben auch das Gesetz nicht so wie ich. Sie begreifen es nicht als Machtmittel, wie ich es immer getan habe, sie halten sich nicht daran fest. Natürlich wissen sie, dass das Gesetz etwas mit Macht zu tun hat, aber die meisten von ihnen haben es sich darin bequem gemacht wie in einem alten Ledersessel, einem Erbstück, und halten es mehr für eine Familientradition denn für den Schauplatz eines erbitterten Kampfes um Gerechtigkeit.
Diese Frauen sind leicht auszumachen. Meist praktizieren sie kein Strafrecht, nichts Zwielichtiges. Nichts Riskantes. Wenn sie doch Strafsachen behandeln, dann in der Regel die zahmere Variante, und häufig eher aus Neugier als aus Lebenserfahrung, eher aus Faszination als aus dem Bedürfnis heraus, für Mandanten aus den untersten Schichten der sozialen Rangordnung zu kämpfen.
Diejenigen von uns, die sich jenseits der Staffage bewegen, für die der Beutel steht, sind mit einer ledernen Umhängetasche besser beraten: souverän, unprätentiös, ein Symbol dafür, dass wir über die Notwendigkeit eines Schmusedeckchens längst hinweg sind, eine Ehrenmedaille, die wir uns selbst verleihen.
Und doch haben wir ein paar Sachen gemeinsam: die Rosshaarperücke, die unser sorgfältig geschnittenes, in warmen Tönen gefärbtes Haar bedeckt und allen weiblichen Barristern am Ende eines langen Arbeitstages dieselbe unvorteilhafte Sechs-Uhr-Perücken-Frisur verpasst – ein Problem, das unsere Vorväter bei der Festlegung der gerichtlichen Kleiderordnung wohl nicht bedacht haben. Die Männer lassen sich ausschließlich an der Farbe ihrer Krawatten unterscheiden. Hie und da eine ungewöhnliche Brillenfassung oder eine interessante Uhr.
Auf einen Blick erfasse ich alle Gesichter in der Eingangshalle des Gerichts, weiß genau, welche Fälle sie übernommen, gewonnen, verloren haben und welche Fälle heute anberaumt sind. Die Anwesenheit einiger bestimmter Anwälte deutet auf ein Wirtschaftsdelikt hin, Spezialisten in Sachen Unternehmensrecht haben immer die beratenden Solicitors mit Rollwagen voller weißer Aktenordner im Schlepptau.
Und dann sind da wir, die wir mit dem Aufzug zum Strafgericht fahren. Erhobenen Hauptes drehen wir unsere Kreise. Trainiert und rennbereit. Nicht fahrig, sondern gespannt, wie Pferde eben, erregt und rastlos in Erwartung des Startschusses. Wer die Nerven verliert, wird disqualifiziert.
Ich betrete mit meinem Mandanten den Verhandlungssaal, registriere einen Haufen Polizisten, die den Verteidiger der Anklage belagern. Die Staatsanwaltschaft hat Arnold Lathan geschickt. Gut. Ich bin froh, dass er es ist, und wage fast zu behaupten, dass sich der Fall so gewinnen lässt. Ich nicke Arnold kurz zu, er nickt zurück. Mein Blutdruck steigt, doch ich muss mich zurücknehmen, mich bremsen, nicht übermütig werden. Arnold ist immer gut vorbereitet, reagiert aber nicht immer schnell genug, wenn sich die Situation verändert. Von den Polizisten erkenne ich niemanden wieder. Auch das ist gut. Sie haben keine Ahnung, was sie erwartet.
Mein Mandant bleibt zurück. Tony. Ein großer Typ, breit, ich vertrete ihn nicht das erste Mal, aber das erste Mal in einer solchen Angelegenheit. Tonys Anklage lautet auf Diebstahl und Körperverletzung und basiert ausschließlich auf der Aussage eines einzigen Mannes, mit dem er früher einmal Fußball gespielt hat. Eines belasteten Zeugen mit einem heftigen Groll gegen ihn. Er mag Tony nicht, schaut auf ihn herab. Er hat ihn in der Kneipe angesprochen und verschweigt in seiner Aussage die Beleidigungen und Tätlichkeiten, die Tony durch ihn erlitten hat. Die Polizei ist sichtlich überzeugt von den Vorwürfen gegen Tony.
So steht es also. Die Aussage des Zeugen gegen die von Tony.
Tony ist gekleidet, wie ich es ihm aufgetragen habe, sieht aber trotzdem unmöglich aus. Ein Anzug von Primark, ein billiges No-Name-Hemd und eine Krawatte, die er vermutlich irgendwo im Ausverkauf gratis zum Hemd dazubekommen hat. Aber immerhin hat er es versucht. Hat seine ganzen Schlangen- und Messertätowierungen unter einer Schicht Polyester versteckt. Gut. Es ist immer ein Schock für mich, wenn diese harten Typen die Eingangshalle eines Gerichtshofs betreten, unerwartet nervös. Das gilt auch für Tony. Sie beherrschen die Straßen da draußen, selbstsicher und großspurig, lesen alle Zeichen, aber hier drin sind die Zeichen andere, und jedes einzelne davon besagt ihnen: »An diesem Ort hast du keine Macht.« Ich hatte zu Tony gesagt, er soll seine Zahnbürste mitbringen, und heute Morgen im Foyer hat er sie mir dann tatsächlich gezeigt. Er zog sie aus der Jacketttasche, die Borsten voller Flusen vom Innenfutter.
»Tony, das ist doch nur eine Redewendung.«
»Aber Sie haben gesagt–«
»Das ist nur so ein Anwaltsspruch.«
Er hängt mir an den Lippen, versucht herauszufinden, was das alles bedeuten soll.
»Das heißt so viel wie ›Die Polizei hat einiges gegen Sie in der Hand.‹«
»Aber Sie haben doch–«
»Tony, die lassen Sie keine Zahnbürste mit ins Gefängnis nehmen!«
»Nicht?«
Er mustert mich, sucht nach einem Funken Hoffnung.
»Nur keine Panik jetzt.«
Tony hat Angst. Schiss wie ein kleiner Junge. Natürlich. Für ihn ist das keine alltägliche Situation, keine vertraute Umgebung. Er war die ganze Nacht über wach, hat getrunken und gekotzt, musste dieses Hemd bügeln und seine Freundin oder Mutter bitten, ihm die Krawatte zu binden. Wahrscheinlich hat er den Zug in die Stadt genommen und bei McDonald’s um die Ecke gegessen, ohne zu wissen, wo er die kommende Nacht verbringen wird.
Die Lage ist ernst – wenn er verliert, könnte er für einige Jahre einsitzen.
Wenn man ehrlich ist, hilft es, sie ängstlich zu halten. Sie hören dann besser zu, schauen ein wenig mehr zu einem auf, außerdem verschafft es einem im Falle der Niederlage einen Puffer. Sobald sie das Gefängnis als Möglichkeit begreifen, bist du alles, was sie haben. Wenn wir heute ungeschoren hier rauskommen, bin ich sein Lieblingsmensch, fährt er ein, ist es kein Schock. Ich erkenne so viel von meinem Bruder in Tony wieder. Aus der Bahn geraten, in einer furchtbaren Lage, die nur noch schlimmer zu werden droht. Kurz vor der Verhandlung trete ich auf ihn zu.
»Hey, Tony.«
Er springt hastig auf, ich sehe, dass er schwitzt.
»Alles klar?«
»Ja. Ja.«
»Kommt noch jemand zur Unterstützung?«
Er befeuchtet die Lippen mit der Zunge. Er ist erst 25.
»Mum ist unterwegs.«
»Gut.«
Ich bin für ihn das einzig Vertraute in diesem Raum. Von einer Gruppe von Anwälten ertönt Gelächter, ein anderer ruft nach seinem Mandanten. Tony ist umgeben von Macht und Selbstbewusstsein, er selbst besitzt hier drin keins von beidem. Zum ersten Mal, seit ich ihn kenne, ist sein Blick weich, er hat weder Kaugummi noch Kippe im Mund. Ich sehe das Kind in ihm. Nicht das Arschloch aus dem Polizeibericht, den besoffenen, aus der Fassung geratenen, tobenden Kneipenschläger.
»Glauben Sie, es besteht noch eine Chance, dass Ihre Zeugin auftaucht?«
Er hat eine Exfreundin, die alles beobachtet hat, die bezeugen kann, dass nicht Tony als Erster zugeschlagen hat.
»Kein Plan. Vielleicht. Soll ich sie noch mal anrufen?«
»Machen Sie das. Sagen Sie ihr, wir stehen für zehn auf der Liste.«
Ich weiß, dass es hoffnungslos ist....