E-Book, Deutsch, 150 Seiten
Miller China 2035
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-5528-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Land - eine Partei - ein Weltenplan
E-Book, Deutsch, 150 Seiten
ISBN: 978-3-6957-5528-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael Miller, Dr. phil., Wissenschaftscoach, Dozent in der Erwachsenenbildung, Publizist, Freigeist, Demokratieverteidiger. Sein Credo: Reisen belebt und bildet. China bleibt unsere Herausforderung. Sapere aude!
Autoren/Hrsg.
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1.
China verstehen – existenzielle Notwendigkeit für die Mitgestaltung einer neuen Weltordnung
Liebe Sophia,
wie schön, dass du dich für China und geopolitische Zusammenhänge interessierst. Weite Felder mit wahren Schätzen warten auf dich. Wir, im demokratischen Westen, wissen erstaunlich wenig über dieses Land – die meisten Lehrkräfte und Massenmedien miteingeschlossen. Kaum fundiertes Wissen, wilde Spekulationen und festsitzende Vorurteile:
China erscheint als brutaler, strategischer Rivale, als "gelbe Gefahr", als angsteinflößender, aggressiver Weltgestalter, als technologische Supermacht, die sich nebenbei noch Afrika und Lateinamerika unter den Nagel reißt.
Gleichzeitig zeigt sich die Europäische Union vielfach gelähmt – verstrickt in interne Blockaden und ideologische Selbstfesseln. Sie muss sich auf härtere Zeiten einstellen, wenn sie sich nicht von ihren eigenen Denkverboten befreit.
Die Vereinigten Staaten, unangefochtene Weltmacht des 20. Jahrhunderts, befinden sich heute auf einem Schlingerkurs. Unter Präsident Trump wird dieser sichtbar, doch auch ein anderer Präsident ändert wenig am Grundtrend: Das amerikanische Zeitalter als dominante imperiale Weltmacht neigt sich dem Ende zu. Ratlosigkeit, Angst und überhastete Beschlüsse prägen die politische Bühne. China wird in Washington längst als globaler Rivale ausgerufen.
Doch was ist zu tun?
Den Handelskrieg mit China forcieren?
Abschottung betreiben –
Militärische Präsenz ausweiten, Weltpolizist bleiben?
Oder endlich über eine multipolare Weltordnung nachdenken – mit China als strategischem Partner in Fragen von Klima, Technologie und globaler Regulierung?
Und: Welche Verantwortung trägt Europa, insbesondere Deutschland, in diesem neuen Konzert der Mächte?
Fast alles auf dieser Welt hängt heute – und noch mehr in Zukunft – auch von China ab. Von Xi Jinping, dem mächtigen Staatspräsidenten auf Lebenszeit, Parteichef der KPCh, Oberbefehlshaber der Armee, einem Mann mit kontrolliertem Lächeln und undurchdringlicher Aura.
Doch was gilt als Wahrheit in dieser komplexen Gemengelage? Wer definiert sie mit welchen Begriffen und Bildern? Auf welche Fakten gründet sich unsere Sicht? Wer hat welche Interessen im Spiel?
Was wissen wir in Europa – besonders in Deutschland, österreich und der Schweiz – wirklich von diesem großen Land mit seiner über 3000-jährigen bewegten Geschichte, seinen 1,4 Milliarden Einwohnern unterschiedlicher Ethnien und dem wirkungsmächtigen von der Wiederauferstehung der Nation?
Liebe Sophia, frage dich zum Einstieg:
War China in den letzten 40 Jahren nicht die billige Werkbank der westlichen Welt – und zugleich ihre Müllkippe, wenn Afrika nicht alles abnahm?
Der Westen predigte den freien Welthandel und diktierte zugleich die Preise.
2001 trat China nach langen Verhandlungen der Welthandelsorganisation (WTO) bei – ein Schritt, der den Abbau von Zöllen und Handelshemmnissen brachte. Beide Seiten profitierten enorm. Offener Handel auf erweiterten Märkten schuf Wohlstand für viele.
Die deutsche Automobilindustrie verdiente in den 2000er-Jahren am chinesischen Markt Milliarden-Gewinne. VW, Mercedes, Audi, Porsche – sie waren Platzhirsche, bis die KPCh eine politische Kehrtwende beschloss: hin zur E-Mobilität und zum Klimaschutz.
Heute führt der chinesische Konzern BYD (Build Your Dream) den Markt an – und hat selbst den amerikanischen Konzern Tesla überholt. Die deutschen Autobauer geraten ins Hintertreffen. Ob sie verlorenes Terrain zurückgewinnen, hängt davon ab, wie schnell sie sich neu erfinden können – vielleicht sogar gemeinsam mit chinesischen Partnern.
Und jetzt?
Aus den einstigen Kopisten sind selbstbestimmte Innovatoren mit starken Exportinteressen und Machtansprüchen geworden. Das neue chinesische Seidenstraßen-Megaprojekt, im Weltmaßstab angelegt mit über 2000 Milliarden US-Dollar Investitionssumme, schreitet international rasant voran -der Westen schaut staunend zu, kann das Tempo kaum fassen.
Und was ist der Kern der parallel dazu abgestimmten Strategie
China denkt strategisch in langen Zeiträumen, ist enorm entscheidungsfreudig, risikobereit, flexibel – diplomatisch in der Wahl der Handelspartner. China handelt, vergibt Milliardenkredite an Entwicklungsländer, baut große Infrastrukturprojekte fast überall auf der Welt. China ist perspektivisch schon im Jahr 2035 angekommen. Langatmige Diskussionen, gescheiterte "Demokratieexporte" überlassen Chinesen gerne den Europäern und Amerikanern.
Liebe Sophia,
lass' uns einen Moment zurückblicken, um Gegenwart und Zukunft besser zu verstehen:
Warum ist Mao Zedong, der immer noch im omnipräsent? Ist er notwendig ein politischer Säulenheiliger, obwohl sein (1958 – 1962) und die sog. (1966 – 1976) volkswirtschaftlich eine Katastrophe bedeuteten, mit Millionen Hungertoten, kulturellen Verwüstungen und politischen Verfolgungen?
Wer war Deng Xiaoping, der Reformer, der ab 1978 die öffnung zum Welthandel wagte und damit den Grundstein für Chinas wirtschaftlichen Aufstieg legte?
Was bedeuten Geschichte, Kultur und Technologie im chinesischen Selbstverständnis?
Das Schießpulver, der Kompass, das Papier, der Buchdruck – alles Erfindungen chinesischen Ursprungs. Wie waren die Dynastien organisiert – von Han über Song und Yuan bis zur QingDynastie und zur Revolution von 1911?
Welche Rolle spielten der chinesische Buddhismus, die mongolische Besatzung, der Daoismus und Konfuzianismus?
Was nehmen wir vom langfristig strategisch-chinesischen Denken wahr? Was wissen wir von chinesischer Kriegskunst und der herausragenden Figur Sun Tsu (Sunzi, Meister Sun) oder vom – mit strategischer Kriegslist verwandten – sehr beliebten chinesischen Brettspiel Weiqi?
Seit über 3000 Jahre wird es in China gespielt, in Japan und bei uns als "Go" bekannt. Schwarz spielt gegen Weiß, die Steine werden auf 19 horizontal x 19 vertikale Linien-Kreuzpunkten platziert, Schwarz beginnt immer.
Es geht um die effizienteste Strategie der Einkesselung des Gegners, um zusätzliches Territorium zu erobern, um nach Punkten zu siegen. Es ist nicht nur ein Wettkampfspiel, sondern vor allem eine chinesische Denkund Strategieschule mit Selbstbeherrschung, immer das große Ganze und zugleich die Regionen, die Peripherie im Blick zu behalten.
Mao Zedong war ein guter Weiqi-Spieler und wandte angeblich im Bürgerkrieg gegen die Kuomintang zahlreiche strategische Winkelzüge des Spiels an.
Und heute?
Lässt sich im Projekt der nicht eine moderne Fortsetzung dieser Denktradition erkennen – langfristig, strategisch, geduldig, kalkuliert?
Erweitern wir den Blick:
Welche Spuren haben die ehemaligen britischen und japanischen Kolonialherren in China hinterlassen? Hatte nicht auch das Deutsche Reich um 1900 kolonial menschenverachtend mitgemischt?
Was bedeuteten die Opiumkriege im 19. Jahrhundert? Welche Interessen wurden von den Briten gegen China verfolgt? Was hat es mit der Metropole Hongkong auf sich, die von der damaligen Weltmacht England geraubt und 1997 an China zurückgegeben wurde?
Und innerhalb Chinas selbst:
Wie tickt die 20-Millionen-Metropole Shenzhen, das chinesische Silicon Valley?
Oder Chongqing, die gewaltige Stadt am Zusammenfluss von Jangtse und Jialing, mit 32 Millionen Einwohnern?
Liebe Sophia,
Fragen über Fragen. Komplexe Blickwinkel öffnen sich. Betrachte jede Frage als ein politisches Reiskorn in der prall gefüllten chinesischen Reisschale – klein, unscheinbar, doch voller Substanz. Es gilt, sie einzeln zu kosten, zu prüfen, zu verdauen. In einer lockeren Folge von Briefen, gespickt mit Fakten und Deutungen, wollen wir uns aufmerksam diesem schillernden China am anderen Ende der Welt nähern.
Ohne die Aufarbeitung der Demütigung und Unterdrückung durch europäische und japanische Kolonialherren ist China heute nicht zu verstehen. Die Chinesen haben ihre Lektionen gelernt, die Europäer weniger.
Die Chinesen haben einen klaren Weltenplan, die Europäer sind weit von einer gemeinsamen Strategie in einer sich abzeichnenden multipolaren Weltordnung entfernt. Europa muss zeigen, wie gelebte Demokratie, schnelle Entscheidungen, Sicherheit und Wohlstand zusammenpassen. Viel Zeit haben wir in Deutschland, Frankreich, Polen, Großbritannien mit europäischem Führungsanspruch nicht mehr.
In der Sprache des Weiqi ließe sich sagen:
China hat in den letzten 20 Jahren zahlreiche schwarze Steine klug platziert, denkt in Einflusssphären und Kontrollzonen. Die Gegenspieler der weißen Steine befinden sich in strategischer Neuorientierung, müssen zuerst ihre verbliebenen...




