E-Book, Deutsch, 192 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 210 mm
Miles Rassismus
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-86754-860-1
Verlag: Argument Verlag mit Ariadne
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Einführung in die Geschichte und Theorie eines Begriffs
E-Book, Deutsch, 192 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 210 mm
ISBN: 978-3-86754-860-1
Verlag: Argument Verlag mit Ariadne
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Robert Miles (* 1950) ist ein britischer Soziologe und Politikwissenschaftler. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Rassismusforschung, wobei besonders sein Buch Racism (deutsch Rassismus. Einführung in die Geschichte und Theorie eines Begriffs) von 1989 als ein Schlüsselwerk über den Rassismus und seine Geschichte gilt. In seinen Arbeiten wird Rasse als soziale Konstruktion betrachtet und Rassismus als Prozess ihrer ideologischen Produktion und sozialökonomischen Verfestigung unter anderem in Institutionen begriffen.
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Einleitung
Wie viele andere soziologische Begriffe wird der des Rassismus im Alltag verwendet und hat viele alltägliche Bedeutungen. Hier wie in der soziologischen Theorie ist er zu einem Schlüsselbegriff geworden. Und wie andere Bestandteile dessen, was Gramsci »Alltagsverstand« oder »gesunden Menschenverstand« genannt hat (1971: 323-33), sind viele der alltäglichen Verwendungsweisen unkritisch. Aber eine Besonderheit des Begriffs liegt darin, dass er sehr stark negativ besetzt ist. Zu behaupten, jemand habe eine rassistische Ansicht geäußert, heißt mithin, sie als unmoralisch und unwürdig anzuprangern. All dies bringt für den Sozialwissenschaftler, der die Verwendung des Begriffes zu verteidigen sich anschickt, bestimmte Schwierigkeiten mit sich. Jede in Anschlag gebrachte Definition ist nicht nur für den Rahmen und die Richtung der theoretischen Arbeit von Bedeutung, sondern gleichermaßen für die umfassendere politische Diskussion, was aus dem Streit zwischen Banton und Rex Ende der sechziger Jahre erhellt, bei dem es zum Teil darum ging, ob bestimmte Äußerungen des britischen Parlamentariers Enoch Powell als rassistisch bezeichnet werden könnten (Banton 1970, Rex 1970). Eine ähnliche Diskussion gab es Mitte der achtziger Jahre in Australien (Liffman 1985, Cope und Kalantzis 1985). Bevor wir diesen Gesichtspunkt weiter erörtern, ist es mithin von besonderer Wichtigkeit, die Zielvorstellungen, die Begrenzungen und die Struktur dieses Buches deutlich zu machen.
Die grundlegende Zielvorstellung besteht darin, die weitere Verwendung des Begriffs »Rassismus« in der soziologischen Analyse exemplarisch zu verteidigen. Einige Autoren haben aus den wechselnden und unterschiedlichen Verwendungsweisen des Begriffs den Schluss gezogen, dass es unmöglich geworden sei, ihm innerhalb des theoretischen Diskurses einen Ort zuzuweisen (Banton 1977: 156-72), während andere den Begriff verwenden, ohne dass sie ihn zu definieren versuchen (CCCS 1984). Meine Zielvorstellung erfordert einen historischen Überblick über den Ursprung von Darstellungsweisen des Anderen und die Verwendung des Rassismus-Begriffs ebenso wie eine kritische Bewertung neuerer Versuche, ihn theoretisch zu erfassen. Dies ist die Aufgabe der ersten beiden Kapitel. In der zweiten Hälfte des Buches werde ich, vor dem Hintergrund der Kritik an aktuellen Arbeiten zum Thema, eine Argumentation entwickeln, mit deren Hilfe die weitere Verwendung des Begriffs in der soziologischen Analyse gerechtfertigt und veranschaulicht werden soll.
Die hier dargelegte Analyse ist gleichermaßen geographisch wie historisch begrenzt. Von bestimmten Ausnahmen abgesehen, beschränkt sich die historische Analyse auf den (an sich schon recht ehrgeizigen) Zeitraum vom fünfzehnten bis zum zwanzigsten Jahrhundert, in dem sich die Vorherrschaft der kapitalistischen Produktionsweise entfaltet. Der historischen Begrenzung füge ich die räumliche hinzu, indem ich mich vorwiegend mit dem Rassismus in der »westlichen Welt« beschäftige. Dies ergibt sich aus der Tatsache, dass das bestehende kapitalistische Weltsystem seinen Ursprung zum Teil in den seit dem fünfzehnten Jahrhundert expandierenden Handelsbestrebungen des westeuropäischen Kaufmannskapitals besitzt (Marx, MEW 25: 335-349, Wallerstein 1974, Fox-Genovese und Genovese 1983). Dadurch wurde der Weg frei für koloniale Siedlungs- und Herrschaftsformen, und in der Folge wurden verschiedene Teile der Welt in ein sich entfaltendes kapitalistisches System eingebunden, dessen Zentrum bis zum frühen zwanzigsten Jahrhundert in Europa, und dort vor allem in Großbritannien lag. Von daher bestimmt die Geschichte des britischen Kolonialismus in einem bedeutsamen Ausmaß die geographischen Parameter der darauf folgenden Entwicklung. Zu diesen Parametern gehören Westeuropa, Nordamerika, Teile Afrikas und der Karibik, der indische Subkontinent und Australasien.
Aus diesen Begrenzungen ergibt sich eine bestimmte Form der historischen, wechselseitigen Beziehung zwischen der Entstehung und Entwicklung des Kapitalismus einerseits und dem Rassismus andererseits. Tatsächlich kann eine solche wechselseitige Beziehung, eine Korrelation, hergestellt werden, obwohl sie, wie man in der Statistik weiß, nicht schon an sich einen Maßstab für kausale Abhängigkeiten bildet. Die Eigenart der Verknüpfung zwischen Kapitalismus und Rassismus wird anderenorts in diesem Buch diskutiert.
Zu Beginn werde ich die historische Genese europäischer Diskurse über den Anderen darstellen. Dieser Teil ist seinem Gehalt nach vorwiegend deskriptiv (das analytische Problem der Definition bleibt dem zweiten Kapitel vorbehalten); er geht der Frage nach, auf welche Weise Nichteuropäer in der vorkapitalistischen Epoche charakterisiert wurden und gibt dann einen Überblick über die sich verändernden Wahrnehmungsformen, die das Wachstum des Industrie- und Handelskapitals begleiteten. Einen wichtigen Übergang markiert die allmählich sich entfaltende »Rassen«-Idee, der später ein biologischer Gehalt zugeschrieben und in deren Gefolge eine biologische Hierarchie »wissenschaftlich« legitimiert wurde. Obwohl die Wissenschaft in neuerer Zeit die Unrichtigkeit dieser Argumente herausgestellt hat, bleibt die Idee der »Rasse« davon unberührt und einige »Wissenschaftler« behaupten weiterhin, sie könne mit einer biologischen oder genetischen Substanz unterfüttert werden. In jüngster Zeit haben Politiker »rassischen Unterschieden« eine »naturgegebene« Realität zugesprochen.
Im zweiten Kapitel wende ich mich dem analytischen Problem der Definition zu. Ich diskutiere es zum Teil vor dem Hintergrund der vorangegangenen historischen Materialien, zum Teil vor dem Hintergrund neuerer theoretischer Argumentationen, welche die konzeptuelle und explanatorische Reichweite des Begriffs auf verschiedene Weise vergrößert haben. Das wesentliche Merkmal dieser späteren Entwicklung liegt darin, dass der Begriff des Rassismus in seiner Verwendung nicht nur auf bildliche Vorstellungen und Behauptungen verwies, sondern auch auf Praxisformen, Verfahrensweisen und Ergebnisse, die von menschlichen Intentionen und einem bestimmten ideologischen Gehalt oftmals unabhängig sind. Meine Argumentation zielt darauf, dass diese begriffliche Überdehnung mehr Probleme aufwirft als löst, und dass der Begriff des Rassismus nur verwendet werden sollte, um das zu bezeichnen, was man im weitesten Sinne eine Ideologie nennen könnte. In diesem Zusammenhang werde ich mich mit den Schwierigkeiten auseinandersetzen, die Parameter einer solchen Ideologie zu bestimmen.
Nachdem ich den Rassismus begrifflich gekennzeichnet habe, untersuche ich im dritten Kapitel, auf welche Weise der Rassismus als ein Prozess der Konstruktion von Bedeutungen verstanden werden kann. Für mich besteht die »Funktionsweise« des Rassismus darin, dass bestimmten phänotypischen und/oder genetischen Eigenschaften von Menschen Bedeutungen dergestalt zugeschrieben werden, dass daraus ein System von Kategorisierungen entsteht, wobei den unter diese Kategorien subsumierten Menschen zusätzliche (negativ bewertete) Eigenschaften zugeordnet werden.
Das Ziel des vierten Kapitels besteht darin, den Rassismus als einen Prozess der Bedeutungskonstruktion innerhalb bestimmter Kontexte zu untersuchen. Die besonderen Eigenschaften einer Gruppe, die von einem mit Bedeutung aufgeladenen physischen Merkmal abgeleitet sind, spielen eine wichtige Rolle für die Zuweisung von Individuen zu bestimmten wirtschaftlichen Positionen wie auch für die Verweigerung von gewissen ökonomischen Gratifikationen und politischen Rechten. Ich untersuche, wie diese Prozesse der Allokation und Ausgrenzung in einer Reihe unterschiedlicher historischer Kontexte sich verändern und eine Dimension der Geschichtlichkeit kapitalistischer Entwicklung ausmachen.
Dieses theoretische Vorhaben rechtfertigt die Herstellung von kontextuellen Beziehungen. In der westlichen Welt des späten zwanzigsten Jahrhunderts gibt es nur kleine Minderheiten, die sich selbst aus freien Stücken und mit positiver Haltung als Rassisten bezeichnen. Es besteht ein offizieller Konsens darüber, dass diejenigen, die rassistische Überzeugungen äußern und/oder in Übereinstimmung mit solchen Überzeugungen handeln, deswegen verurteilt werden müssen, weil derlei Überzeugungen wissenschaftlich diskreditiert sind und zu moralisch unannehmbaren Verhaltensweisen führen. Dieser Konsens gründet in einer Reihe von geschichtlichen Ereignissen, die in der Öffentlichkeit weithin bekannt sind: so etwa der Sklavenhandel, der vom sechzehnten bis zum neunzehnten Jahrhundert in einigen europäischen Nationalstaaten vom Handelskapital organisiert wurde; der unter der faschistischen Regierung in Deutschland zwischen 1933 und 1945 durchgeführte Mord an Millionen von Juden; die in den Vereinigten Staaten vom späten neunzehnten bis zu den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts praktizierte Rassentrennung; die Einführung und Aufrechterhaltung der Apartheid in Südafrika. Alle diese Ereignisse haben zum Tod ungezählter Menschen geführt und sind – in unterschiedlichem Maße – durch den Rassismus legitimiert worden.
Es ist durchaus möglich, dass dieser Konsens in Westeuropa (und anderenorts) seit den siebziger Jahren in Auflösung begriffen ist. In nationalen und übernationalen Parlamenten sind politische Parteien vertreten, deren Forderungen und deren politisches Handeln Parallelen zu faschistischen Gruppierungen der dreißiger Jahre aufweisen (vgl. etwa Husbands 1981, Ogden 1987). Desgleichen lässt sich eine Zunahme an Gewalt gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen in Westeuropa beobachten, die oftmals mit...




