E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Mierswa Lola auf der Erbse
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-86429-174-6
Verlag: Tulipan Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: PC/MAC/eReader/Tablet/DL/kein Kopierschutz
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
ISBN: 978-3-86429-174-6
Verlag: Tulipan Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: PC/MAC/eReader/Tablet/DL/kein Kopierschutz
Lola Lachmann wohnt mit ihrer Mutter auf der 'Erbse', einem Hausboot unten am Fluss. Seit sich ihr Vater in Luft aufgelöst hat, lebt Lola in einer Fantasiewelt,weigert sich zu wachsen und wäscht sich nicht mehr den Hals, um die Erinnerung an Papas Abschiedskuss zu bewahren. Ihr sonderbares Verhalten macht sie zur Einzelgängerin. Zum Glück gibt es noch den alten Fischer Solmsen und seine märchenhaften Geschichten. Eines Tages jedoch droht Lolas Traumwelt aus den Fugen zu geraten: Ihre Mutter hat einen neuen Freund! Kurt ist Tierarzt und eigentlich gar nicht so übel. Lola versucht dennoch mit allen Mitteln, den Eindringling zu vertreiben.
Annette Mierswa, geboren 1969 in Mannheim, tätig für Film, Theater und Zeitung, arbeitet heute als freie Autorin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Hamburg. Ihre Romane 'Lola auf der Erbse' (2008) und 'Samsons Reise' (2011) wurden mit diversen Preisen ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt. 'Lola auf der Erbse' ist 2013 u.a. mit Christiane Paul verfilmt worden (Prädikat: Besonders wertvoll) und auch als Hörbuch erhältlich.
Autoren/Hrsg.
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Als ihre Mutter am Morgen hereinkam, ließ Lola das Schneckenhaus, das die ganze Nacht neben ihr auf dem Kopfkissen gelegen hatte, schnell unter der Bettdecke verschwinden. Frau Lachmann zog die Vorhänge auf, pflückte eine der Margeriten ab, die dicht gedrängt in einem Blumentopf auf dem Fensterbrett standen, und steckte sie sich ins Haar. »Guten Morgen, Mama«, sagte Lola strahlend, »hast du auch so gut geschlafen? Ich habe vom Meer geträumt.« Frau Lachmann machte große Augen und lächelte: »Hat dich heute Nacht der Sandmann durchgekitzelt? Du bist so verändert.« Lola antwortete nicht. Sie sprang mit einem Satz aus dem Bett. »Ich muss mich beeilen, sonst komm ich zu spät zur Schule!« Sie lief schnell ins Badezimmer. Doch sie hatte ein ungutes Gefühl dabei. Vielleicht würde ihre Mutter ja einfach die Bettdecke hochheben, um festzustellen, was sich darunter verbarg. Aber nein, so was tat sie nicht. Wenn sie nun aber das Bettzeug wechseln würde! Lola schlich eilig zurück in ihr Zimmer. Da stand ihre Mutter immer noch und hatte – oh Schreck! – das Geschenkpapier von Kurt in der Hand. Sie war gerade dabei, es ordentlich zusammenzufalten. Als sie Lola sah, sagte sie lächelnd: »Du hast es also aufgemacht. Was war denn drin?« »Was tust du da?«, fauchte Lola sie an, riss ihr das Papier aus der Hand und versuchte, es wieder glatt zu streichen. »Meine Güte, was ist denn los?« »Du verstehst überhaupt nichts«, schrie Lola schluchzend. Sie lief zum Bett, holte das Schneckenhaus unter der Decke hervor und drückte es ihrer Mutter wütend in die Hände: »Hier, du kannst es ihm wiedergeben!« Dann zerknüllte sie das Geschenkpapier, warf es in den Papierkorb und ließ sich schmollend aufs Bett fallen. Frau Lachmann legte das Geschenk auf die Bettdecke und setzte sich neben ihre Tochter, die ein bisschen weiter wegrückte. »Aber Lola, es ist doch wunderschön. Willst du es wirklich nicht behalten?« »Nein.« Lola verschränkte die Arme. »Wäre es denn so schrecklich, wenn Kurt sich darüber freuen würde, dass dir sein Geschenk gefällt?« »Ja.« Lola nahm Nadu aus dem Käfig und streichelte ihn. »Ich habe Kurt sehr gerne«, fuhr Frau Lachmann fort, »wir lachen viel.« Lola streichelte Nadu etwas schneller, was ihm nicht zu gefallen schien. Er wurde unruhiger und zuckte unter Lolas heftigen Berührungen zusammen. Frau Lachmann legte ihre Hand auf die ihrer Tochter und drückte sie sanft. Nadu beruhigte sich. Lola richtete die Augen starr auf das Meerschweinchen. »Ich komme zu spät zur Schule«, sagte sie trotzig, setzte das Meerschweinchen in den Käfig und zog ihre Turnschuhe an, wobei sie die Schnürsenkel besonders sorgfältig band. Sie nahm ihre Tasche und sagte im Hinausgehen: »Wir lachen auch viel!« »Du bist aber auch wirklich ein schrecklicher Dickkopf«, rief Frau Lachmann ihr hinterher, und ihre Stimme war jetzt nicht mehr so sanft wie zuvor. »Genau wie dein Vater!« Aber Lola antwortete nicht. Sie hörte, wie irgendetwas auf dem Fußboden zerschellte. Dann war es still. Lola rannte los. Sie rannte und rannte, bis sie sich erschöpft neben den alten Solmsen auf die Bank fallen ließ und ihren Kopf auf seinen Schoß legte. »Na, na, mein Mädchen, was ist denn los? So früh am morgen schon so unglücklich. Schau doch mal, was für einen wunderschönen Himmel wir heute haben.« Lola legte den Kopf in den Nacken und schaute nach oben. Der Himmel war bilderbuchblau, und vereinzelt zogen träge ein paar Wattewolken vorbei. Eine davon sah aus wie ein Einhorn, und Lola stellte sich vor, wie sie auf seinem Rücken über den Himmel ritt. Unter ihr war alles ganz klein: Die Flüsse sahen aus wie Rinnsale, die Boote wie Blütenblätter, die Menschen wie emsige Ameisen, die ihre Zeit damit verbrachten, Dinge hin und her zu befördern und rastlos mit kleinen »Käfern« über ihre Ameisenstraßen zu rasen. Und die Wälder sahen aus wie riesige Moosteppiche. Lola galoppierte auf ihrem Einhorn über den Himmel, direkt auf die »Erbse« zu. Und da saß Mama und weinte. Lola schreckte hoch. »Musst du nicht in die Schule?«, fragte der alte Solmsen erstaunt. »Nein, ich gehe nie mehr in die Schule und nie mehr nach Hause«, antwortete Lola entschlossen. »Und was willst du dann tun?« »Ich warte mit dir auf deinen Kutter, und dann fahren wir raus zum Fischen.« Der alte Solmsen lächelte. »Weißt du, was ich damals zu meinem Vater gesagt habe? ›Ich gehe nicht mehr fischen, ich möchte jetzt in die Schule!‹ Und weißt du, was er geantwortet hat? ›Es gibt welche, die gehen fischen, und es gibt welche, die gehen in die Schule. Und du gehst fischen.‹ Also bin ich weiter fischen gegangen. Aber du, mein Mädchen, du gehörst zu denen, die in die Schule gehen.« »Und wenn ich nicht gehe? Holst du dann deine Trillerpfeife raus?« Der alte Solmsen lachte. »Aber nein! Außerdem sind wir doch Freunde. Und Freunde wollen sich gegenseitig helfen, oder?« Lola schaute hinaus auf den Fluss und dachte eine Weile nach. Dann sagte sie: »Gut, morgen werde ich wieder zur Schule gehen. Aber heute erzählst du mir die Geschichte vom großen Sturm.« »Abgemacht.« Der alte Solmsen stopfte sich in aller Ruhe seine Pfeife, zündete sie an, blickte lange auf den Fluss hinaus und holte dann tief Luft: »Es muss wohl so zwanzig Jahre her sein, als wir mit der ›Flussperle‹, meinem alten Kutter, zum Fischen aufbrachen und nicht bemerkten, dass die Wolken besonders schnell über den Himmel jagten und am Horizont eine schwarze Wand aufzog. Wir waren vollauf damit beschäftigt, die Netze zum Auswerfen vorzubereiten, und keiner dachte daran, dass Hanson fehlte, der das Wetter immer sehr genau beobachtete, sodass wir anderen aufgehört hatten, uns darum zu kümmern. Hanson war nicht mit an Bord gegangen, weil er an diesem Tag heiraten wollte. Keiner achtete auf das, was sich da zusammenbraute, nicht einmal ich, der ich am Steuerrad stand, denn ich konnte die ›Flussperle‹ schon blind den Fluss hinauf lenken, so gut kannte ich die Strecke, und sah zu ebenjener Stunde selten hinaus aufs Wasser. Ich trank gerade meinen Morgenkaffee, aß ein Krabbenbrötchen und überlegte, wie viele Fische wir heute herausziehen würden, als donnernd ein gewaltiges Gewitter losbrach. Es begann in Strömen zu gießen. Keiner war darauf vorbereitet gewesen. Die vier Mann Besatzung, Pischel, Möller, Kiesbart und Jo, stoben in Sekundenschnelle auseinander und verschwanden unter Deck. Der Himmel hatte sich pechschwarz gefärbt. Heftige Sturmböen peitschten den alten Kutter von backbord, sodass die ›Flussperle‹ fast auf der Seite lag. Erst jetzt fiel mir auf, dass wir das einzige Boot weit und breit waren. Keiner außer uns hatte den Hafen an diesem Morgen verlassen. Und das kam eigentlich nur vor, wenn ein Orkan angekündigt worden war. Ich stellte den Funk an, um das SOS-Zeichen zu senden, aber nichts rührte sich. Ich versuchte, meine Gedanken zu sammeln, um herauszufinden, was zu tun sei. Ich musste bis zur Mannschaft durchdringen, denn alleine konnte ich nicht viel ausrichten. Ich stopfte das Krabbenbrötchen gedankenlos in die Hosentasche und befestigte das Steuerrad mit einem Seil, damit das Boot weiter den Kurs halten würde. Dann streifte ich schnell mein Ölzeug über, zog hastig eine Schwimmweste an und stemmte mich mit aller Kraft gegen die Tür. Der Kutter hatte so starke Schlagseite, dass ich mich an der Reling festhalten und nach oben ziehen musste, um die Brücke zu verlassen. Genau in diesem Moment geriet das Boot in eine Art Strudel, den ich mir bis heute nicht erklären kann, und wurde wie ein Kreisel ein paarmal um die eigene Achse geschleudert. Dabei kippte die ›Flussperle‹ plötzlich auf die andere Seite, und ich rutschte so weit nach unten, dass ich knietief im Wasser stand. Noch eine Windböe fegte über das Schiff, ich konnte mich nicht mehr halten und wurde über Bord geschleudert. Der Sturm hatte viele dicke Äste von den Bäumen gerissen, und einige davon schwammen im Wasser. Ich streifte das schwere Ölzeug ab, das mich nach unten zog. Glücklicherweise konnte ich mich an einem ziemlich dicken Ahornast festklammern. Ich ließ mich treiben, bis der Sturm nachließ. Die ›Flussperle‹ war spurlos verschwunden. Und mit ihr Pischel, Möller, Kiesbart und Jo. Durch das Unwetter war der Fluss noch breiter geworden, und das Ufer schien unerreichbar. Plötzlich hatte ich eine Eingebung. Ich biss mit den Zähnen ein Loch in den Ärmel meines Wollpullis und zog an einem Zipfel, bis ich einen langen Faden hatte. Den knotete ich an das obere Ende eines dicken Zweiges, der sich von dem Ast gabelte, an dem ich mich festgeklammert hatte. An das andere Ende des Fadens band ich eine Krabbe von meinem Krabbenbrötchen, das immer noch in meiner nassen Hosentasche klebte. Ich warf den Faden mit der Krabbe ins Wasser und wartete. Nach einer ganzen Weile straffte sich der Faden plötzlich, und der Ast setzte sich in Bewegung. Los ging die Fahrt! Langsam, aber stetig näherte ich mich so dem Ufer. Als ich noch ungefähr zehn Meter davon entfernt war, erschlaffte der Faden wieder, und auf einmal sah ich in einiger Entfernung das Wasser aufwirbeln. Ein Fisch, so groß wie ein ausgewachsener Delfin, tauchte auf und blickte mich unverwandt an. So einen Fisch hatte ich noch nie gesehen. Er...




