E-Book, Deutsch, 388 Seiten
Mickiewicz Herr Thaddäus
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3178-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 388 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3178-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'Herr Thaddäus' von Adam Mickiewicz gilt der polnischen Literatur als Nationalepos. Es ist im Juni 1834 in Paris erschienen und gilt als das letzte große Versepos der europäischen Literatur. Das Versepos spielt im Jahr 1811. Polen ist zwischen Russland, Preußen und Österreich geteilt (siehe: Teilungen Polens) und so von der politischen Landkarte Europas verschwunden. Ort der Handlung ist das Gut und Dorf Soplicowo in Litauen. Pan Tadeusz erzählt neben der Geschichte eines Streites zweier verfeindeter Adelsgeschlechter um ein Schloss die Liebesgeschichte zwischen Herrn Thaddäus und Zosia.
Weitere Infos & Material
Das Schloß.
Jagd mit Windspielen auf das aufgespürte Wild. – Der Gast im Schlosse.– Der letzte der Hofleute erzählt die Geschichte des letzten der Horeszko. – Ein Blick in den Obstgarten. – Das Mädchen in den Gurken. – Das Frühstück. – Frau Telimene's Petersburger Anekdote. – Neuer Ausbruch der Feindseligkeiten von wegen Mutz und Falk. – Robak's Intervention. – Vorschlag des Wojski. – Die Wette. – Auf in die Pilze!
Wer könnte der Zeit vergessen, da er, ein kleiner Held,
Die Flinte auf der Schulter, pfeifend schritt auf's Feld:
Da war kein Zaun, kein Bergwall, der dir Müh' gemacht,
Gingst über fremde Raine, sorglos und unbedacht!
Denn ein Jäger in Lithauen ist wie ein Schiff im Meer:
Wo und wohin du willst, da schweift er kreuz und quer!
Sei's, daß er in den Himmel blickt, wie ein Prophet –
Denn viele Zeichen giebt's dort, die er gar wohl versteht –
Sei's, daß er, wie ein Zaub'rer, mit der Erde spricht,
Die stumm ist für den Städter, doch für den Jäger nicht.
Willst du die Schnarre suchen, die dort im Gras geschrie'n?
Umsonst! der Hecht im Niemen schießt schneller nicht dahin!
Die Morgenglocke des Frühlings, hörst du wie sie dir rief?
Die Lerche ist's – die birgt sich im Blau nicht minder tief!
Horch, wie der breite Flügel des Adlers droben weht!
Die Spatzen schreckt er auf, wie Czaren ein Komet,
Und hoch im Äther hangend, schlägt und schüttelt die Schwinge
Ein Habicht, wie an der Nadel gespießte Schmetterlinge;
Nun zeigt sich ein Vogel, ein Hase – drunten, im Thale fern:
Da stürzt er auf ihn nieder, wie ein fallender Stern.
Wann läßt der Herr das Ende der Irrfahrt uns erschau'n,
Daß wieder auf heimischer Erde wir uns're Hütte bau'n,
Und dort als Reiter fechten, wo's Hasen gilt zu schlagen,
Und dort im Fußvolk dienen, wo's Vögel gilt zu jagen –
Und Sens' und Sichel macht die ganze Rüstung aus,
Und keine andre Zeitung, als Rechnungen für's Haus!?
Ob Soplicowo ging die Sonne auf, – ihr Feuer
Strahlt schon auf's Dach und stiehlt sich durch Sparren in die Scheuer,
Und über die dunkelgrüne, duft'ge Lagerstatt,
Die sich das junge Volk aus Heu bereitet hat,
Ergießt sie goldne Streifen durch das offne Dach, –
Wie Bänder in schwarzen Flechten, so flimmert's durch's Gemach.
Der Schläfer Lippen kitzelt sie mit dem Strahl und neckt,
Wie ein Mädchen den Buhlen mit einem Kornhalm weckt.
Schon springen und singen die Spatzen, zum dritten Mal hat schon
Der Gänserich gegackert – auch haben in gleichem Ton
Truthähne und Enten erwidert in allgemeinem Chor,
Und ausgetriebener Heerden Gebrülle schlägt an's Ohr.
Aufsteh'n die jungen Leute; Thaddäus ist noch nicht erwacht;
Er war auch zuletzt entschlummert. Kam er doch diese Nacht
Vom Mahle so erregt, daß, als der Hahn schon krähte,
Er noch kein Aug' geschlossen, und nur sich wälzt' und drehte,
Bis er in's Heu, wie in Wasser, versank – und schlief recht hart.
Nun bläst ihm ein kalter Wind in's Aug' – die Thüre knarrt,
Geräuschvoll tritt in die Scheuer und ruft mit strengem Ton
Der Bernhardiner Robak: "Erhebe dich, mein Sohn!"
Und schwingt ihm über die Schulter zu einem derben Streich
Den langen Strick der Mönche – es traf nicht allzuweich.
Im Hofe hört man schon der Jäger lauten Chor,
Man führt die Pferde heraus, die Wagen fahren vor,
Der weite Raum des Hofes faßt kaum die Schaaren all',
Man öffnet die Hundeställe, es schmettert Hörnerschall;
Anstürzen die Hunde und winseln vor Lust, wie da erscheinen
Die Hetzer mit ihren Pferden, die Jäger mit den Leinen –
Die Rüden sind wie toll, sie wedeln, rennen, springen,
Dann kommen sie wieder und strecken die Hälse nach den Ringen.
Nach solchen Zeichen darf man sich gute Jagd versprechen;
Endlich giebt der Kämmerer die Ordre, aufzubrechen.
Sacht, Einer hinter dem Andern, reiten die Jäger hinaus;
In langer Reih' entwickeln sie sich erst vor dem Haus; –
In ihrer Mitte reiten Assessor und Notar:
Und sah es sich auch zuweilen mit Abscheu an, das Paar:
Doch sprach es freundschaftlich, – nach ritterlichem Gebot,
Wenn sich entscheiden soll ein Streit auf Leben und Tod.
Kein Wort verrieth an ihnen des Herzens Grimm und Trutz, –
Falk läuft mit dem Assessor und der Notar führt Mutz.
Die Damen folgen in Kutschen, die Jünglinge zur Seiten,
Die, mit den Damen plaudernd, dicht an den Rädern reiten.
Im Hof schritt Pater Robak langsam auf und nieder,
Sein Morgengebet beschließend; doch blickt er hin und wieder
Auf Herrn Thaddäus, erst finster – dann lächelt er ihn an
Und winkt ihm mit dem Finger. Thaddäus reitet heran:
Den Finger an der Nase, droht ihm der Priester still;
Doch wie auch Thaddäus forscht, was das bedeuten will,
Wie er auch bittet und fragt: Robak erwidert nicht,
Blickt ihn nicht an; schiebt seine Kapuze in's Gesicht,
Und endigt sein Gebet; – bis, da kein Bitten frommt,
Thaddäus weiter reitet und zu den Freunden kommt.
Die Jäger hielten eben ihre Meuten an,
Und still auf seinem Platz verharrte Jedermann;
Die Einen gaben den Andern das Zeichen tiefster Ruh'
Und Alle wandten die Blicke jenem Steine zu,
Auf dem der Richter stand. Er hat ein Wild erseh'n,
Winkt mit der Hand Befehle herüber. Alle versteh'n.
Sie halten stille. Mitten im Kreise traben nur
Assessor und Notar gemessen über die Flur.
Thaddäus war Beiden voran, hält an des Richters Seite
Und seinen Blicken folgend, späht' er rings in's Weite.
Er hatte schon lange nicht gejagt; im grauen Thal
War's schwer, den Grauen zu seh'n, und im Gestein zumal, –
Der Richter zeigt ihm die Stelle. Lampe, der Ärmste, sitzt
Unter's Gestein geduckt, die beiden Löffel gespitzt,
Das rothe Auge sieht der Jäger spähenden Blick,
Und wie verzaubert, fühlend das eherne Geschick,
Kann er den Blick nicht wenden, vor lauter Angst und Schreck;
So sitzt er unter'm Stein versteinert auf dem Fleck.
Jetzt nähert sich der Staub, wächst immer mehr und mehr –:
Mutz jagt am Leitseil, Falk ist hurtig hinter ihm her –
Assessor und Notar schrei'n hinten im Verein:
"Hetz! Hetz!" und sammt den Hunden hüllt der Staub sie ein.
Indessen so die Meute den armen Hasen hetzt,
Erscheint denn auch am Schloßwald der junge Graf zuletzt.
Der Herr kommt nie – das weiß man in der ganzen Runde, –
Wann und wohin es sei, zur festgesetzten Stunde;
So hat er auch heut' verschlafen – die Diener büßten's dann –:
Wie er die Jäger gewahr wird, sprengt er rasch heran;
Der lange weiße Rock, nach englischer Mode geschnitten,
Spielt mit den Schößen im Wind; die Diener, die hinten ritten,
Waren mit weißen Hosen und Spencern angethan
Und streifigen Stiefeln; die Hütchen sah'n sich wie Schwämmchen an,
So klein und schwarz und glänzend; Bediente in solchem Gewand
Werden im Palaste des Grafen Jockey's genannt.
Flink sprengen seine Leute auf den Wiesenplan, –
Da sieht der Graf das Schloß und hält den Renner an:
Er hatt' es nie des Morgens geseh'n, – nun glaubt er kaum,
Das wären dieselben Mauern: so war der ganze Raum
Vom Morgenstrahl verschönt, mit neuem Glanz geschmückt, –
Der Graf betrachtet es verwundert und entzückt.
Der Thurm scheint zweimal höher, weil über den Nebel gestreckt,
Das blecherne Dach vom Lichte mit hellem Gold bedeckt,
Der Rest der zerschlagenen Scheiben glitzert in den Gittern,
Wie die gebrochnen Strahlen buntfarbig sie durchzittern;
Die untern Stöcke sind vom Nebeldunst umwallt,
Dem Aug' verhüllt sich so jedweder Riß und Spalt;
Vom Winde getragen, hallt der Jäger Schreien und Tollen
Oft an den Mauern wieder: man hätte schwören sollen,
Es lärme so im Schlosse, – unter der Nebelhülle
Sei es auf's neu' erbaut und Leben dort in Fülle.
Der Graf liebt' alles, was neu war und außerordentlich:
Das nannte er romantisch. Er sagte oft von sich,
Er sei ein romantischer Kopf; und man muß wirklich sagen:
Er war ein eigener Kauz. Oft konnt' er im besten Jagen
Stillsteh'n und kläglich starren in den Himmelsraum,
Wie ein Kater nach Spatzen auf hohem Fichtenbaum.
Oft irrt' er ohne Hund und Flinte durch den Hain,
Wie ein entlaufener Rekrut; saß oft allein
Ganz steif am Bach und neigte über die Fluth sein Haupt,
Wie ein Reiher, der mit den Augen alle Fische raubt;
Das waren so seine Grillen. Man kam auch überein,
Bei ihm sei's nicht ganz richtig. Doch ehrt man ihn allgemein:
Ein reicher Herr...




