Buch, Deutsch, 100 Seiten, Format (B × H): 123 mm x 195 mm
Buch, Deutsch, 100 Seiten, Format (B × H): 123 mm x 195 mm
ISBN: 978-3-03867-120-6
Verlag: Brotsuppe, Verlag Die
Die so genannte Realität ist grundsätzlich brüchig, und sie ist ständig im Fluss. Leben ist Reisen, Migrieren, Unterwegssein. Als Odi, ein nicht mehr ganz kleiner Junge unbestimmten Alters, seinen süditalienischen Heimatort und die geliebten Grosseltern verlassen muss und die lange Reise zu seinen Eltern antritt, ziehen Trauer um den Verlust und namenlose Zukunftsängste durch den tristen Bahnhof.
Vor vierzig Jahren veröffentlichte der 1956 in S. Sofia d’Epiro geborene Berner Autor Francesco Micieli ein „Tagebuch eines Kindes“ mit dem Titel: Ich weiss, dass mein Vater grosse Hände hat. Was er nun vorlegt, ist aber ist kein Tagebuch, sondern eine sensible Reiseerzählung. Lakonisch und einfühlsam erzählt der Autor präzise und souverän vom Verlust verbindlicher Sicherheiten, von den Verwandlungen des Jungen während der Bahnfahrt. Vom ebenso beängstigenden wie beglückenden Auf und Ab seiner Gefühle, von Odis Träumen und Visionen. Von oft freundlichen und immer skurrilen Mitreisenden, von wundersamen Märchengestalten und Fabelwesen. Der lange Weg in die Fremde wird zu einem emanzipatorischen Weg zu sich selbst. Das Böse ist da, aber das Vertrauen in die Menschen kann es nicht brechen.
Francesco Micieli steht für Lesungen zur Verfügung.
Zielgruppe
Für Erwachsene und junge Erwachsene, die sich für das Thema Migration interessieren.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Der Zug hielt abrupt an. Weit und breit war kein Bahnhof zu sehen, kein Haus. Mitten auf dem Feld. Weiter hinten zeigte sich ein Wald. Aus dem Wald kamen Menschen, ihre Haare waren wild durcheinander, ein starker Wind schien sie zu zerzausen. Vielleicht waren sie kleine Bäume, die sich auf den Weg machten, einen neuen Wald zu gründen. Im Gang drückten die Passagiere aneinander vorbei, wie die Schafe auf dem Hügel vor der Kirche, nur ein Hund konnte sie aufhalten. Cerbe, rief eine Frau zu ihrem Kind, das ein Pferdchen aus Holz zog, ein wunderschönes, farbiges Pferd, viel glatter als seines. Ihm schien, dass aus dem Pferd kleine Wesen mit Waffen stiegen. Cerbe, warte auf mich. Das Kind schaute in das Abteil und fragte ihn:
Hast du auch ein Pferd aus Holz?
Ja.
Kommst du mal mit mir spielen?
Ja, ich komme gerne mal, wenn ich meine Reise
beendet habe.
Meine endet bald und deine?
Ich habe noch ein paar Stunden.
Sein Abteil füllte sich mit jenen kleinen Wesen. Stimmen waren zu hören, Schreie.
Schade, ich würde auch noch gerne ein paar Stunden mit dir fahren.
Du musst ja nicht mehr reisen, deine Mutter ist bei dir.
Ja, und mein Pferd auch.




