E-Book, Deutsch, Band 2716, 64 Seiten
Reihe: Fürsten-Roman
Michels Fürsten-Roman 2716
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7517-6995-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Das zerstörte Selbstporträt
E-Book, Deutsch, Band 2716, 64 Seiten
Reihe: Fürsten-Roman
ISBN: 978-3-7517-6995-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Auf dem malerischen Landgut Ludwigshof an der Müritz findet Künstlerin Antonia Brenner, genannt Toni, nach einer toxischen Ehe zu sich selbst und ihrer Kunst zurück. Sie genießt die neue Freiheit und blüht in der inspirierenden Umgebung des Guts auf. Doch ein verheerender Brand zerstört ihr Künstlerhaus und stellt ihre Unabhängigkeit infrage. Gezwungen, die Großzügigkeit von Julius von Straub, dem jüngeren Bruder ihres Stipendiengebers, anzunehmen, findet sie sich in einer neuen ungewissen Situation wieder. Julius, der attraktive und undurchschaubare Graf, zieht Toni auf eine Weise an, die sie nicht erwartet hätte. Obwohl er sich als fürsorglich und verständnisvoll zeigt und sogar behauptet, ihre Kunst zu lieben, bleibt Toni misstrauisch. Ihre traumatische Ehe hat tiefe Spuren hinterlassen und lässt sie an Julius? Absichten zweifeln. Besonders ein Bild, Tonis 'Selbstporträt einer zerrissenen Frau', wird zum Sinnbild ihrer Geschichte ...
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Das zerstörte Selbstporträt
Für eine Künstlerin wird es zum Symbol der Befreiung
Von Anna-Marie Michels
Auf dem malerischen Landgut Ludwigshof an der Müritz findet Künstlerin Antonia Brenner, genannt Toni, nach einer toxischen Ehe zu sich selbst und ihrer Kunst zurück. Sie genießt die neue Freiheit und blüht in der inspirierenden Umgebung des Guts auf. Doch ein verheerender Brand zerstört ihr Künstlerhaus und stellt ihre Unabhängigkeit infrage. Gezwungen, die Großzügigkeit von Julius von Straub, dem jüngeren Bruder ihres Stipendiengebers, anzunehmen, findet sie sich in einer neuen ungewissen Situation wieder. Julius, der attraktive und undurchschaubare Graf, zieht Toni auf eine Weise an, die sie nicht erwartet hätte. Obwohl er sich als fürsorglich und verständnisvoll zeigt und sogar behauptet, ihre Kunst zu lieben, bleibt Toni misstrauisch. Ihre traumatische Ehe hat tiefe Spuren hinterlassen und lässt sie an Julius' Absichten zweifeln. Besonders ein Bild, Tonis »Selbstporträt einer zerrissenen Frau«, wird zum Sinnbild ihrer Geschichte ...
Julius von Straub stand am Ufer des Bodensees und starrte auf das silbrig glitzernde Wasser hinaus. Weiße Segelboote zogen an ihm vorbei. Die Sonne strahlte am wolkenlos blauen Himmel, und die majestätischen Alpen bildeten einen atemberaubenden Hintergrund.
Doch von all dieser Schönheit bemerkte Julius nichts.
Zwei seiner Mitarbeiter montierten die alten Bohlen eines halb verfallenen Stegs ab, um sie durch neue zu ersetzen. Die Firma J. v. Straub Wasserbau hatte sich innerhalb kürzester Zeit einen Namen für exzellente und saubere Arbeit beim Bau und der Sanierung von Wassersport-Steganlagen erworben.
Doch auch den Steg nahm er gerade nicht wahr. Viel zu unglaublich war das, was er soeben erfahren hatte.
Mit einem unangenehmen Schweregefühl im Bauch und einem panischen Kribbeln im Nacken presste er sich das Handy ans Ohr. Alles um ihn herum schien zu verschwimmen, während er mit seinem älteren Bruder sprach.
»Du willst ... was?«, fragte Julius fassungslos, und jetzt schien es, als müsste die Frage zuerst über tausende Kilometer und Seemeilen hinweg nach New York transportiert werden.
Die Verbindung war schlecht. Es knackte und rauschte und dauerte viel zu lange.
Nervös strich er sich durchs kurze mittelbraune Haar und beschattete die grünblauen Augen mit der freien Hand. Plötzlich schien ihm das sonnige Wetter unpassend hell.
Endlich hörte er seinen Bruder seufzen.
»Julius, ich weiß, dass es für dich nicht ideal ist, aber wir bleiben hier. New York ist für die Kunstwelt the place to be! Es tut mir leid, dass nun alles an dir hängenbleibt, aber du musst mich verstehen ...«, begann Christopher von Straub, der Erbe des Grafen von Straub, Eigentümer des Landgutes Ludwigshof an der wunderschönen Müritz.
»Nicht ideal?«, unterbrach Julius ihn und streckte den Rücken durch, als müsste er sich wie in seiner Jugendzeit vor der Familiengeschichte behaupten. Sein dunkelblaues Jackett spannte über den breiten Schultern. Vierzig Jahre war er jetzt alt, hatte sein eigenes Unternehmen aufgebaut und zum Erfolg geführt, und dennoch fühlte er sich immer noch wie der kleine, unbedeutende Bruder des Erben. »Du kannst doch das Familienunternehmen nicht einfach sich selbst überlassen.«
Der alte Graf von Straub, Julius und Chris' Vater, hatte den Antiquitätenhandel der Familie gegründet. So wie Chris, besaß auch er einen ausgeprägten Kunstsachverstand, der Julius vollständig abging. Sie sahen etwas in alten Möbeln, Gemälden und Kunstgegenständen, das Julius schlicht nicht bemerkte. Doch weil von frühester Jugend an klar gewesen war, dass es Chris war, der das Unternehmen nach dem Ausscheiden des Vaters weiterführen sollte, hatte sich auch niemand die Mühe gemacht, ihn in die Geheimnisse einzuweihen, die aus einer Vase ein Einrichtungs-Accessoire für eines der größten und schmuckvollsten Schlösser Europas machten.
Denn das war die Kundschaft der Familie von Straub: Schlossbesitzer und Angehörige des europäischen Geldadels, die mit den Antiquitäten der von Straubs ihre Burgen, Châteaus und Schlösser noch perfekter, ja noch kostbarer ausstatteten.
Diese Kundinnen und Kunden wollten von Ihresgleichen beraten werden und gaben sich nur mit absolutem Luxus zufrieden. Sie waren ganz anders als die weitaus bodenständigere Kundschaft von Julius' Wasserbauunternehmen, die solide Handwerkskunst verlangte, was sie jederzeit von ihm bekam. Keine Kunst, keine Schnörkel, nur gut gebaute Stege und Wassersportanlagen.
Julius strich sich beruhigend über die Stirn. »Das kann nicht dein Ernst sein.«
Wieder hörte er Chris leise seufzen. In der knisternden Verbindung war nun auch das Geräusch des dichten New Yorker Verkehrs zu hören. Im Hintergrund hörte man Polizeisirenen heulen.
»Und was sagt Bea dazu?«, fragte er hoffnungsvoll.
Beate Frei hatte als Christophers Assistentin im Familienhandel angefangen, als dieser vor gerade einmal einem halben Jahr Geschäftsführer geworden war. Kurz, nachdem ihre Eltern den Söhnen das Haus überschrieben hatten und im Ruhestand auf Weltreise gegangen waren. Bea und Chris hatten sich sofort verstanden. Schon nach kürzester Zeit hatte Chris der Familie offenbart, sie seien ein Paar. Julius hatte sich mit ihm gefreut und sogar die überraschende Blitzhochzeit ohne großartige Feier, wie sie bei den von Straubs üblich gewesen wäre, vor den Eltern verteidigt.
Doch dass sie von der Hochzeitsreise nun nicht zurückkehrten, sondern in New York eine Kunstgalerie eröffneten, hatte er nicht kommen sehen.
»Bea ist begeistert!«, hörte er die Stimme seiner Schwägerin, die offenbar mitgehört hatte. »Die Galerie ist ein Traum! Und hier gibt es so viele talentierte Künstlerinnen und Künstler!« Sie klang so aufgeregt, dass Julius ihr die Freude fast gönnte. Ihr schon, aber sein Bruder müsste es eigentlich besser wissen ...
»Chris, du wirst hier gebraucht! Was ist mit dem Landgut? Das leitet sich nicht von allein.«
»Ach, Julius, mach dir nicht so viele Sorgen! Der Antiquitätenhandel läuft praktisch von allein. Wir haben so viele Kunden und wirklich gute Angestellte. Bea und ich lassen uns ab und zu die Abrechnungen schicken. Wenn wir dazu kommen neben der Galerie ...«
Er hörte Bea lachen, doch Chris schien sie mit Zischen zum Schweigen zu bringen. Waren die beiden betrunken? Julius sah auf die Uhr. In New York war es früh morgens. Wahrscheinlich ging nur die Euphorie mit ihnen durch. Chris war schon immer ein impulsiver Mensch gewesen. Eine echte Künstlerseele, wie seine Mutter gerne betonte.
»Und was den Ludwigshof betrifft ... Kannst du gelegentlich nach dem Rechten sehen? Du bist viel näher dran als wir.«
»Ich wohne am Bodensee!«, erwiderte Julius aufgebracht.
Der Gutshof lag mitten in Mecklenburg-Vorpommern.
»Und wir leben jetzt in New York.« Chris schnaubte, und Julius musste das Handy vom Ohr nehmen, als eine weitere Sirene durchs Telefon schallte. »Sorry, Julius, aber das ist nicht verhandelbar. Ein Leben lang bin ich auf die Interessen unserer Eltern gedrillt worden. Aber jetzt, mit Mitte vierzig und mit Bea an meiner Seite, baue ich mir etwas Eigenes auf.«
Julius' Blick fiel auf das glitzernde Wasser des Sees, auf das Schilf am Ufer und die modrigen Bohlen des Stegs. Wenn er sich die Alpen wegdachte, konnte er genau so auch an der Müritz zu stehen. Einsam, haltlos, gefangen in einer Familie, die ihren Söhnen alles abverlangt hatte, obwohl er nur ein dummer Junge gewesen war.
Sein Hals schnürte sich zu. Sein Magen verkrampfte.
»Dann schiebst du alles auf mich ab?«, fragte er mit einer Stimme, die viel zu dünn war.
Es hatte seinen Grund gehabt, warum er direkt nach der Ausbildung nach Bayern gegangen war. Die Distanz war die beste Ausrede gewesen, nur zu den dringendsten Anlässen auf den Ludwigshof zurückzukehren. Seit seine Eltern auf Weltreise waren, hatte es überhaupt keinen Grund mehr gegeben.
Am Bodensee hatte er sich etwas aufgebaut, und Julius wusste, wenn Chris nach Amerika ging, verlor er selbst seine Freiheit. Sein Vater, der Graf von Straub, würde niemals erlauben, dass der Antiquitätenhandel in fremde Hände fiel. Einer der Brüder musste den Familienbetrieb übernehmen.
Und dieser Bruder war jetzt also er ...
Julius von Straub, Wasserbauer, Kunstbanause und mit vierzig Jahren noch immer das schwarze Schaf der Familie.
Als Chris sich überschwänglich verabschiedete und die Verbindung unterbrach, wusste Julius, dass sich sein Leben gerade grundlegend änderte. Ob er dafür bereit war oder nicht.
Julius' Rückkehr auf den Ludwigshof war unumgänglich.
Natürlich gab es objektiv schlimmere Orte, an denen man wohnen konnte. Der alte Gutshof, der seit Generationen im Familienbesitz und nach der Wiedervereinigung liebevoll renoviert worden war, lag außerhalb einer kleinen, idyllischen Ortschaft am Ufer der Müritz. Der grünblau schimmernde See war von den oberen Fenstern...




