Michel | Die Pariser Commune | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Michel Die Pariser Commune


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-85476-708-4
Verlag: Mandelbaum Verlag eG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

ISBN: 978-3-85476-708-4
Verlag: Mandelbaum Verlag eG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Pariser Commune dauerte 72 Tage und war der erste Versuch, Sozialismus in die Tat umzusetzen. Auf einzigartige Weise kämpfte ein großer Teil der Pariser Bevölkerung gemeinsam für eine befreite Stadt: frei von Monarchie, von Besetzung und auch von der Macht des Kapitals. In den wenigen Wochen wurden konkrete Maßnahmen für die rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern, für die Befreiung der Armen von Pfandschulden, für die Senkung der Mieten, für ein Recht auf Bildung für alle umgesetzt. Viele Frauen kämpften in der Commune für diese Rechte und eine bessere Zukunft der Bevölkerung, allen voran Louise Michel als Lehrerin, Sanitäterin und Mitglied des bewaffneten Kampfes. Für sie endete die Hoffnung der 72 Tage in der Deportation, doch Michel wurde zur Ikone. Mit diesem Buch - 25 Jahre nach der Niederschlagung geschrieben - gelingt es ihr durch präzise Berichterstattung und gleichzeitig kämpferisch-polemische Parteilichkeit, die Ursachen für die Bewegung zu erklären und ihre Erfolge sowie ihr Scheitern nachzuzeichnen. Wir erfahren aus der unmittelbaren Sicht einer Kommunardin, was es hieß, den revolutionären Traum zu leben, aber auch, was es bedeutete, die blutige Rache des Kapitals und der Bourgeoisie auf sich zu ziehen.

Louise Michel (1830-1905), Revolutionärin, Kommunardin und später Anarchistin, war eine zentrale Gestalt der Pariser Commune. Sie organisierte nicht nur die Versorgung der Hungernden und Verwundeten, sondern leitete ein Frauenbataillon im Kampf gegen die Reaktion. Nach der blutigen Niederschlagung der Bewegung machte man Michel den Prozess. Nach 20 Monaten Gefängnis wurde sie in die Strafkolonie Neukaledonien deportiert. Dort suchte Michel Kontakt zur indigenen Bevölkerung, erlernte die Sprache der Kanaken und zeichnete als erste ihre Lieder und Sagen auf. 1880 konnte Michel nach einer Generalamnestie nach Europa zurückkehren, schrieb Aufsätze und Bücher und war als charismatische Vortragsrednerin international gefragt. Louise Michel starb am 9. Jänner 1905 in Marseille. Der Trauerzug zu ihrer Beerdigung wurde von Hunderttausenden begleitet. Ihr Mut im Kampf, ihre Unerschrockenheit vor Gericht sind legendär. Als Michel im Dezember 1871 vor das Kriegsgericht gebracht wurde, trotzte sie ihren Richtern und verteidigte die Pariser Commune: 'Ich will mich nicht verteidigen, und ich will nicht verteidigt werden. Ich übernehme die Verantwortung für alle meine Taten. [...] Man wirft mir vor, Komplizin der Kommune gewesen zu sein. Selbstverständlich war ich das, denn die Kommune wollte vor allem die soziale Revolution, und die soziale Revolution ist, was ich mir am sehnlichsten wünsche.'

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I
Das Erwachen
Das Empire siecht dahin und tötet nach Laune. In seinem Haus, wo der Boden nach Blut riecht, regiert es; aber im Äther tönt als leises Raunen die Marseillaise. Die Sonne geht auf im blutroten Licht. L. M., Chanson des geôles Frankreich schien tot in dieser Nacht des Entsetzens, die seit Dezember über dem Dritten Kaiserreich* lag. Aber immer dann, wenn Nationen gleichsam wie im Grab schlafen, regt sich im Geheimen das Leben, dehnt sich aus und verzweigt sich. Ereignisse rufen hinaus, antworten einander wie Echos, wie eine vibrierende Saite, die eine weitere in Schwingung versetzt. Das Erwachen aus diesem Scheintod ist grandios, und die langsam in evolutionären Prozessen gereiften Veränderungen brechen nun auf. Nun werden alle Wesen von einem Hauch eingehüllt, der sie zusammenführt, der sie trägt, so dass die Tat dem Willen vorauszugehen scheint. Die Ereignisse überschlagen sich, und in dieser Stunde werden Herzen geschmiedet wie Schwerter in lodernder Hitze. Dort, wo die Wirbelstürme Himmel und Erde zu einer einzigen Nacht zusammenwachsen lassen, wo Fluten, die wie aus menschlicher Brust ächzen, ihre weißen Schaumkrallen unter dem Brüllen des Windes wütend gegen die Felsen werfen, dort fühlt man sich inmitten entfesselter Elemente in die Tiefe der Zeit zurückgeschleudert. Im Sturm der Revolution schaut man hingegen nach vorn. Die Überschrift dieses Kapitels mag vermitteln, was die Menschen, die sich für den Freiheitskampf entschieden hatten, am Ende des Kaiserreichs empfanden. Die Freiheit kam über die Welt, die Internationale war ihre Stimme und schrie über alle Grenzen hinweg die Forderungen der Enterbten hinaus. Polizeikomplotte wurden aufgedeckt und zeigten ihre im Hause Bonaparte erdachten Machenschaften: Die Zerschlagung der Römischen Republik*, die hässliche Kehrseite der chinesischen und mexikanischen Expeditionen*, das Andenken an die Toten des Staatstreichs, all dies formte den traurigen Marsch für jenen, den Victor Hugo »Napoleon den Kleinen« nannte und der bis zum Bauch seines Pferdes in Blut watete. Überall stieg wie in einer Flutwelle das Elend, und es waren nicht die Kredite an die Gesellschaft des kaiserlichen Prinzen, die groß dafür verantwortlich waren, obwohl Paris schwere Steuern für diese Gesellschaft zahlte und immer noch um die zwei Millionen Schulden hat. Napoleon III. umgab ein unüberwindlich scheinendes Bollwerk bestehend aus dem Terror, der rund um den Elysée-Palast tobte, während man darin feierte, aus der Legendenbildung des Ersten Kaiserreichs und weil sieben Millionen Stimmen ihn aus Furcht oder Bestechlichkeit gewählt hatten. Der Mann mit dem verschleierten Blick hoffte ewig fortzudauern, doch die Festungsmauer bekam Risse und durch jenen von Sedan kam schließlich die Revolution. Niemand von uns dachte damals, dass es etwas geben könnte, das den Verbrechen des Kaiserreichs gliche. Jene Zeit und die unsere ähneln einander, wie Rochefort es ausgedrückt hat, wie zwei Blutstropfen. In jener Hölle sangen, wie heute, die Dichter das Lied von Leben und Tod, die einen in glühenden Strophen, die anderen mit bitterem Lachen. So viele unserer damaligen Lieder sind heute aktuell. Das Brot ist teuer, an Geld fehlt’s sehr, Herr Haussmann lässt die Mieten heben, Das Regime geizt und gibt nichts her, Nur Spitzeln mag es gerne geben! Das lange Fasten drückt sie nieder, Die Armen, und nimmt alle Kraft. Und doch kann’s sein, die müden Glieder Fühl’n sich zum Widerstand erwacht! Tanzen wir den Bonaparte, Wir sind es nicht, die sich vollfressen, Tanzen wir den Bonaparte, und statt Essen setzen wir Geigen auf die Karte! J.-B. CLÉMENT Wir waren nicht um Worte verlegen, wenn es darum ging, den Machthabern ihre Schandtaten an den Kopf zu werfen. Das Lied der »Badinguette«* brachte die kaiserlichen Banden dazu, vor Wut zu brüllen. Freunde der Macht, Wollt ihr wissen, Wie Badinguette Mit einem Schlag Zufällig zu Madame César gerät? Die Schöne lebte in Spanien, Ganz hinten. Ah! Wie genießt sie es, Champagner Zu trinken! Freunde der Macht, etc. Ob mein Volk schreit oder flucht – mir ist’s gleich! Wer in England Schnüffler wurde, dann Henker, wird ohne Skrupel und ganz leicht Zuhälter. Freunde der Macht, etc. HENRI ROCHEFORT Zu den freudigen Erinnerungen an unsere Gefängniszeit zählt dieses Badinguette-Lied, das wir, eine große Zahl gefangener Frauen, eines Abends auf dieser Baustelle in Versailles aus vollen Kehlen hinausschmetterten, zwischen zwei rauchenden Lampen, die unsere auf dem Boden ausgestreckten, gegen die Mauern gelehnten Leiber beleuchteten. Die Soldaten, die uns bewachten und für die das Kaiserreich noch fortdauerte, empfanden zugleich Entsetzen und Wut. Wir würden, so brüllten sie, einer exemplarischen Strafe unterzogen, weil wir Seine Majestät den Kaiser beleidigt hätten. Auch folgendes Couplet, das vom Volk direkt aus den Fetzen, die von des Kaisers Kleidern überblieben, herausgeschüttelt worden war, besaß die Macht, unsere Bezwinger in Rage zu versetzen: Die zwei und das ganze Packel, Vater und Mutter Badingue Und Badinguet, der kleine Lackel! Die Überzeugung, das Kaiserreich würde weiterbestehen, hielt sich in der Versailler Armee derart hartnäckig, dass ich davon, wie zweifellos auch viele andere, in meiner Anklageschrift, die mir im Straflager von Versailles ausgehändigt wurde, in Kenntnis gesetzt wurde: Gemäß dem Bericht und der Ansicht des Herrn Berichterstatters und den Schlussfolgerungen von Monsieur, dem Kaiserlichen Kommissar, der dazu tendiert, die Angeklagte vor den 6. Kriegsrat zu stellen usw.3 Die Regierung meinte, es würde sich nicht auszahlen, die Formulierung zu ändern. Lange empörten wir uns über die Bereitschaft der Massen, sich in den letzten stürmischen Jahren von Napoleon III. mit dem Leiden abzufinden. Wir, die Enthusiasten der Befreiung, sahen diese so lange im Voraus kommen, dass unsere Ungeduld größer war. Ich erinnere mich an Fragmente dieser Zeit. Denen, die Sklaven bleiben wollen Da das Volk will, dass des Kaiseradlers Schwingen Über seine Erniedrigung wachen, Da es schläft, zerschmettert von eisigen Winden Seiner ewigen Knechtschaft; Dass man sie würgt, woll’n alle, immer wieder, Die Brust dem Messer darbieten, Dann, Freunde, werfen wir den Henker nieder, Wir werden die Herde befrei’n! Ein Einziger ist Legion, gibt er sein Leben, Nachdem er allen ruft sein Adieu: Einzeln geh’n wir, denn Mut kann erschrecken, Wir haben das Schwert und das Feuer! Schluss mit Feigheit, Feige sind Verräter; Ja, trink, iss, schlaf, Meute; Da du warten willst, wart, schleim dich ein bei den Herr’n. Hast du noch nicht genug Tote? Das Blut deiner Kinder färbte die Erde, Schlaf im Kerker, stumm jede Wand. Schlaf, sieh, Biene für Biene drängt sich als Herde Das heroische Volk vom Stadtrand! Montmartre, Belleville, ihr kühnen Legionen, Kommt, Zeit ist’s für ein Ende. Auf! Die Schmach wiegt schwer, schwerer die Ketten. Auf! Dafür zu sterben ist schön! L. M. Oh! Wie lange schon hätte man sich das blutende Herz aus der Brust reißen wollen, um es dem kaiserlichen Monster ins Gesicht zu schleudern! Wie lange schon sprachen wir, kalt entschlossen, diese Verse der Châtiments*: Harmodius, es ist Zeit, Du kannst diesen Mann ruhigen Gewissens schlagen. So hätten wir es gemacht, so wie man einen störenden Stein von den Geleisen entfernen würde. Damals hatte die Tyrannei nur einen Kopf, der Traum einer Zukunft...


Louise Michel (1830–1905), Revolutionärin, Kommunardin und später Anarchistin, war eine zentrale Gestalt der Pariser Commune. Sie organisierte nicht nur die Versorgung der Hungernden und Verwundeten, sondern leitete ein Frauenbataillon im Kampf gegen die Reaktion.
Nach der blutigen Niederschlagung der Bewegung machte man Michel den Prozess. Nach 20 Monaten Gefängnis wurde sie in die Strafkolonie Neukaledonien deportiert. Dort suchte Michel Kontakt zur indigenen Bevölkerung, erlernte die Sprache der Kanaken und zeichnete als erste ihre Lieder und Sagen auf.
1880 konnte Michel nach einer Generalamnestie nach Europa zurückkehren, schrieb Aufsätze und Bücher und war als charismatische Vortragsrednerin international gefragt. Louise Michel starb am 9. Jänner 1905 in Marseille. Der Trauerzug zu ihrer Beerdigung wurde von Hunderttausenden begleitet.
Ihr Mut im Kampf, ihre Unerschrockenheit vor Gericht sind legendär. Als Michel im Dezember 1871 vor das Kriegsgericht gebracht wurde, trotzte sie ihren Richtern und verteidigte die Pariser Commune:
"Ich will mich nicht verteidigen, und ich will nicht verteidigt werden. Ich übernehme die Verantwortung für alle meine Taten. […] Man wirft mir vor, Komplizin der Kommune gewesen zu sein. Selbstverständlich war ich das, denn die Kommune wollte vor allem die soziale Revolution, und die soziale Revolution ist, was ich mir am sehnlichsten wünsche."



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