E-Book, Deutsch, 603 Seiten
Michalsky Süd Salatonien
3. Auflage 2023
ISBN: 978-3-384-02830-3
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 603 Seiten
ISBN: 978-3-384-02830-3
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jan Michalsky, Jahrgang '87, bezeichnet sich selbst als Storyteller, um seine Leidenschaften als Schriftsteller und Hörbuchsprecher zu vereinen. Das Erzählen von kurzen und kleinen, witzigen und bewegenden aber immer fantastischen Geschichten hat ihn bereits seit frühester Kindheit fest im Bann. Als promovierter Linguist findet seine Passion für Sprache und Stimme auch in verschiedener Form Einzug in seine Geschichten, unter anderem durch das Conlanging, die Kunst des Erfindens von Sprachen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Akt 1
Kapitel 1
Wieselflink huscht eine unscheinbare Gestalt durch die fetzenartige Wolkendecke und flattert dabei wie verrückt mit den deutlich zu kurz geratenen Stummelflügeln. Der kugelrunde Körper ist mit einem dichten Federkleid bedeckt, aus dem nur der gelbe Schnabel und die riesigen runden Glubschaugen herausschauen. Bei genauerer Betrachtung erkennt man, dass es sich bei der sonderbaren Figur im Mittelpunkt unserer Geschichte um Schiel vom Volk der Kampfnickeulen handelt. Der Name vermag in die Irre zu führen, hat sie doch nur ansatzweise etwas mit einer Eule gemein. Ihr Körper ist mit dem Kopf zu einer Kugel verschmolzen, aus der die typischen Vogelbeine ragen. Dies macht sie zum Kämpfen zu dick und zum Nicken zu plump.
Der Kurs des aufgeweckten Wesens ist nicht klar zu erkennen, denn sie rast über den Schwanensee und die prächtigen Großreiche im Zentralland hinweg, gleitet über die kargen Ödlande und streift bei ihrer rasanten Reise über die Wüstenregion von Wasweißich knapp den Schnackerwald. Noch ehe sie die vom Krieg gebeutelten Appellien im Süden erreicht, stoppt Schiel mitten im Flug abrupt ab, harrt unabhängig von den Gesetzen der Schwerkraft in der Luft aus und schmettert dann im rechten Winkel zu ihrer Flugbahn Richtung Erdboden. Wie ein Stein saust das Federvieh immer schneller dem sicheren Tod entgegen und beginnt erst wenige Meter bevor sie als unbedeutender Fleck auf den Wiesen der Weiten Flur in diese Geschichte eingeht, wieder mit den Flügeln zu schlagen. Einem Flummi gleich prallt sie im saftigen Gras auf, verändert dabei kurzzeitig ihre Form zu einem platten Fladen, um wenige Momente später wieder nach oben zu federn. Mit jedem Aufschlag verringert sich ihre Sprunghöhe ein wenig, bis sie schlussendlich auf den kurzen Beinen zum Stehen kommt und nach einer raschen Phase des Ausvibrierens regungslos auf der Wiese steht.
,Dann mal ratzfatz an die Arbeit!‘, befiehlt sich die merkwürdige Federkugel selbst und beginnt, sich mit hüpfenden Bewegungen grazil durch das Gras zu arbeiten. Nach ein paar Sprüngen bleibt sie auf der Stelle stehen, dreht ihren Kopf um 90 Grad in Richtung Boden und geht in die Knie, um mit dem Schnabel in die Erde zu picken. Während es ein Huhn beim Aufpicken von Körnern wesentlich leichter hat, ist dies die kreative Anpassung der Kampfnickeulen an ihren benachteiligten Körperbau. Sicher kein Vorteil der Evolution, doch die Gesetze der natürlichen Entwicklung gelten nicht für Süd Salatonien. Nicht mehr …“
Eine Tatsache, die Klammsing nur allzu bekannt vorkam.
„Nach diesem Muster durchkämmt Schiel systematisch die riesige Wiese um ihren Landeplatz. Plötzlich zeichnen sich Umrisse eines Schattens auf dem Boden ab, als sich eine seltsame Gestalt aus der gleichbleibend schleierartigen Wolkendecke wühlt und majestätisch näher an die beschäftigte Kampfnickeule herangleitet. Ein nerviges Krächzen stört die himmlische Ruhe und erweckt kurzzeitig die Aufmerksamkeit der Suchenden, ohne dass diese ihre Arbeit zu unterbrechen wagt. Ein etwa 1,20 Meter großer Vogel setzt direkt neben der wesentlich kleineren Eule auf und rückt mit dem Flügel den etwas zu groß geratenen Zylinder mit dem roten Streifen zurecht. Rotschleifen Schjchu Schjchus leben eigentlich vorwiegend im Nordosten, doch treiben sie Geschäftsreisen von Zeit zu Zeit in ferne Lande. Wie jeder seiner Art, so trägt auch er den wohlgepflegten schwarzen Frack mit weißem Hemd und einer schwarzen Fliege. Sein Gefieder ist königsblau, die Füße gelb und ebenso der Schnabel. Die gefiederten Giganten verteidigen seit Jahrhunderten in der Welt ihren Ruf als kompetente Hotelfachvögel und werden von allen Zivilisationen – na ja … fast allen – vielerorts gelobt.
,Suchen Sie etwas Bestimmtes? Ich wäre gerne bereit zu helfen‘, krächzt der Schjchu Schjchu und hüpft Schiel mit einer gewissen Anhänglichkeit hinterher.
Die Kampfnickeule schüttelt wortlos den Kopf und sucht mit äußerster Präzision weiter.
,Sie sind eine dieser Kampfnickeulen, nicht wahr?‘ Die Betonung des Wortes „Kampfnickeule“ geht dem Vogel so beschwerlich über den Schnabel, dass nicht zu erkennen ist, ob diesem der Begriff schlicht nicht geläufig ist oder das Betonen der einzelnen Silben tatsächlich eine gewisse Abfälligkeit in sich trägt.
,Bin ich. Und beschäftigt bin ich auch‘, grummelt der kleine Federball genervt und versucht, mit zickzackartigen Hüpfbewegungen den Störenfried abzuwimmeln. Ungehindert pickt sie wieder und wieder mit dem Schnabel in den leicht feuchten Untergrund. Dabei versucht sie, dem Geschäftsvogel nicht in die Augen zu blicken, könnte man nach so einem Gespräch doch im Handumdrehen mit drei unbezahlbaren Immobilienverträgen dasitzen.
,Ich sah Euch gerade und habe mich gefragt, ob es stimmt, was man über Euer Völkchen sagt …‘
Keine Antwort folgt von der kleinen Gestalt. Ein Fehler – verleitet es doch den neugierigen Besucher zum Ausprobieren. ,Zeigt doch mal!‘
Schlagartig weiten sich panisch die Augen der Eule und mit unartikulierten Lauten versucht sie, das Schlimmste zu vermeiden. Zu spät! Mit seinem spitzen Schnabel pufft der blaue Vogel der überraschten Eule in die Seite. Ein Pusten, ein schrilles Pfeifen, aufs Dreifache bläht sich der pummelige Eulenkörper auf – dann ein Knall!
Eine peinliche Stille herrscht auf der Wiese, während ein laues Lüftchen über die zarten Halme hinwegstreicht. Im Umkreis von einigen Metern regnet es zahlreiche Eulenfedern und ein entblößter Körper bleibt zurück.
Verdutzt steht der Rotschleifen Schjchu Schjchu vor der kleinen Eule und schaut regungslos auf sein Werk. Schiels Ausdruck selbst ist wie versteinert und ihre Augen blicken mit einer Mischung aus Entsetzen, Scham, Wut und Depression in die Ferne.
,Oh … äh … so spät schon? Wie die Zeit doch vergeht! Die Arbeit ruft! Lebt wohl und … viel Erfolg!‘ Schon erhebt sich der Hotelfachvogel mit wenigen Flügelschlägen in die Lüfte, um so schnell wie möglich außer Sichtweite seines Opfers zu gelangen.
In raschem Tempo versinkt auch die dritte Sonne Süd Salatoniens hinter dem Horizont und noch immer steht Schiel gleichgültig und völlig ohne Bewegung auf dem weiten Feld und harrt aus. Nach nicht einmal zehn Minuten ist das Federkleid der Kampfnickeule fast vollständig nachgewachsen – und als auch die letzte nackte Stelle bedeckt ist, beginnt sich das Knäuel wieder zu rühren und seine Suche fortzusetzen. Nicht, weil sie nicht früher gewollt hätte, sie konnte nicht. Noch ein klarer biologischer Nachteil.
Auf einmal ertönt ein gellender Schrei. ,Bei den taufrischen Wiesen hinter den Spitzbergen, da ist ES!‘
Enthusiastisch hüpft Schiel im Kreis, wobei sich aber der obere Teil ihres Kopfes, der Teil, der die Augen trägt, nicht rührt. Dadurch beginnt sich der Körper der Eule langsam wie ein nasses Handtuch aufzuzwirbeln. Nach mehreren Umdrehungen halten die Füße still und blitzartig dreht sich der Kopf in die Ausgangsposition zurück. Erneut sticht der kleine Schnabel Schiels in den Erdboden und kommt wenig später mit einem roten Faden wieder zum Vorschein. Freudig auf und ab hüpfend verfolgt sie die Schnur über die halbe Wiese, bis diese schlussendlich an einer Stelle im Erdboden verschwindet. Der Faden scheint hier an einer Art Eisenring befestigt zu sein. Flink schnappt sich der Schnabel der Kampfnickeule den Ring und beginnt mit aller Kraft, daran zu zerren, bis eine Art Stöpsel aus dem Boden herausrutscht. Der darunterliegende Gang ist nicht einmal so breit wie eine menschliche Faust und eigentlich viel zu dünn für den kugeligen Eulenkörper. Nichtsdestotrotz flattert Schiel ein Stück in die Höhe, hält die Luft an und saust in die schmale Öffnung hinein. Wild strampelnd beginnt sie sich durch den Tunnel zu zwängen und ihren flexiblen Körper nach allen Regeln der Kunst zu verformen.
Mit dem Geräusch eines frisch entkorkten Weines flutscht der sonderbare Vogel auf der anderen Seite in die geräumige Eingangshöhle eines größeren unterirdischen Komplexes. Als sich die Augen des in der Regel nachtaktiven Tieres an die Dunkelheit gewöhnen, taucht aus den Schatten der Unterwelt die Festung der Einsamkeit auf und erstreckt sich vor dem kleinen Federball in ihrer beeindruckenden Trostlosigkeit. Zu selten schaffte es ein Wesen, diesen verborgenen Ort zu finden. So selten, dass dies zu einer Einsamkeit führte, die nur einen von vielen guten Gründen für die Trauer und Depression der Bewohner dieses unterirdischen Reiches liefert. Schon jetzt dringen deutlich die wehklagenden Schreie und das jammernde Gewimmer der Potatori an die Ohren der Kampfnickeule.
Kaum zu glauben, wie ein ganzes Volk seine gesamte Existenz der Trauer verschreiben kann, denkt sich Schiel, als sie an tropfenden Stalaktiten vorbei durch die Unterwelt flattert.
Unweit des kleinen Loches,...




