E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Mezger Bevor ich alt werde
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7152-7567-3
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-7152-7567-3
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mitreißend erza¨hlt Daniel Mezger von einer Auflehnung gegen ein perfides Schicksal, das eine junge Frau mit ihrer Mutter bereits vor Augen hat. Ihre Freiheitssuche beschert ihr immerhin eine launische Musikkarriere, und mit treibendem Groove wird die womo¨glich fatale Diagnose u¨berholt, u¨berspielt und mit lapidaren Dialogen vom Sockel der Betroffenheit geholt.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Erster Teil
I. Hanover 1
1.
Die Frage war nicht, , die Frage war, man diese Stadt verlässt. Hanover, Ontario.
Im Netz findet sich Toronto als Geburtsort, was falsch ist, der Bruder schrieb ihr eine gehässige SMS, als er es entdeckt hatte: Ist es dir peinlich, woher du kommst, oder was? Als hätte sie den Eintrag selbst verfasst. (Hat sie zu großen Teilen, aber niemals, niemals würde sie das zugeben.) Doch nicht mal Hanover war ihr Geburtsort, erst mit zwölf dahin gezogen, gezogen worden, aus einem Kaff namens Creemore, ein Dorf, nein, eine Ansammlung von Häusern plus einem Nachbarort mit Highschool, an der ihr Vater unterrichtete. Eine Kindheit in Allzweckjacken, Fleece und Goretex, alle immer irgendwo draußen. Im Schnee, auf den Feldern, Trecking, Hiking, Kunsteisbahn.
Dann Hanover.
Endlich eine Stadt, wie man mit zwölf denkt, und wenige Jahre später merkt man, man hat sich geirrt, das hier, das ist keine Stadt, nichts gibt es hier, nichts. Auch wenn sich ein paar Menschen finden, mit denen man sich gern ein paar Jahre umgibt. Mit fünfzehn kam sie mit Peter zusammen, mit sechzehn begann sie, in seiner Band zu spielen. Menschen, mit denen man sich, als der Erste endlich alt genug ist, gern in ein Auto quetscht. Nolan ist ein kleines bisschen älter, Nolan hat den Kombi der Eltern, da passt man hinten auch zu viert rein.
Fahren wir runter nach Toronto?
Spinnt ihr, ich muss um eins zurück sein, dann sind wir ja nur im Auto!
Fahren wir trotzdem?
Also gut.
Charlotte setzt sich auf Peters Schoß, unterwegs werden sie tauschen müssen, Peter wird es lustig finden, er wird eine halbe Stunde nur darüber reden: Ich, der Mann, auf dem Schoß meiner Freundin!
Noch sagt er: Du bist schwer, Charlie!
Sie sagt: Bin ich zu schwer, bist du zu schwach!
Soll ich mal übernehmen?, fragt Andy; Nolan sagt: Hört auf, so rumzuzappeln dahinten, ich muss mich konzentrieren, macht mal lieber Musik an.
Jeanette hat eine Kassette gemacht. Jeanette genannt Jeannie, wie aus der Wunderlampe. Jeanette mit den schönen Haaren. Jeanettes schönes Haar, das über den Sitz hängt. Man möchte darin rumzausen, man möchte ihr ein paar Zöpfe flechten, möchte sagen: Was für schönes Haar du hast, Jeannie! Aber man möchte lieber kein solches Mädchen sein, so eins, das noch in Haaren zaust, man ist ja schließlich kein Mädchen mehr. Man sagt lieber: Gleich müssen wir tauschen, Peter, dann sitzt du mal auf meinem Schoß!
Nein, man möchte nicht so eine sein, die einfach schöne Haare hat und gute Laune und die alles mag, auch Madonna, auch Phil Collins, und doch bloß, weil der Sänger so süß aussieht. Und außerdem die , weil da ein Freund ihres Bruders dabei ist. Die ziehen Schuluniformen an beim Auftritt und spielen – und das ist jetzt wirklich das Letzte – Coverversionen! Kein Problem für Jeannie, und weil Nolan ihr Freund ist, mag sie auch , trotz all dem Lärm und der ganzen schlechten Laune. Nolan ist der Schlagzeuger. Und Charlotte mag Jeannie, denn sie schert sich nicht. Sie, Charlotte, schert sich viel zu viel, denkt sie. Sie findet ausnahmslos alles schlecht. Nein, nicht ausnahmslos, das Fahren hier, das ist schön, Jeannies schönes Haar vor ihr, ja, das auch. Andy sagt: Dann zeig endlich mal her, die Kassette, was hast du da drauf? Und Jeanette legt sie ein, und sie freut sich auf jedes Lied, und erst darf man spotten, und später singt man dann doch mit: . Und Andy sagt, ah, das ist so scheiße, das Lied, das ist geil. Und Nolan sagt: Hat noch wer Zigaretten? Und Peter sagt: Halt mal bei der nächsten Raststätte, dann rufe ich meinen Cousin an, vielleicht können wir bei ihm übernachten.
Und Ethan sagt jetzt auch mal was, Ethan sagt: Nein, nicht anhalten, jetzt sind wir doch endlich unterwegs!
Ja, heute sind wir unterwegs, heute haben wir ein Auto, heute fahren wir raus, raus aus der Stadt, die keine ist, rein in die richtige Stadt, wo wir uns den Abend um die Ohren schlagen werden, zumindest einen Teil davon, den kleineren Teil, denn den größeren sitzt man im Auto, ist man auf dem Highway oder im Stau des Stadtverkehrs oder auf der Suche nach einer . Und wenn man eine gefunden hat, sucht man ewig einen Parkplatz, und dann endlich stehen sie vor einem Club, von dem sie gehört haben. Mein Cousin hat mal von dem erzählt, wenn ich mich recht erinnere, sagt Peter. Und die anderen streiten sich, ob der Ort es wert ist, so viel Eintritt zu bezahlen.
Darf man bloß mal reinschauen?
Darf man. Aber einzeln und nur die Mädchen.
Nicht so voll da drin.
Noch nicht!
Dürfen wir umsonst rein, wir bleiben auch nicht lange?! Sagt man.
Man darf nicht, aber man bekommt einen Tipp. Für diesen Ort ohne Eintritt, der Zugang zum Hinterhof muss erst lange gesucht werden, dann ist es leicht: an den vollgesprayten Wänden entlang und dort die Treppe runter. Also gut, stellt man sich eben zu den Punks, hört man sich eben Punkmusik an, hier gibt es Bier und keine Fragen.
Der Schlagzeuger ist der Einzige, der was hergibt, sagt Nolan, der Schlagzeuger ist.
Ich mag die Energie, sagt Peter.
Und den Welthass!, sagt Jeannie. Sie sagt es so fröhlich. Erntet Fragen. Aber ja doch, sagt sie, ich meine das ernst! Und dann führt sie aus, wie schön es sei, dass die da oben die Welt hassen würden für sie, und sie müsse sie deswegen nicht selbst hassen.
Der Krach, kaum wer hat was verstanden, außer Charlotte, die neben ihr steht, die sich den Satz merkt. Und die sagt: Gut ist es hier, aber die Band könnte schon mal den Akkord wechseln, finde ich.
Und Nolan: Wenn ich nicht um eins wieder zu Hause bin, dann können wir das mit dem Kombi nächstes Mal vergessen.
Wir sind doch gerade erst angekommen, sagt Jeanette.
Ja, sei doch nicht so, sagt Peter, vielleicht fragen wir später noch, ob wir mal hier spielen können, sag doch auch mal was, Ethan!
Endlich erwacht Ethan aus seinem Weggetretensein, er sagt: Habt ihr gehört, dass die jetzt so einen provisorischen Fahrausweis einrichten wollen, wo man erst mal keine anderen Unterachtzehnjährigen im Auto haben darf und nach Mitternacht nicht fahren und so, kommt der nicht dieses Jahr schon, oder habe ich da was verpasst?
Hast du, Ethan, hast du wie immer! Als Erstes: Du verpasst das Konzert, die Stimmung, die interessanteren Themen. Zweitens: Unter achtzehn oder nicht, sechs Leute in diesem Auto, das ist auch jetzt schon verboten! Andy sagt das. Ach so, ja, eh, sagt Ethan, und dann sagt er wieder nichts. Und schaut so vor sich hin, so ohne recht aus den Augen zu sehen, und Andy sagt: Jetzt schaut euch mal Ethan an, ich glaube, den können wir gleich im Kofferraum transportieren, wehe, wenn der ins Auto kotzt!
Und alle lachen und erzählen sich Geschichten von Leuten, die mal hierhin kotzen mussten oder dahin und mal mitten im Unterricht und so weiter. Und dann quetscht man sich zurück ins Auto, und dann fragt Jeanette, ob sie die Kassette wieder auf Anfang spulen soll, und Andy sagt: Wenn ich die noch ein drittes Mal hören muss, bin ich derjenige, der kotzt.
Und wenn Charlotte zurückdenkt, dann ist das ihre Jugend. Diese Fahrten. Zusammen in die Großstadt.
Auf Peters Schoß, oder Peter auf ihrem.
Das Rumstehen bei den Punks, wo sie sich nicht zugehörig fühlt, aber irgendwie dennoch wohl.
Zusammen war man mutig, war man betrunken, war man unterwegs, das alles, das war nur für sie da. Diese Fahrten. Und den zugesprayten Punk-Hinterhof, den hatte man nur hingestellt, damit sie Kleinstädter etwas hatten, wovon sie anderen erzählen konnten.
Die Rückbank, der Highway, Peter, das Reden über die Punks, die sie nicht waren, aber etwas war schon dran an der Sache: Lärm machen und dagegen sein und keine Zukunft.
So war ihre Jugend.
Eigentlich fuhren sie vielleicht drei Mal, vier höchstens. Und dieses eine Mal noch, als sie zwei Autos hatten, weil Ethan nun auch fahren durfte. Mehr Platz für mehr Leute, also eine zu große Runde, Klassenfahrtsgröße, und alles bereits zu etabliert, all die Stationen: Lasst es uns erst im Club probieren, nein, zu den Punks, nö, da will ich nicht hin. Zu viele Meinungen. Es ist viel zu laut hier, das mag ich nicht, ich auch nicht. Und Ethan musste fahren, also trank er nicht, also keine Witze über Ethan.
Nolan ging ein Jahr später bereits aufs College. In London. London, Ontario. Kommt auch dahin, da ist es viel netter als in der Großstadt. Er meinte Toronto. Er kam am Wochenende zurück, damit man proben konnte und um zu merken, dass er und Jeannie dabei waren, sich auseinanderzuleben.
Aber da im Auto, da auf der Rückbank, da war die Jugend schön.
2.
Rückbank war auch das, was sich von der Kindheit eingeprägt hatte. – Neben ein paar Anekdoten über Hockey, so oft erzählt, rund geschliffen, kaum mehr glaubwürdig, ja, sie hatte wirklich Hockey gespielt, aber auch Cheerleaderin war sie einmal gewesen, hatte ihrem Hockeyspielerinnenkörper versucht Grazie beizubringen in zu kurzem Rock, hatte durchgehalten bis zum nächsten Wachstumsschub. Und Prinzessin...




