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E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Meyer Fürimmerhaus


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7336-0421-9
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-7336-0421-9
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Fürimmerhaus steht zwischen den Welten, am Ufer eines dunklen Ozeans. Es hat tausende Hallen und Säle, seine Korridore sind endlos. Und noch immer wächst es weiter und verändert sich. Im Fürimmerhaus stranden junge Heldinnen und Helden, die ihre Welten vor dem Untergang bewahrt haben. Die Herrschenden fürchten ihre Macht und schicken sie hierher ins Exil. Doch Carter ist kein Held wie die anderen. Er besitzt keine Erinnerung, ist nur von einem überzeugt: Er hat niemals eine Welt gerettet. Und so begibt er sich auf die abenteuerliche Reise durch das Fürimmerhaus, auf der Suche nach seiner Bestimmung.

Kai Meyer, geboren 1969, ist einer der wichtigsten deutschen Phantastik-Autoren. Er hat über fünfzig Romane veröffentlicht, Übersetzungen erscheinen in dreißig Sprachen. Seine Geschichten wurden als Film, Hörspiel und Graphic Novel adaptiert und mit Preisen im In- und Ausland ausgezeichnet.
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1


Als Mitternacht auf Mittag fiel, kam Carter ins Fürimmerhaus.

Er erwachte – und begriff, dass er ertrank. In Panik riss er die Augen auf. Er trieb in lauwarmem Wasser, in absoluter Dunkelheit. Strampelte mit Armen und Beinen, bis sein Gesicht durch die Oberfläche stieß. Schnappte verzweifelt nach Luft, schluckte Wasser, ging unter, kämpfte sich erneut nach oben und atmete begierig ein.

Hoch über ihm in der Finsternis schimmerte jetzt ein grauer Punkt. Der Mond, dachte er, bis ihm klarwurde, dass dieser Mond immer näher kam und größer wurde, so als stürzte er aus einem sternenlosen Himmel auf ihn herab. Das Plätschern des Wassers hallte hohl von unsichtbaren Wänden wider. Da dämmerte Carter, dass er in einem Brunnenschacht trieb, dass das Wasser rasend schnell anstieg und ihn nach oben presste wie eine Kugel durch ein Kanonenrohr. Wieder verschluckte er sich, versuchte zugleich, seine rudernden Arme unter Kontrolle zu bringen, ruhiger zu werden, die Todesangst in den Griff zu bekommen.

Das Wasser drückte ihn mit irrwitzigem Tempo aufwärts, immer weiter aufwärts, und die helle Öffnung über ihm flirrte und funkelte, während Nässe in seine Augen drang und seine Sicht in ein Kaleidoskop aus Reflexionen und Schwärze zersplitterte. Mal setzte sich die Helligkeit dort oben aus Facetten zusammen wie ein geschliffener Diamant, dann wieder war sie scharf umrissen wie ein Auge, das auf ihn herabsah. Irgendwann bekam sie einen unwirklichen Lichtkranz, als rings um ihn das Mauerwerk beschienen wurde. Da wusste Carter, dass er das Ende des Schachts fast erreicht hatte. Nur noch ein paar Sekunden durchhalten.

Er glaubte, goldene Fische zu sehen, die mit offenen Mäulern wie mit Saugnäpfen an seinem Körper hingen, überall an seiner Haut. In einem Augenblick irrwitziger Klarheit fragte er sich, ob sie es waren, die ihm seine Erinnerung raubten, seine Vergangenheit verschlangen wie Algen oder Plankton. Oder waren sie Trugbilder, glitzernde Lichtgebilde und Spiegelungen, nichts als fiebrige Einbildung?

Seine Beine traten Wasser, während er versuchte, sich an der Oberfläche zu halten, um nur ja nicht wieder unterzugehen, nicht zu ertrinken auf den letzten zwanzig, den letzten fünfzehn Metern. Als wollte sich das Schicksal zuletzt noch einen bösen Scherz erlauben, spülte ihm eine Woge übers Gesicht, flutete seinen Mund und schnitt ihm die Luft ab. Er würgte und hustete, verlor die Brunnenöffnung aus den Augen, wurde von dem heftigen Druck aus der Tiefe herumgewirbelt und verlor jedes Gefühl für oben und unten.

Und dann, als er Leben kaum noch von Tod unterscheiden konnte, spie ihn der Schacht in einer Explosion aus Wasser und Schaum in die Oberwelt. Wie auf einer gewaltigen gläsernen Blüte wurde er emporgehoben, wirbelte inmitten der Fontäne um sich selbst, dann brach die Wassersäule auseinander und schleuderte ihn über eine Brüstung auf den steinharten Boden.

Der Aufschlag tat weh, doch Carter stand viel zu sehr unter Schock, als dass er hätte sagen können, mit welchem Körperteil er aufgeprallt war. Einige Herzschläge lang erfüllte ihn der Schmerz von Kopf bis Fuß, ehe er ebenso abrupt abebbte. Wasser prasselte auf ihn herab, die Flut quoll über die Brüstung und den Boden, und er riss rasch den Kopf hoch, um nicht in letzter Ironie außerhalb des Brunnens zu ertrinken.

Erst auf dem Bauch, dann auf allen vieren kroch er ein Stück weit fort, patschte durch die Nässe, weg von dem Brunnenschacht, so als könnte eine riesige Hand aus der Öffnung greifen, ihn von hinten packen und zurück in die Tiefe ziehen.

Tatsächlich aber brach das Fauchen und Schäumen der Flut gleich darauf ab. Als Carter sich umdrehte, stürzte die Wassersäule zurück in den Brunnen und verschwand hinter der Brüstung. Er hörte sie im Inneren des Schachts lautstark tosen und gurgeln, doch der Lärm entfernte sich, fiel zurück in den Abgrund und war bald nur noch ein diffuses Murmeln in der Ferne.

Er versuchte aufzustehen, rutschte mit einem Fuß nach hinten weg, schlug abermals hin und bemerkte mit dem Gesicht am Boden, dass auch hier das Wasser ablief, durch ein Gitterwerk aus Fugen zu einer gemauerten Rinne. Er mühte sich erneut auf die Beine, jetzt viel vorsichtiger, und diesmal kam er schwankend zum Stehen. Keuchend und schnaubend stand er da, leicht gebückt von der Strapaze und zu verwirrt, um einen klaren Gedanken zu fassen. Es dauerte eine ganze Weile, ehe er seine Sinne weit genug beisammen hatte, um zu realisieren, dass er nackt war. Daran konnte er gerade nichts ändern, also blickte er sich erst einmal um.

Er befand sich in einer riesigen Halle, acht Meter hoch, vielleicht auch zehn, und niemand war da außer ihm. Keine Menschen, keine Einrichtung. Nur die runde, hüfthohe Brüstung des Brunnenschachts im Zentrum. Die dunklen, rohen Steinwände waren weit entfernt, in großen Abständen flackerten Gaslaternen. Sie tauchten den Saal in gelben Schein, hell genug, um sich zu orientieren. In einer Mauer entdeckte Carter eine Doppeltür, ein regelrechtes Portal, und er wartete angespannt darauf, dass es sich öffnen und irgendwer eintreten würde.

Niemand trat ein.

Benommen machte er sich auf den Weg zurück zur Einfassung des Schachts, wurde auf den letzten zwei Schritten langsamer und zögerte. Er hatte keine Ahnung, wohin es ihn hier verschlagen hatte, und er besaß keine Erinnerung an alles, was vor seinem Erwachen im Wasser gewesen war. Mit Ausnahme seines Namens. Carter sein Name war. Tausend Fragen kreisten in seinem Kopf, und die Antworten mussten sich an jenem Ort befinden, von dem er gekommen war. Nach dem wenigen, was er wusste, war das der Grund des Brunnenschachts. Dort unten lag das Geheimnis seiner Herkunft und Identität.

Er gab sich einen Ruck und legte zitternd beide Hände auf die Brüstung. Der Schacht war gut zwei Meter breit, und als Carter sich vorbeugte und behutsam über den Rand in die Tiefe spähte, fand er darin nichts als Finsternis. Das trübe Licht in der Halle beschien die nasse Brunnenwand keine zehn Meter tief, darunter lag alles in undurchdringlicher Schwärze. Das Wassergetöse war nicht mehr zu hören, nur ein fernes Rauschen, so schwach, dass Carter die Luft anhalten musste, um es wahrzunehmen. Im Saal gab es nichts, das er hätte hinabwerfen können, um die Tiefe auszuloten. Zudem wollte er dort unten nichts aufwecken, dem er womöglich gerade erst entkommen war. Das mochte aller Vernunft widersprechen, aber er kam nicht dagegen an. Auch den Gedanken, einfach in den Schacht zu rufen und auf Antwort zu hoffen, verwarf er sofort.

Stattdessen horchte er erneut und bemerkte diesmal ein leises Geräusch. Ein leichtes Patschen, mal schnell, dann langsam, jetzt wieder schneller. Vor seinem inneren Auge sah er etwas Bleiches, Gespenstisches, das mit bloßen Händen und Füßen am Mauerwerk emporklomm –  – und jeden Moment ans Licht klettern mochte. Dann wurde ihm klar, dass die Laute keineswegs aus dem Inneren des Schachts kamen. Er trat einen Schritt zurück und sah sich um. Noch immer war er allein. Langsam machte er sich daran, die Einfassung zu umrunden. Nach der Hälfte wurde er fündig.

Ein Fisch lag unweit des Brunnens auf dem Boden, golden wie ein Schmuckstück und nicht länger als Carters Zeigefinger. Sein Maul öffnete und schloss sich verzweifelt, während die Schwanzflosse auf die nassen Steinplatten schlug und dabei die klatschenden Laute erzeugte.

Carter hob ihn behutsam auf, betrachtete ihn einen Moment lang und ging dann hinüber zu der Ablaufrinne im Boden. Sie war noch immer halbhoch mit fließendem Wasser gefüllt. Er ließ den kleinen Kerl hineingleiten und beobachtete, wie er nach der unverhofften Rettung einen Augenblick brauchte, um sich zu orientieren. Schließlich verfiel er in muntere Bewegung und trieb mit der Strömung die Rinne hinab durch die Halle. Carter folgte ihm, bis er selbst die Nässe rund um den Brunnen hinter sich gelassen hatte und seine nackten Füße über trockenen Stein liefen.

Es fiel nicht schwer, den Fisch im Blick zu behalten: Das Gaslicht fiel auf seine goldenen Schuppen und brachte ihn zum Schimmern wie eine kostbare Brosche.

Die Rinne endete in einer faustgroßen Öffnung am Fuß einer Wand. Ein wenig wehmütig sah Carter den Fisch darin verschwinden, ließ sich auf die Knie sinken und brachte ein Ohr ganz nah an das Loch. Tief im Mauerwerk hörte er Wasser rauschen, womöglich eine Art Kanalisation. Es war das Beste, was er seinem kleinen Leidensgenossen zu bieten hatte. Mehr konnte er nicht für ihn tun.

Er stand auf, streckte sich, ignorierte seine schmerzenden Muskeln und blauen Flecken, dann machte er sich auf den Weg zum Portal. Es waren etwa dreißig Schritt bis dorthin, und er legte sie zurück wie in Trance. Er hätte Angst haben müssen – nackt, allein und ohne Erinnerung an einem fremden Ort –, aber womöglich hatte die Panik im Schacht bereits all seine Furchtreserven aufgebraucht. Konnte ihn irgendetwas Schlimmeres erwarten als zu ertrinken? Außerdem brauchte er Hilfe, genau wie der Fisch, und wenn die Hilfe nicht zu ihm kam, dann würde er sie finden müssen.

Die Tür war schwer, jedoch nicht verschlossen, und dahinter lag ein zweiter Saal, nicht ganz so groß wie der erste, wenn auch auf seine Weise noch ehrfurchtgebietender. War die Halle mit dem Brunnen schmucklos gewesen, so war diese hier mit einer Vielzahl steinerner Ornamente verziert. Geschwungene Bögen rahmten die Wände, darüber spannten sich Kreuzgewölbe.

In der Mitte des Saals stand ein leerer Tisch ohne Stühle.

Und da war eine zweite Tür, genau gegenüber. Sie stand einen...


Meyer, Kai
Kai Meyer, geboren 1969, ist einer der wichtigsten deutschen Phantastik-Autoren. Er hat über fünfzig Romane veröffentlicht, Übersetzungen erscheinen in dreißig Sprachen. Seine Geschichten wurden als Film, Hörspiel und Graphic Novel adaptiert und mit Preisen im In- und Ausland ausgezeichnet.

Kai Meyer
Kai Meyer, geboren 1969, ist einer der wichtigsten deutschen Phantastik-Autoren. Er hat über fünfzig Romane veröffentlicht, Übersetzungen erscheinen in dreißig Sprachen. Seine Geschichten wurden als Film, Hörspiel und Graphic Novel adaptiert und mit Preisen im In- und Ausland ausgezeichnet.



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